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Inszenierung der Demokratie: Die große Verstörungstheorie
DPA

Warum funktioniert politische Inszenierung in Zeiten von Social Media nicht mehr so, wie wir sie kennen? Warum schürt sie stattdessen Misstrauen bei den Bürgern? Deshalb.

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larsmach 23.11.2016, 16:44
40.

Trump macht aus einem Nichts eine Geschichte (Beispiel: Tweet über seine angeblich erfolgreiche Intervention gegen Fords Verlagerung von Arbeitsplätzen in Kenntucky - obwohl das dort nie geplant war und ein bestehender Vertrag mit den Gewerkschaften es verbietet). Der "Wohltäter" bringt die Gefahr von "Arbeitsplatzverlagerung von Kenntucky nach Mexiko" vorher selbst ins Spiel und macht später eine große Sache aus der "geglückten ersten Intervention". So funktioniert das in der Welt des Populismus.

Eine deutsche Regierung kann sich davon etwas abschauen: Wer hat gewusst, dass Deutschland zertifizierte Fingerabdruckscanner nach Griechenland schickte (als nur eine Maßnahme von sehr vielen, um Flüchtlinge zu registrieren)? Ich saß beim Kaffee im Berliner Bikini-Haus als ich Zeit hatte, den Artikel zu lesen - noch auf die ursprüngliche Art und Weise, bei der nachher die Uhrenwerbung von der Rückseite spiegelverkehrt auf dem Handballen abgezeichnet ist. Ansonsten liegen die meisten Handlungen der Regierung unterhalb einer neuen Wahrnehmungsschwelle für ein bestimmtes Publikum.
Der Regierung wäre zu empfehlen, neben dem (Presse-)Regierungssprecher noch einen extrovertierten Marktschreier zu beschäftigen, der aus jeder "Mücke" einen Elefanten macht. Dann käme bei der Bevölkerung etwas vom Regierungshandeln an, das sich sonst im Stillen vollzieht - besonders, seit eine Physikerin sich nüchtern und unaufgeregt Problemlösungen widmet. Die Wahrnehmungsschwelle für Parolen liegt anscheinend woanders, was jeder weiß, der sich die Hände wäscht, während im TV eine Werbeunterbrechung kommt: Sofort dröhnt es viel lauter durch die Wohnung als während des Films (von Action-Streifen einmal abgesehen).

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mostly_harmless 23.11.2016, 16:48
41.

Zitat von GoranBaranac
...dass die Eliten sich zwar staunend in Internetforen über den Hass informieren aber höchst selten einen Fuß in Gegenden setzen wo dieser entsteht? Ihr Auftritt bei Maischberger letzte Woche war bezeichnend. Die AfD-Dame sprach davon, dass es ihr unbehaglich sei als einzige Frau ohne Kopftuch durch ein Viertel zu laufen oder dass in Berlin "Straße um Straße falle". Einem Lobo fiel nur ein ob ihr was passiert sei. Nein, es passiert nicht jedem sofort was wenn er durch Köln-Mülheim läuft[...]
Nach meiner Erfahrung ist der Anteil der Leute, die sowas schreiben wie Sie, UND schon mal in Köln-Mühlheim (oder einem beliebigen anderen gerade in rechten Kreisen thematisierten Ort) ziemlich nah bei Null. Deshalb wird von solchen Leuten auch so oft "Bremen" oder "Neukölln" oder "Duisburg" genannt.
Und übrigens war das Statement der Frau von der AfD genau auf diesem Niveau. Ahnunglsos bis auf die Knochen, aber wenigstens mit ausreichend sicherem Auftreten ausgestattet.

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walter_de_chepe 23.11.2016, 16:49
42. Intelligenz und Politik

Der Marxismus war eine intellektuelle Angelegenheit. Marx, Lenin, Trotzki, Luxemburg, Radek und auch die vielen Marxisten in der Mehrheitssozialdemokratie waren Intellektuelle. Dazu kommen die vielen Schriftsteller und Künstler. Trotzdem war der Marxismus eine Teil der Arbeiterbewegung und damals hatte noch nicht fast jeder das Abitur. Jedenfalls ist das Volk heute mit Sicherheit gebildeter. Ich sehe es anders: Die politische Elite ist dumm und dem Volk nicht mehr gewachsen. Auf dem Weg vom Kreißsaal über den Hörsaal in den Parlamentssaal gedeiht keine Intelligenz.

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kleinsteminderheit 23.11.2016, 16:53
43. Der einfache Bürger ist weder dumm noch verantwortungslos.

Er emanzipiert sich nur hinsichtlich Informationsbeschaffung und -Verbreitung organisiert sich abseits eingefahrener Strukturen und stellt nun auf einmal eine Meinungsmacht dar. Ihn als. dumm zu bezeichnen ist nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit, wie jeder Akt der schwarzen Pädagogik .

