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Krankenhaushygiene: Klinikärzte warnen Politik vor Aktionismus

Brauchen Deutschlands Kliniken schärfere Standards? Nach dem Tod der drei Babys in Mainz warnt der Marburger Bund die Politik vor einer Einmischung. Statt neuer Bestimmungen fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser.

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mischamai 25.08.2010, 07:48
1. es gibt noch viel zu tun

Jedes Jahr sterben in deutschen Krankenhäusern etwa 20 mal mehr Menschen an Krankenhauskeimen als bei Verkehrsunfällen.Da fragt man sich schon warum man das doch sehr erfolgreiche Modell der Niederlande nicht übernimmt?

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Hilfskraft 25.08.2010, 07:58
2. Personalmangel

" ... fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser."

Keime durch Personalmangel kann sein, muß aber nicht.
Sicher, wenn es schnell, schnell gehen muß und ständig das selbe Personal vor Ort sein muß, bleibt keine Zeit für SOLCHE Dinge. Das ist nicht umbedingt dem Personal anzulasten.
Es geht allerdings um ganz winzige Lebewesen und meist um ganz winzige Dinge, wie zum Beispiel das ständige Wechseln von Handschuhen.
Latex an den Händen mag reinlich aussehen, muß es aber nicht sein, wenn das Personal mit den selben Handschuhen bereits sonstwo war.
Mangelnde Vorstellungskraft, wo und wie Keime übertragen werden. Also mangelhafte Ausbildung spielt wohl auch eine große Rolle.
Wer sich als Patient nicht mit Noro-Viren infiziert, war nicht im Krankenhaus.
In den Niederlanden werden alle Neuzugänge erstmal als ansteckend angesehen und gesondert behandelt.
übrigens: Deutsche besonders! Sie gelten als besonders kontaminiert mit Keimen.
Wenn das nicht der Fall ist, kommen sie in den üblichen Betrieb hinein.
Deutsche Krankenhäuser sind nicht nur beim Patienten seit langem als Keimschleudern verschrien, sondern allgemein auch im Ausland.
Da sollten sich die Ärztegewerkschaft mal ganz schön geschlossen halten.
H.

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Peletua 25.08.2010, 08:02
3. Das war schon immer so...

Das war schon immer so, das war noch nie so, und da könnte ja jeder kommen. Diesen drei heiligen deutschen Prinzipien folgt offenbar der Marburger Bund. So, so, es gibt also keinen Mangel an Hygieneregeln und Standards in deutschen Kliniken. Wie kommt es denn dann, dass mittlerweile in den Niederlanden Patienten, die aus deutschen Krankenhäusern kommen, erst einmal unter Quarantäne gestellt werden müssen? Man hat dort keine Lust auf multiresistente Keime, die sich bei uns offenbar trotz der großartigen Standards fröhlich ausbreiten dürfen. Dass deutsche Krankenhäuser unterbesetzt sind, wissen wir längst. Das niederländische Gesundheitssystem aber ist nach meiner Information noch ärger kaputtgespart worden als das deutsche; trotzdem hat man das Problem dort im Griff.

Ich kenne allein zwei Fälle schwerwiegender, lang anhaltender Infektionen nach chirurgischen Eingriffen in deutschen Kliniken. Eine der beiden, eine ältere Dame, der vor sieben Jahren ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt wurde, hat seitdem eine große, permanent offene Wunde, die täglich versorgt werden muss. Die ehemals kraftvolle Frau sitzt heute, entsetzlich abgemagert und entkräftet, als schwerer Pflegefall im Rollstuhl, wenn sie es denn überhaupt dahin schafft. Die Klinik streitet jede Verantwortung ab.

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hr_schmeiss 25.08.2010, 08:10
4. ...nein, Gesetze müssen her!

Personal, wozu denn das? Personal hindert doch nur, wie übrigens die Patienten ja auch. Wir brauchen dringend mehr Gesetze, die das alles Regeln. Und alles muss noch viel besser dokumentiert werden.
Heute geht vielleicht nur ein Drittel der Arbeitszeit für Dokumentation drauf. Sicher, das ist wichtig, aber ein gut Teil davon ist nicht mehr relevante Information über den Fall, sondern dient dazu, sich den A..., Rücken, frei zu halten. Wenn wir die ganze Arbeitszeit für lückenlose Dokumentation aufwenden würden, dann könnten weniger Fehler am Patienten passieren.

Meine alte Chefin pflegte zu sagen: wenn etwas nicht dokumententiert ist, dann wurde es auch nicht gemacht.
Der logische Umkehrschluss: Wenn es dokumentiert ist, dann wurde es gemacht. Oder?

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ADie 25.08.2010, 08:10
5. Deutschlands Krankenhäuser sind die gefährlichsten in Europa

Zitat von sysop
Brauchen Deutschlands Kliniken schärfere Standards? ...
Vor Kurzem wurde auf 3Sat über die dramatische Situation bezüglich des Infektionsrisikos für Patienten berichtet. Da äußerte ein Mediziner "Wenn ich operiert werden muss, gehe ich dafür in die Niederlande. In Deutschland ist das Risiko [sich mit multiresistenten Bakterien zu infizieren] einfach zu hoch".

Da allerdings das deutsche Krankheitssystem zu den teuersten in Europa gehört, kann es ja wohl kaum an mangelndem Geld liegen. Wohl eher an Ärzten, die die Schuld überall, nur nicht in ihrem antiquierten Selbstbild.

