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Digitalverständnis von Schülern: Programmieren lernen hilft nicht
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Sollten Kinder in der Schule programmieren lernen? Nein, findet unser Kolumnist <i>Sascha Lobo</i> - und möchte gern wissen, was Sie darüber denken.

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nicolas_ruh 30.03.2017, 09:03
480. Der Ausgang des Users aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit - 3

... können nicht einfach so aus der realen auf die virtuelle Welt übertragen werden.
Wenn ich also versuche mir vorzustellen, wie das Leben meiner kleinen Tochter in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, dann weiss ich, dass sie sich mit der Realität sozialer Netzwerke wird auseinandersetzen müssen, ich weiss, dass sie mit neuen Erscheinungsformen von Wissen und Interaktion im Zeitalter des Internets wird umgehen müssen, dass sie ihre Bankgeschäfte online abwickeln wird, dass ihre Krankengeschichte auf digitalen Daten beruhen wird, ... und ich bin mir zumindest sehr sicher, dass das immense Potential der automatischen Datenverarbeitung bis dahin noch ganz andere Erscheinungsformen und auch Auswüchse hervorgebracht haben wird. Ich wünsche mir, dass sie diesen Erscheinungsformen der Informatik weniger hilflos gegenüberstehen wird, als die meisten heutigen „modernen Menschen“.
Die Aufklärung fordert, dass wir uns unseres Verstandes bedienen sollen – aber wozu? Geht es nicht darum, den Phänomenen unserer Umwelt die magische Unabwendbarkeit zu nehmen, indem wir sie rational erklären? Digitale Technologien sind ein äusserst einflussreiches Phänomen der heutigen und zukünftigen Welt, man spricht von Informationsgesellschaft, vom Informationszeitalter, von der Digitalen Revolution. Dennoch – um es ebenfalls mit Kant zu sagen - lässt der Ausgang des Users aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit auf sich warten. Oder in den Worten McLuhans: „Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeuguns." – sollten nicht alle das Werkzeug der Digitaltechnologie zumindest insoweit verstehen, dass sie sich ein fundiertes Urteil zu den Möglichkeiten und Risiken seiner Benutzung bilden können?
Wer sich mit Informatik ein bisschen auskennt, versteht, dass die Erscheinungsformen des Digitalen als Technologie, als Medium, als Kommunikationsform, als Parallelwelt, als Form von Information, ... auf denselben Grundprinzipien beruhen. Der junge, moderne Mensch braucht dringend ein gewisses Verständnis dieser Grundprinzipien, denn nur so kann er zu einem mündigen Bürger der Informationsgesellschaft werden. Genau deshalb halte ich ein Schulfach Informatik für richtig und wichtig.
Und übrigens: Im Nachbarland Schweiz wird gerade über die flächendeckende Einführung eines solchen Grundlagenfachs Informatik entschieden.

Nicolas Ruh, Gymnasiallehrer für Deutsch und Informatik

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zahadum 30.03.2017, 09:06
481. Als Haupt- und Pflichtfach genau der richtige Weg

Wenn eine Bundeskanzlerin von "Programmieren lernen wie Mathe und Deutsch" spricht, dann gehe ich davon aus das dies nicht nur ein Schulfach ist. Deutsch umfasst ja auch Ausdruck, Rechtschreibung und Grammatik. Sondern das es sich um ein Fach handelt das sich von der ersten bis in die letzte Klasse 12/13. durchzieht und daher auch die Grundlagen vermittelt bevor es an eine Programmiersprache geht.

Und genau das ist meiner Meinung nach sehr wichtig und notwendig.
Denn in diesen 8 bis 13 Jahren lassen sich digitale Zusammenhänge sehr tiefgründig erklären. Als Beispiel eine Fachinformatiker Ausbildung dauert 3 Jahre, für einen Master dauert es nur 5 Jahre.
Bisher umfassen diese Ausbildungen auch grundlegende Sachen. Mit einer 13 jährigen schulischen Bildung, sind diese Grundlegenden Sachen bereits mehr als vorhanden.
Ein Studium kann sich dann ganz auf den Kern z.b. Bioinformatik, Wirtschaftsinformatik etc etc konzentrieren und diesen sehr viel tiefgründiger lehren. Da wären dann auch viel mehr Möglichkeiten was die von Ihnen angesprochene KI betrifft.
Zudem besitzen die Schüler bereits ein breites Verständnis davon was sie bei ihrer Berufswahl nutzen können.
Diese Entscheidung hätte meine Meinung nach schon vor mind. 20 Jahren erfolgen müssen. Damals wurde jedoch die GreenCard eingeführt (ok war nicht ganz 20 Jahre ). Und wo stehen wir heute ? Informatiker werden so Händeringend gesucht das diese sich im Job beinahe alles erlauben können. Sie wechseln fast jährlich den Job weil ein anderer mehr Titel und oder mehr Gehalt bietet.
Hätte man diese Entscheidung vor 20 Jahren getroffen, hätten wir Schüler die sich mit dem Thema bereits gut auskennen und die in der aktuellen Situation wissen das dies derzeit in Job mit einer guten Perspektive ist.
Denn Kontinuität spielt auch und gerade in einer so schnellen Branche eine sehr große Rolle, denn das Wissen steckt in den Köpfen der Leute.

