Forum: Panorama
Diskurskritik: Politische und andere Ehrenmorde
Fabrizio Bensch/ REUTERS

Als Ehrenmord gelten Tötungen zur Verteidigung der Ehre. Es gibt auch Taten zur Erringung von Ehre oder zur Vernichtung von Ehre. Nicht alle Taten sind strafbar, nicht alle Opfer sterben, nicht alle Täter sind Männer.

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vera gehlkiel 09.06.2019, 15:30
60. @lalito

Für mich ist Nahles eben deshalb integer, und ist es Habeck auch, weil er/sie unverhohlen auf den Zusammenhang zwischen "Macht haben" und "Projekte umsetzen" zu sprechen kommen. Desgleichen die Kanzlerin, insofern sie wiederholt zum Ausdruck brachte, dass sie sehr wohl die Befähigung hat, im "besten Sinne" eines Machiavelli zu taktieren. Dessen Charme ja gewissermaßen darauf beruht, dass er Herrschenden das "auf Sicht fahren" verordnet. Koenigsmacher und Koenigsmoerder bei ihm, dies wird von Oligarchen oder irgendwelchen Honeckers, die in der Tat als Kerngeschaeft "religiöse Ueberhoehung" von Macht betreiben (und sich stets gern auf Machiavelli berufen, was seinen guten Ruf ziemlich versaut hat), stets außer acht gelassen, ist in der Tat aber nur das Volk. Dem so, genau wie bei einem Spinoza, allein die Setzung von Würde, Wert und Moral, von mir aus auch gern Ehre, zukommen kann. Diese Emphase der Selbstkonstitution durch die immanente Schoepferkraft der Gemeinschaft (statt "Gott", auch wenn der, ähnlich wie in der Befreiungstheologie, gern mitmachen darf, wenn er Lust hat, denn jede Hand wird gebraucht) wird vom regierenden "Fürsten" lediglich antizipiert, wie durch die Schauspieler in einem gelingenden Theaterstück. Etwas Religion darf gern sein, Verantwortlichkeit aber muss sein. Und Gewalt ist bei Machiavelli letztendlich immer insuffizient. Deshalb hat seine freie und in sich schrankenlos bewegliche Volksgemeinschaft (die Renaissance hat ja schließlich "Multikulti" erfunden, und dabei ist ziemlich viel Fortschritt in ziemlich kurzer Zeit rausgekommen) auch null Komma null mit bizarren rechtspopulistischen Adaptionen zu tun. Die Herren Hardt und Negri sprechen bekanntlich von der "Multitude". Diesem freien Voelkchen unter einem grenzenlosen Himmel macht man halt nix vor, mittelfristig, aber man macht ihm vor allem keine Angst. Durch nichts.

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lalito 09.06.2019, 17:56
61. @ vera gehlkiel

Zitat von vera gehlkiel
Die Herren Hardt und Negri sprechen bekanntlich von der "Multitude". Diesem freien Voelkchen unter einem grenzenlosen Himmel macht man halt nix vor, mittelfristig, aber man macht ihm vor allem keine Angst. Durch nichts.
Dankeschön! Auch für die Erinnerung, durch Wiederfinden bei der Recherche nach "Multitude", an die guten alten Perlentaucher . . .

Und Angst? Nein.

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thom3 09.06.2019, 22:56
62. Man sollte politische Karrieren-Knicke oder -Enden grundsätzlich

niemals mit tödlichen Attentanten auf Politiker oder gar den sog. "Ehren"morden vergleichen. Ersteres wird dabei völlig falsch verstanden, letzteres wird dabei banalisiert und kleingeredet. Zu den tatsächlichen Zahlen, Tätern, Opfern, Gründen der ganz realen "Ehren"morde in Deutschland zB hier mal nachschauen http://www.ehrenmord.de/doku/doku.php In diesem falschen Vergleich funktioniert der Korrekturversuch dann auch nicht: "Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass es all das nicht gibt, oder gar, Gewaltverbrechen aus "Ehren"-Gründen seien nicht so schlimm oder wenig strafwürdig..." "Bürger, die gern lauthals der Einführung der Todesstrafe für "Ehrenmord" zustimmen..." Solche Bürger gibt es nur wenige, unter den Lesern hier praktisch gar nicht "..., finden solche Taten allerdings durchaus ehrenhaft, wenn sie von Clint Eastwood, Robert de Niro..." das könnte uns in Filmen schon eher passieren, aber die Todesstrafe für Mörder fordern wir deshalb doch nicht. Auch Filmmorde sollte man wie Politikkarrieren grundsätzlich niemals mit den realen Morden verwechseln, noch nicht mal zum rhetorischen Spaß.

