Forum: Panorama
Doping im Sport: Entscheidend ist aufm Podium
Christophe Ena/ AP

Das Schönste am Sport ist das Dabeisein? In ausnahmslos allen Disziplinen des wirklichen Lebens versucht der Mensch, sich Vorteile gegenüber Konkurrenten zu verschaffen. Nur beim Sport sagt man das D-Wort.

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CoolCanada 02.08.2019, 13:47
50. Großartig, Herr Fischer!

Ein Jurist greift in die Tasten - und siehe da: Es ist nicht nur gut lesbar, was er da schreibt. Es ist einfach großartig! Wunderbar, wie Herr Fischer aus harten Fakten unterhaltsame Funf Facts macht. Dabei versteht er es bestens, uns Leser - wie nebenbei - mit Informationen aus dem Bereich des Sports, der Chemie und des Lebens allgemein zu versorgen und uns dabei auf so charmante Weise bei Laune zu halten, dass man immer nur weiterlesen möchte. Zum Thema selbst: Von dem ehemaligen Weltklasse-Sprinter Ben Johnson, der "Schande von Seoul", stammt das Antidoping-Zitat, er habe “not knowingly taken illegal drugs.” Hört sich fast an wie Bill Clintons "I have never had sexual relations with Monica Lewinsky", weil ein Blowjob ja bekanntlich nichts mit Sex zu tun hat.

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nouseforanothername 02.08.2019, 13:57
51. Respekt!

Nicht, dass ich es mich jemals gefragt hätte, für wahrscheinlich gehalten hätte ich es aber wohl nicht - ein "Kette rechts!" für Sie, Herr Fischer, mit vielem Dank für die Schmunzler, die zugegebener Weise, teils auch noch in meinem Hals stecken.
Eine hervorragende Analyse!

Und nun wünsche ich mir, irgendwann während einer Marathon-RTF im Bummeltempo neben Ihnen zu fahren, um Ihren meist spannenden Gedanken hinterher zu jagen. Auch Sport. Und in gewisser Weise doping.

Gute Fahrt!

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Newspeak 02.08.2019, 13:57
52. ...

Ich fand ihre Analyse nicht ganz so stringent wie sonst, vor allem, weil, meiner Meinung nach, ein wesentlicher Aspekt fehlt. Es geht am Ende, richtig, um Geld und Macht. Weil das alles ist, was im Kapitalismus zaehlt. Es geht auch um Marketing. Den schoenen Schein. Verlogenheit, das ist ueberhaupt die entscheidende Tugend im Kapitalismus. Interessanterweise gibt es bei der Verlogenheit aber auch juristische Grenzziehungen. Wenn der Milchbauer mit von Hand gemolkenen, gluecklichen Kuehen auf der gruenen Weide wirbt, dann geht es seltsamerweise auch dann noch in Ordnung, wenn die Kuehe in Wirklichkeit vom Melkroboter in einem Edelstahlstall ausgebeutet wurden. Aber wehe, man luegt auf andere Weise, unterstellt der Milch gesundheitsfoerdernde Wirkung oder aehnliches, dann ruecken gleich die Wettbewerbshueter an. Versteht man das? Na ja, egal, ich habe fuer mich das Fazit gezogen, dass ich JEDEN Sieger der Tour de France fuer gedopt halte. Es ist einfach plausibler so. Vielleicht gibt es wirklich jemanden, der das ohne Doping schafft, dann waere mein Verdacht schade. Aber die Wahrscheinlichkeitstheorie bestaetigt mich.

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AngelikaHofmann 02.08.2019, 14:26
53. Sport

Leistungssport war mal für Männer überlebenswichtig, als Kriege mit Schwertern und Beilen ausgetragen wurde. Mit der Erfindung der Schusswaffen war er eigentlich überflüssig geworden. Zur Erhaltung der Gesundheit reichen normale sportliche Übungen. Aber wie das so ist beim Menschen: Die Instinkte sind vorherrschend, die Sucht nach einer Platzierung in irgendeiner Hackordnung ist dem Menschen ungeheuer wichtig, davon lässt er sich nicht abhalten, auch wenn es keinen Sinn ergibt. Aber der Verstand ist bei den meisten Menschen sowieso nur dazu da, die Befriedigung eigener Instinkte zu rechtfertigen. Nur ganz wenige Menschen sind dazu in der Lage, den Verstand dazu zu benutzen, die Instinkte zu hinterfragen, ob sie noch einen Sinn haben. Dabei wäre das für das Überleben der Gattung Mensch dringend notwendig. Aber statt dessen vergeuden wir Ressourcen, Zeit und Geld, um sinnlose Sportveranstaltungen auszurichten und zu besuchen.

