Forum: Panorama
Loveparade-Verfahren: Der kleine Schritt zur Katastrophe
DPA

Das Strafverfahren wegen der "Love-Parade"-Katastrophe 2010 soll eingestellt werden, die Hinterbliebenen und die Öffentlichkeit bekommen keinen Schuldigen. Das mag vielen unbefriedigend erscheinen - Unrecht ist es nicht.

Seite 1 von 16
jujo 18.01.2019, 14:10
1. ...

Das es Verjährungsfristen gibt mag ja in Ordnung sein. Für mich ist es aber nicht in Ordnung, ein vor der Frist eröffnetes, laufendes Verfahren ohne Urteil zu beenden. Da muß die Justiz schon mal in die Gänge kommen. Kann ja sein daß das Gericht sich überfordert fühlt, dann muß eben ein anderes Gericht weitermachen.

Beitrag melden
paleki79 18.01.2019, 14:32
2. Danke

Vielen Dank für die einordnenden Worte. Angesichts der Tatsache, dass 21 junge Menschen erdrückt, erstickt, zerquetscht oder totgetrampelt wurden, scheint der wahrscheinliche Ausgang des Verfahrens wie Hohn. Dennoch hat Herr Fischer natürlich Recht: zwischen gefühlter schwerer Schuld (und damit einhergehender erhoffter Strafe) und tatsächlich einzelnen Angeklagten zweifelsfrei zuordnenbaren Vergehen liegen manchmal Welten. Bitter für die Angehörigen, aber rechtens.

Beitrag melden
marlos 18.01.2019, 14:32
3. Danke

Lieber Herr Fischer, besten Dank für diese Ausführungen. Ich kann nur hoffen, dass ein sehr breiter Teil der "Öffentlichkeit" diese Worte liest und den Inhalt auf sich wirken lässt.

Beitrag melden
b.v. 18.01.2019, 14:33
4. Differenzierung...

...heißt das Zauberwort. Mal wieder. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, außerdem kommt es auf den Blickwinkel an. Das gilt für fast alles, womit sich die Justiz beschäftigt. Fischer hat das mal wieder richtig und verständlich dargestellt. Die Justiz kann oftmals nicht leisten, was die fluchtende Öffentlichkeit von ihr verlangt und ist vielfach auch gar nicht dafür da. Es hilft, die Dinge auch mal aus der Distanz zu betrachten. Für die Aufarbeitung dieser Tragödie hilft das naturgemäß kaum weiter. Aber darum geht es in diesem Prozess auch nicht als primären Ziel, sondern eben nur um die Feststellung individueller Schuld. Wie Fischer gleich zu Beginn völlig richtig herausstellt, ist in diesem Fall von vornherein überhaupt kein Ergebnis denkbar, das man als "gerecht" empfinden könnte.

Beitrag melden
Sendungsverfolger 18.01.2019, 14:34
5. Gerechtigkeit .... gibt es nicht

Endlich einmal ein Artikel, der ohne den Moralbegriff "Gerechtigkeit" auskommt. Gerechtigkeit gibt es nicht, nur Recht. Das liegt daran, dass Gerechtigkeit ein philosophischer, ausschließlich subjektiver Begriff ist. "Meine" Gerechtigkeit ist nicht die meines Nachbarn, nicht die eines XXX-isten (bitte beliebige politische Richtung oder Religion einsetzen), nicht die eines Opfers und schon gar nicht die eines Täters. Und aus genau diesen Gründen gibt es keine Gerechtigkeit und wird sie auch nie geben.

Beitrag melden
X.Schneekönigin.X 18.01.2019, 14:35
6. Öffentliches Interesse

Ich denke, hier gibt es schon noch einmal einen deutlichen Unterschied zwischen einem Fall, der sich im privaten abspielt (wie Ihr genanntes Beispiel mit der Mutter, die fahrlässig handelt) und einem, der sich in der Öffentlichkeit ereignet.

Im Falle der Love Parade gab es im Vorfeld seitens Mitarbeiter der Stadt schon Zweifel, ob das Sicherheitskonzept so funktioniert.
Die Schuld liegt hier sicherlich nicht bei einem einzigen Menschen, sondern muss von diversen Köpfen getragen werden, aber diese Köpfe hätten in Zusammenarbeit eben jene Katastrophe verhindern können.
Mitarbeiter der Stadt, der Veranstalter und sicherlich auch der Polizei müssen sich die Frage gefallen lassen, wie es hierzu kommen konnte und wieso nicht ggf. anders gehandelt wurde.

