Forum: Panorama
Hebammenmangel in Deutschland: Fehlstart ins Leben
imago/ Sven Ellger

Die Zustände in der deutschen Geburtshilfe sind verheerend. Hier zeigt sich, woran unser Gesundheitssystem krankt. Wäre Minister Jens Spahn nicht ständig anderweitig beschäftigt, könnte er daran etwas ändern.

Seite 1 von 7
dasfred 07.04.2018, 18:09
1. Jens Spahn braucht keine Hebamme

Der Aufwand, den er betreiben müsste, damit Hebammen endlich bezahlbare Haftpflichtversicherungen bekommen und wohnortnahe Kliniken nicht den Shareholder value im Blick haben, steht doch in keinem Verhältnis zu diesem medial eher beiläufig behandeldeten Themen. Wie soll er sich als wirtschaftsnah präsentieren, wenn er die Arbeitsbedingungen der Hebamme, Krankenschwester oder dem Pfleger in Konkurrenz zu den Erlösen der Klinik- und Pflegeheimbetreiber sieht. Die Betroffenen gehören nicht zur Kernzielgruppe von Spahns politischem Selbstverständnis.

Beitrag melden
großwolke 07.04.2018, 18:09
2. Was ist mit den Gynäkologen?

Zuerst mal: Sylt ist eine kleine Insel mit ca. 15.000 Einwohnern. Wenn es dort überhaupt ein Krankenhaus gibt, ist das schon nicht schlecht, normal ist es bei so einem kleinen Einzugsgebiet nicht. Vielleicht sollte man dieses Beispiel also nicht ganz so hoch aufhängen. Was ich mich aber bei der ganzen Debatte am ehesten frage: wie sieht eigentlich die offizielle gesundheitspolitische Linie im Hinblick auf den Hebammen-Beruf aus? Ist die selbständige Hebamme, die über Hausbesuche die Geburtsvor- und -nachsorge übernimmt, überhaupt noch Teil der Planungen? Soweit ich es verstanden habe, fällt das doch in den Aufgabenbereich der Gynäkologen, oder habe ich da was falsch? Es wäre gut, die Debatte auch mal von diesem Ende her zu beleuchten.

Beitrag melden
Nordstadtbewohner 07.04.2018, 18:37
3. Eine Frage der Kalkulation

""Der Hebammenberuf wird immer unattraktiver, steigende Beiträge zur Haftpflichtversicherung zwingen immer mehr Hebammen zur Aufgabe"

Vielleicht sollte man auch mal genauer beleuchten, warum die Prämien steigen. Das muss ja Ursachen haben. Andere Versicherungen erklären bei Beitragserhöhungen ja auch, warum genau erhöht wird.

Dazu kommt, wenn die Hebammen höhere Ausgaben durch steigende Versicherungsprämien haben, warum erhöhen sie dann nicht einfach die Preise? So wird das doch anderenorts auch gemacht. Wenn die Krankenkassen die Versicherungsprämienerhöhungen nicht übernehmen, müssen die Mehrkosten halt auf die Gebärenden umgelegt werden. Das heißt, sie müssen sich an den Kosten beteiligen, denn wer gute Dienstleistungen will, muss auch dafür zahlen.

Und was die Geburtenstation auf Sylt angeht: Vielleicht kann man ja eine neue Station eröffnen. Das ist nur eine Frage der Finanzierung.

Beitrag melden
wjr69 07.04.2018, 18:43
4. Was wollen eigentliche alle?

Möchte die Autorin in jedem Dorf eine Geburtsstation und drei Hebammen? Auf Sylt dürfte es nur ganz wenige Geburten geben - wollen Sie eine Gynäkologie die mangels Fallzahl bei Komplikationen ganz schnell überfordert ist - Hauptsache, man muss nicht zu weit weg?
Für Sylt wäre es wohl zielführender, Schwangere in einen Hubschrauber zu setzen, als eine umausgelastete Station aufrecht zu erhalten. Es geht auch nicht nur um Kohle, sondern um das Sammeln von Kompetenz durch eine Mindestzahl an Behandlungen! Mit wäre ein Kompetentes Behandlungsteam allgemein wichtiger als ein fußläufig erreichbares Krankenhaus vom einsamsten Bergbauernhof aus.
Und International hat Deutschland eher zuviel als Zuwenig Krankenhausplätze!

Beitrag melden
VormSpiegel 07.04.2018, 18:45
5. Kapitalisierung und Bürokratisierung der Medizin

... sorgen eben nur dafür das immer weniger auf die Menschen geschaut wird.
Es gibt heute schon nur noch wenige Ärzte die ihren Job machen können aus gutem Gewissen, andere driften ab und wollen eben nur Geld machen.
Eine Frau ohne Hebamme ist der Medizin eben einfach ausgeliefert und wird praktisch alles abnicken. So lässt sich eben mehr Geld machen als eine Hebamme die eventuell tatsächlich im Interesse der Frau agiert.

Interessant wäre auch die Frage ob Hebamme pauschal immer eine Frau sein muss.
Gibt es in Deutschland überhaupt männliche Hebammen? Sollte ein geschulter Arzt nicht letztlich die gleiche Leistung erbringen können wie eine Hebamme?

