Forum: Netzwelt
Kann sich der Online-Journalismus mit der Zeitung messen?

Die Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?

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Leo Aul 16.06.2011, 17:56
270. Teil 2

Teil 2: ONLINE statt ZEITUNG?
Überzeugender kann eine Bestätigung des 1. Teils des vorigen Textes ja wohl kaum sein. Nur die Überschriften lesen und daraus ein an¬spruchsvolles Interesse ableiten wollen? Reicht das wirklich? Wenn ich nur das lese, was mich spontan interessiert, dann bleibt das ungelesen, was mich noch mehr interessieren würde, wenn ich es wüsste. Ist das papierene Angebot da, kann ich es jederzeit nutzten. Im Internet muss ich gezielt das Angebot suchen und was ich finde, ist dann nicht das, was alle ande¬ren Leser, mit denen ich mich austauschen könnte, auch gefunden haben. So kann aus dem passiven Wissen kein aktives Wissen werden, mit dem ich meine Meinung und Bildung mit Anderen ab¬gleichen kann. Das ist das Ende der Fahnen¬stange der demokratischen Diskussionsmöglichkeit. Im Internet steht kaum etwas über das heimatliche Bundesland und erst recht nichts über den individuellen Wohnort. Im Internet ist man ein Frem¬der vor der eigenen Tür und Fluterschen muss es ja wohl nicht sein. Die Online-Informationen überrollen uns. Am nächsten Tag ist das weg, oder kaum noch zu sehen, was mich gestern hätte interessieren können. Dass ist der Preis der Online-Aktualität. Komme ich heute online nicht dazu, bin ich um einen Tag dümmer. Aber Zeitung und Zeitschrift kann ich auch noch morgen lesen. Deren Angebot ist allgegen¬wärtig. Es ist täglich oder Montag, Dienstag, Freitag, eine Zeitung oder Zeit¬schrift ist da. Zuerst die In-haltsübersicht. Nur 2 Artikel aus Natur und Technik interessieren mich spontan. Ich suche und will das Interessante lesen. Dabei stoße ich auch auf Artikel, die mich nur nebenbei interessieren. Ich lese und bin über das vorher Uninteressante begeistert. Z.B. Essays, die immer voller Überraschungen sind. Am Ende der Woche habe ich ca. 80% des Angebotes gelesen. Auf Kos-ten meines TV-Konsums. So geht das auch täglich mit der Zeitung. Lokalsport, die Familien-Nachrichten und Berichte aus den kleinen Nachbargemeinden sind ja in der Zeitung schon so gegliedert, dass ich sie übergehen kann. Diese Vorauswahl ist hilfreich spontan möglich. Es ist ja gerade der bildungsbeflissene Vorteil der Zeitungen und Zeitschriften, dass sie mir als journalisti¬sche Vorauswahl ein Spektrum anbieten, aus dem ich beiläufig wäh¬len kann, wonach ich aber aufwändig im Netz gezielt suchen müsste. Häufig ist die Vorauswahl auch sehr problematisch, aber das ist der Preis dafür, dass ich nicht Fachbücher lesen will. Von den Unverbesserlichen kommt prompt der Einwand, dass man sich ja auch mit der eigenen Meinung in den Foren einbringen könne. Kann man, bringt aber herzlich wenig. Im WELT-, im SPIEGEL-Forum: Zu Guttenberg 1,5 Mio. Beiträge. Zu anderen über 4 Mio. Nicht nur, dass in der Masse der Beiträge der Einzelne untergeht, es ist unmöglich in diesem Wust etwas Essentielles zu finden. Selbst den auswählenden Meinungs-Redakteur spielen zu wollen, ist müßig.

