Forum: Panorama
Fünf Jahre als Laienrichter: Ich war Schöffe. Hat es was gebracht?
DPA

Tausende Laienrichter sind in Deutschland an Prozessen und Urteilen beteiligt - und selbst in kleinen Verfahren mit großen Fragen konfrontiert. Was soll dieser Dienst? Eine persönliche Bilanz.

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augu1941 30.12.2018, 12:32
30.

Ich glaube auch, dass Schöffen heute verzichtbar sind. Ohne sie würde es auch nicht mehr Urteile in Strafprozessen geben, die in der Öffentlichkeit mit Unmut und Unverständnis aufgenommen würden oder von einer höheren Instanz kassiert würden. Berufsrichter haben natürlich viel mehr Wissen bzgl.der rechtlichen Relevanz und wohl auch mehr Menschenkenntnis, insbesondere bei Straftätern, die schon öfters vor Gericht standen. Und das gesunde Rechtsempfinden eines Schöffen bei der Beurteilung einer Tat, unbelastet vom Wissen, wie eine Tat dem Gesetz nach zu bewerten ist, ist für das Urteil und das Strafmaß nicht entscheidend. Außerdem hat auch sicher ein Berufsrichter starke Bauchschmerzen, eine Tat nur nach gesetzlich vorgegebenen Kriterien zu bewerten, wenn etwa eine jahrelang gepeinigte und gedemütigte Frau ihren schlafenden, wehrlosen Mann umbringt (nach dem Gesetz = heimtückischer Mord mit Mindeststrafmaß).
Inwieweit ein Schöffe Einfluss auf Beweiserhebung und Urteil hat und er seinen Mitschöff en/in dahin beeinflussen kann, hängt von seinem Selbstbewusstsein und seiner Schöffenerfahrung ab., ist also für den Angeklagten ein Zufallsfaktor.
Ich glaube auch nicht, dass im Falle eines Beeinflussung der Justiz durch eine autoritärer Staatsmacht (wie jetzt in der Türkei) die Schöffenbesetzung der Gerichte diesem Prozess entgegen wirkt, im Gegenteil: reine Besetzung mit Berufsrichtern ist mehr Garant für Widerstand gegen nicht gesetzeskonforme Urteile.

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charlybird 30.12.2018, 12:51
31. Ich finde Ihren Beitrag ebenso bereichernd,

Zitat von der-junge-scharwenka
Ich arbeite als Berufsrichter seit eineinhalb Jahrzehnten mit Laienrichtern. Aus meiner Sicht "bringen sie was", um in der SPON-Diktion zu bleiben. Ich empfinde ihre Beiträge zumeist als wertvoll, und die Diskussionen im Beratungszimmer sind keinesfalls einseitig. Natürlich hängt viel davon ab, wie viel Sachverstand und Interesse der einzelne Laienrichter mitbringt und wie seine persönliche Diskussionskultur ausgeprägt ist - da gibt es himmelweite Unterschiede -, aber generell sind Laienrichter für mich eine Bereicherung, die zu einer breit abgesicherten Entscheidung führen. Ich würde in meiner Praxis darauf nur noch ungern verzichten.
er zeigt, zumindest mir, dass es Richter gibt, die noch Ihre Unfehlbarkeit infrage stellen können und durchaus mit ihrem Gewissen ringen.
In meinem Bekanntenkreis tummeln sich einige Juristen und die berichten da auch mal ganz anders über gottähnliche Wesen, denen sie im Gerichtssaal begegnen und die Weisheit als persönliches Eigentum betrachten.
Insofern ist Ihre Offenheit ein Gewinn für die Rechtsstaatlichkeit, die man ja immerhin tagtäglich versucht anzustreben. :-)