Ich selbst habe quasi programmieren mit 5 Jahren angefangen. Man würde es wohl heute nicht als programmieren bezeichnen, aber ein Lochkartensystem ist nichts anderes nur auf einem anderen Level. Eines das einfach genug eben auch für 5 Jährige ist. In der Schule gab es dann Informatik Unterricht, wo man damals gelernt hat Netzwerke unter Dos etc. ein zu richten zu verwalten etc. etc.. Die ersten richtigen Programme hatte man in Assembler geschrieben. Im Studium ging es dann in den ersten Semestern auch um Assembler. Erst ab dem 3 Semester kamen dann "Programmiersprachen" wie Java hinzu. Zur Ergänzung ich bin im ehemaligen Osten aufgewachsen zur Schule gegangen und habe Wirtschaftsinformatik studiert, Jahrgang 1980.
Als wir mit dem Gymnasium fertig waren, es handelte sich um ein Fachgymnasium für Elektrotechnik, sagte man uns das wir im Informatik Studium einen Vorsprung von 2 Jahren haben würden.
Dies war auch genau der Fall.
Und genau dies ist für mich ein Beweis das Programmieren (worunter ich IT als ganzes verstehe) ab der ersten Klasse in Pflichtfach zu sein hat.

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Andreas Mertens 30.03.2017, 09:06
482. Offshore, gute und schlechte Software-Ergebnisse

Zitat von antipas5
1. Das ist wieder so ein Wirtschaftsding. Inzwischen hat auch der letzte Manager kapiert, dass das mit dem Offshore-Programmieren in Indien noch teurer ist, als das Zeug gleich in DE programmieren zu lassen. Man braucht also schlicht Leute, die das können. Die gibt's aber nicht. 2. Die meisten Leute, die programmieren, können das gar nicht gut(weshalb Software auch oft so ein Bullshit ist). Das liegt daran, dass ihnen andere, grundlegende Fähigkeiten fehlen wie z.B. Logik, Strukturiertes Denken, Grammatik. Das lernt man in der Mathematik oder in Latein. 3. Programmieren ist ein Handwerk und sollte auch als solches wahrgenommen werden.
Leider ist das reine "Handwerk Programmieren" nicht ausreichend für die Erzeugung brauchbarer Software-Produkte. Ein exzellenter und begnadeter Programmierer erzeugt leider nicht automatisch ein gutes Software-Endergebnis, die tut, was der Nutzer braucht. Er erzeugt im schlimmsten Falle nur guten Code, aber nicht gute Software. Um gute Software zu bauen, die dem Menschen vorne im analogen Alltag wirklich dienlich ist, erfordert es sehr gute Kommunikation, die zwischen Programmier und dem Nutzer stattfindet oder "moderiert/übersetzt" wird, wenn es der Programmierer nicht selbst vermag. Die fachliche Komplexität ist heute oft so hoch, dass es manch einen Programmierer einfach überfordert, sich in die fachliche Domäne des Endanwenders reinzudenken. Dies ist allerdings Voraussetzung für ein brauchbares Softwareprodukt!

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KevinWeiner 30.03.2017, 09:10
483. Programmieren als Option

Als Fachinformatiker mit Erfahrung wurde ich unterschreiben, dass das Lernen von Programmiersprachen (und dem Anwenden dieser) doch einen unwesentlichen Beitrag leisten kann, Prozesse zu entwickeln und auszuarbeiten, was natürlich dann positive Eigenschaften wie (Selbst-)Organisation, Problemlösungen und eine gewisse technische Affinität bestärkt. Dies aber mit den wirklich Grundlegenden Dingen gleichzustellen wie Lesen, Rechnen und Schreiben empfinde ich als nicht korrekt.