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Leo Aul 16.06.2011, 17:59
271. Teil 3

Teil 3. ONLINE statt ZEITUNG?
Die Meinungs-Foren der Zeitungen und Parteien scheitern alle am gleichen Dilemma. Entweder sind sie zu groß und unübersichtlich oder sie sind zu klein und nur die schreibende Spielwiese von ganz Wenigen. Sind sie anonym und werden nicht redigiert, sind sie ein Tummelplatz für ideologische Spinner, Unwahrheiten und Beleidigungen. Werden sie redigiert, folgt der Vorwurf der Zensur. Werden Klarnamen genannt, wird sich kaum ein anspruchsvoller Mitschreiber oder Fachmann in das unsachliche Unwissen der Anderen auf Dauer einmischen wollen. Permanent den Oberlehrer spielen müssen, dafür ist ihm die Zeit zu schade. Der unverdrossene Rest der Foren-Nutzer beschwert sich dann vehement darüber, dass die, denen der ganze politische Frust zugedacht ist, sich im Forum nicht beteiligen. Weil unbeachtet und unbeantwortet, fühlen sich die Wütenden im Recht und dreschen erst recht drauf los. Das schreckt dann auch die Letzten ab. So schließt sich der Kreis. Dazu war das nach sehr kurzer Zeit gelöschte Hambacher-Forum exemplarisch. Für die nationale und globale Nachrichten-Vorauswahl sind die Presseagenturen, die Tageszeitungen und die Periodika zuständig. Weil er das nicht besser kann, aber etwas wissen möchte, hat der Leser keine Wahl. Dieser Kompromiss ist zu dulden. Wie will der smartphonische Minimalwisser denn ohne eine örtliche Tageszeitung über¬haupt noch wissen, was vor seiner Haustür geschieht? Wie will er, der so schnelle und oberflächliche Überschriften-Konsument, mit welcher Überzeugung wen denn bei der nächsten Kommu¬nalwahl wählen? So wird er zum Fremden vor der eigenen Tür. Nichts gewusst und plötzlich steht Stuttgart 21 oder ein neues Baugebiet vor Ihrer Tür. Das wollen hinterher besonders die von der modernen Online-Truppe auf keinen Fall. Sie haben fahrlässig nicht gewusst, was Sie vorher hätte interessieren sollen. Dann sind lautes Geschrei und die Wut groß. Größe könnten die beweisen, die eingestehen, dass allein das momentane schnelle Sensations-Interesse kein Maßstab dafür sein kann, was Sie hätte interessieren können und müssen. Mit Hilfe des rudimentären Smartphon-Wissens könnte die Demokratie zum Spielplatz der lauten Demagogen werden. Die Wutbürger kommen teilweise auch aus dieser Ecke.

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euroman 18.06.2011, 10:59
272. .

Ich hatte vor geraumer Zeit in der Tat eine seriöse Tageszeitung abonniert. Ja, es waren durchaus interessante Beiträge dort drin, aber man schafft es eh nicht, das alles zu lesen. Und man bekommt halt in der Regel die Sichtweise der 'Macher' serviert. Das ist zwar überall so, und nicht völlig zu umgehen, aber wollte man sich dann ausschließlich im Blätterwald auch noch mit den diversen anderen Sichten vertraut machen, könnte man locker den Rest seiner Tage mit Zeitungslesen verbringen. Online kann ich mir da noch problemloser zumindest einen Überblick verschaffen.

Daher verwende ich die Zeit lieber zum Lesen von Büchern zu den Themen, die mich interessieren. Ich kann mich auch an keinen Zeitungsartikel erinnern, der mir noch nach Jahren viel bedeuten würde - bei Büchern sieht das ganz anders aus.

Für aktuelle Infos und bei den Partizipationsmöglichkeiten sehe ich das Internet eher im Vorteil gegenüber der Zeitung.

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Eiermann 19.06.2011, 10:28
273. .

