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Diskussionskultur in Deutschland: "Lügenpresse" ist keine Medienkritik
DPA

Wer "Lügenpresse" schreit, will nicht bloß auch seine Meinung in den Medien sehen, sondern ausschließlich seine Meinung. "Lügenpresse" ist der Ruf nach einer autoritären Gesellschaft.

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vera gehlkiel 30.11.2016, 16:44
30.

Die offene Gesellschaft stellt miteinander konkurrierende Theorien im Forum zur Disposition. Wenn es innerhalb des Meinungsspektrums eine Tendenz in eine bestimmte Richtung gibt (zum Beispiel die Voraussage, Kandidat X werde die Wahl gewinnen), kann es sogar dazu kommen, dass eine grosse Mehrheit dieser Auffassung zuneigt, sie muss darum dennoch nicht richtig sein. Gewinnt am Ende wider erwarten Kandidat Y, auf den nur wenige setzten, beweist dies nicht, dass die offene Gesellschaft ein prinzipielles Problem hat, sondern im Gegenteil, dass sie bestens funktioniert. Der Brexit und die Wahl Trumps waren somit überdeutliche Nachweise dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, in welcher Meinungsfreiheit tatsächlich existiert. Was die Lügenpressefraktion nicht wahrhaben will, und vielleicht in der Tat nicht wahrhaben kann, ist: die offene Gesellschaft bedingt den mündigen Bürger, dieser ist ihr Dreh- und Angelpunkt. Es ist nicht das Spiegel-Verlangshaus in der Speicherstadt in Hamburg, es ist nicht die Redaktion von "Hart aber Fair", es ist nicht Roland Tichy, die FAZ oder die Welt, um die sich alles dreht. Gelegentlich suggerieren die Hervorbringungen der freien Medienlandschaft, dass ihre Meinung alles abdeckt, oder sogar abdecken muss. Insbesondere bei den Öffentlich-Rechtlichen ist hier manchmal im wahrsten Wortsinn "Sendungsbewusstsein" am Werke. Das schadet aber allles nix, ist die Referenz doch nicht, wie bereits erwähnt, der Dackelblick von Claus Kleber oder Marietta Slomka, sondern ist und bleibt der mündige, freie, kritische Bürger, der nun mal das Urteil fällen muss. Diese Freiheit ist anstrengend, und wenn die Problemlagen sich verstricken, und die Welt sich anheischig macht, gänzlich unübersichtlich zu werden, dann versucht man, diese Pflicht loszuwerden, hätte am liebsten einen, der einem alles in einfachen Worten erklärt. Und einem darüber hinaus noch einen Nachweis abliefern kann (wie Trump), dass er in dieser abgefahrenen Welt zurecht kommt. Der Lügenpresseruf ist, meine Meinung als freie Bürgerin, ein Schrei nach der Gnade der Wiedererlangung der Unschuld von Unmündigen, ein Versuch, die Last der Freiheit zu negieren.

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madmax9999 30.11.2016, 16:46
31. Mein Anspruch an die Medien ist einfach

Zitat von muellerthomas
Genau das ist für die Pegida/AfD-/Trump-/Putin-Fans/Lügenpresse-Schreier und Co. aber ein Widerdpruch: Glaubwürdig ist da nur die gefühlte Wahrheit, dass wir alle verarmen, die (Ausländer-)Kriminalität explodiert, die USA und die EU der große Satan sind die da oben eh alles fälschen und manipulieren. Wer in diesen Chor nicht einstimmt, ist für diese Leute nicht nur nicht glaubwürdig, sondern eben Lügenpresse.
Ich möchte Artikel lesen, bzw. Beiträge im Fernsehen sehen, in denen sachlich berichtet wird. Ausserdem möchte ich Kommentare hören, in denen kommentiert wird. Aber leider ist es heute vielfach so, dass viele Artikel nur noch die Meinung des Autors wiedergeben. Dafür aber gibt es den Kommentar. Und all das hat mit Putin und allen anderen nichts zu tun, sondern ist eigentlich das, was guten Journalismus ausmacht.