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muellerthomas 23.11.2016, 16:54
44.

Zitat von mostly_harmless
Nach meiner Erfahrung ist der Anteil der Leute, die sowas schreiben wie Sie, UND schon mal in Köln-Mühlheim (oder einem beliebigen anderen gerade in rechten Kreisen thematisierten Ort) ziemlich nah bei Null. Deshalb wird von solchen Leuten auch so oft "Bremen" oder "Neukölln" oder "Duisburg" genannt. Und übrigens war das Statement der Frau von der AfD genau auf diesem Niveau. Ahnunglsos bis auf die Knochen, aber wenigstens mit ausreichend sicherem Auftreten ausgestattet.
:-) jepp, so ist es. Hatte ich in #23 geschrieben.

Aber da die AfD mit solchen Aussagen genauso redet, wie ein Teil der Bevölkerung, die genau wie die AfD-Politiker noch nie dort vor Ort war, trifft sie den Zeitgeist. Es handelt sich um gefühlt richtige Aussagen.

So wie es in Sachsen auch kaum Ausländer gibt, aber offenbar sehr viele Menschen Angst vor Überfremdung haben - während ich nicht den Eindruck habe, dass die Menschen in Berlin Kreuzberg oder der Dortmunder Nordstadt diesen Eindruck so teilen.

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Dengar 23.11.2016, 16:55
45. Verflechtungen

Ich sehe ganz andere Probleme als das vorgebliche Gezänk der Politiker, nämlich dass diese nicht mehr Willens oder in der Lage sind, für einen Interessenausgleich zwischen den Polen Wirtschaft auf der einen und Gesellschaft auf der anderen Seite zu sorgen, weil sie schon viel zu lange an den Strippen des finanziellen-industriellen Komplexes hängen. Es wird nur noch vorgeheuchelt, sie könnten und wollten etwas für die Bürger tun, indem man vor Wahlen mit ein paar Leckerlies ködert (die gleich danach wieder eingesammelt werden), aber in Wirklichkeit werden wir belogen - und das mit Vorsatz. Seitdem auch die Medien sich auf die Seite dieses Betrugskartells geschlagen haben, geht den Leuten die Hutschnur hoch, weil sie - auch Dank Internet - mitbekommen, wie sie verarxxt werden. - Glauben Sie nicht? CETA und TTIP sind nur eines von vielen Beispielen, die unsägliche Dauertragödie um den Türkeibeitritt ein anderes. Aber dem Fass den Boden aus schlägt der hochnotpeinliche Umgang mit der NSA-Affäre und dem Whistleblower Edward Snowden. Solange die etablierten Politiker sich nicht hinstellen und zugeben, dass sie Wirtschaftsmarionetten sind, werden die Wähler Externe wählen, egal aus welchem Lager, allein um die Eliten abzustrafen. Sehen Sie sich in Europa um.

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kaltwasser 23.11.2016, 17:06
46. Alle Eliten

werden einmal durch neue ersetzt werden. Das ist ein ganz natürlicher historischer Vorgang. Man muss die Dinge realistisch betrachten. Unsere Eliten sind zu einer neuen Aristokratie verkommen mit einem völlig eigenen Weltbild. Sie haben das eigene Volk polarisiert und verlieren nun die Meinungshoheit. Am Ende kommen eben neue und eher im gesamten Volk verwurzelte Kräfte nach oben, die sie ersetzen. Und das ist auch gut so!

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Newspeak 23.11.2016, 17:08
47. ...

Demokratie bedeutet Verhandlung, Mäßigung und Kompromiss, also ungefähr das Gegenteil von Knall-Konfrontation. Und dafür braucht man eine Atmosphäre des kollegialen Respekts auch unter politischen Gegnern. Aber ebenso sind Streit und Diskussion essentiell für die Demokratie. Daraus ergibt sich die große Zwickmühle, ständig gleichzeitig Gegner sein zu müssen und Partner.

Das ist eben nur eine Zwickmühle, wenn es um Personen geht, wer richtig liegt und so weiter. Wenn es um die Sache gehen würde, gäbe es diese Zwickmühle nicht. Warum z.B. verstehen sich Wissenschaftler untereinander relativ gut? Nicht, weil sie weniger heftig diskutieren müssten. Sondern, weil es einen Konsens darüber gibt, daß man um die Sache streitet und nicht um die Person, die Macht der Partei und dergleichen mehr. Außerdem gibt es halbwegs objektive Kriterien zur Beurteilung einer Idee. Die könnte es aber in der Politik auch gegen. Nur, dazu müssten Politiker auch mal Fehler eingestehen können. Schon mal erlebt?