Trotzdem unterstütze ich den Gedanken, "einfache" Programmiersprache bereits in der Grundschule zu erlernen/anzuwenden. Genau wie es andere mögliche Wahlfächer in gut organisierte Grundschulen gibt, um erste Einblicke zu ermöglichen, sehe ich auch hier in Wahlfach "Programmieren" eine gute Möglichkeit, Kinder zu fördern.

Ich denke, Herr Lobo, dass das auch etwas ist, was Sie unterstreichen würden: Programmieren in Grundschulen als Option: Denkbar. Programmieren als Hauptfach etablieren: Nein.

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panamalarry 30.03.2017, 09:10
484. Zustimmung, aber...

trotzdem würde ich mir wünschen, dass Digitales in den Bildungsplänen Berücksichtigung findet.
Allerdings anwendungsbezogen.
Es gibt Menschen unter 20, die zwar berechtigt sind, motorisiert am Straßenverkehr teilzunehmen, aber zunächst nicht verstehen, dass es bessere Möglichkeiten gibt, XLS-Tabellen zu versenden, als sie abzufotografieren und per WhatsApp zu verteilen.
Die Hoffnung aus den 90ern, dass die nächste Generation das dann schon alles im Griff hat, weil sie quasi mit Computern aufgewachsen ist, erweist sich als falsch.
Es ist nur die nächste Generation von Internetausdruckern. Mit hippem Facebook-Profil zwar, und immer bereit für irgendeine Kamera pseudosexy zu posieren. Aber dieser Technik genauso ausgeliefert, wie amtierende Bundesminister oder US-Präsidenten, oder aber wie es amerikanische Ureinwohner den heranrollenden Wellen europäischer Zivilisation waren.

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Kajaal 30.03.2017, 09:10
485. Bevor Menschen

"digital denken" ( was ist das?), müssen sie erstmal analog denken können. Da viele Schüler das nicht können, sollten sie ihre digitale Bildung auf später verschieben.

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reinhartschmidt 30.03.2017, 09:11
486. Programmieren schult das logische Denken

Die Schule soll bilden. Das Erlernen bzw. Verstehen der Programmiertechnik schult das logische Denkvermögen ganz massiv. Der Programmierer muss zunächst den Entwurf strukturieren, alle Eingangssituationen erfassen, überlegen, was in welcher Situation vom Programm getan werden soll und das dann im Programm umsetzen. Diese Tätigkeit ist sehr kreativ. Es gibt gerade für Kinder und Jugendliche besonders anschauliche Objekte, die programmiert werden können (eine Spielfigur, die sich auf dem Computerbildschirm bewegen und Aufgaben lösen soll, ein Roboterfahrzeug usw.).

Das Lösen einer Programmieraufgabe kann ungeheuer spannend sein und macht normalerweise Spaß, denn am Schluss steht das Erfolgserlebnis. Das schöne am Programm ist, dass jeder Fehler genau nachvollzogen werden kann (durch "Debugging"), so dass sich der Erfolg immer einstellen wird (solange nur die Zeit ausreicht).

Es geht beim Lernen des Programmierens nicht um das Beherrschen einer bestimmten Programmiersprache. Die sind austauschbar, die Grundprinzipien sind und bleiben aber immer gleich. Die Kenntnis dieser Grundlagen hilft in allen Lebenslagen im Umgang mit technischem Gerät und natürlich beim Lernen einer beliebigen Programmiersprache.

Und insbesondere sind Frauen später in Berufen, die mit Programmierung zu tun haben, genauso gut (wenn nicht besser) und ebenso glücklich mit der Arbeit wie Männer. Es ist also sinnvoll, bereits in der Schule zu erkennen, dass das Programmieren nichts mit "komischen" Nerds zu tun hat.

Bestimmt ist es nicht erforderlich, ein Fach "Programmieren" in den Unterricht aufzunehmen. Aber die Prinzipen der Programmierunf sollten m.E. nach unbedingt im Rahmen des Informatikunterrichtes erlernt werden. Und das möglichst bereits in unteren Klassenstufen, gerade wegen des Trainings des logischen Denkens (zum Programmieren müsste das Kind noch nicht mal schreiben können, aber sinn voll ist es natürlich).