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tallinn1960 30.11.2016, 16:47
32.

Zitat von spiegelobild
Der Meinungspluralismus ist breiter geworden, die Vertreter der Mainstreammedien müssen damit leben, dass jeder im Internet durch bloggen, Teilnahme an sozialen Medien bis hin zur Herausgabe einer Internetzeitung Meinung und Information verbreiten kann. Gut so, das ist Demokratie. Die Mainstreammedien müssen um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen, die Bedürfnisse der Nutzer berücksichtigen. Sonst sind sie weg. Auch das ist gut so. Und einen Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit gibt es auch nicht
Ich war mal ein grosser Freund des Gedankens, dass das Internet dereinst Menschen mehr Teilhabe an der öffentlichen Debatte erlauben würde, und elitäres Politikverständnis dadurch überwunden wird. Die Formulierung zeigt schon, dass diese Freundschaft aus den Anfangszeiten des Netzes in Deutschland stammt, als man noch in Use- und Subnet-Foren debattierte (und das WWW noch nicht erfunden war), und mangels verfügbarem Zugang für Privatpersonen das akademische Personal noch weitgehend unter sich blieb.
Die Diskussionskultur im Netz, die nicht erst seit neulich vor die Hunde gegangen ist, sondern bereits den allerersten starken Dämpfer erhielt, als AOL (und in Deutschland Fidonet) seinen Nutzern den Zugang zum Internet verschaffte ("AOL-User" mauserte sich in Null-Komma-Nichts zum Schimpfwort), hat mich seither immer nur enttäuscht. Öffentliche Debatte als evidenzbasierte Suche nach Wahrheiten - wie man sie am ehesten nach wie vor nur im Bereich der (Natur-)Wissenschaften antrifft, also im eher politikfernen Elfenbeinturm - im Netz findet die so gut wie nirgendwo statt. Stattdessen sind Foren (gefühlt ausschliesslich) voll von Narzissten, die ihre eigenen Ansichten nur verkünden wollen, und das so oft wie möglich - wo sonst erreicht man soviel Publikum, ohne ein TV-Star zu sein. Die, wenn sie überhaupt mal was von anderen lesen, dazu als tiefschürfendste Kritik über ein "Was fürn Quatsch!" nie hinaus kommen. Solche Debatten braucht kein Mensch.
Ich kann Ihre positive Sicht, so gerne ich es täte, daher nicht teilen. Bedenkenswerte Ansichten gehen im Netz unter, Menge und Unterschiedlichkeit der Ansichten und Autoren machen keine Qualität, zu 90% wird grober Unfug erzählt, das Signal-Rausch-Verhältnis ist miserabel. Das mag in Spezialforen, die sich mit eher politikfernen Themen beschäftigen, anders sein. Aber bei den allgemeinen politischen Themen gilt IMHO ein derber Spruch: "Discussing on the internet is like participating in the Paralympics. Even if you win - you are still retarded."

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skell100 30.11.2016, 16:48
33.

Zitat:" Aus einem Irrtum - oder auch aus Wunschdenken, gegen das niemand immun ist - kann so aus der Perspektive der Öffentlichkeit eine "Lüge" werden. "
Dem stimme ich zu.
Aber wenn der "Irrtum" oder der "Fehler" derart dummdreist rüberkommt, dass man merkt, das ist strategische Vera ..., dann hört der Spaß auf, dann hat der Journalismus versagt.