So oder so, am Ende gibt es schlichtweg zu wenig Personal in der Medizin und zu viel "extra" Leistungen die das Geld einbringen und gerade Schwangeren kann man praktisch alles Aufschwatzen, wenn man nur mit der Keule kommt "Das wäre im Interesse ihres Kindes", die aller wenigsten dürften genug Informationen haben um aktiv dagegen zu sprechen.

Beitrag melden
victoria101 07.04.2018, 18:55
6. Oh je...

1. auf der gynäkologischen Seite sieht die Sache nicht ander aus; früher waren viele Frauenärzte auch Geburtshelfer im lokalen Krankenhaus. Die Haftpflichtversicherung dafür lohnt sich aber nur, wenn man sehr viele Geburten durchführt.
2. Gebühren anpassen? Dies hier ist nicht die freie Wirtschaft! Hier werden Pauschalen von der Krankenkasse gezahlt, die keinen Bezug zum realen Aufwand haben.
3. Warum sind die Prämien so teuer? Weil so viele Leute klagen. Weil eine Geburt gefährlich ist, weil die Justiz dem Kläger auch recht gibt, wenn nur eine Unterschrift nicht auf dem richtigen Fleck sitzt und weil ein behindertes Kind sehr teuer wird.

Beitrag melden
inkeri 07.04.2018, 19:05
7. Rätselhaft

Diese Obsession mit der angeblichen Notwendigkeit von Hebammen ist mir persönlich ein Rätsel. Nach meinen Erfahrungen mit esoterisch - homöopathisch verbrämten, "Wunder der natürlichen Geburt" - predigenden Hebammen während meiner ersten Schwangerschaft habe ich vor und nach der zweiten Schwangerschaft dankend auf jeglichen Kontakt mit diesem vor allem die eigene Agenda pushenden Berufsstand verzichtet. Vermisst habe ich nichts. Hochwertige Betreuung hatte ich - durch Gynäkologe und Kinderarzt.

Während der Geburten wurden sie mir aufgezwungen, das Verhalten wie befürchtet - rechthaberisch und besserwisserisch.
Mein Leben und das meines Sohnes gerettet haben, als es nach einem Plazentaabriß zu massiven Blutungen und Absturz der Herztöne kam... übrigens NICHT die Hebammen. Denn wenn es ernst wird können Hebammen nur eines tun.....nichts. Außer Ärzte rufen.

Beitrag melden
coett 07.04.2018, 19:08
8. Berufshaftpflicht hoch weil Versicherte das Risiko sind

Immer wieder ist zu lesen, dass die Berufshaftpflicht für Hebammen zu teuer geworden ist.
Warum ist das so?
Versicherungsprämien steigen, wenn es mehr Schäden gibt.
Die Neugeborenensterblichkeit ist bei Hausgeburten und in den Hochrisikozonen namens "Geburtshäusern" dramatisch höher als in Kliniken. Hebammen überschätzen sich nach meiner Erfahrung als Anästhesist masslos. Sie sind gerne selbstherrlich und behandeln ärztliche Geburtshelfer oft herablassend.
Vielleicht wäre es gut, wenn der Beruf ausstürbe und man würde Geburten denen überlassen, die es können.
Bei der Geburt meiner Kinder musste ich jedes Mal eingreifen, weil die beteiligten Hebammen arrogant und unwissend waren und kritische Situationen nicht einschätzen konnten.
Ausserdem glauben Hebammen nach meiner Erfahrung, dass die Welt um sie herum nur zum Wohle der Hebammen existiert.
Ein Deutschland ohne Hebammen wäre meines Erachtens besser. Die überlebenden Neugeborenen würden es danken.

Beitrag melden
areyoushure? 07.04.2018, 19:44
9. Vielleicht ein Blick über den Tellerrand?

Die Insel Island ist ein Staat, welcher nun wirklich nicht aus allen Nähten platzt was seine Bevölkerungszahl angeht. Dort werden schon seit Jahren die Frauen kasaniert, wenn Sie in die Nähe des Geburtszeit kommen und nicht gerade direkt im Winter zu Fuß ins nächste Krankenhaus laufen möchten.
Die Frauen von Sylt möchten nun, für 200 Geburten im Jahr, dass eine Geburtshilfliche Station auf der Insel aufgemacht wird? Dann können sie sich ja auch gleich mal an den Haftpflichtkosten beteiligen, denn diese wurden von der betreibenden Klinikskette abgelehnt. Damit alle auch mal wissen worüber wir reden, zwei Gynäkologen 2-300 Geburten im Jahr, 40-70.000 € Haftpflicht Versicherung.
Zudem sollten wir eventuell mal bei dem Gejammere über den Hebammenmangel darüber nachdenken, wie viele von den Hebammen denn bislang als Beleghebamme im Krankenhaus überhaupt eigenverantwortlich tätig waren. Die meisten Hebammen sind im Krankenhaus angestellt und machen vor und Nachsorge völlig ohne irgend eine geburtshilfliche Tätigkeit. Da aber die Ansprüche der Frauen immer höher werden und die Belastung der Hebammen immer größer, können diese nicht mehr so viele Schwangere betreuen wie sie gegebenenfalls möchten.

Beitrag melden
Seite 1 von 7
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!