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Jack-in-the-box 30.12.2018, 13:08
32. Die Wichtigkeit

des Schöffenamtes wird schon daraus deutlich, dass es so viele Menschen übernehmen möchten. Auch ich hätte gern ein winziges Stück mitgewirkt, mindestens gehofft, teils absurd anmutende Entscheidungen und Urteile besser verstehen zu können. Leider erhielt ich vor einigen Tagen ein Absageschreiben auf meine Schöffenbewerbung. Das Amtsgericht ließ verlauten, für die nächste Amtszeit gab es die doppelte Anzahl an Interessenten. Somit konnte nur jede zweite Bewerbung ausgewählt werden. Ich tröste mich damit, dass die Dauer der Verpflichtung auch meines Erachtens viel zu lang ist und die Regeln der Verfügbarkeit sehr streng. Zumindest für die Leute, die wie ich voll berufstätig sind und am Arbeitsplatz ohnehin kaum ersetzbar.

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SIR-ENE 30.12.2018, 13:17
33. Wer Klarheit sucht, findet häufig doch nur einen Kompromiss.

Meinte der Autor zum Schlu§ seines Plädoyers über seine Erfahrungen als Schöffe.

Schade, dass ihm noch keiner gesagt hat, dass unser Leben ausschlie§lich aus Kompromissen besteht. Weil es nicht das Geringste gibt, das ohne Gemeinsamkeit funktioniert. Und die Unterschiede dabei die Vielfalt entwickeln, mit der die Evolution zur erfolgreichsten Veranstaltung aller Zeiten wurde.

Diese fundamentale Erkenntnis lässt sich bis in die kleinsten Bestandteile von allem hinein bestätigen und macht ein möglichst gerechtes Geben und Nehmen so bedeutsam. Denn nur ein solches lässt BeTEILigte zufrieden werden und verhilft ihnen damit zu dem, das man als höchste Zielsetzung aller Entwicklungsergebnisse der Schöpfung feststellen kann.

Dümmlicherweise ist das aber immer noch nicht bei jenen angekommen, deren Wissen wir gerne als richtungsweisend, analytisch aufschlussreich und nachvollziehbar wahr annehmen. Ich glaube mich zu erinnern, dass allein in der SPIEGEL-Redaktion mehr als 200 Redakteure sitzen, die in zahlreichen Artikeln sich selbst und den Bezahlen ihres Nachrichtenmagazins das Gefühl geben, sie wüssten so ziemlich alles, was wichtig ist ...

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denkerstirn 30.12.2018, 13:31
34. Schöffenamt

Ich war 2 Perioden als Schöffe beim Landgericht, und ich würde es wieder tun. Es ist nicht immer einfach, aber man lernt dabei sehr viel über das "wirkliche Leben". Die allermeisten RichterInnen sind ernsthaft bemüht die jeweiligen Schöffen einzubeziehen. Am interessantesten waren die Diskussionen im Beratungsraum. Da kann man durchaus seine Meinung sagen. Im Gegenzug muss man sich aber auch mit den Meinungen anderer auseinandersetzen. Und da zählt das Gesetz, die Rechtsprechung und wer die besseren Argumente hat. Zuerst muss die Schuld und das Maß der Schuld diskutiert werden, ganz zum Schluss dann das Strafmaß. Für mich war es manches mal eine hochinteressante Diskussion, meist mit einem gemeinsamen Votum. Was mich immer wieder überrascht hat sind einige Prinzipien der deutschen Rechtsprechung - Resozialisierung vor Sühne, Gericht muss auch entlastende Fakten herausarbeiten, es gilt nur das im Gerichtssaal gesagte und wie oft als Kompromiss dann Bewährung herauskommt.
Ich würde das wieder machen, es war 8-10 mal im Jahre wie ein kleines intellektuelles Abenteuer.

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upalatus 30.12.2018, 13:32
35.

Laienrichter heissen nicht umsonst Laienrichter. Sie sollen ihre 'unbedarfte' Sichtweise einbringen und können so eine wichige Hilfe/Unterstützung für die Urteilsfindung sein.