Zitat von euroman
Ich hatte vor geraumer Zeit in der Tat eine seriöse Tageszeitung abonniert. Ja, es waren durchaus interessante Beiträge dort drin, aber man schafft es eh nicht, das alles zu lesen. Und man bekommt halt in der Regel die Sichtweise der 'Macher' serviert. Das ist zwar überall so, und nicht völlig zu umgehen, aber wollte man sich dann ausschließlich im Blätterwald auch noch mit den diversen anderen Sichten vertraut machen, könnte man locker den Rest seiner Tage mit Zeitungslesen verbringen. Online kann ich mir da noch problemloser zumindest einen Überblick verschaffen.
Der von den "alten" Printmedien beanspruchte Zusammenfassungs- und Reflexionsvorsprung besteht so in der Tat kaum noch und ist mit der Beschränkung von Lesern auf einzelne Printtitel als Beschränkung auf einzelne Orientierungsanbieter in der Tat auch ein Informations-Nachteil. Onlinemedien gewährleisten in der Tat auch eine viel größere Vielfalt an Informationsmöglichkeiten, weil sie natürlich viel zahlreicher, direkter, schneller und preiswerter verfügbar sind als Printmedien. Hinzu kommen die unzähligen multimedialen Vorteile von Onlinemedien. Zeitungen und Zeitschriften können halt leider keine Videos abspielen. Die unschlagbaren technischen Vorteile der Onlinemedien lauten Multimedia, Verlinkung, schnelle, direkte Verfügbarkeit und die ungeheure Medienvielfalt.
Der von Printvertretern beklagte Mangel an Ordnung, Struktur, Aufbereitung, wohl auch Informationstiefe in den Onlinemedien besteht dabei allerdings vorerst ebenfalls. Was bei noch sehr jungen Medien wie den Onlinemedien aber nicht weiter verwundert - sie befinden sich halt noch stark im Aufbau und in der Entwicklung. Diesem Mangel könnten in Zukunft vielleicht größere redaktionell betreute Gatekeeper-Plattformen abhelfen, die Usern einen besseren Überblick über "die ganze Welt" der Onlinemedien, Themen und Informationen bieten.

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leoaul 23.06.2011, 19:03
274. Und was dann?

An Frieda_Hockauf:

Ach, wie hätten Sie Recht, wenn Alle so wären, wie Sie es voraussetzten. Aber leider ist es und wird es anders werden.

Die Tageszeitung, weil bezahlt, kommt oder kam täglich. Sie zu lesen ist oder war ein tägliches Ritual. Dem konnten oder wollten sich die Meisten nicht verschließen. Da war täglich die Familie, die Arbeitsgruppe, das Umfeld, die alle das Gleiche gelesen haben. Man hatte ein oder mehrere Themen und dazu verschiedenen Ansichten. Kinder, die an das elterliche Lektüre-Ritual gewohnt waren, wurden so zu Lesern, auch von Büchern und anderen Schrift-Medien.

Vorbei! Gut oder schlecht wird die Zukunft beweisen. Der Weg ist unumkehrbar. Aber zu glauben, dass die frühere Informationszeit und –dichte auch online wieder herstellbar ist, ist absurd. Wenn die Online–Information die Tageszeitung ablöst, hat das für die Gesellschaft ungeahnte Folgen.

1. Sich eine auch nur annähernde Informationsdichte zu beschaffen, ist mit einem immensen Zeitaufwand verbunden. Den wird kaum jemand aufbringen wollen.
2. Die Zahl der Online-Informations-Willigen wird nur noch einen Bruchteil der heutigen Zeitungsleser betragen. Die Kurve könnte verlaufen wie bei den Quoten der öffentlich rechtlichen TV-Anstalten gegenüber den Privaten.
3. Beckenbauers Familiensaga und die lustigen Geschichten aus dem englischen Königshaus werden für die meisten Nutzer der Online-Dienste wichtiger sein, als die Rentenversicherung und die Entschuldung von Griechenland.
4. Online erfahren Sie kaum etwas über ihr Bundesland und gar nichts über Ihren Heimatort.
5. Folglich werden die Wahlbeteiligungen im Land und den Kommunen noch weiter rapide sinken.
6. Alle weiteren Folgerungen werden Sie sich ausdenken können.

Ob Ihre gewünschten Denkergebnisse dann mit den Realitäten übereinstimmen, bleibt abzuwarten. Aber eins ist sicher, die bisherigen Informationswege sind bald, bis auf Reste, Vergangenheit.

