Forum: Panorama
Fehlurteil in Texas: Unschuldig - Todeskandidat nach neun Jahren frei
AP

In Texas hat ein zum Tode verurteilter Häftling das Gefängnis als freier Mann verlassen - nach neun Jahren. Manuel Velez war zu Unrecht wegen Mordes an einem Kind verurteilt worden.

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Teami 09.10.2014, 13:56
60.

@Nania
Ich gebe Ihnen völlig recht: Ein Mensch, der einen bestialischen Mord begangen hat, verdient es nicht, hingerichtet zu werden. Aber Sie haben meinen Standpunkt falsch verstanden.
Wie hätten Sie diesen Prozess erlebt, wenn der Täter bereits zweimal verurteilt wurde? Wenn er aufgrund einer psychischen Erkrankung nach jedem Urteil in Therapie geschickt wurde? Wenn er psychologisch betreut wurde? Und ein zweites, oder drittes Mal einen anderen Menschen bestialisch getötet hätte? Ab wann wiegt es für Sie mehr, die Gesellschaft und zukünftige Opfer zu schützen? Was würden Sie tun, wenn man eines Tages erkennt, dass eine bestimmte genetische Konstellation bei allen Straftätern vorkommt, aber nicht alle Menschen mit dieser Konstellation straffällig werden. Sprich wenn es eine Veranlagung gibt, diese aber nicht zwangsweise aus jedem einen Täter macht. Würde diese Veranlagung dann ebenfalls jeden Straftäter entschuldigen bzw. sein individuelles Recht über das der Gesellschaft und seiner potentiellen, zukünftigen Opfer stellen?
Ich denke, Sie verstehen was ich rüberbringen möchte. Niemand „verdient“ die Todesstrafe. Aber wenn ein Mensch immer wieder der Gesellschaft und der in ihr lebenden Menschen auf asoziale Weise schadet und offensichtlich alle Versuche, dieses Individuum wieder einzugliedern, oder zu therapieren fehlgeschlagen sind, dann muss die Gesellschaft einen Weg finden, sich vor diesem Menschen zu schützen. Bliebe die Möglichkeit, diesen Menschen bis zu seinem Tod wegzuschließen. Wenn Sie schreiben, Sie finden es inakzeptabel ein Menschenleben als wirtschaftsschädlich oder produktiv zu betrachten, haben Sie mich auch in diesem Aspekt falsch verstanden. Es ist unmenschliche, einen anderen Menschen wegzuschließen ohne dass dieser eine Aussicht hat, irgendwann wieder frei zu kommen. Daran geht ein Mensch schlicht kaputt. Im Grunde tötet man denjenigen, nur macht man sich die Hände nicht schmutzig. In Gefängnissen, in denen solche Straftäter sitzen, drehen die Leute durch, bringen sich gegenseitig um, begehen Selbstmord, vegetieren dahin. Kaum einer stirbt dort wirklich eines natürlichen Todes. ABER man hat sich die Hände ja nicht schmutzig gemacht. Es ist ein inkonsequenter Abschluss eines richtigen Gedankenganges, der zudem fortlaufend der Gesellschaft schadet. Denn um solche Gefangenen zu betreuen und möglichst zu vermeiden, dass sie durchdrehen, zu vermeiden, dass sie sich gegenseitig umbringen, ... bedarf es enormer Aufwendungen. Aufwendungen, die man dafür ausgibt, dass man jemanden auf unmenschliche Art und Weise wegschließt, um sich anschließend vormachen zu können, dass man ja alles für dessen Wohlbefinden zu tun. Die einzige reale Alternative wäre eine Verbannung, nur haben wir heutzutage diese Möglichkeit nicht mehr / noch nicht.

Nachtrag: Spinnen Sie Ihren ersten Gedanken einmal konsequent zu Ende. Man kann fast nie zu 100 % die Schuld nachweisen. Dann seien Sie auch so konsequent – im Zweifel für den Angeklagten – und verlangen die Freilassung von 99,9 % aller derzeit in Gefängnissen einsitzenden, vermeintlich Unschuldigen.