Bestes Beispiel einer Katastrophe, in der Jahrzehnte später noch eine Aufarbeitung stattfindet, ist die Hillsborough Katastrophe. Entgegen der ersten Meinung wird hier nun doch ein Verfahren angestrebt.

Selbst wenn keiner der Angeklagten bewusst diese Katastrophe herbeiführen wollte, müssen Sie sich nunmal dafür verantworten, dass ihr Verhalten und ihre Beurteilung dazu geführt haben. Und nur weil andere Glück gehabt haben, dass dieser Kelch an ihnen vorbei ging, heißt es nicht, dass die Schuld bei denjenigen, wo es schief gegangen ist, weniger zu beachten ist.

Letztendlich ist jedes Urteil auch ein Mahnmal: Diesmal ist es schief gegangen, achtet darauf, dass es zukünftig besser läuft, denn Unwissenheit oder Unbedachtheit schützt vor Strafe nicht.

Beitrag melden
ebieberich 18.01.2019, 14:40
7. Unverschaemter Schwachsinn

"Jeder möge sich einmal überlegen, wie oft in seinem (Berufs)Leben er schon einmal etwas falsch oder nicht ganz richtig gemacht hat, aus welchen Gründen auch immer, und was dadurch hätte passieren können, wenn nur ganz wenige andere Zufälle oder Fehler hinzugekommen wären." Da hat der Spiegel aber seinerzeit kritischer reagiert. Mit Recht, denn es war von anfang an klar, dass der Veranstalter und Oberbuergermeister volles Risiko eingegangen sind, obwohl das Nadeloehr Tunnel und keinerlei Fluchtweg als extrem gefaehrlich eingestuft wurden. Das ist vergleichbar mit einer Musikhalle und nur einem Ein und Ausgang. Keiner wuerde das genehmigen, schon aus Brandschutzbestimmungen. Das hat mit eben mal was falsh machen absolut nichts zu tun, sondern mit von Profit getriebener Fahrlaessigkeit. So einen Schwachsinn kann man auch nur verzapfen, wenn man noch nie auf einem Konzert oder Musikveranstaltung war. Allderdings kommt das hier wie eine Verhoehnung der Opfer rueber.

Beitrag melden
claudio_im_osten 18.01.2019, 14:56
8. Die Tragik dieser Katastrophe...

...ist leider juristisch nicht zu fassen. Jeder allerdings, der diesen Tunnel und die Aufgänge kennt (und ich selbst bin viele Male dort hindurch gefahren), bleibt fassungslos angesichts des Faktums, wie viele Menschen dort gleichzeitig hinein- und hinausgehen sollten. Man braucht nur zwei und zwei zusammenzählen angesichts der angeblich erwarteten Besucherzahlen, selbst die tatsächlich erzielten bedeuten ein Vielfaches jeder vernünftigen Kapazitätsannahme für diese Zu- und Ausgänge.
Letztlich bleibt nur der durh die Öffentlichkeit erzwungene Rücktritt des Oberbürgermeisters, der fachlich aber am wenigsten Einfluss genommen hatte - und die zum Teil bis heute andauernde weitere Amtsführung einer ganzen Gruppe von inkompetenten Versagern, von denen niemand die Verantwortung übernommen hat, eine solche Planung abzulehnen. Den Tunnel mussten alle kennen, und hier schließe ich ausdrücklich die beteiligten Verkehrswissenschaftler ein.
Einstellung des Strafprozesses - tja. Den Juristen mag's genügen.

Beitrag melden
mightypudel 18.01.2019, 15:12
9. Respekt

Im gesellschaftlichen Minenfeld der Rechtsfindung, Rechtsprechung und des "Rechtsempfindens" sind Herrn Fischers Texte das Beste, differenzierteste und klärendste was ich zum Thema je gelesen habe. Respekt, Herr Fischer. Auch, und sehr zentral, weil Sie sich der Versuchung konsequent widersetzen, Sachverhalte und Erklärungen zu vereinfachen und zu popularisieren.

Beitrag melden
Seite 1 von 16
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!