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Effektiver Altruismus: Hirn statt Herz
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Effektive Altruisten wollen nicht bloß Gutes tun, sondern mit ihrem Engagement das beste Ergebnis erzielen. Dafür rechnen sie aus, wessen Leben am meisten wert ist. Darf man das?

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darkace82 14.04.2017, 11:58
10. Mehr Hirn..

täte uns generell im Leben gut. Im Bezug auf Konsum (mal effektiv überlegen was man braucht oder wieso man etwas will statt immer spontan Schrott zu kaufen), der Lebensplanung und generell im Umgang mit Emotionen auch mal logisch zu überlegen. Unsere Welt wäre eine bessere.

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Fred the Frog 14.04.2017, 11:59
11. Nachhaltigkeit statt Effektivität

In der ganzen Diskussion vermisse ich die Betrachtung der Langzeiteffekte. Lebensmittelhilfe für eine hungernde Bevölkerung ist gut, ohne weitere Maßnahme sorgt sie aber nur dafür, dass künftig (bei Auslaufen der Maßnahme) noch mehr Menschen hungern. Gesundheitsfürsorge erscheint hilfreich, führt aber - auch wenn es zynisch klingt -zu noch mehr Problemen bei der Überbevölkerung.
Wer unbedarft Brunnen bohrt, senkt den Grundwasserspiegel mit unabsehbaren Folgen. Und schließlich sorgen die humanitären Helfer in Kriegsgebieten dafür, dass Kriegstreiber mehr Ressourcen frei haben für noch mehr Bomben.
Prioritäten setzen heißt, zu entscheiden, was man nicht macht. Wer effektiv sein will, muss sich über die Langzeitwirkung seines Handelns bewusst sein und auf eine umfassende Hilfe bedacht sein.

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Gion1 14.04.2017, 12:00
12. Nicht quantifizierbare Werte

Die diesem Handeln zu Grunde liegende Idee, geht von einem utilitaristischen Konzept aus, das annimmt, dass es entscheidend ist, ob etwas Glück vermehrt. Das Problem der Maxime „Glück vermehren“ ist jedoch, dass sie immer das Ergebnis eines Diskurses ist, der nicht auf Werten, sondern auf etwas vermeintlich messbaren beruht und damit das Tor für jeden „Wert“ öffnet.
Konkret: Das Leid der Flüchtlinge ist größer als das derjenigen Deutschen, die unter der Aufnahme der Flüchtlinge zu leiden scheinen. Wenn nun jedoch mehr Flüchtlinge kommen und andere darin z.B. beginnen ein Problem für die Wirtschaft zu sehen, was wieder zur Folge hat, dass wir weniger Entwicklungshilfe zahlen und dadurch mehr Leute in Afrika an Hunger sterben, dann könnte das Ergebnis einer utilitaristischen Abwägung sein, dass man die Flüchtlinge lieber nicht aufnimmt.
Heinrich Himmler schreibt in seinen Tagebüchern, dass es für ihn ein Problem war Männer der SS dazu zu bringen, andere Menschen zu erschießen, da sie der spontanen emotionalen Reaktion des Mitglieds nicht widerstehen konnten. Erst nachdem er ein höheres Ziel konstruierte („überwindet euch für die arische Rasse“), das auf Dauer das Glück mehren würde, konnte dieser Widerstand gebrochen wurde.
Hier zeigt sich wo die Gefahr im Rationalisieren von ethischen Handlungen liegt und das „Rationalität“ an dieser Stelle nicht mehr als ein leerer Signifikant ist, der für Missbrauch prädestiniert ist.
Schon Kant kannte den Unterschied zwischen quantifizierbaren und nicht quantifizierbaren Werten.

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Lopid 14.04.2017, 12:17
13.

