Forum: Netzwelt
Pöbeleien im Web: Netzhass ist gratis

Digitaler Hass ist anders. Der Hassende muss dem Gehassten nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen. Das führt zu entfesselten Kommentaren und Tränen vor dem Monitor. Wir brauchen eine digitale Herzensbildung.

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Whitejack 04.12.2012, 18:46
70.

Ich habe eine sehr grundsätzliche Vermutung, warum das Internet voller Hass ist - und warum sich in diesem Land auch nur wenig zum Besseren verändert:

Ein großer Teil der Leute will gar nicht, dass die Dinge besser werden. Wenn sie für den ungeliebten Nachbarn oder Kollegen schlechter werden, umso toller.

Der Hass im Netz deckt eine Lebenslüge unserer Gesellschaften auf: Der Wunsch, selbst glücklich zu sein ("pursuit of happiness") hinkt dem Wunsch, anderen zu schaden, meilenweit hinterher.

Meine tiefe Überzeugung ist aber, dass eine freie, pluralistische Gesellschaft von dem Wunsch nach eigenem Glück getragen sein muss, und nicht von dem Wunsch, dass der Nachbar beim Anblick des neuen Autos grün vor Neid wird. Der Keim des Scheiterns von Gesellschaftsmodellen ist bereits gesetzt, wenn die Grundmotivation der Leute in Zerstörung liegt. So konnte aus dem Kommunismus nie etwas werden, denn seine Grundidee war letztlich, andere zu enteignen und sie zu bestrafen. So scheiterten immer wieder religiöse Gesellschaften, weil sie keine bessere Welt schaffen wollen, sondern die Ungläubigen verfolgen. So entstanden aus dem Grundgedanken der nationalen Einigkeit verbrecherische faschistische Regime, als die Anhänger nicht mehr die Befreiung des Bürgers, sondern den Kampf gegen Fremde und "Volksfeinde" im Auge hatten.

Und so wird auch die EU scheitern, weil der Wunsch der Leute eben in der Zerstörung besteht. Weil zuviele in Europa es genießen, wenn die Südländer eins auf die Fresse kriegen oder die Deutschen mal bluten. Es ist nicht die Religion an sich, nicht der Kommunismus, nicht der Nationalismus, auch nicht die europäische Idee, die ein Problem ist; es ist der Herzenswunsch derer, die in der entsprechenden Welt leben und sie tagtäglich gestalten. Wenn dieser Wunsch aus Hass und Gewalt besteht, ist der ideologische Überbau vollkommen gleichgültig.

Eine bessere Welt beginnt damit, dass man sie sich überhaupt erst einmal wünscht. Und die Wahrheit ist, dass eine Mehrheit der Menschen dies nicht tut.

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IT-Oger 04.12.2012, 19:16
71. In vergangenen Tagen ...

... gab es das Usenet als maßgebliche Plattform der Diskussion im Internet und dort die Möglichkeit, eingehende Nachrichten nach eigenem Belieben zu filtern. Ob man es glaubt oder nicht, aber so ein Filter senkte die Menge der Hass- und Spamnachrichten tatsächlich, denn vielen Hatern geht es lediglich um Aufmerksamkeit für die eigene, miserable Existenz. Leider fehlt dieser Mechanismus in den Foren und Kommentarmöglichkeiten des WWW, lediglich Slashdot und Youtube haben als größere Angebote ein ähnliches Modell implementiert; allerdings mit dem Nachteil, dass die Beiträge durch die Crowd bewertet werden und diese Bewertung für alle Nutzer gilt. Eigene Filtermöglichkeiten gibt es kaum wo und schon gar keine, die global funktionieren.

Neben den von Sascha Lobo bereits korrekt benannten Ergebnissen gibt es noch einen Faktor, der bedacht werden sollte: Diskussionen kosten aufgrund der technischen Unzulänglichkeiten des WWW deutlich mehr Zeit.

Insgesamt sehe ich eher schwarz für die Kommentarbereiche und Foren im WWW. Hater und Trolle können Communitys problemlos zerstören.

Aufrufe zu besserem Benehmen halte ich trotzdem für sinnlos. Sinnvoller wäre es eher, dass sich möglichst viele Forenbetreiber und Seiten mit Kommentarfunktionen auf ein Kommentar- und Debattensystem einigen. Auch wenn es jetzt arg pessimistisch klingen mag, aber auch dafür sehe ich momentan keine Chance.

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IT-Oger 04.12.2012, 19:26
72.

Zitat von nurmeinsenf
...eine klare Zweiteilung: Der gemainstreamte Realname, der mangels Konfliktfläche kaum Haß auf sich zieht, und Pseudonyme für alles andere. Ob jemand meinen Nickname haßt, ist mir herzlich gleich, wenn es mir gar zu bunt wird, würde ich mir schlicht einen neuen zulegen. Schlimm wird es erst, wenn jemand persönlich identifiziert wird ("doxxing") und Pöbeleien im Web auf das reale Leben durchschlagen,
Leider ist es sehr unwahrscheinlich, dass das funktioniert. Denn jedes kleine Schnippselchen an Information kann zum doxen benutzt werden und kaum jemand ist in der Lage, wirklich gar keine Spuren von sich zu hinterlassen, auch schon weil wir gar nicht alle unsere preisgegebenen Informationen kontrollieren können (z.B. wenn Daten leaken).

