Forum: Netzwelt
Trend zur Sofortpolitik: Hilfe, wir vertrumpen!
DPA

"Was kümmert mich mein Geschwätz oder Gesetz von vorhin oder nachher?" Nach diesem Motto wird heute debattiert und Politik gemacht: Sofortpolitik. Das ist eine denkbar schlechte Entwicklung.

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CSc5911 05.01.2017, 12:00
80.

Zitat von privatbahn
Aber leider keine Lösung mitgeliefert. Der Verweis auf Köln ist richtig, zeigt aber auch dass alle politischen Player bei "Sofortpolitik" mitmachen. Nach dem Anschlag in Berlin war es der AfD-Hansel aus NRW, aktuell Frau Peter. Die Fakten kannten beide nicht, aber Hauptsache was gesagt.
Es gab hier aber schon ganz entscheidende Unterschiede. Peter hat eine Frage in den Raum gestellt, Pretzell eine Behauptung. Peter hat ihre Frage auf der Grundlage der ihr in dem Moment vorliegenden Informationen in den Raum gestellt, Pretzell hat in makabrer Weise die "Gunst der Stunde" genutzt, sein politisches Süppchen zu kochen. Peter hat sich selbstkritisch dazu geäußert, voreilig gehandelt zu haben, von Pretzell ist mir dergleichen nicht bekannt. "Hauptsache was gesagt" trifft damit wohl nur auf Pretzell zu.

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wiesenflitzer 05.01.2017, 12:14
81. Guter Artikel, Herr Lobo

Es gibt ja wie immer beide Seiten, die gute und die schlecht. Das Internet hat viele neue Arbeitsstellen geschaffen, sicherlich auch andere die Arbeit gekostet. Brauche ich eine Information, Google und Co. liefern sie mir in Millisekunden. Ich möchte etwas kaufen, kein Problem; zwei/drei Mausklicks und schon ist das Paket auf dem Weg zu mir nach Hause. Ich möchte tagespolitisch aktuell informiert werden? Da gibt's doch zig Apps für jedes Handy, die neueste Nachricht poppt da einfach auf den Homescreen. Diese Liste lässt sich freilich reichlich verlängern. Ja, und Politik wird damit selbstverständlich auch gemacht wirklich bedauerlich. es braucht zu einem Thema eine Umfrage. Millionen von Facebook und Co.-Nutzern können in Minuten ein Votum zu jeder nur erdenklichen Frage abgeben. Sehr beliebt (übrigens ja auch hier bei SPON) sind vorgefertigte Fragen, man darf aus zwei oder drei Fragen auswählen (oft genug total bescheuerte Fragen und absolut nicht zielführend), schon wird dem Volk/der Politik eine Volksmeinung präsentiert. Was daran nicht stimmt, bzw. worin das Problem liegt, ist Folgendes: Es ist so herrlich einfach, einfach mal einen nonverbalen Social-Schnellschuss (unreflektierte Meinungsäußerung per Internet) in die Tasten zu hauen. Fakten werden nicht überprüft, Geschriebenes nicht hinterfragt, was schwarz auf weiß steht, muss doch stimmen, oder etwa nicht? Ich kann meine ganze Wut, meinen Hass, und was-ich-der-Welt-schon-immer-sagen-wollte,-mich-aber-bisher-nicht-zu-sagen-getraut-hatte, einfach loswerden. Keiner fragt mich dazu, keiner sieht mir zu, keiner hört mich... Ich weiß schon, jeder von uns ist für sich selbst verantwortlich, und muss/sollte sich dazu hinterfragen. Aber wenn ich mir unsere tatsächliche Bildungspolitik anschaue, dazu dieses unsägliche Privatfernsehen mit seinen rund-um-die-Uhr-Verblödungsserien- und Sendungen und mir dann auch noch unsere Politiker anschaue, die ja auch zu jeder Meldung gleich mal etwas Twittern und/oder Facebooken müssen, anstatt mit gutem Beispiel voranzugehen und erstmal die Fakten abzuwarten, solange müssen wir mit dieser "Sofortpolitik" leben. Deshalb: Bitte, liebe Politiker aller Colour, hört mit diesem bescheuerten "Twittern" auf, ohne vorher nachzudenken und Fakten zu prüfen; dann müsst ihr euch auch hinterher nicht wieder rechtfertigen, entschuldigen, zurückrudern, etc.