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lenslarque 10.06.2019, 12:02
63. Treffende Analyse, nur

hier irrt der Autor: Daß es keine Aussagen der Parteien zur europapolitschen Themen gab, liegt, wie man hier nachlesen kann, nicht an den Parteien sondern an einer üblen Verschwörung: https://www.der-postillon.com/2019/05/nonsens-poster.html

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spon_4_me 10.06.2019, 14:08
64. @ vera gehlkiel (# 36):

Ich lese das, verehrte Forums-Freundin, erst jetzt. So sehr ich gerade Ihnen in dubito pro zuzugestehen bereit bin: Ehrenmorde sind keine misslingende Vergangenheitsbewältigung. Das ist - Vergebung - intellektualisierendes Geschwätz. Ehrenmorde sind das Äquivalent zur Denunziation eines Verwandten an den NKWD in den 30ern, sicheren Wissens über deren Misshandlung und Tod. Sie sind der widerwärtige Preis, den Familien dafür zu bezahlen bereit sind, ehrenhaft und Teil der relevanten Gemeinschaft zu bleiben, ein ethischer Bankrott des von falschen Werten getriebenen Patriarchats. Dass Herr Fischer diesen Begriff benutzt, schreibe ich wie gesagt einer Ironisierung zu - nicht für einen Moment würde ich glauben wollen, dass er die Taten durch die Vorsilbe Ehren zu relativieren trachtet - und wir sollten das auch nicht tun. Die verlorene Ehre der Frau ist immer noch meistens die der Katharina Blum: Ein Wesen, mit dem sich leider nicht einmal, vielleicht vor allem nicht die eigenen Geschlechtsgenossinnen zu solidarisieren bereit sind.

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thom3 10.06.2019, 15:03
65. Faktencheck zum Artikel-Fazit:

"Die meisten "Ehrenmorde" in Deutschland finden unter Deutschen statt."
Das klingt auf den ersten Blick völlig selbstverständlich, falls man die spezifischen "Ehren"morde an Frauen zur Durchsetzung einer Familienehre einem "globalen Ehrbegriff" zuordnet.
Nach der polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2018 für Mord und Totschlag* gab es 1.214 Tatverdächtigten von den ca. 11 Mill ohne deutschen Pass, das ist eine sehr hohe Zahl im Vergleich zu den 1.609 von den ca. 72 Mill mit deutschen Pass. Dazu besitzen auch mehrere Millionen Doppelstaatler den dt. Pass, viele Eingebürgerte und Aussiedler, alle Ius soli Kinder und alle anerkannten eingebürgerten Flüchtlinge besitzen zwei Staatsbürgerschaften. In D. zählen sie als deutsche Staatsbürger zu den 72 Mill, im anderen Staat aber nur als türkische, iranische, russische, nigerianische etc. Staatsbürger.

Die PKS weist für Doppelstaatler und Eingebürgerte keine Zahlen aus, Thomas Fischers globales Artikel-Fazit ist jedenfalls sehr viel weniger selbstverständlich und recherchiert und auch "falscher", als er wohl selber dachte.