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madmax9999 30.11.2016, 16:49
34. Versuchen sie das mal mit den

Zitat von tcdk
Ich finde es ja immer sehr witzig, das ausgerechnet die "LP" - Schreier oft auf den hirnrissigsten Schwachsinn hereinfallen, der mittels 1 x googeln zu widerlegen ist. Wenn dann aber mal was in der "mainstreampresse" steht, was ihnen in den Kram passt, muss das auch immer als Kronzeuge für noch so krude Theorien herhalten.
Es gab in den letzten Jahren viele Artikel, die sich als schlecht recherchiert entpuppten, wenn man sich die Mühe machte und mal selber nachrecherchierte.

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karabas 30.11.2016, 16:49
35. es bringt nichts

die Medienkritiker als Antipluralisten zu beschimpfen. Der Grüne OB Boris Palmer hat in der FAZ Folgendes geschrieben:

"Auf dem Parkett traf ich nur Menschen, ob Journalisten, Wissenschaftler oder Politiker, die Merkels Entscheidung zur Grenzöffnung als schweren Fehler einstuften. Im Rundfunk und anderen Medien feierte sich zugleich das leuchtende Deutschland, und die Welt staunte. Ich fand mich zunehmend im falschen Film wieder und fragt mich: Wie kann der öffentliche und der halb-öffentliche Diskurs nur so auseinanderfallen?"

Vielen geht es nicht darum nur seine Meinung zu sehen, sondern darum dass _auch_ seine Meinung repräsentativ und ohne Verunglimpfungen oder gar Verurteilungen dargestellt wird. Und wenn man z.B. 100 rosabunte Artikel darüber liest was für eine Bereicherung die Flüchtlinge für uns sind und nur 5 mit sehr sorfältig abgewogenen vorsichtigen Sätzen darüber was für echte Probleme damit verbunden sind, dann sind die Medien nicht repräsentativ.

Wenn einer schreibt/meint, dass in seiner Gegend mit dem Zuzug von Migranten Taschendiebstähle/Belästigungen zugenommen haben, dann ist es falsch ihm irgendwelche Statistiken a la "Migranten sind nicht krimineller als deutsche" vorzuhalten oder gar ihn als Fremdenfeind darzustellen , sondern diesem Menschen erklären, wie der Staat die Situation bei ihm wieder in den Griff bekommt. Und das ist das, was die Medien und Politik unzureichend tun.

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muellerthomas 30.11.2016, 16:50
36.

Zitat von walligundlach
Nun drehen Sie die Sache einfach um: Den Medien, denen eine andere Meinung als "Pluralismus" ungeheuer erscheint, die nicht der eigenen entsprechen...
Ja, hab ich umgedreht und nun? Merken Sie es selbst? Spiegelbildlich funktioniert es eben nicht. Pluarlismus ist ein Wert an sich, wer daran zweifelt oder den Pluralismus gar bekämpfen möchte, stellt sich selbst außerhalb des demokratischen Spektrums.

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kuac 30.11.2016, 16:50
37.

Zitat von vaclav.havel
Den gesellschaftlichen und politischen Diskussionen in Deutschland fehlt zunehmend die Dialektik und damit der inhaltliche politische Anspruch. Der These fehlt die Antithese. Das ist ein Zeichen von Meinungsdiktatur.
Es gibt keine Meinungsdiktatur, so wie bei Erdogan oder Putin. Hier können Sie schreiben, was Sie wollen, ZB. Merkel muss weg! Hingegen Erdogan bzw. Putin muss weg - das wäre möglicherweise lebensgefährlich.
Es gibt genug Zeitungen und Zeitschriften in DE. Manche werden bestimmt auch Ihre Meinung vertreten. Lesen müssen Sie nur selbst:
Die Zusammenfassung für Deutschland
IVW 2014-QI (gemeldet und geprüft)
381 Zeitungen Gesamt [mit ePaper 178]
361 Tageszeitungen und Sonntagszeitungen [mit ePaper 175]
20 Wochenzeitungen [mit ePaper 3]
842 Publikumszeitschriften [mit ePaper 66]
1.137 Fachzeitschriften [mit ePaper 10]
Laut ADA / BVDA (per 1-Januar 2014)
1.406 Anzeigenblätter
Nach Angaben der Verbände bzw. eigene Schätzungen
Zeitschriften Gesamt: ca. 11.000 – 12.200 Titel
(mit mind. quartalmäßiges Erscheinen)
davon
ca. 1.600 Publikumszeitschriften (laut VDZ 2014-QI: 1.587)
ca. 4.000 Fachzeitschriften (laut Deutsche Fachpresse 2013: 3.800 Titel)
ca. 4.400 Wissenschaftliche Zeitschriften (geschätzt)
ca. 1.000 - 2.200 Fachtitel aus Klein- und Kleinst-Verlagen (geschätzt)