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Teami 09.10.2014, 14:30
61. @Nania ... kleiner Zusatz

Man kann die Diskussion auch auf ein simples juristisches Problem reduzieren, welches jeder rechtswissenschaftliche Student als Erst- oder Zweitsemester einmal abhandeln darf. Die Frage, ob man Mensch gegen Mensch aufrechnen kann bzw darf. Ob man hierzu ein Flugzeug nimmt, welches abstürzen wird, wenn man nicht einen Passagier rauswirft, oder fragt, ob man das Recht hätte, A. Hitler hinzurichten, wenn man per Zeitmaschine in die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg reisen würde... es läuft immer wieder auf die selbe Problematik hinaus. Interessanter Weise werden mehr Leute A.Hitler umbringen, als einen Passagier aus dem Flugzeug zu werfen. Auch interessant ist, wie sich die Reaktionen ändern, wenn in dem Flugzeug beispielsweise Kinder oder Senioren sitzen oder unter den Passagieren auch verurteilte Straftäter sind.
Vertretbar sind aus meiner Sicht in einer solchen Problematik beide Seiten. Man kann sehr wohl alle Passagiere sterben lassen bzw. A. Hitler leben lassen, genauso wie man einen Passagier oder eben A. Hitler töten kann.
Ich persönlich bin der Ansicht, dass man unter ganz bestimmten Voraussetzungen das Wohl der Gemeinschaft über das Wohl des Einzelnen stellen darf und sollte. Sprich aus meiner Sicht ist es vertretbar, unter ganz bestimmten Vorraussetzungen, Mensch gegen Mensch aufzurechnen und zu dem Schluss zu kommen, dass die Indiviualrechte der Gemeinschaft stärker wiegen, als die Individualrechte eines Einzelnen.

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hektor2 09.10.2014, 15:12
62. Mumpitz

Zitat von Römertopf
Dass der Mann jetzt erst frei kommt und dazu noch auf Bewährung, obwohl seine Unschuld zweifelsfrei erwiesen ist, könnte an einem bestimmten, exklusiv texanischem Gesetz liegen: Jeder, der dort rechtskräftig zu Tode verurteilt ist, ist ein zu bestrafender Täter, auch wenn nach der Verhandlung Hinweise auftauchen, die die Unschuld nahelegen oder sogar beweisen. Das der Mann nun "nur" auf Bewährung den Knast verlassen kann, ist da die logische Konsequenz. Durchgedrückt hat das Gesetz der seinerzeitige Gouverneur G.W. Bush, und eine seiner letzten Handlungen in dem Amt war das Unterschreiben von Todesurteilen. Bezogen auf Bevölkerungsdichte und Anzahl der Hinrichtungen scheint Texas übrigens der Staat mit den kriminellsten Einwohnern zu sein, während z.B. auf Hawaii und in Alaska nur Englein wohnen...
Offensichtlich haben Sie vom deutschen Rechtssystem genauso wenig Ahnung, wie vom amerikanischen.

Auch in Dtld. kann ein rechtskräftiges Urteil nur durch ein erneutes Verfahren geändert bzw. aufgehoben werden.

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Beinlausi 09.10.2014, 16:37
63. Stimmt, ist kein Unterschied.

Zitat von Denkerchen
...für die Arroganz der meisten 'Meinunghaber' hier.... Man hat nur die sehr spärlichen Informationen, die SPON meldet, ist zu faul (oder zu unmotiviert) sich die Details zu besorgen - aber eine klischeehafte Meinung kann man schon mal haben. Dazu noch ein gehörige Portion 'Gutmenschentum' und fertig ist das USA Bashing. Es wird gern mal 'vergessen/verdrängt' dass WIR Gutmenschen auch Justizirrtümer haben, nicht wenige davon endeten auch in DE tödlich (man denke nur an Fälle von Zwangserbrechen mit Todesfolge).
Ist fahrlässige Tötung unberechtigterweise in quasi jedem Land geringer zu beurteilen als Mord? Dann ist das mit dem Zwangserbrechen ein valides Argument. Denn auch die "Erbrecher" sind einer Straftat verdächtig, allerdings werden sie (zumindest offiziell) nicht absichtlich umgebracht. Wenn wir natürlich jedem durch Menschen hervorgerufenen Tod das Label "Mord" verpassen, ist es das Gleiche. Wenn wir vernünftig nachdenken nicht mehr.

Und zur Frage "Wie arrogant muss man sein, um die Demokratische Entscheidung eines Volkes in einem Forum einfach zu ignorieren?" kann ich nur sagen: Nicht annähernd so arrogant, wie um den Alltag und den Lebensstil eines Volkes zu pulverisieren, (das nicht darum gebeten hat, per Bombe pulverisiert zu werden oder zumindest einer öffentlichen Ordnung beraubt zu werden,) ohne dass man es danach hinbekommt, so etwas wieder herzustellen.

Aber als "Greatest Nation On Earth", "God's Own Country" etc. ist es ja nicht möglich, arrogant zu sein, nur realistisch.