* https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/2018/pks2018Jahrbuch3TV.pdf;jsessionid=126D6733F0C227C3 D6A300E34519B8A2.live2301?__blob=publicationFile&v =5
Bevölkerungs-Zahlen destatis

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66. Zu Nr. 65 (thom3)

So ganz genau weiß ich nicht, was Sie sagen wollen. Bzw. was Sie mit "global" meinen. Ich empfehle zum "Ehrenmord" (unter anderem) die schon erwähnte Veröffentlichung des BKA. Soweit ich sehe, sieht es statistisch etwa so aus:

PKS 2018: Angezeigte Taten gegen das Leben: 3254 (davon 1968 Versuche), Tatverdächtige: 3221 (davon Frauen: 599). Mord ( § 211): Angezeigte Taten 901 (davon 622 Versuche), Tatverdächtige 853 (davon 107 Frauen). Totschlag (§ 212): Angezeigte Taten 1553 (davon 1272 Versuche); Tatverdächtige 1965 (davon 213 Frauen). Körperverletzung mit Todesfolge (§ 227): Angezeigte Taten 88; Tatverdächtige 93 (davon 21 Frauen).

Rechtspflegestatistik (Justiz): Verurteilte wegen Mord und Totschlag (§§ 211, 212): 1980 = 682; 1990 = 565; 2000 = 700; 2010 = 617; 2015 = 513; 2017 = 538 (bis 2000: Alte Bundesländer; ab 2010: alle Bundesländer).

Nichtdeutsche Tatverdächtige (PKS 2018): Alle Straftaten gegen das Leben: 1259. Mord (211): 329 (davon 19 Frauen); Totschlag (§ 212): 887 (davon 53 Frauen).

Verurteilte Nichtdeutsche (Rechtspflegestatistik 2017), Mord und Totschlag (§§ 211, 212, einschließlich Versuche): 247; das sind 45,9 % der Verurteilten.

Die Bewertung ist natürlich kompliziert. Insgesamt ist deutlich, dass die Zahl der Tötungsdelikte über die Jahre recht deutlich gesunken ist, und dass der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger und verurteilten deutlich überrepräsentativ (bzgl des Anteils an der Gesamtbevölkerung) ist. Welche anderen sozialen Merkmale diese Gruppe aufweist, die in Relation zur Gesamtbevölkerung gesetzt werden müssen (Alter, Bildungsstand, Beruf, familiäre Bindung, usw.), wird hier nicht deutlich, muss aber bedacht werden. Sonstige Merkmale, die Sie erwähnen ("Eingebürgerte", "Flüchtlinge"), werden in den genannten Statistiken nicht erfasst.

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thom3 11.06.2019, 03:18
67. Lieber Herr Fischer, wie kommen Sie von Nahles denn schon wieder

auf Clankriminalität, auf Ehrenmorde? Über Ihren inhaltsentleerten, zusammenhangslosen Globalbegriff der Ehre. Damit übersetzen Sie sich völlig falsch ins Deutsche, was z.B. "namus"-und ein "namus"-Mord in der türkisch-islamischen Kultur bedeutet. Absurd falsch auch Ihre Statistik der angeblich 41* in "Ehren"morden getöten Frauen in 10 Jahren, in den letzten zehn Jahren jedenfalls wurden in D. nachweislich über 300 Frauen in "Ehren"morden tatsächlich getötet, sicher noch viel mehr verletzt und verstümmelt. Hier http://www.ehrenmord.de/doku/doku.php können Sie sich zu diesen vielen konkreten Fälle und in "Häufige Fragen" zum Thema "Ehren"mord mal etwas einlesen.
Mädchen und Frauen werden manchmal auch ins Ausland verschleppt, dort ermordet und als vermisst gemeldet, oder in den Selbstmord getrieben. Männliche Opfer von "Ehren"morden und körperlichen Angriffen werden hier nicht aufgeführt, etwa als Freunde und Bekannte islamischer Mädchen und Frauen, sind aber wohl in ähnlicher Größenordnung betroffen. Auch schon durch die äußerst verbreiteten konkreten Morddrohungen.