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DerDifferenzierteBlick 30.11.2016, 16:52
38. Es gibt nicht mehr Lügenpresse-Rufer als früher - sie sind nur lauter!

Soweit ich weiß, hat sich der Anteil der Menschen, die glauben, dass in den Medien (nur) Lügen erzählt werden, gar nicht so groß geändert, er liegt weiterhin bei etwa 25%. Was sich aber geändert hat, ist, dass sich diese Menschen, die laut empirischer Analyse im Schnitt zu den weniger gebildeten aus eher ländlichen Gebieten gehören und zu denen auch extreme Randgruppen und alle Verschwörungstheoretiker zählen, dass diese Menschen ihre Positionen dank der sozialen und interaktiven Medien sehr viel lauter vertreten können, dass sie sich gegenseitig bestärken können und dass sie dadurch den Ansporn haben, sehr viel aktiver zu werden, um ihre Meinung zu verbreiten, da sie ja nicht mehr das Gefühl haben, ihre Meinung wäre eine Außenseiterposition, sondern dass sie tatsächlich etwas verändern können. Dadurch beteiligen sich solche Menschen heute teilweise sehr viel aktiver in sozialen Medien als andere, sie beteiligen sich sehr viel mehr an Demonstrationen als früher und sie gehen sogar wieder mehr wählen.

Ein Vorteil der klassischen Medienlandschaft war, dass unsachliche, extreme und menschenverachtende Positionen stark unterrepräsentiert waren. Mit den neuen Medien wird damit zu rechnen sein, dass auch in Demokratien die extremistischen Kräfte wieder sehr viel stärker präsent sein werden sowohl medial als auch parlamentarisch und dass sich der gesellschaftliche Diskurs deutlich verschiebt, weg von sachlichen Argumenten und Fakten, hin zu mehr Emotionen, Polarisierung und Populismus. Inwieweit dadurch die pluralistische Gesellschaft und somit die Demokratie gefährdet wird, bleibt abzuwarten.

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GinaBe 30.11.2016, 16:53
39. nachvollziehbar

Zitat von mwroer
.. Ich kann natürlich nicht für die anderen sprechen aber für einige Menschen aus meinem engeren Freundeskreis schon: Wir erwarten Informationen in den Medien zu finden, in der Hauptsache. Ausgewogene. Unbenommen dass jede Zeitung seine Vorlieben hat - aber wenn 80% der Artikel nur ..... ...
Sie sprechen in Ihrem wirklich sehr schönen, kritischen, aber ausgewogenen Beitrag INFORMATION an.
Es ist journalistische Methode geworden, Artikel auf Statistiken aufzubauen, die einen bestimmten Trend wiederspiegeln sollen.
Dabei werden sicherlich andere Informationen ZU diesen Meinungsumfragen leider ausgeblendet, die
1. einen Zusammenhang herstellen würden und
2. mehr Information zu diesem Thema bieten könnten als nur: ja/ nein

Durch die Auswahl solcher portionierten, gezielten Thematiken wird Meinungsmache/Manipulation betrieben.
Derartige Artikel sind sehr wohl auch in Kommentaren/ Kolumnen enthalten, die sich als Ganze auf diese selektiven Umfrageergebnisse stützen.

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