Es ist ja völlig okay, statt aktiv ehrenamtlich zu arbeiten, Geld zu spenden. Geld wird für die Arbeit bzw. Projekte auch immer dringend benötigt. Aber hier versucht man sich ja regelrecht, moralisch über all die Aktiven zu stellen. Ein Aktiver, der 10 Stunden in der Woche für eine gemeinnützige Organisation arbeitet, spendet damit grob jeden Monat um die 400 Euro. Hat man über Jahre Expertise in dem Bereich entwickelt, steigert sich die Summe, da eine entsprechende Arbeitskraft deutlich teurer wäre. Und die Arbeitsleistung des Aktiven geht zu 100 % in dem Bereich, in dem er aktiv ist und nicht in die Verwaltung uä.

Hinzu kommt, und das ist dann nicht mehr "altruistisch", aber menschlich: Viele Menschen wollen auch etwas zum Ausgleich zu Arbeit und Alltag machen und ehrenamtliche Arbeit ist da ein sehr interessanter Weg. Man kann seinen eigenen Interessen nachgehen, man qualifiziert sich darüber und man hilft anderen Menschen.

Gerade wenn es um dauerhafte Konzepte geht, würde ich eine Welt, in der alle 10 Stunden in der Woche freiwillig für ehrenamtliche Arbeiten aufbringen, deutlich eher begrüßen als ein Welt, in der alle 10 % ihres Einkommens für Organisationen spenden, die sie gar nicht wirklich kennen und ohne dass sie eine Ahnung haben, was das Geld überhaupt macht.

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oledoledoffe 14.04.2017, 12:42
14.

Liebe deinen Nächsten, sei ein Vorbild für Kinder, behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest, die größte freude, die du haben kannst, ist andere glücklich zu machen, hör auf dein Herz, dein Gewissen, sei nicht nachtragend, sei v.a. aber auch nicht zwanghaft, sei frei.

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MyFewCents 14.04.2017, 12:55
15.

Zitat von fpa
Seesterne retten -------------------------------- ... Der Junge schaute den Mann einen Moment lang an. Dann ging er zu dem nächsten Seestern, hob ihn behutsam vom Boden auf und warf ihn ins Meer. Zu dem Mann sagte er: "Für ihn wird es etwas ändern!"
Für die Beute des Seesterns auch. Aber nicht zum Positiven ;-)
Was nicht heißen soll, dass ich die Seesterne böse finde und sie deshalb für nicht helfens-wert halte.
- Ich will vielmehr was anderes sagen: man muß weiter denken als nur bis zur nächsten Hausecke.

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fpa 14.04.2017, 13:19
16. Verantwortung (Gutes tun) ist nicht frei von Widersprüchen (Teil 2)

Zitat von MyFewCents
- Ich will vielmehr was anderes sagen: man muß weiter denken als nur bis zur nächsten Hausecke.
Genau!
Und deshalb gibt es dazu auch noch Teil 2, sozusagen die Version für hoch gebildete, eine Übersetzung eines Vortrages zur Graduate Verleihung an der Stanford University durch den Verhaltensforscher Prof. Robert Sapolsky zu dem Thema "Was macht den Menschen einzigartig?"

“Je weniger etwas möglich etwas ist, desto wichtiger ist es, es zu tun.“

Wobei man nicht nur diesen Widerspruch zur Kenntnis nehmen sollte, sondern auch, dass es gerade diese Widersprüchlichkeit ist, die es lebendig, wichtig und zu einem moralische Imperativ macht.
Lassen Sie mich das am Beispiel der katholischen Nonne Schwester Helen Prejean erläutern. Sie spendete ihr ganzes Leben für die Bedürfnisse von Menschen in den Todeszellen eines Hochsicherheitsgefängnisses in Louisiana, für einige der furchterregendsten, alptraumhaftesten Menschen, die die Erde je gesehen hat, einige der erbärmlichsten Typen überhaupt. Und natürlich wurde sie immer wieder gefragt: „Wie kannst Du nur Deine ganze Zeit damit verbringen, das alles für diese Leute zu tun?“ Und immer hatte sie darauf eine ganz einfache Antwort: „Je unverzeihlicher die Tat, je wichtiger ist es, sie zu vergeben. Je weniger liebenswert die Person ist, desto wichtiger ist es, einen Weg zu finden, sie dennoch zu lieben.“