"Die meisten "Ehrenmorde" in Deutschland finden unter Deutschen statt." Zu den "Ehren"morden ist das jedenfalls absurd falsch, diese Bewertung ist nicht kompliziert. Aber sogar bei allen Formen von Mord und Totschlag stimmt das bei 45,9% Verurteilten der Minderheit ohne deutschen Pass (Rechtspflegestatistik 2017) nicht mehr so richtig. Besucht man mal ein Gefängnis, und sucht nicht nach falschen Statistiken, dann sieht man das auch.
*(57%, 66% von 109 Opfern)

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willms 11.06.2019, 08:29
68. Thom3 „Faktencheck zum Artikel“ (Nr. 65) läßt die wichtigen Fakten aus

Zitat von thom3
"Die meisten "Ehrenmorde" in Deutschland finden unter Deutschen statt." Das klingt auf den ersten Blick völlig selbstverständlich, falls man die spezifischen "Ehren"morde an Frauen zur Durchsetzung einer Familienehre einem "globalen Ehrbegriff" zuordnet. Nach der polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2018 für Mord und Totschlag* gab es 1.214 Tatverdächtigten von den ca. 11 Mill ohne deutschen Pass, das ist eine sehr hohe Zahl im Vergleich zu den 1.609 von den ca. 72 Mill mit deutschen Pass. Dazu besitzen auch mehrere Millionen Doppelstaatler den dt. Pass, viele Eingebürgerte und Aussiedler, alle Ius soli Kinder und alle anerkannten eingebürgerten Flüchtlinge besitzen zwei Staatsbürgerschaften. In D. zählen sie als deutsche Staatsbürger zu den 72 Mill, im anderen Staat aber nur als türkische, iranische, russische, nigerianische etc. Staatsbürger. Die PKS weist für Doppelstaatler und Eingebürgerte keine Zahlen aus, Thomas Fischers globales Artikel-Fazit ist jedenfalls sehr viel weniger selbstverständlich und recherchiert und auch "falscher", als er wohl selber dachte. * https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/2018/pks2018Jahrbuch3TV.pdf;jsessionid=126D6733F0C227C3 D6A300E34519B8A2.live2301?__blob=publicationFile&v =5 Bevölkerungs-Zahlen destatis
Ich hatte schon mal darauf verwiesen:

Die Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen (nicht der gerichtlich identifizierten Täter) ist weit weniger wichtig und interessant.

Wobei ... der höhere Anteil von nicht-deutschen Staatsangehörigkeiten läßt natürlich auch auf eine rassistische Selektion durch die Polizei schließen.

Wichter aber folgendes:

Man gruppiere die Tatverdächtigen (nochmal: Verdächtigte, nicht verurteilte) nach Alter und Geschlecht, findet man als erstes als eine sehr starke Gruppe junge Männer, und wenn sie die nach Alter und Geschlecht gruppierten weiter gliedert nach Staatsangehörigkeiten, dann werden Sie finden, daß hier das Verhältnis von deutschen zu nicht-deutschen Staatsangehörigen dem entsprechenden Verhältnis in der Gesamtbevölkerung entspricht.

So erweist sich die Agitatation von "Thom3" als rassistische Stimmungsmache, nichts weiter.

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willms 11.06.2019, 08:38
69. Danke für die köstliche Lektüre!

Die zudem — bezüglich der Presse — mir aus der Seele geschrieben ist. Vor allem Ihre Ausführungen zu AKKs Wunsch, die Kontrolle über die in großen Firmen konsolidierten Medien auf die als Einzelunternehmer in Youtube-Kanälen zu übertragen. Ich sah darin v.a. ein vernichtendes Urteil über die Presse der Springer, Madsack, Funke, Ippen, SWMH usw.
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PS:
Falls jemand SWMH nicht kennt: das heißt ausgeschrieben "Südwestdeutsche Medienholding". Entstanden aus dem Rückzug der Unternehmerfamilie Bosch aus der Stuttgarter Zeitung, beherrscht mit satzungsgemäß immer gleichen Teilen von dem Verlag der Ludwigshafener "Rheinpfalz" und der "Gruppe Württembergischer Verleger", deren führendes Unternehmen der Konzern um die Ulmer "Südwestpresse" ist. Die SWMH kontrolliert mit einem 80%-Anteil am "Süddeutschen Verlag" auch die "Süddeutsche Zeitung".

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