Forum: Panorama
Jugendkriminalität: Kinder als Opfer, Kinder als Täter
DPA

Wie kann man Kinder vor Straftaten schützen - und wie soll man mit Kindern umgehen, die selbst schwere Straftaten begehen? Das Thema ist voller Fallstricke und Scheingefechte.

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Nordstadtbewohner 18.07.2019, 14:50
1. Vielleicht eine Altersfrage

"Kaum jemand hat jemals eine Gerichtsverhandlung wegen eines Tötungsverbrechens miterlebt"

Ich habe bereits als Schüler in der 10. Klasse ein Gerichtsverfahren miterlebt, wo eine Frau wegen Totschlags an ihrem Mann zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Die Mutter einer Mitschülerin war Rechtspflegerin an einem Gericht, so dass wir in der 9. und 10. Klasse jeweils einmal im Schulhalbjahr einen Tag lang einen Prozess mitverfolgen konnten, der auch nur für einen Verhandlungstag angesetzt war. Sie, Herr Fischer, unterliegen wie viele Kolumnenschreiber dem Irrtum, dass wenn man selbst etwas nicht kennt, es einfach nicht existiert oder wenn man wie Ihre Kollegin Stokowski ein singuläre Erlebnis auf eine wie auch immer geartete Allgemeinheit überträgt.

Zum Thema: Was mir bei den ganzen Tötungs- und Vergewaltigungsstraftaten immer wieder auffällt, ist, dass die Täter oft zuvor Kontakt zu den Opfern hatten und damit Zugriff auf das soziale Umfeld, oftmals mit dem gescheiterten Versuch, eine sexuelle Beziehung aufzubauen. Von daher versuche ich, meine Kinder vor diesem Zugriff zu schützen. So besuchen sie eine Schule in freier Trägerschaft, die Schulgeld erhebt und von daher eine handverlesene Schülerschaft aufweist, die Straftaten im Allgemeinen sehr fern steht. Ebenso betrifft das die Organisation der Freizeit meiner Kinder. Sie besuchen nur ausgesuchte Einrichtungen, die auf Grund ihrer Hochpreisigkeit bestimmte Personengruppen auf Distanz hält. Es mag kein Allheilmittel geben, die meine Kinder vor (jugendlichen) Straftätern schützen. Aber ich versuche zumindest, mich nicht emotionalisieren zu lassen (wie Sie es treffend in der Kolumne beschreiben), sondern sachlich an die Angelegenheit heranzugehen, indem ich meine Kinder konsequent schütze, auch wenn mich das etwas kostet.

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Atheist_Crusader 18.07.2019, 14:58
2.

Fehlendes Mitgefühl und Schuldbewusstsein als entlastende Faktoren sind allerdings auch fragwürdig. Denn es braucht gar nicht so viel Empathie um in einer Gesellschaft zumindest zu funktionieren (im Sinne von "Ich lebe mein Leben und schade anderen nicht.").
Auch Soziopathen können lernen, dass man andere Leute nicht verprügelt, vergewaltigt, umbringt, etc. Dass sie auf einer emotionalen Ebene nicht richtig verstehen können warum es diese Gesetze gibt negiert ja nicht den Fakt, dass sie auf intellektueller Ebene verstehen können dass es dennoch so ist.

Anders gesagt: Ich muss mich nicht hineinversetzen können in mein Gegenüber um zu begreifen dass der vielleicht etwas dagegen hätte ermordet zu werden, dass das für ihn eine unangenehme Situation wäre, dass es seine Angehörigen belasten würde, etc. Es reicht wenn ich weiß, dass Mord verboten ist.

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norgejenta 18.07.2019, 15:13
3. Guter Artikel

Leider wird aber im letzten Absatz wieder alles beschönigt und verharmlost.. Nein ich hab mit 12 keine Frauen vergewaltigt und hab auch keine Frauen sexuell genötigt. Ich muss gestehen, ich kenne auch keinen der das damals gemacht hätte, wir haben vielleicht mal an der zigarette gezogen, beim Nachbarn im garten Blumen geklaut, mal am Bier genascht und sind schwarz mit dem bus gefahren. wir haben frisierte Mopeds gehabt oder der ein oder andere wurde beim Ladendiebstahl erwischt.. vielleicht haben wir die Mädels mal nach dem Sportunterricht gepiesackt. (Auch gerne anders rum). Aber Gruppenvergewaltgungen mit 12 oder 13, 14 .. kann mich nicht daran erinnern, das ich davon nur ansatzweise gehört hätte..Neinnein ich bin nicht vor dem Krieg aufgewachsen.. Es waren die 80er..

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spon-facebook-10000012354 18.07.2019, 15:13
4. Die Sichtweise der Juristen

Das zentrale Problem einer juristischen Sichtweise im Strafrecht ist die Regulierung von psychologischen Sachverhalten. So geht in diesem Essay alles munter durcheinander, wenn man es aus einer psychologischen oder biologischen Perspektive betrachtet. Es war - und ist - eine der radikalsten Thesen, mit denen Hirnforscher die Öffentlichkeit konfrontierten: Lange bevor wir uns bewusst entscheiden, etwas zu tun, hat das Gehirn die Entscheidung unbewusst längst vorweggenommen. Der freie Wille des Menschen, bloß Einbildung? Die Versuche des amerikanischen Hirnphysiologen Benjamin Libet hatten das nahegelegt. Gut eine Sekunde, bevor Probanden sich bewusst entschlossen, ihre Hand zu bewegen, war in den Hirnstromkurven das „Bereitschaftspotential“ dafür schon zu finden. Dreieinhalb Jahrzehnte lang haben die einen, meist Hirnforscher, alles versucht, um Politik, Philosophie und die Architekten und Hüter des Rechtsstaates, die sich mit der Schuldfähigkeit von Straftätern auseinanderzusetzen haben, wachzurütteln und die Folgen dieser Erkenntnis zu bedenken. Alle anderen wehrten sich mit Händen und Füßen und noch mehr Worten dagegen, sich den Kopf waschen zu lassen mit wissenschaftlichem Material, das gegen den gesunden Menschenverstand und die eigene Erfahrung verstößt. So weit will der Autor nicht gehen, möglicherweise aus guten Gründen. So versinkt er aber in Details seiner Disziplin, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten.
https://www.faz.net/aktuell/wissen/ist-das-gehirn-fremdgesteuert-endlich-befreit-14034210.html