Die Menge und die Bedeutung der noch von der breiten wählenden Masse auf den künftigen Wegen erhaltenen Informationen wird die demokratische parlamentarische Gesellschaft kaum noch tragen können.

Und was dann?

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leoaul 23.06.2011, 19:14
275. Und was dann?

An Frieda_Hockauf:

Ach, wie hätten Sie Recht, wenn Alle so wären, wie Sie es voraussetzten. Aber leider ist es und wird es anders werden.

Die Tageszeitung, weil bezahlt, kommt oder kam täglich. Sie zu lesen ist oder war ein tägliches Ritual. Dem konnten oder wollten sich die Meisten nicht verschließen. Da war täglich die Familie, die Arbeitsgruppe, das Umfeld, die alle das Gleiche gelesen haben. Man hatte ein oder mehrere Themen und dazu verschiedenen Ansichten. Kinder, die an das elterliche Lektüre-Ritual gewohnt waren, wurden so zu Lesern, auch von Büchern und anderen Schrift-Medien.

Vorbei! Gut oder schlecht wird die Zukunft beweisen. Der Weg ist unumkehrbar. Aber zu glauben, dass die frühere Informationszeit und –dichte auch online wieder herstellbar ist, ist absurd. Wenn die Online–Information die Tageszeitung ablöst, hat das für die Gesellschaft ungeahnte Folgen.

1. Sich eine auch nur annähernde Informationsdichte zu beschaffen, ist mit einem immensen Zeitaufwand verbunden. Den wird kaum jemand aufbringen wollen.
2. Die Zahl der Online-Informations-Willigen wird nur noch einen Bruchteil der heutigen Zeitungsleser betragen. Die Kurve könnte verlaufen wie bei den Quoten der öffentlich rechtlichen TV-Anstalten gegenüber den Privaten.
3. Beckenbauers Familiensaga und die lustigen Geschichten aus dem englischen Königshaus werden für die meisten Nutzer der Online-Dienste wichtiger sein, als die Rentenversicherung und die Entschuldung von Griechenland.
4. Online erfahren Sie kaum etwas über ihr Bundesland und gar nichts über Ihren Heimatort.
5. Folglich werden die Wahlbeteiligungen im Land und den Kommunen noch weiter rapide sinken.
6. Alle weiteren Folgerungen werden Sie sich ausdenken können.

Ob Ihre gewünschten Denkergebnisse dann mit den Realitäten übereinstimmen, bleibt abzuwarten. Aber eins ist sicher, die bisherigen Informationswege sind bald, bis auf Reste, Vergangenheit.

Die Menge und die Bedeutung der noch von der breiten wählenden Masse auf den künftigen Wegen erhaltenen Informationen wird die demokratische parlamentarische Gesellschaft kaum noch tragen können.

Und was dann?

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Unterthan 23.06.2011, 20:38
276. Printmedien

Zitat von desertmole
Ist zwar besser fuer die Augen aber ungesuender fuer die Waelder. Ich kann es nicht abwarten schnell informiert zu werden und fast im Stundentakt einen up date zu bekommen wie jetzt mit Nordafrika und dann noch mit dem Apple ipad einfach super.
... sind leider auch sehr anfällig für Inserenten. Zum Beispiel schreibt kaum eine Tages- oder Wochenzeitung was Kritisches über die Pharma-Industrie. Die drohen sofort mit Werbestopp. Wer's nicht glaubt, kann das mal über ein paar Wochen beobachten.

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pcpero 24.06.2011, 17:35
277. Warp-News

Zitat von sysop
Die Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Glaubt man den Nachrichten im Radio, hat heute EU Ratspräsident van Rompuy die Ernennung von Herrn Draghi zum EZB-Chef Über Twitter bekannt gegeben. Da kann natürlich kein Printmedium mithalten. Ansonsten halte ich den Online-Journalismus für ein einer Zeitung ebenbürtiges Medium - aber eben auch nur ein Medium, or a massmedia. Und da wird auch die Achillesferse zu finden sein: Lokalkolorit wird nicht zu den Stärken des OJ zählen.

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