Forum: Panorama
Horst Herold und die Rasterfahndung: Vereinzelt, optimiert, beschleunigt
DPA

Ein Nachruf auf Horst Herold, den verstorbenen ehemaligen BKA-Präsidenten und Erfinder der Rasterfahndung. Und ein Vor-Ruf auf das, was ihm folgt.

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stefan7777 21.12.2018, 18:25
1. Alles eine logische Abfolge

Ja, so kann man das schon sehen! Da kann eine mächtige Macht auch bremsen, aber irgendwann bricht sich die "Erkenntnis" Bahn. Siehe jetzt die E- Mobilität oder vorher Erneuerbare Energien oder nach 2003 die Digitale Fotografie. Was haben die armen Konservativen gelitten und werden leiden. Zur Rasterfahndung muss man sagen, wir als Gesellschaft müssen uns entscheiden, ob wir Individualismus aufgeben oder abschaffen (China, Five Eyes) oder als Wert schützen werden wollen. Wobei, es ist nicht sicher, ob wir uns nicht vorher über den Klimawandel abschalten/abschaffen oder es evtl. doch wichtiger gewesen wäre, die ethischen Gesetze für KI festzulegen, deren Singularität vielleicht schon lange vor unserer Wahrnehmung stattgefunden hat?

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fotobiene 21.12.2018, 20:09
2. Versuch einer Annäherung

Ich muß zugeben, daß ich zunächst den Plan hatte zu schreiben: "Sorry, ich habe Ihren Artikel nicht verstanden."

Insbesondere im letzten Abschnitt habe ich zeitweise wirklich wütend hingeworfen, bei Sätzen wie:
"Denn nichts ist gleichzeitig in der digitalen Welt, sondern die Menschen sind nur unfähig, die Zeitdifferenzen der Lichtgeschwindigkeit wahrzunehmen."
Oder:
"Und zwar, obwohl man gewiss auch damals schon wusste, was "Etwas" und "Nichts" ist, Dasein und Nicht-Dasein."

Dann las ich besagtes Interview (und lasse die angezweifelte Authentizität der Aussagen mal wie vom Autor empfohlen außer acht, trotz #Relotius) und war beeindruckt.
https://socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019801000_03_0.pdf

Im ersten Step fand ich diese Aussage sehr zentral:
"Mein Bestreben geht deshalb dahin, unser Rechtssystem aus diesem Immobilismus herauszuführen durch die ständige Anpassung an neue gesellschaftliche Situationen. Das heißt: die Ersetzung des bisherigen Maßstabs des Strafrechts, das sich orientiert am Eigentumsschutz, durch ein Prinzip der Sozialschädlichkeit.
Als Kopplungsstelle zu einem dynamischen gesellschaftlichen Prozeß müßte die Polizei sagen: Gesetzgeber, siehst du, hier ist ein sozialschädlicher Tatbestand, da mußt du eine Normglocke drübersetzen, und hier ist noch einer, da aber ist es falsch, da hat sich die Entwicklung unter der Glocke der Norm schon wieder hinwegbewegt. (...)
Meine Auffassung geht dahin, die Informationsleistung der Polizei zu verbessern, nicht um die Repression in den Vordergrund zu stellen, sondern eine gesellschaftliche Prävention. (...)
Wir sagen, wie die Situation ist, was kommt, was für Gefahren entstehen, was sich entwickelt, wie die tatsächlichen Verhältnisse sind."

Der letzte Satz trifft heute besonders hart.
Wie sehr Augsteins #sagenwasist (derzeit der #MeToo-Hashtag der Journalisten bei Twitter) gerade fehlläuft, sehen wir nicht nur am Beispiel der "vierten Gewalt" (und ich meine NICHT ekelhafte "Lügenpresse"-Vorwürfe!), sondern auch am Spagat der Polizei, einerseits mit den (digitalen) Mitteln derer, die unseren Rechtsstaat zerstören wollen, mitzuhalten, andererseits nicht jedes "sozialschädliche Verhalten" in Datenbanken zu registrieren und gar zu kriminalisieren.
Dies zunächst auf die eigenen Reihen anzuwenden, erscheint aktuell mindestens als ein möglicherweise recht ergiebiges Test-Feld (#NSU20).

Die jedenfalls wohl im Grunde gut gemeinte sehr sozialistische Idee des Herrn Herold verwirklicht übrigens China sehr "erfolgreich" - national und global.
Ich empfehle die Doku auf ARTE:
https://youtube.com/watch?v=o4BA_6RROJ8

Eine etwas ketzerische Frage zum Schluß:
Vor 1700 Jahren brauchte man "Rasterfahndung" nicht, weil jeder jeden kannte, der Täter darum schnell entdeckt werden konnte.
Heute sind Gesellschaften global(!) offen, entsprechend anonym und digital organisiert.
Ist es nicht quasi eine logische und auch sinnvolle Folge, der digitalen globalen Kooperation von Menschen im illegalen Bereich auch entsprechend digital zu begegnen?

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zeisig 21.12.2018, 20:34
3. Einfach zu lang.

Ich bin ein Bücherwurm, aber 15 Minuten für eine Spiegel Kolumne, da ist mir meine Zeit zu schade. Kann Herr Fischer sich nicht auf eine Länge beschränken, wie sie bei all den anderen SPON Kolumnisten üblich ist?