Für mich, den durch und durch atheistischen Anthropologen, war es beeindruckend, zu welch höchst irrationalen großartigen Dingen wir Menschen doch fähig sind. Dass wir in unserem Daseinsbereich so weit über das Üblich - Geisteshaltung, Empathie, Kultur und all dem - hinausgehen können. Dass wir Menschen die Fähigkeit zu diesem einfachen Wesenszug haben, erlaubt es mir zu sagen, dass wir die einzigartigsten Wesen auf diesem Planeten sind. Denn leicht geht das wirklich nicht. Auf einem bestimmten Level gilt: Je schwieriger es ist, diesen Widerspruch, die Unmöglichkeit einer Sache zu akzeptieren, und gleichzeitig durch sein eigenes Handeln den Beweis dafür zu erbringen, dass es doch möglich sein muss. Es sollte moralischer Imperativ werden: Je schwieriger es ist, etwas zu tun, desto wichtiger ist es, es dennoch zu tun.

Im Endeffekt ist es ja wirklich für eine einzige Person unmöglich, den Unterschied zu machen. Und dennoch, je klarer, eindeutiger, absoluter, unumstößlicher, unveränderbarer deutlich es ist, dass es für Sie als Person unmöglich ist, den Unterschied auszumachen, um die Welt ein Stück besser zu machen, desto wichtiger ist es, es zu tun. Ihr Guys seid ausgebildet, ihr seid privilegiert, ihr seid gut vernetzt, ihr könnt Euch enorm glücklich schätzen, hier bei dieser Abschlussfeier, einem Wendepunkt eures Lebens, sitzen zu dürfen. Und das heißt, es gibt niemanden draußen, der in einer besseren Position wäre, in der Lage zu sein, einem solchen Widerspruch ein Leben lang standzuhalten und ihn als moralischen Imperativ zu leben.

Also fangt an und tut es!

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hendiadyoin 14.04.2017, 13:34
17. So ein Blödsinn

Echte Altruisten sind niemals berechnend! Altruismus ist eine Veranlagung, eine Charaktereigenschaft. Die Beschriebenen sind Vorteilsnehmer die etwas geben, um etwas zu bekommen.

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Dengar 14.04.2017, 13:41
18. Ich bin skeptisch

Seltsame Weltverbesserer. Wenn jeder in seiner unmittelbaren Nähe helfen würde, würde es der Welt auch eine ganze Ecke besser gehen. Bei ihrem in die Ferne schweifen vergessen diese Leutchen anscheinend, dass sie dieses aus der Position einer doch ziemlich gefestigten Gesellschaft heraus tun, deren Existenz keineswegs als selbstverständlich vorauszusetzen ist. Wenn jetzt jeder lieber 300 blinden Kindern in Afrika hilft (wobei es nur mit der Operation ja keineswegs getan ist) als dem blinden Nachbarn einen Blindenhund zu kaufen, wird auf Dauer auch unsere Gesellschaft erodieren und langfristig ist's vorbei mit dem Helfen, ob nun altruistisch oder nicht. Die Bundesregierung handelt ja ähnlich kurzsichtig.

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kraftkartoffel 14.04.2017, 14:17
19. Spendender Börsenspekulant ist

Ist es wirklich so, dass beim effektvien Altruismus nur die Höhe der Spende wichtig ist? Ist also ein Börsenspekulant oder Banker, der viel Geld spendet, "besser" als ein Arzt oder ein Feuerwehrmann? Rettet Geld leben? Wer macht denn besagte Augen OP's in Afrika? Brauchen wir dafür nicht ausgebildete Menschen? Und diese Ausbildungen - kosten die nicht einfach "zuviel" Geld? Wie wichtig ist eine funktionierende Infrastruktur (Bäcker, Strassen, Supermärkte etc) um überhaut helfen zu können? Kann eine Putzfrau nicht effektiv altruistisch sein? Oder ist sie es vielleicht schon, weil sie vielleicht unterbezahlt arbeitet (und so ihre eigenen Opportunitätskosten "spendet")? Wäre neugierig, dazu etwas zu erfahren.

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