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CSc5911 05.01.2017, 12:15
82.

Zitat von dirk.resuehr
oder eher eine unbedachtevHirnlosigkeiot, geprägt von individueller Interpretation eines Wortes? Woher bitte ergibt sich zwingend ein rassistischer Hintergrund, außer im Kopfer der Grünenvorsitzenden?
1. Peters Äußerung legt nicht nahe, dass sich "zwingend" ein rassistischer Hintergrund ergäbe. Sie wirft nur die Frage danach auf, und Fragen kann man am Ende mit ja oder nein beantworten.
2. Kennen Sie Peters Äußerungen zur Arbeit der Kölner Polizei? Überwiegend positiv, würde ich sagen. Und die zu ihrer eigenen Wortmeldung? Recht selbstkritisch, oder?
3. Kennen Sie die Äußerung des Kölner Polizeipräsidenten zur Verwendung des Begriffs "Nafri"?
Scheinbar sind die beiden in der Frage längst auf einer Wellenlänge. Den Sturm im Wasserglas erzeugen nur noch die, denen das ein ganz spezielles Anliegen ist.

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derschwarzwälder 05.01.2017, 12:21
83. Schon Adenauer benutzte dieses Zitat

Für die jüngeren unter uns der Hinweis, dass auch der "Super-Kanzler" Konrad Adenauer in der Gründerzeit der Republik schon eine ähnliche Aussage verlauten ließ. Es ist also alles "kalter Kaffee"....

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TLB 05.01.2017, 12:29
84.

In meiner romantischen Vorstellung von früher hat der Bäcker noch Brot gebacken und wurde dafür gelobt. Der Tischler hat ein Möbelstück gefertigt, und wurde dafür gelobt. Heute ist der Mensch so weit von einem greifbaren Ergebnis seiner Arbeit entfernt, dass er sich die Anerkennung anderswo sucht. Und weil es den Leuten schlicht und ergreifend zu gut geht und weil sie alle (pauschal, ich weiß) kaum mal gelobt werden, keine Anerkennung erfahren, versuchen sie wenigstens auf sich aufmerksam zu machen. Ein lokaler Gipfel der Dekadenz ist es, Hosen mit fabrikmäßig vorgefertigten Löchern zu kaufen, ein anderen lokaler Gipfel ist es, zu jedem Kram ein Statement abzugeben. Per Twitter. Weil man eben wenn man schon sonst nur eine arme Wurst, wenigstens diesbezüglich das gleiche Gewicht wie Altmeier oder Trump in die Waagschale werfen kann. Und wer sich von den Twitter-Kram noch abheben will, färbt sich die Haare bunt und erfindet Wörter wie Sofortpolitik, oder Wirkmacht. Als hätte die deutsche Sprache nicht genug Material, um sich präzise ausdrücken zu können!
Niemand wird diesen Zug aufhalten, aber es muss ja nicht jeder einsteigen. Insofern kann jeder warten, bis die digitale Debatte (auch so ein Wort!) recht analog in Zeitungsform vor einem liegt – und eine Vielzahl von Aufregern hat sich dann schon gelegt. Man lebt gesünder

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elkemeis 05.01.2017, 12:29
85. Deprimierend, aber wahr

Sascha Lobo beschreibt und analysiert den Ist-Zustand am Beispiel "Silvester in Köln" sehr gut und treffend.
Allerdings haben wir diese Art von Politik nicht erst seit Ende 2015, sondern seit elf Jahren. Es war und ist Angela Merkel, die die Politik der spontanen Beliebigkeit in Deutschland etabliert hat. Mittlerweile hat sie in Horst Seehofer und Sigmar Gabriel "würdige" Mitstreiter und Konkurrenten um den Titel "Biegsamstes Rückgrat". Diese unberechenbare und richtungslose Politik, deren einziges Ziel der eigene Machterhalt ist, ist wesentlich mitverantwortlich für die grassierende Politikverdrossenheit und den Zulauf zur AfD.
Zugespitzt, aber sehr treffend, ist das Zitat "2017 wird das Jahr, in dem schon das Grundgesetz als linksradikales Pamphlet gilt." Erst gestern sah ich ein AfD-Plakat, das genau in diese Richtung zielt.
Es bleibt die Frage, was diesem Trend zum gnadenlosen Populismus entgegengesetzt werden kann. Dazu möchte ich den im letzten Jahr verstorbenen Ex-Außenminister und Ex-Bundespräsidenten Walter Scheel sinngemäß zitieren: "Politik darf sich nicht nach der öffentlichen Meinung richten, um das momentan Populäre zu machen; Politik muss DAS RICHTIGE tun und es dann populär machen."

