Forum: Panorama
Diskurskritik: Politische und andere Ehrenmorde
Fabrizio Bensch/ REUTERS

Als Ehrenmord gelten Tötungen zur Verteidigung der Ehre. Es gibt auch Taten zur Erringung von Ehre oder zur Vernichtung von Ehre. Nicht alle Taten sind strafbar, nicht alle Opfer sterben, nicht alle Täter sind Männer.

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Fait Accompli 08.06.2019, 01:48
30.

Mit Genuss gelesen.

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spon_4_me 08.06.2019, 05:53
31. @ vera gehlkiel (# 17):

Ich will nicht vom Inhalt der Kolumne ablenken (Herr Fischer setzt den Begriff Ehrenmord wohl mit Grund in Anführungszeichen), aber der Begriff der Ehre ist in meinen Augen ein deutlich wichtigerer, als Sie ihm das zuzugestehen scheinen. Aus unserem gesellschaftlichen Diskurs (das stimmt) ist er weitgehend verschwunden. Wir messen zum Beispiel die Anerkennung einer Person oder Familie stark an materiellen Faktoren, was insofern demokratisch ist, als dass jeder Schuft mit ein bisschen Glück und Geschick reich werden kann. Wir betrachten den Menschen als autonomes Individuum, das ab einem bestimmten Alter für seine Handlungen und sein Auftreten allein verantwortlich ist - diese wirken sich nicht irgendwie auf die weitere Familie aus. Ich will das gar nicht bewerten, sondern nur sagen: Das war vor nicht allzu Zeit bei uns, das ist in vielen Kulturen der Welt noch heute anders. Ich habe beispielsweise viel Zeit in arabischen Ländern verbracht. Dort ist die Ehre der - sehr weit definierten - Familie das Kapital dieser Familie und funktioniert tatsächlich als eine Art Währung im gesellschaftlichen Umgang. Ob eine Familie in den Augen der anderen ehrenhaft ist, entscheidet über sozialen Auf- oder Abstieg durch Beruf oder Heirat, Teilhabe an Entscheidungen und öffentliche Respektsbezeigungen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es gibt viele Aspekte dieses Ehrbegriffs, die mir atavistisch und patriarchalisch-unterdrückend erscheinen. Aber für die in solchen Kulturen Geprägten ist das ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Prinzip des Zusammenlebens und nicht nur, wie Sie es nennen, eine machiavellistische Zutat zu erfolgreicher Machtpolitik. Ehre ist in diesen Gesellschaften, in denen der Zugriff des moderne Staates aus der Distanz ein oft noch sehr neues und misstrauisch beäugtes Phänomen ist, das implizite Regelwerk, das ein Zusammenleben möglich macht und Gerechtigkeit zu schaffen scheint, wo es kein relevant oder zeitnah wirksames Recht in unserem Sinne gibt. Dies nur a propos Ihres Posts; ich denke wie gesagt nicht, dass Herr Fischer den Begriff der Ehre hier anders als ironisierend in einen bundesrepublikanischen Zusammenhang eingeführt hat.

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michiflumm 08.06.2019, 07:36
32. Kolumnen und Kometen

In unserem Meinungskosmos sind die mehr oder minder renommierten Printmedien mit ihren Leitartikeln, Kommentaren und Beiträgen die Fixsterne im System. Sie bieten Orientierung, ihre Positionen sind bekannt
und fast unbeeinflussbar. Natürlich sind in einer solchen Welt Videobotschafter und Kolumnenschreiber wie Kometen, oder Meteoriten die "kreuz und quer fliegen" und andere Himmelskörper stören, irritieren und queren.

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pojarkow 08.06.2019, 10:06
33. Vergessene Frage:

Eine Frage hat Herr Fischer leider übersehen: Woran liegt es eigentlich, dass "ein 'Hintergrund' über Kevin K.'s Ambitionen, in vier Jahren parlamentarischer Staatssekretär im Kinderministerium zu werden, siebenmal mehr Klicks bringt", als eine Erläuterung darüber, "was 'Vergesellschaften' bedeutet"? Kann es sein, dass "die Presse" und ihr Publikum mehr miteinader gemein haben, als der Kolumnist in Betracht zu ziehen bereit ist? Kann es sein, dass die freie Presse dem Publikumsgeschmack folgt? Und dass sie in freilich auch ein gutes Stück selbst prägt, sich ihr Publikum erzieht? Wechselwirkungen, die in Zeiten digitaler Reichweitenmessund, Klickraten und Leseanalysen mal untersucht gehören.

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pojarkow 08.06.2019, 10:14
34. Vergessene Frage:

Eine Frage hat Herr Fischer leider übersehen: Woran liegt es eigentlich, dass "ein 'Hintergrund' über Kevin K.'s Ambitionen, in vier Jahren parlamentarischer Staatssekretär im Kinderministerium zu werden, siebenmal mehr Klicks bringt", als eine Erläuterung darüber, "was 'Vergesellschaften' bedeutet"? Kann es sein, dass "die Presse" und ihr Publikum mehr miteinader gemein haben, als der Kolumnist in Betracht zu ziehen bereit ist? Kann es sein, dass die freie Presse dem Publikumsgeschmack folgt? Und dass sie in freilich auch ein gutes Stück selbst prägt, sich ihr Publikum erzieht? Wechselwirkungen, die in Zeiten digitaler Reichweitenmessung, Klickraten und Leseanalysen mal untersucht gehören.