Hier schreiben einige, dass das Schöffenamt aufgrund der verhandelten Fälle oft sehr belastend ist (dem kann ich zustimmen). Das ist es für den Berufsrichter mindestens auch, der alle Tage damit zu tun hat. Da kann er eine beisitzende Meinung 'von außen' gut gebrauchen.

Wichtige Ämter machen in den seltensten Fällen Spass.

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jo126 30.12.2018, 13:43
36. Mal sehen

Ich habe mich beworben und bin ab 2019 dabei. Meine Frau hat das Amt auch zwei Perioden gemacht. War hochinteressant. Sie durfte natürlich nicht über Details sprechen, hat am Landgericht aber immer wieder die selben Angeklagten erlebt, nicht selten aus der gleichen Familie. Und sie hat, gemeinsam mit anderen Schöffen, einmal das Strafmaß gegen den Wunsch des Berufsrichters nach oben korrigiert. Schöffen bewirken also schon etwas. Ich bin gespannt!

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Strichnid 30.12.2018, 13:51
37.

Zitat von Dieter Koll
Hat die Ex-Freundin kein Recht auf Satisfaktion?
Nein, Satisfaktion ist keines der Ziele unseres Rechtssystems. Und das ist gut so.

Die beschriebenen Fälle finde ich alle vergleichsweise harmlos, man sollte auf Haftstrafen verzichten.

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h-j-b 30.12.2018, 14:01
38. zu #11 von bosascha („Der Hammer“)

Das mit dem Gerichtshammer ist in der Tat eine echte Seuche in unseren Medien! Wahrscheinlich durch zu viele (oft sehr gute) amerikanische Gerichtsdramen entstanden – und durch den Wunsch der Fotoredakteure, einmal nicht die Justitia mit der Waage abzubilden. Dass sowas aber gerade der vielgerühmten (wenn auch derzeit im Stress befindlichen) Dokumentation des Spiegel durchgeht, ist kaum erklärlich. Dabei ist das in etwa so, als ob man Berichte über Angela Merkel mit einem Foto des anderen Bundeskanzleramts am Wiener Ballhausplatz illustrieren würde. Und den Aufschrei, wenn der Bericht über ein Bundesligaspiel mit dem falschen Stadion bebildert würde, mag man sich gar nicht ausmalen…

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Susi64 30.12.2018, 14:11
39.

Zitat von spon-facebook-10000012354
Durch Beteiligung von ehrenamtlichen Laienrichtern in Gerichtsverfahren soll das Vertrauen der Bürger in die Justiz gestärkt werden und eine lebensnahe Rechtsprechung erreicht werden. ..... Heute herrschend ist der von Reinhard Frank begründete normative Schuldbegriff, wonach Schuld die persönliche Vorwerfbarkeit vorsätzlichen oder fahrlässigen Verhaltens bedeutet. Der Verhaltensvorwurf beruht auf dem Gedanken der Willensfreiheit. Vorwerfbarkeit des Verhaltens setzt voraus, dass der Täter sich anders hätte entscheiden können. Die Juristen verstehen unter Schuld also grundsätzlich etwas anderes als dies umgangssprachlich gemeint ist. Die Missverständnisse sind gewissermaßen vorprogrammiert, die Diskussionen zwischen Laien und Juristen letztlich - zwar nicht immer aber vermutlich sehr häufig -verschwendete Zeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Schuld_(Strafrecht) https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenamtlicher_Richter
Aber genau darin liegt doch das Problem. Es gibt keine absolute Definition von Schuld, Gerechtigkeit und dgl. Es ist immer ein gesellschaftlicher Kompromiß. Die Rechtsprechung dient der Gesellschaft indem sie Verhalten von Menschen nach gesellschaftlichen Normen bewertet, die der Gesetzgeber in Gesetze gießt und die Judikative durchsetzen soll.
Dem steht entgegen das Juristen glauben, dass das Recht absolut und objektiv ist und nur sie wissen wie das geht. Deshalb sollen die Laienrichter auch die Gesellschaft vertreten und eben gerade nicht den Juristen das Feld alleine überlassen.

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