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Hagbard 10.10.2014, 06:26
64.

Zitat von Trainspotter
Das Problem ist nicht die Todesstrafe als solche, sondern dass sie wirklich nur benutzt werden sollte, wenn die Schuld ohne jeglichen Restzweifel geklärt ist.
Wenn Sie "Restzweifel" an der Schuld von jemandem haben, dürfen Sie ihn gar nicht verurteilen. Weder zum Tod noch sonst zu etwas anderem.

Meiner Meinung nach liegt das Problem im Polizei- und Justiz-System.

Erstens: Da arbeiten Menschen und Menschen machen Fehler. Und sie lassen sich von Sympathien und Vorurteilen leiten. Das gilt nicht nur für die USA.

Zweitens: Gerade in den USA ist technisch für den Staatsanwalt nicht von Bedeutung, ob er den tatsächlich Schuldigen anklagt und ihm die Schuld nachweisst, sondern lediglich, dass er eine Verurteilung erreicht.

Umgekehrt gilt natürlich das gleiche für Anwälte. Ziel ist, zu verhindern, dass dem Staatsanwalt die Verurteilung gelingt. Schuld spielt auch dabei keine Rolle.

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Hagbard 10.10.2014, 06:28
65.

Zitat von chagall1985
ein solches Alibi im Prozess unerwähnt bleiben? Dem Anwalt sollte man die Zulassung enziehen! Unfassbar
Die Frage ist, ob er davon wissen konnte.
Wie erwähnt, war sein Mandant ja nicht sehr intelligent. Denkbar wäre also, dass er die Bedeutung dieses Zusammenhangs nicht erkannt hat oder einfach etwas durcheinander gebracht hat.

Ebenso denkbar wäre aber auch, dass der Staatsanwalt von dem Alibi wusste und diesen Unschuldsbeweis unterdrückt hat, weil er die Verteilung verbindet hätte.

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Hagbard 10.10.2014, 06:31
66.

Zitat von hjcatlaw
Entlassung nach noch weiteren zwei Jahren im Gefängnis nach einem Freispruch widerspricht irgendwie dem mitteleuropäischen Rechtsverständnis.
Stimmt.
Ich vermute, dass das mit irgendwelchen Formalien zu erklären ist.

Oder die denken sich: "Klar war er ganz woanders. Aber vielleicht war er es ja doch. Immerhin ist nicht bewiesen, dass es unmöglich ist, dass Menschen an zwei Stellen gleichzeitig sein können."

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fürkül 10.10.2014, 09:14
67. Affentheater

Diese schöne, verschnörkelte und mit allen akdemischen Kommentaren und studierten Klugheiten versehene Juristerei scheint mir großteils das zu sein, was man einen Affentanz oder ein Affentheater nennt. Also ein riesiges Zeremoniell, welches eigentlich für die Katz ist.
Wie man sieht, auch in Deutschland, verfügt die Polizei offensichtlich über Mittel, jeden, auch den Unschuldigsten, zu einem Geständnis zu "überreden".
Und zwar wohl immer genau dann, wenn man einen Schuldigen braucht.
Und was darauf folgt, als Tanz der hochbezahlten Juristen, kann in solchen Fällen letztlich nur so überflüssig sein wie ein zweiter Kropf. Denn die eigentliche Verurteilung wurde hier vom polizeilichen Drohpotential vorgenommen. Der Sinn dieses Juristen-Theaters ist denke ich letztlich nur, der Bevölkerung eine funktionierende Justiz vorzugaukeln.
Und was nicht die großen Mordfälle, sondern die kleinen Dinge des Lebens angeht: Da gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen. Da hat der wirtschaftlich Mächtigere Recht.

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Römertopf 19.10.2014, 20:04
68. Keine Ahnung?

Zitat von hektor2
Offensichtlich haben Sie vom deutschen Rechtssystem genauso wenig Ahnung, wie vom amerikanischen. Auch in Dtld. kann ein rechtskräftiges Urteil nur durch ein erneutes Verfahren geändert bzw. aufgehoben werden.
Ich habe nicht vom amerikanischen, sondern speziell texanischem Recht gesprochen - nur so am Rande.

In Deutschland würden neue Beweise sofort eine neue Gerichtsverhandlung durch den Verteidiger erwirkt werden können, bei Vorlage eben dieser Beweise (vorläufige) Haftverschonung beantragt werden können - so wie in den meisten US-Bundesstaaten, mit Ausnahme von Texas.

Keine Ahnung? Kompliment zurückgegeben, ich kann damit nichts anfangen - aber Sie schon eher.

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