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werner.garbers 02.08.2019, 14:54
54.

Zitat von Thomas Fischer (SPON-Kolumnist)
Anlass für die Kolumne waren eigentlich zwei Gedanken, die mit "Dooping im Sport" eigentlich nur mittelbar und uin zweiter Linie zu tun haben: Zum einen ist faszinierend, in welchem Maß und in welche Richtung sich die Körper-Wahnehmung der Gesellschaften in den reichen Ländern entwickelt (hat). Das hat natürlich mit der Definition von "Person" zu tun. Es gab einmal eine Zeit, in der nur die Reichsten, Schlauesten, Gebildetsten es sich leisten konnten, keine "Profis" zu sein, sondern "Dilettanten". Das ist ungefähr 250 Jahre her. Seither haben wir den Kapitalismus erfunden, und aus der Arbeitersport-Bewegung des 19. Jahrhunderts ist ein angebliches Volk von "Profis" geworden: Profis, die es schon sind, die es gern wären, die es mal waren und solchen, die es nie schaffen werden. Man sollte da gelegentlich aus einer gewissen Distanz draufschauen, also wie ein "Alien". Zum anderen fällt (mir) auf, dass im sog. Hochleistungssport letzten Endes über ganz ähnliche Sachen verhandelt wird, die auch im so genannten wirklichen Leben ständig verhandelt werden: Über Voraussetzungen und Grenzen von Vertrauen, Fairness und Gerechtigkeit. Eigentlich weiß ja jede(r), dass es schlichtweg absolut egal ist, ob einer 2,33 Meter oder 2,34 Meter hoch springt; und völlig uninteressant, wie schnell einer 485 Meter weit Sackhüpfen kann. Es macht ja auch keinen wirklichen Spaß (mehr): Weder den "Profi"-Sackhüpfern noch den "Amateuren", die sich Säcke mit karbongriffen kaufen, die 15 Gramm leichter sind als Polyamid. Und "Fan" von Sackhüpfern oder Rückhand-Cross-Spielern zu sein, ist ja - eigentlich - auch kein besonders sinnvoller Lebensinhalt. Deshalb (und aus anderen Gründen) finde ich es auch interessant zu fragen, wie und was GENAU wir über die "Grenzen" verhandeln. Was also etwa den "Sportbetrug" vom stinknormalen Anlagebetrug unterscheidet. Warum wir mit so außerordentlicher Akribie (!) und weitverbreiteter Sachkunde (!) über das Sport-Doping berichten, mutmaßen, uns empören, informiert werrden usw., Warum wir so enttäuscht sind von den Betrügern auf den "Treppchen". Und zugleich die Grundlagen von all dem so widerspruchslos hinnehmen, als "Natur" (des Menschen) ansehen und für zwangsläufig gegeben halten - in den Worten der Kolumne: "Meinen, dass alles genau so sein MUSS, weil es so IST."
Der Komiker aus Darmstadt spricht:

Sportbetrug mag Sitting Bull nicht und ich mag grundsätzlich keinen Betrug. Sitting Bull fand manchmal in den Verträgen der Mächtigen böse Nichtigkeiten wodurch die Große Weisse Wahrsagerin dann grosse Sorgen bekam / bekommt. Der Wind wehte das früher ins Zelt, heute per e-mail in den Postkasten und was dann?

Mit wehenden Haaren gegen den Betrug ?
Wer macht das ???

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55. Zu Nr. 43 (w.weiter)