Diese unbändige Wut so vieler Leute, quer durch die politischen Lager übrigens, speist sich aus dem Gespür: "Da stimmt doch was nicht. Da wird mir etwas vorgespielt! Da stecken Leute unter einer Decke!"

Nein, die unbändige Wut speist sich aus keinem Gefühl. Sondern aus tatsächlich erlebter Benachteiligung, Herabsetzung, Ausgrenzung, Marginalisierung. Soll doch mal jeder, der etwas anderes denkt, in diesem Land Hartz-IV beantragen. Selbst wenn das Amt halbwegs professionell arbeitet, und die Sachbearbeiter nett sind, was durchaus vorkommt, fühlt man sich würdelos. Das ist nichts Diffuses, Eingebildetes. Das ist strukturelle Gewalt, die auch so empfunden wird, nämlich als ob einem jemand in die Fresse haut. Man kann doch nicht ewig so tun, als gäbe es diese strukturelle Gewalt in unserer Gesellschaft nicht.

Und nebenbei. Wieso eigentlich soll eine Person ein Land von 230 Millionen Menschen vertreten? Die ganze repräsentative Demokratie ist von Anfang an eine riesige Lüge. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen ist das Grundübel. Im Grunde haben die Philosophen des 18. Jahrhunderts nur Ausreden geliefert, um den Feudalismus in abgewandelter Form zu erhalten. Weg damit. Die Zukunft der Menschheit wird nicht die hergebrachte Form der Demokratie sein. Das System der Wahlmänner in den USA ist 18. Jahrhundert. Das System der Parteien in Deutschland ist 20. Jahrhundert. Aber nicht 21. Jahrhundert. Das System, so wie wir es kennen, ist in jeder Hinsicht am Ende. Entweder man bricht die Macht von Einzelpersonen, wozu auch Geldmacht = Privatvermögen gehört, oder man wird in Zukunft nur noch eine Krise nach der nächsten erleben.

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lupenreinerdemokrat 23.11.2016, 17:10
48. Einfache Heilung

Es wäre einfach, das derzeit bereits weit fortgeschrittene "Krebsgeschwür" der Pseudo-Demokratien, die faktische Oligarchien und Plutokratien sind zu heilen und somit wieder den Menschen die Chance zu geben, dass sich etwas zum besseren, intelligenteren ändert:
zu allen wichtigen Entscheidungen Volksabstimmungen wie in der Schweiz!
Schon wäre dem Untergang der nur noch auf dem Papier vorhandenen westlichen Demokratien ein Ende gesetzt und es brächen wieder gesellschaftlich goldene Zeiten an.

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murksdoc 23.11.2016, 17:25
49. Ein AHA-Erlebnis (eines von vielen)

Ich hatte mal aus Spaß recherchiert, was Kaiser Wilhelm II. bezüglich seines "Blankoschecks" an Österreich-Ungarn wörtlich gesagt hatte: "Wir werden uns an unsere alte Freundschaft erinnern und fest zu unseren vertraglichen Pflichten stehen". Der "Beistands-Vertrag" zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland (und später Italien) sagte: "Wenn einer der beiden Partner von Russland oder Frankreich angegriffen wird, muss der andere zu Hilfe kommen. Wird einer der Partner von einem anderen Staat angegriffen, auch einem, der ein Bündnis mit Frankreich oder Russland hat, erwachsen daraus keinerlei Verpflichtungen, außer, eine wohlwollende Neutralität zu wahren". Der Angriff eines der Partner selbst auf einen anderen Staat, so wie Österreich-Ungarn gegen Serbien, war in dem Textwerk gar nicht erwähnt, geschweige denn, das daraus eine Verpflichtung entstanden wäre. Wilhelm hatte diplomatisch verklausuliert also gesagt: "Alter Freund, schau in den Vertrag, wir sind zu garnichts verpflichtet und werden keinen Finger krumm machen". Bis dahin hatte ich geglaubt, weil ich es in der Schule gelernt hatte, der unstillbare Imperialismus des Kaisers und seiner Nachfahren hätte zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. Ich habe danach alles über Geschichte gelesen, was ich in die Finger bekommen habe, bevorzugt Originalquellen. Heute glaube ich niemandem mehr. Nicht den Lehrern, nicht den Politikern, den Zeitungen, den anderen Medien und schon garnicht den Historikern. Die einzige Darstellung, die in einer Demokratie wichtig ist, beherrschen sie nämlich alle nicht: einfach mal die Wahrheit zu sagen. Da können sie sich ihr ganzes sonstiges Bauerntheater sparen. Das wirkt bei mir nicht mehr und ich bin sicher, das geht hier vielen so.

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