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Pausen-Inkling 05.01.2017, 12:35
86.

Zitat von NahGha09
[...] Noch eine kleine Anmerkung: Ihr ewiges "Jeder kann mitschreien" klingt wie das Jammern eines Kindes, das nicht bestimmen darf, was gespielt wird. Dieses "Jeder kann mitschreien" ist eine der Begleiterscheinungen des Internets. Gewöhnen Sie sich daran: Sie und Ihre Kollegen haben die Hoheit über die publizierten Nachrichten und Meinungen verloren. So, suck it up!
Ich möchte Ihrer Schlussthese widersprechen.

Zum einen geht in dem Artikel nicht um "Meinungshoheit", wie Sie Sascha Lobo einfach unterstellen, sondern um eine Debattenkultur, die Demokratie und die Qualität politischer Entscheidungen stärkt.

Zum anderen wird die Rolle von Journalisten m.E. immer wichtiger und Sascha Lobo ist dafür ein gutes Beispiel. Durch das Internet werden Meinungen nicht wirksamer - der Meinungsbrei wird nur zäher. Auch in diesem Forum finden sich wieder eine Reihe von Beiträgen, die Diskussion nicht ermöglichen, sondern sie auf durchschaubare Weise stören wollen.
Umso wichtiger wird die fundierte, recherchierte Meinung - die von Journalisten wie Sascha Lobo, die ihre Argumentationswege transparent und nachvollziehbar darlegen.

Was sich nicht ändert, ist der Maßstab des Verstehens: Mit dem Gebrauch des eigenen Verstands kann man sehr leicht eine fundierte Meinung von Unterstellungen unterscheiden.

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fuffel 05.01.2017, 12:46
87. nein,

Zitat von Dio_genes
Es sind doch die Medien, die gezwitscherte Äußerungen zu viel Gewicht beimessen. ...
Wir sind es!
Wieviele und welche Medien stünden Ihnen zur Verfügung? Und welche Reaktionsmuster?

Lesen Sie halt eine wöchentliche Zeitschrift, mal ein Buch oder schauen Sie eine historische Dokumentation.

Gibt ja ALLES :)

Wir wollen doch jeden Flugzeugabsturz live und jeden Terroranschlag in Farbe geliefert bekommen. Beschweren uns danach aber über die mangelhafte, journalistische Aufbearbeitung.

Weil doch nur noch die Überschriften interessieren.

Nur noch das Oberflächliche nachzufragen und sich dann über die mangelhafte Tiefe zu beschweren - geht auch nur in Deutschland, oder? :)

Diese Nachfrage nach aktueller Information und gleichzeitiger Einordnung kann doch gar nicht funktionieren.

Und von den 3000 Personen des öffentlichen Interesses wird sicher eine/r irgendwelchen Quark absondern. Dann sind wir natürlich gezwungen, dies sofort affektiv zu evaluieren.

Woher kommt diese Bedürfnis? Wer kann hier sein Wasser nicht halten?

Woher kommt die Idee, gegen jeden geisteskranken LKW Fahrer nun Gesetze erlassen zu können? Alles muss sich ändern, weil ein Mensch dies 80 Millionen vorschreibt?

Welche Art von Selbstbewusstsein spricht denn aus dieser Reaktion?

Leben wir nun richtig? Oder überlassen wir die Definition demjenigen, der sich gänzlich gegen unsere Wünsche, Vorstellungen oder die fragile Ordnung stellt?

Mal etwas Standhaftigkeit. Mal etwas Verbindliches.

Es ist keine Antwort auf Terrorismus, den Staat zu rechtslosem Verhalten aufzurufen. Entweder wir stehen zu dem was wir wollten oder wir geben es auf.

Was würde der Terrorist Ihres Vertrauens Ihnen raten?

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al3x4nd3r 05.01.2017, 12:52
88.

Die Sofort-Politik wäre kein Problem, wenn nicht die Sofort-Berichterstattung Probleme hocheskaliert und skandaliert.

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