Reinhart Schmidt

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acepoint 30.03.2017, 09:12
487. Überhaupt nicht überraschend

»Ein wenig überraschend vielleicht - aber ich glaube, dass Kinder nicht in der Schule programmieren lernen müssen.«

Sascha Lobos Schlußfolgerungen kommen für mich überhaupt nicht überraschend, im Gegenteil, sie erscheinen mir sehr logisch. Es gibt schließlich auch ein Schulfach Musik, aber keines mit dem Namen u. Inhalt "Komponieren". Ich habe selbst zwei kleinere, noch nicht schulpflichtige Kinder. Und halte es für viel wichtiger, diese später in den Bereichen Medienkompetenz (allg.), Kommunikation in Social Media, dem Umgang mit persönlichen Daten bzw. den daraus folgenden, möglichen Konsequenzen (Freigiebigkeit vs Sparsamkeit), dem selbständigen Beurteilen eines mittlerweile eigentlich unüberschaubaren Angebots etc. zu unterstützen.

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soldev 30.03.2017, 09:12
488.

Zitat von antipas5
Inzwischen hat auch der letzte Manager kapiert, dass das mit dem Offshore-Programmieren in Indien noch teurer ist, als das Zeug gleich in DE programmieren zu lassen.
Ach - da kennen sie wenige Manager. Generell MUSS scheinbar jede Firma die Erfahrung selbst machen, denn sie sind ja die Überflieger, die allen anderen zeigen, wie es geht - die Erfahrungen anderer taugt nix. Ich sitz hier in einem Industrieunternehmen, da wird fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann

Agile Softwareentwicklung zum Festpreis ohne Lastenheft
Auslagerung nach Indien (der Kram der zurückkommt muss dann aufwändig angepasst werden)
Und immer mehr BWLer, dafür immer weniger Entwickler

Mal sehen wann hier die Reissleine gezogen wird ;-) Problem ist dann, dass die Leute mit KnowHow schon längst bei anderen Firmen untergekommen sind. Deswegen fordert man Programmierunterricht, weil dann können es ja alle....

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hauseru 30.03.2017, 09:15
489. Es geht nicht um's Programmieren

Als Dozent in diesem Bereich machen wir momentan Forschung zu diesem Thema.
In England wird der Versuch unternommen, das Coding in der Schule umzusetzen. Allein, die finanzielle Unterstützung ist nicht da. Wie so häufig werden von den Entscheidern Pläne und Beschlüsse erreicht, aber das Portemonnaie bleibt zu. Das Gleiche würde ich in Deutschland erwarten. Schon die nötige Weiterbildung, um das einigermassen fundiert umzusetzen, würde enorme Kosten aufwerfen. Denn die Lehrer haben nur in sehr geringem Umfang die nötigen Kompetenzen.
Aber das ist nicht das Problem. Wie schon in einigen Vorartikeln angedeutet geht es um algorithmisches Denken und Problemlösungskompetenz. Diese Fähigkeiten lernen Kinder bevorzugt, wenn Sie in den Wald gehen und ohne Hilfsmittel Baumhütten bauen, wenn Sie im Teamsport lernen, in Gruppen zu arbeiten oder sich in ein Orchester einzuordnen, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, das alleine nicht erreicht werden kann. Das geht im urbanen Raum natürlich auch. Man kann Grundlagen zur Computerei auch ohne Computer lernen, wie z.B. bei CS unplugged. Nach meinem Dafürhalten ist jedoch auch dieses System noch zu informatikaffin. Es ist viel wichtiger, sich Lösungsstrategien zurechtlegen zu lernen, in Prozessen zu denken, Schritte nacheinander und nicht durcheinander auszuführen, divide and konquer zu beherrschen. Wenn Kinder das im Unterricht vernünftig lernen würden und nicht einfach nur mit Wissen vollgestopft werden, das sie nicht vernetzen können, hätte die Industrie keinen Grund, dauernd den Fachkräftemangel anzuprangern. Auch Geschichte -das von den meisten in der Schule als Faktenlernerei verachtet wird- ist eigentlich eine Kette von Ursachen und Folgen, ebenso wie viele andere Fächer, Biologie, Erdkunde, z.T. auch Sprachen. Ich will nicht verleugnen, dass es auch ein solides Fundament an Faktenwissen braucht. Wenn das allerdings nicht in ein Netzzwerk von Verständnis eingebettet ist, nützen diese Faktzen wenig.
Fazit: Algorithmisches Denken und allgemeine Problemlösungskompetenz sind der Schlüssel, sicher nicht das Programmieren in der Grundschule.

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