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Geziefer 25.08.2010, 08:58
6. Hinweis

Zitat von sysop
Brauchen Deutschlands Kliniken schärfere Standards? Nach dem Tod der drei Babys in Mainz warnt der Marburger Bund die Politik vor einer Einmischung. Statt neuer Bestimmungen fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Frühgeborenen liegt ab der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche in Deutschland zurzeit etwa bei 60 % und steigt mit zunehmender Reife. Bei Frühgeborenen mit einem Gewicht von unter 500 g liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit in Deutschland zurzeit bei etwa 20 bis 30 %.

Die Zahl der überlebenden Frühgeborenen nimmt dank des medizinisch-technischer Fortschritte zu. Doch je unreifer ein Kind geboren wird, desto höher ist sein Risiko, eine bleibende Körperbehinderung oder kognitive Beeinträchtigungen zu bekommen. Die Fallzahlen von mehrfach schwer behinderten Kindern steigt. Das kann jedes Sozialamt in der Bundesrepublik bestätigen. Es darf nicht verschwiegen werden, dass diese Kinder oftmals erhebliche Einschränkungen der intellektuellen, sensorischen, motorischen, sprachlichen, sozial-emotionalen und geistig-kognitiven Fähigkeiten haben und für ihren weiteren Lebensweg einen erheblichen zusätzlichen Personal- und Betreuungsaufwand erforderlich machen.

Unter solchen Bedingungen sind natürlich die Anforderungen an die Keimfreiheit einer Frühgeborenen-Intensivstation besonders hoch. Ob dieser Standard auf alle Krankenhausbereiche übertragbar ist, ist eine m.E. offene Frage.

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A.Lias 25.08.2010, 08:59
7. Wie wär es,

wenn man auf diesem Gebiet, wie auf vielen anderen, endlich den Föderalismus aufgibt und bundeseinheitliche Regeln und Standards erlässt?

Es kann doch nicht sein, dass man in Kleinkleckersdorf andere Vorstellungen von Hygiene hat als in Hintertupfingen. Und wenn beides dann noch akademische Lehrkrankenhäuser sind, dann sind natürlich die jeweiligen Richtlinien ein Dogma, das nicht diskutiert werden kann.
Und wenn ich dann sehe, wie lax z.B. Betten gereinigt werden, nachdem ein Patient entlassen wurde...

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Anja K. 25.08.2010, 09:42
8. Förderalismus

Zitat von A.Lias
wenn man auf diesem Gebiet, wie auf vielen anderen, endlich den Föderalismus aufgibt und bundeseinheitliche Regeln und Standards erlässt?
Da werden die Bundesländer sicher wieder dagegen angehen, weil das ist ja ein Eingriff in ihr hoheitliches Recht. Und wenn man da einmal nachgibt: Nachher kommen da noch merkwürdige Leute und fordern gar eine bundeseinheitliche Bildung...
Allein deshalb bezweifle ich, dass da was rauskommt, auch wenn das wahrscheinlich wenigstens einen gleichen (schlechten) Standard in jedem Bundesland garantieren würde.

In meinem Bekanntenkreis machen wir immer Witze über ein Krankenhaus bei uns in der Region: "Schau, dass du gesund bist, anders hast du kaum eine Chance, wieder rauszukommen. Wobei, wenn du länger als eine Woche dort liegst, hilft dir Gesundheit auch nicht mehr weiter." Großeltern werden - wenn möglich, in andere Krankenhäuser verfrachtet, etc.
Aber bisher dachte ich, das wäre ein trauriger Einzelfall...

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Tubus 25.08.2010, 10:14
9. Viel Geld

Zitat von hr_schmeiss
Personal, wozu denn das? Personal hindert doch nur, wie übrigens die Patienten ja auch. Wir brauchen dringend mehr Gesetze, die das alles Regeln. Und alles muss noch viel besser dokumentiert werden. Heute geht vielleicht nur ein Drittel der Arbeitszeit für Dokumentation drauf. Sicher,.....
Sie haben Recht und Unrecht. Natürlich fürchten Ärzte und Krankenhäuser die Regelungswut von Politikern, die nur auf einen Medienhype reagieren. Tatsächlich hat der aktuelle Fall in Mainz ja auch rein gar nichts mit den den Hygieneproblemen der Krankenhäuser und der MRSA Problematik zu tun. Aber so funktionieren die Medien und die Politik. In der Öffentlichkeit herrscht der Eindruck, als ob Ärzte und Schwestern Schweine wären, die aus Dummheit und Faulheit ihre Patienten infizieren und umbringen. Obwohl das gequirlter Quatsch ist,sind Krankenhäuser wegen der Konzentration kranker Menschen grundsätzlich Brutstätten hochpathogener, multiresistenter Keime. Als man Antibiotika nicht kannte nahm die Krankenhausarchitektur darauf Rücksicht und isolierte Patienten und Stationen voneinander. Mit modernen Behandlungsabläufen war eine solche Bauweise nicht vereinbar und der Einsatz von Antibiotika schien früher notwendige Maßnahmen überflüssig zu machen. Inzwischen weiß man, dass Abläufe und Prozesse in Krankenhäusern aber neu und anders geregelt werden müssen. Dazu bedarf es auch klarer überprüfbarer möglichst einheitlicher Vorschriften. Das Problem sind aber nicht die Vorschriften sondern ihre Umsetzung, die viel Geld kostet nicht nur für Personal sondern auch für bauliche Maßnahmen.

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