Da hilft eigentlich nur Abstinenz. Und die kann sich nicht jeder leisten.

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claricestarling 04.12.2012, 19:30
73. Sendungsbewusstsein

Jetzt freut euch doch, dass endlich auch die Beladenen zu Wort kommen können, die dazu nie Gelegenheit hatten. Dass es qualitativ nicht hochwertig ist, damit kann man doch leben. Was kümmert es eine alte Eiche...

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kain.klarname 04.12.2012, 19:34
74. Das Volk hat jetzt eine Stimme!

Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit kann nun wirklich jeder endlich das sagen, was sonst niemals jemand lesen konnte. Warum also seid ihr überrascht, was aus dem Volksmund kommt?

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IT-Oger 04.12.2012, 19:39
75.

Zitat von gaia71
Der Punkt ist doch, dass das Internet immer noch als rechtsfreier Raum gilt und viel zu wenig durchgegriffen wird.
Da sprichst du IMHO einen guten Punkt an: Es gibt ein strukturelles Versagen der Justiz, was Beleidigungsdelikte angeht. Das gilt natürlich auch offline, aber der Selbstversuch war sehr aufschlussreich: Ich habe einfach mal fünf der Leute, die mich in anderen Foren öffentlich beleidigt und bedroht haben, angezeigt. In vier Fällen wurde sich nicht mal die Mühe gemacht, die Gegenseite zu ermitteln, in einem Fall kannte ich die Daten des Beleidigers, aber auch hier wurde der Fall nahezu sofort mangels öffentlichen Interesses eingestellt, obwohl der Herr mit körperlicher Gewalt gedroht hatte. Die Signale an solche Leute sind natürlich fatal und unterstützen deren Auffassung, sich online Dinge erlauben zu können, die sie sich offline vermutlich niemals wegen würden.

Ich möchte auch noch das Augenmerk darauf richten, dass Notwehr im Netz nicht möglich ist, d. h. man ist auf die Behörden als Korrektiv angewiesen. Würde man auf der Straße beleidigt werden, dürfte man sich wehren, durchaus übrigens auch mit Gewalt. Insofern wiegt das Versagen der Behörden hier noch schwerer.

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lehrlauf 04.12.2012, 19:49
76. Unsinn

Zitat von kain.klarname
Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit kann nun wirklich jeder endlich das sagen, was sonst niemals jemand lesen konnte. Warum also seid ihr überrascht, was aus dem Volksmund kommt?
Jeder, der gewollt hätte, konnte in der Vergangenheit schon Leserbriefe schreiben, Flugblätter drucken, Radiosender betreiben, Rauchzeichen lesen.

Nicht zum ersten Mal wird das Medium Internet völlig überbewertet als Meilenstein der Kommunikation. Ist es im Punkte Meinungsäusserung definitiv nicht. Es ist lediglich (mit den Worten von Herrn Lobo) echtzeitig.

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denkpanzer 04.12.2012, 19:52
77.

Das besondere am Netz ist doch nicht die Dummheit viele Nutzer sondern das man überall auf der Welt diese Dummheit miterlebt. Wer in der Kneipe sitzt und manchem Gespräch zuhört schüttelt den Kopf und hört weg. In einem Forum liest man jeden Post, weghören wird hier schwierig.

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lehrlauf 04.12.2012, 19:57
78. Fragen über Fragen

Zitat von IT-Oger
Ich möchte auch noch das Augenmerk darauf richten, dass Notwehr im Netz nicht möglich ist.
Ich möchte Ihr Augenmerk darauf richten, dass Notwehr im Netz gar nicht nötig ist. Wo entsteht Ihnen denn unmittelbar Gefahr für Ihr Wohl und Ihre Unversehrtheit, wenn Sie im Warmen an der Tastatur sitzen?

Wenn Sie verbale Auswüchse online am liebsten gleich handgreiflich vergelten möchten, dann sollte man Ihnen am besten auch nicht offline begegnen wollen.

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moserer 04.12.2012, 20:11
79.

Zitat von sysop
Digitaler Hass ist anders. Der Hassende muss dem Gehassten nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen. Das führt zu entfesselten Kommentaren und Tränen vor dem Monitor. Wir brauchen eine digitale Herzensbildung.
Vielen Dank für diesen Beitrag!

Doch leider wird es niemals digitale Herzensbildung geben. Bildung bekommt man nur von Menschen zu Menschen vermittelt. Und ich meine Bildung und nicht den Transfer von Wissen auf den Schulen und Inis heutzutage reduziert werden. Demnach eigent sich auch das Internet und soziale Netzwerke desselben nicht zu Vermittlung von Bildung. Den der direkte Kontakt geht verloren. Man sieht nicht den Schaden den man anrichtet und kann sich aus jeder Verantwortung stehlen.

Es fehlt ein Schulterklopfen bei einem Erfolg, die Urmarmung für Trost, das Lächeln wenn man Gutes getan hat, die Tränen wenn es Böses war. Es fehlt alles was soziale Kontakte ausmacht, eben das Gefühl des Gegeenübers anstatt der blossen Worte. Internet-Netzwerke sind alles: nützlich, kurzweilig, informativ usw... aber eines sind sie niemals -> Sozial!

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