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torbengm 18.07.2019, 15:17
5. Strafmündigkeitkeit: Abgestufte Betrachtung

Zur Strafmündigkeitkeit: Sie führen durchweg Delikte mit geringerer Hemmschwelle an als etwa für eine Mord oder eine Vergewaltigung. Ich sehe nichts Widersprüchliches darin, einem 13-Jährigen die Strafmündigkeit für einen Diebstahl oder eine sexuelle Belästigung/Nötigung abzusprechen, aber - zum Beispiel - seine Strafmündigkeit für einen Mord oder eine besonders schwere Vergewaltigung zu bejahen. Es entspricht einfach der Lebenserfahrung, dass Heranwachsende sich Recht und Unrecht in "Stufen" annähern.

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skilliard 18.07.2019, 15:18
6.

Dieser Beitrag ist einfach nur erschütternd. Man hat ja schon oft gesehen, dass es in Deutschland nicht um Gerechtigkeit für die Opfer geht. Aber eine derartige Entgleisung zu produzieren wo man von Absatz zu Absatz merkt, wie sich der Herr Journalist in Rage schreibt weil die böse Gesellschaft sich dazu erdreistet, auf Verbrechen mit Konsequenz zu reagieren, das macht schon sprachlos.

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swnf 18.07.2019, 15:23
7. Vielen Dank mal wieder, Herr Fischer!

Ihre Kolumne sollte zur Pflichtlektüre für alle "Hobby-Couch-Richter" in Deutschland werden!
Schön fand ich auch, dass Sie immer wieder eingeworfen haben, dass "deren Umstände allerdings überhaupt noch nicht bekannt sind". Ich hatte auch einige Diskussionen mit Kollegen, die nicht davor gefeit sind, bei ausländischen Straftätern gerne das Strafmaß zu erhöhen, oder in Richtung Rache-Justiz zu urteilen und konnte bzgl. Mühlheim immer nur sagen, dass mir die Umstände überhaupt noch nicht bekannt sind und ich deshalb dazu keine Meinung habe! "Erregungszüge" ...großartig!

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moritz27 18.07.2019, 15:28
8. Sehr geehrter Herr Fischer,

wenn Sie den Spiegel aufmerksam lesen, fanden Sie in einer der Juniausgaben einen Bericht über den Prozess im Fall Susanna. Der Täter hat die Leiche nicht etwa einfach liegen lassen, sondern vergraben. So ganz geistig beeinträchtig scheint er also nicht gewesen zu sein. Er hat befürchtet, dass man ihn sonst leicht auf die Spur kommen könnte. Jetzt kommt das absolut Surreale des ganzen Falls. Er hat seiner gesamten Clique davon erzählt, einige einheimische Mädchen sogar auf deren Wunsch hin an die Stelle geführt, an der er die Tote versteckt hat. Dabei war er offenbar felsenfest davon überzeugt, alle so im Griff zu haben, das niemand "petzt". Und die, die Bescheid wussten haben die Mutter in dem Galuben gelassen, dass die Tochter schon bald wieder auftaucht. Ich kann mir ein solches Verhalten mit nichts erklären und suche auch erst gar nicht nach möglichen Gründen. Wie es dem Verurteilten in der Haft ergeht, ist mir vollkommen egal. Die Schwere des Leidens seines Opfers und dessen Mutter wird er nie erreichen. Und dass seine Familie ihn durch die überstürzte Ausreise vor der Strafverfolgung retten wollte, setzt allem noch die Krone auf. Plötzlich war der unsichere Nordirak wieder sicherer als Deutschland geworden. Alles ist relativ. Und natürlich gibt es Menschen, die niemals sozialisiert waren und sind. An denenen beißen sich auch sämtliche Sozialpädagogen, Psychiater und Psychologen mit ihren Resozialisierungsmaßnahmen die Zähne aus. Zu denen sagt man beim Verlassen des Gefängnisses auch nicht Tschüss, sondern Auf Wiedersehen.

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zeichenkette 18.07.2019, 15:29
9. Die "Volksseele" und ihre Aufpeitscher interessiert das alles nicht

Das ist viel zu differenziert. "Hart durchgreifen", "abschieben", "wilde Tiere", das ist Storytelling und das funktioniert wie von selbst. Da interessieren Details nicht und wie ein Justizsystem funktioniert und warum Gesetze so sind, wie sind, interessiert da auch nicht. Und natürlich funktionieren die Massenmedien, getrieben von den Sozialen Netzwerken, wunderbar als Kanäle, in denen aus tausend Rinnsalen reißende Fluten werden. Wer da differenzieren will und "Abstand" verlangt, bekommt Hassmails und Morddrohungen und landet ohnehin als "Volksfeind" auf Todeslisten von Leuten, die mit der Knarre in der Hand meinen, die westliche Zivilisation zu verteidigen. So sieht das mittlerweile aus.

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