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vera gehlkiel 08.06.2019, 12:50
35. @susuexp

Ich gehe in der Hinsicht gaenzlich mit einem Machiavelli konform, für den, wenn ich "Machiavellismus" richtig begreife, Macht und Inhalt überhaupt nichts Verschiedenes sein kann. Sofern die Dienstleistung Politik Wählenden "Inhalte" verkauft, muss sie "Machtperspektiven" verkaufen. Sonst haben Sie einen Kühlschrank ohne Kuehlaggregat und einen Herd ohne Heizspiralen. Entsteht der Gefühlskitsch einer ewigen Seifenoper, wo die Leute nun Politik als Saettigungsbeilage empfinden. Das führt natürlich direkt zum Thema "asymmetrische Demobilisierung" und der Frage, ob diese Option, wie Erschafferin Merkel wohl geglaubt haben mag, einer "Super-DDR" ohne VoPo's und Grenzzaeune, dafür mit gigantulesken Wirtschaftsdaten in serieller Permanenz, wirklich zu nachhaltiger gesellschaftlicher Befriedung fuehren konnte. Nicht de facto zu einer gewaltigen narzisstischen Blase von latent gesteigerter Gewaltbereitschaft geführt hat, weil das eben von allem Beginn an essentiell so eingepreist war. Zur Jamaika -Balkonpervertierung sogar des dramaturgischen Grossthemas "eine permanente Regierungskrise". Vielleicht ja auch zu der Frage, warum Machtmensch Nahles uns ganz schnell so dringend fehlen wird. Und sicher zu der Frage des Zusammenhangs von Hoerigkeit im Hinblick auf Werbebotschaften, die von der Züchterideologie "Behavorismus" und allerlei willigen Narrativerfindern in der Glotze bestimmt werden.

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vera gehlkiel 08.06.2019, 13:23
36. @spon_for_me

Ich kenne, mit meiner rasch und gierig bei Gelegenheiten verschlungenen Strassenkoeter-Halbbildung, sowas wie den alten Platon nur vom Hoerensagen. Aber er wird durch Gewaehrsleute doch als ein extrem ehrbeflissener Mann dargestellt. Der an eine natürliche Ordnung der Dinge fest glaubte und an die Notwendigkeit, dass Intellektuelle die in dieser Ordnung enthaltene Ehre "an sich" repräsentieren, statt lästige Gerechtigkeitsfragen seitens derer, die den schon ab Geburt fest zugewiesenen Platz nicht klaglos akzeptierten, sorgfältig beantworten sollten. Das führt direkt zu der Frage, ob namentlich wir Frauen ehrlos nicht besser daran sind, insofern dieses unserer Würde als Menschen zweifellos guttut. Zweifellos sollten auch wir Frauen tapfer die Ehre unserer Familien verteidigen, jedenfalls desjenigen Teils, der für alle Zukunft stillgelegt unter einer Grabplatte ruht. Allerdings wirkt "Ehre" für mich sehr glaubwürdig nur als Skill einer vollendeten Vergangenheit. Und alle Ehrenmorde sind somit misslingende Vergangenheitsbewaeltigung.

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manskyEsel 08.06.2019, 14:14
37. vergebens....

Fürchte, daß Ihre respektheischenden Erwiderungen auf einige Foristen- Statements nicht helfen werden, verehrter Herrr Fischer.
Schade!

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andre_36 08.06.2019, 17:03
38.

Zitat von Thomas Fischer (SPON-Kolumnist)
Da haben Sie Recht. Genau das ist das Spiel. Ein schönes, wenn auch nur schaumgebremstes beispiel war die "maischberger"-Talkshow vom 5. Juni. Aus welchen Gründen auch immer, nehmen wir an aus guten, nahmen drei berufspolitiker teil, die sich bemühten, jedenfalls im Ansatz über Inhalte zu sprechen - und wenn nur in der Form, dass sie dazu aufforderten und ihren Willen dazu bekundeten. Selbst das wurde Ihnen nur gegen Widerstand gestattet. Die drei Journalisten faselten bis zum bitteren Ende darüber, wer zweiter stellvertretender Schriftführer welches Karnickelvereins hätte werden können oder demnächst werden sollte, wer was über wen gesagt hat und wer demnächst mit wem wen besiegen wird. Heute ist, soweit ich sehe, die Frage, ob und wann entweder Harbeck oder Kühnert Bundeskanzler werden. Es ist zum Erbarmen. Ich weiß nicht, warum niemand die Großanalytiker und Zettelmoderatorinnen einfach mal fragt, was sie eigentlich selbst in einer konkreten Sachfrage vorschlagen, wollen, besser wissen oder können.
Herr Fischer, ich stimme Ihnen absolut zu, was diese erbärmliche Talk-Runde mit Maischberger betrifft. Nach langer TV-Abstinenz hatte ich mir die Sendung in der Mediathek zu Gemüte geführt. Genau, wie Sie sagen: Drei Journalisten labern über Personalien und Kühnert und Semsrot versuchen vergeblich, inhaltliche Themen anzusprechen. Selbst der CDU-Politiker hat sich redlich bemüht. Der Gipfel der Impertinenz war für mich, als der Journalist mit Maischie darüber plauderte, ob und wann Kühnert sich an die Parteispitze puschen würde, während dieser fassungslos daneben saß. Unerträglich! Übrigens: Danke für die Kolumne! Sie sind einer der wenigen Kolumnisten, dessen Beiträge ich bis zu Ende lese und dabei nicht das Gefühl bekomme, meine Zeit zu verschwenden. Das bedeutet nicht, dass ich in jeder Frage mit Ihnen übereinstimme. Aber Sie sind zur Zeit einer der Besten auf SpOn.

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nobody_incognito 08.06.2019, 17:47
39.

Ein Mord ist immer die amtsanmaßende Vorwegnahme des jüngsten Gerichts. Das Morden ist den Erzengeln vorbehalten, bzw. sie rekrutieren sich vermutlich aus dem Heer der zu "Unrecht" ermordeten ???
Eigentlich ist es nur Schicksal Erzengel zu sein. ;-)

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