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botschinski 21.12.2018, 20:38
4. Ich weiss nicht

ob ich lachen oder weinen soll. Lachen über den hervorragenden Unterhaltungswert, weinen über die Einsichten welche transportiert werden. Ich weiss nicht ob es gut für mein Hirn ist die Kommentare von Herr Fischer zu lesen, einerseits liebe ich solche herausfordernden Texte als Nahrung, andererseits musste ich den letzten Absatz (besonders den letzten Satz) mehrmals lesen bis ich ihn verstanden hab (hab ich das? mein Hirn ist fast zerbröselt dabei). Aber eines weiss ich, mit Herr Fischer würd ich gern mal ein Bier trinken gehn (nur so als Metapher, ich trinke keinen Alkohol) und eigentlich könnte ich meinen Kommentar auch auf ein einziges Wort verkürzen: Yeah!

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eule_neu 21.12.2018, 21:25
5. Ein Hochgenuß für's Hirn

Ich verfolge nun seit langer Zeit die Kommentare von Herrn Fischer, zuerst in einem anderen Medienmagazin, nun im Spiegel. Jeder Artikel ist ein Hochgenuss hinsichtlich meines in Schmalspur an der Uni ausgebildeten Hirns sowie eine sprachlich meisterliche Kunst des Ausdrucks. Ich muss manchmal die Artikel in Ruhe genüsslich zweimal lesen, um alles zu erfassen.
Deswegen meinen Dank an Herrn Fischer verbunden mit den besten Weihnachtswünschen. Und noch viele Artikel ...

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blubbi-blupp 21.12.2018, 21:35
6.

Zitat von zeisig
Ich bin ein Bücherwurm, aber 15 Minuten für eine Spiegel Kolumne, da ist mir meine Zeit zu schade. Kann Herr Fischer sich nicht auf eine Länge beschränken, wie sie bei all den anderen SPON Kolumnisten üblich ist?
Ach komm, nicht dein Ernst. SPON quillt über mit sinnlosen Kurzinfos über Trennungsgeschichten von Schlageräffchen, Ernnähungstips und ähnlichen Unsinn. Ich war froh, dass hier mal ein lobenswerter Gedanke endlich mal etwas mehr Zeit abfordert, selbst wenn er zähflüssig geschrieben ist. Butterweiches Fastfood bekommen sie bei Kollegen Fleischhauer - Woche für Woche - greifen Sie zu.

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miklerk 21.12.2018, 22:13
7. Dicke Fische in inovativen Netzen, oder Ehre wem Ehre gebührt.

Die Rasterfahndung war eine Innovation, eine Vergfahrensinnovation. DIe Idee gab es natürlich schon in der Welt, aber die Anwendung und insbesondere die Umsetzung und Nutzung der Idee bei der Verbrechersuche war neu.
Rasterfahndung =Auswahlverfahren in Massen.
Jesus hatte am See Genezareth aus 5 Fischen 5000 Tausend gemacht - wenn es damals schon Megastädte gegeben hätte, wären es wahrscheinlich 5.000.000 Fische gewesen. Massenproduktion zu Zeiten von Jesus.
Ein Wunder allemal.
Das moderne Wunder ist genau das Gegenteil; Aus Millionen wird einer heraus gefischt, separiert, vereinzelt, erkannt. überführt.
Gut für Herrn Herold das die Methode funktioniert hat und nicht geflopt ist. Was wäre passiert, wenn nach einem riesen Aufwand am Ende kein dicker Fisch im Netz gezappelt hätte. Vermutlich wäre das ganze in der Schublade gelandet und ein Interview mit Herrn Herold amt seinen visionären IIdeenhätte niemanden interessiert. Und vermutlich gäbe es nicht diesen Nachruf. Es ist Glück dabei gewesen.
Übrigens die Idee, dass die Richter überflüssig würden und erstetzt werden könnten finde ich spannend und aktuell. Gibt es eigentlich Studien darüber, in wie weit Richter durch Algorithmen( mit eingebauter Fehlerquote) bzw. Würfeln (Zufallsprinzip) bei der Ermittlung und Festsetzung der Strafhöhe bei Strafsachen ersetzt werden könnten?
Herr Herold hatte die Idee und der Staat die Mittel (Geld) für die Umsetzung derselben. Gleichzeitig war der Staat Nutznießer dieser innovativen Methode. Oder kam der Nutzen doch etwas später. Jedenfalls war der Nutzen für alle folgenden Fälle schon da in Gestalt der Abschreckung, vielleicht.
und eine win win Situation. Dafür gebührt ihm Respekt.

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thom3 22.12.2018, 00:49
8. "Vereinzelung" gabs im großen Raster der Großstädte schon immer

und auch die entsprechende Polizeiarbeit wurde weit vor 1945 entwickelt - s. die "Mordkommission" des "Buddhas der Kriminalisten" Ernst Gennat in Berlin). Weil es hier auch schon lange vor der allgemeinen Automobilität weiträumgen Verkehr und große Migration und soziale Einzelgänger gab, große Städte bestanden noch nie sie nur tradierten Familien und Milieus. In dieser Hinsicht erscheint die Entfremdungs-Soziologie des Herrn Fischer doch etwas sehr hausbacken. Nach 1945 drang dieses Thema nur allgemein auch in die Mittel- und Kleinstädte vor. Mit der RAF wurde Anonymität als kriegerischer Untergrund organisiert, damit hatte die Polizei natürlich große Probleme, etwas anderes als Rasterfahndung war gar nicht möglich - allerdings war die RAF auch eine sehr prahlerische Szene... polizeiliche Rasterfahndung erschreckte die damals sehr viel privateren Bürger mehr als heute, weil sie damit die ungeheure staatliche Definitions- und Destruktionsmacht aus der Stalin-Hitler-Ära assoziierten, und nicht etwa die anerkannte Mordkommission des Ernst Gennat.

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thom3 22.12.2018, 01:19
9. Die Ultima Ratio der Rasterfahnung ist die allgemeine DNA-Datenbank

Die entscheidende Innovation seit Herold ist die individuelle Spuren-Täter-Zuordnung via DNA-Sequenz.

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