Zitat von w.weiter
Tja, was ist „Doping“: (...) „Love it or leave it!“ Es bleibt die Entscheidung jedes Menschen das zu tun. Es bleibt die Entscheidung jedes Einzelnen solche Menschen anzuhimmeln oder zu verdammen.
Ja, Sie haben schon irgendwie Recht.
Aber es ist natürlich keine Frage, die auf "Doping" oder gar auf "Sport"-Doping beschränkt ist. Es geht um "enhancement"; die Diskussion darüber in Recht, Philosophie, (Medizin)Ethik und Soziologie ist ja inzwischen sehr breit und differenziert, hat allerdings die "Breite" noch nicht erreicht.
In der Alltagswelt scheint alles immer natürwüchsig, zwangsläufig und harmlos. Und der "Sport" ist ja auch schön: man freut sich, wenn man den "Alb-Extrem"-Radmaraton 10 Minuten schneller schafft als im Vorjahr; und ich selbst habe auch ein paar "Fibnisher"-Trikots aufgehoben.
Unter der Hand verhandeln wir natürlich auch darüber, was der mensch und was die Maschine ist, und integrieren, Stück für Stück, die maschine in uns selbst, oder umgekehrt. Nicht zufällig hören wir in den Volksbildungs-Sendungen heute schon dauern von "Nanomaschinen", die uns demnächst auf Molekülebene in innen "reparieren" oder Kleinteile ersetzen. Niemand wundert sich heute mehr darüber, permanent im Alltag auf Personen zu stoßen, die zu einem erheblichen Teil aus technischen Ersatzteilen (bis hin zu Knochen, Herzklappen, inneren Organen, Sensoren) bestehen. Wir bauen sogar eine große und gewichtige Moral darum herum: Die "Behinderten" müssen barrierefrei leben können; für Menschen mit Carbon-Unterschenkeln gbit es Olympische Laufwettbewerbe, usw. Bürger werden für moralisch (und demnächst auch: rechtlich) verpflichtet gehalten, ihre Körperteile nach Gebrauch weiterzugeben, damit sie als Ersatzteile für andere verwendet werden können..
Der "Sport" lehrt uns, das alles und mehr für eine "ganz normale", "natürliche", sozusagen menschheits-ewige Denkweise zu halten. Das täuscht aber. Es ist die Kultur einer bestimmten, zeitgebundenen, veranderbaren und sich verändernden gesellschaftlichen Struktur. "Doping" ist nur eine äußere, sichtbare, schlichte Oberflächenerscheinung davon.

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vera gehlkiel 02.08.2019, 15:01
56.

Mir fehlt die entschiedene Trennung zwischen Athleten (da Fischer die Querverbindung selbst bemüht: auch "Junkies") und Verkäufern oder eben "Dealern". Für einen kolumbianischen Drogenbaron ist das ein Geschäft mit irren Gewinnspannen, und beim Sportpromoter ist es nicht viel anders. Beide sind in der Risikohierarchie ganz hinten. Den lebenslang versauten Körper hat der Radfahrer (von mir aus auch die Lady mit dem Kardashian -Hintern und den Zellgiften in der Blutbahn), hat der Junkie und seine zerstörte Familie. Das kleine Mädchen das merkt, wie gut es im Sport ist, ohne sich groß anzustrengen, wird ja erst zu einem großen Mädchen mit dem gewissenlosen Verband im Rücken, oder den Managern mit Weltexklusiv -Vermarktungsrechten. Schützenswert ist unsere kleine harmlose Seele, die sich wie verrückt über einen Sieg in einem Wettkampf freuen kann, und für die Sport generell die Möglichkeit zur wahnsinnig intensiven Erfahrung dessen bietet, was man so "das reine Glück" nennt, allerdings auf jeden Fall. Meines Erachtens eine hinreichende Legitimation für den Kampf gegen Doping im Leistungssport. Insofern ja auch Betrug in einem großen Umfang, siehe Lance Armstrong etc., aufgedeckt worden ist.

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DietmarBickmann 02.08.2019, 15:05
57. Doping ist systemimmanent

Zitat von Heimratt
Als einigen Medienvertreter gegen Jan Ullrich los traten? "Am 26. Juni 2006, fünf Tage vor Beginn der Tour de France, tauchten erneut Gerüchte im Zusammenhang mit der Dopingaffäre um das Liberty-Seguros-Team in den Medien auf, wobei es der spanischen Zeitung El País zufolge Hinweise auf eine mögliche Verstrickung von Ullrich gegeben haben soll." Der Grund der Hetzjagd: es gab einen Vertrag zwischen Ullrich und der ARD. Es war dann ein ARD-Journalist, der die Hetzjagd initiierte, da Ullrich ihm nicht genügend für Interviews zur Verfügung stand. Denn Ullrich erhielt wegen dieser Verfügbarkeit 195.000 Euro pro Jahr. Jan Ullrich ist wg. Dopings nie von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden und hat damit als unschuldig zu gelten. In der Fuentes-Sache ist kein einziger Radrennfahrer verurteilt worden. Und wie wurden diese "medizinischen Behandlungen" durch die selbstherrlichen "Sportjournalisten", die eine Zeitlang als Dopingrichter fungierten, hochgespielt.
Es ist doch eher umgekehrt. Die Sportreporter verschleiern die Zustände im Sport, nicht nur im Radsport. Doping gibt es bei der Tour de France seit es sie gibt, also seit über 100 Jahren. Und gefühlt ebenso lange predigt Klaus Angermann nach jeder neuen Doping-Welle verzweifelt ins Mikro: "Wir müssen dem Radsport eine neue Chance geben!"
Wer den Festina-Prozess in Lille verfolgt hat, kann eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Die Tour kann man ungedopt überhaupt nicht mitfahren. Eher bin ich geneigt, einzelne Fahrer oder weite Teile des Fahrer-Feldes als regelrechte Junkies zu bezeichnen.
Das will ich aber überhaupt nicht bewerten. Wie Thomas Fischer richtig sagt, handelt es sich zunächst einmal um Selbstschädigung. Die Leistung der Fahrer fasziniert mich trotzdem und ich wende dem Radsport auch nicht den Rücken zu, was die deutsche Öffentlichkeit nach den Enthüllungen um das Team Telekom und der Uni Freiburg beleidigt zelebrierte wie eine betrogene Ehefrau. Ich muss eben vorher wissen, was dort läuft und nicht naiv die Scheuklappen aufsetzen.
Was nervt, ist diese Scheinheiligkeit und Verlogenheit des Systems und angrenzender Systeme wie Medien. Sie macht es auch unmöglich, einen rationalen Umgang mit Doping zu finden und mindestens die Fahrer unter ausreichend medizinischen Schutz zu stellen - was auch die unsäglichen Todesfälle unter jungen Fahrern vielleicht verhindern könnte.

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58. Zu 49 (rower77)

Zitat von rower77
Sehr geehrter Herr Fischer, steht da eben nicht. Bei ihrer Angabe würde der Fahrer den Berg nicht erklimmen können. Hat freilich keine nennenswerten Auswirkungen auf den Beitrag.
ja, na ja. Alles sehr schwierig und sehr genau. Mit "VO2max pro Kilogramm" kommt der Fahrer den Berg allerdings auch nicht so richtig rauf, weil dem Berg die VO2max ja irgendwie egal ist, und dem Körper auch. Er muss den ganzen Sauerstoff ja erst noch zur Produktion der heiligen WATT aus leckeren Nudeln umwandeln, und diese mittels Knochen, Hebeln, Ritzeln und Transmissionsmedien in einen gewissen Vortrieb übersetzen. VO2-MAX hilft da MAXimal kurzfristig.
Aber da wir sowieso alle wissen, was gemeint ist, ist es dann ja auch wurscht.

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59. Zu 53 (AngelikaHofmann)

Zitat von AngelikaHofmann
Leistungssport war mal für Männer überlebenswichtig, als Kriege mit Schwertern und Beilen ausgetragen wurde. Mit der Erfindung der Schusswaffen war er eigentlich überflüssig geworden. (...) Nur ganz wenige Menschen sind dazu in der Lage, den Verstand dazu zu benutzen, die Instinkte zu hinterfragen, ob sie noch einen Sinn haben. Dabei wäre das für das Überleben der Gattung Mensch dringend notwendig. Aber statt dessen vergeuden wir Ressourcen, Zeit und Geld, um sinnlose Sportveranstaltungen auszurichten und zu besuchen.
... Da habe ich gewisse Zweifel. Der Krieg war ganz gewiss noch nie ein "Sport", auch nicht, als er mit Körperkontakt geführt wurde. Und das "Kriegshandwerk" übte man nicht als "Hobby" (aus). Dass der mensch "Instinkte" aus 3 Millionen Jahren Evolution mal "hinterfragen" sollte, um dann ein ganz anderer, besserer zu sein/werden, ist auch eine merkwürdige Vorstellung. Es scheint mir relativ schwierig, Tieren mit Hilfe von Nachdenken Instinkte abzutrainieren - jedenfalls wenn das innerhalb der Zeitspannen geschehen soll, die heutzutage für Entstehen und Bewährung ganz neue Weltordnungen als angemessen angesehen werden.

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