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Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs: "Meine Eltern haben mir viele Folgen ihrer Trau
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Was hat der Zweite Weltkrieg noch mit den Nachkriegsgenerationen zu tun? Der Autor Matthias Lohre hat seine Biografie und Familiengeschichte erforscht - und festgestellt: sehr viel.

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bernhard.e.fuchs 08.05.2016, 14:51
30. Wo bleibt die Dankbarkeit?

Was der Autor schreibt, kann ich zum größten Teil bestätigen. Was mir hingegen bei ihm fehlt, ist ein Wort der Dankbarkeit. Die Generation der Kriegskinder hat - selbst schuldlos - den höchsten Preis fuer die Hitler-Verbrechen bezahlt. Trotzdem wollte sie nichts mehr, als uns, den Enkeln, ein Leben in Sicherheit zu ermöglichen. Dafuer hat sie ihre eigenen Beduerfnisse stets zurueckgestellt. Ihr Vermächtnis an uns ist es, dafuer zu sorgen, dass unsere Kinder, die Urenkel, in einem gerechten Europa aufwachsen. Stattdessen laufen wir in Scharen wieder zu den Hetzern über. So riesig kann unser geerbtes Trauma also gar nicht sein.

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notbehelf 08.05.2016, 15:00
31. Transgenerational

Zitat von vhn
Das sog. transgenerationale Trauma ist ein nachgewiesener Fakt. Natürlich kennt der Nachkomme diese Dinge nur vom Hörensagen. Aber die Geschehnisse prägten das Verhalten seiner Vorfahren. Und dieses Verhalten wirkt sich doch sehr deutlich auf die folgenden Generationen aus. Das hat der Autor doch sehr gut beschrieben. Und böse gesagt, seine Eltern wären bestimmt genau Ihrer Meinung: der hat doch nichts weil er die Dinge nur vom Hörensagen kennt...
Da geht es aber nicht (nur) um Krieg. Sondern darum, dass traumatische Erfahrungen zu Depressionen, Zwangsstörungen etc. führen, die sich natürlich auf Kinder, Enkel etc. auswirken.
Z.B. Erleiden geprügelte Kinder traumatische Erfahrungen und werden dies in irgendeiner Form an ihre Kinder weitergeben.

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dingodog 08.05.2016, 15:02
32. Bode

Die meines Wissens erste, die sich mit diesen Traumata intensiv beschäftigt hat, ist Sabine Bode mit ihrem Buch "Die vergessene Generation", das sich auf die Traumata der Kriegskinder-Generation konzentriert, und "Kriegsenkel", dass sich um deren Kinder dreht. Ihre Beschreibung der Probleme trifft mit Sicherheit nicht auf jeden zu, der aus der jeweiligen Generation kommt, aber mir kamen viele Muster und Denkweisen sehr bekannt vor. Verdrängung ist immer ganz typisch gewesen.

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notbehelf 08.05.2016, 15:05
33. Endlich?

Zitat von horst2000
Endlich wird anerkannt, dass der Krieg auch seine generationenübergreifenden seelischen Schatten auf die deutsche Bevölkerung geworfen hat. Daran wird auch die politische Korrektheit in diesem Land nichts ändern können. Und wir Kriegsenkel werden uns von ihr auch nicht länger unsere Gesundung und Akzeptanz nehmen lassen!
Alle Deutschen leiden unter dem Schatten der Nazi-Vergangenheit. Und das, obwohl viele keine Nazi-Vorfahren hatten. Das ist aber nichts, was nicht in der Öffentlichkeit diskutiert würde.

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dingodog 08.05.2016, 15:08
34. Epigenetische Erinnerungen

Was die "epigenetischen Erinnerungen" angeht - als Naturwissenschaftler muss man sich dem wohl erstmal verweigern. Aber immerhin gibt es Experimente, dass erlernte Erinnerungen an Gerüche im Mäuse-Versuch über 2 Generationen hinweg nachweisbar sind. Evolutionär macht so ein Mechanismus durchaus Sinn - generationenübergreifendes Lernen ohne Sprache, das schneller ist als die übliche Evolution.

Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich glaube, eine akustische Erinnerung an die Flak-Kanonen zu haben, die mein Vater über mehrere Jahre fast täglich gehört hatte (sie wohnten in Hafennähe). Hat seltsamerweise etwas beruhigendes, beschützendes, gar nicht bedrohliches. Ich habe ihn erst vor kurzem nach seinen Erlebnissen in dieser Zeit gefragt, und das war neben den Erlebnissen während und nach der Flucht aus Danzig das prägenste. Aber die "Erinnerung" daran, die Vorstellung tief dröhnender Kanonen, spukt schon viel länger in meinem Kopf rum.

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yangbai 08.05.2016, 15:14
35. lieber Emil Peisker

es stimmt, selbst erlebt habe ich den Krieg und die Nachkriegszeit nicht. Meine Eltern sind in der Nachkriegszeit aufgewachsen und haben in dieser Zeit Verhaltensweisen als Überlebensstrategie entwickelt. Leider wurden diese Überlebensstrategien auch in der Zeit danach weiter gelebt und unsere Familie dadurch geprägt: "Die Welt ist schlecht", " Stell Dich nicht so mädchenhaft an!", "" Du warst so ein tolles ruhiges Kind, hast Dich immer selber beschäftigt", "Die anderen zuerst!" "Bei uns läuft es immer anders"...Die Kindheit war nicht schlecht, sondern belastet...Belastet mit Dingen aus einer anderen Zeit.
Und das Leugnen, Absprechen von kindlichen Bedürfnissen, das nicht miteinander reden können, scheint typisch zu sein. Ich lerne durch diese Artikel, das es bei "uns" nicht anders lief, dass ich "normal" bin, kann hinterfragen, was nicht mehr nützt aufgeben...
Und sicherlich sind manche Familien stärker betroffen als andere und vielleicht gibt es Familien, die sind es gar nicht. Ich hoffe für Sie und Ihre Kinder, dass Sie zu der dritten Gruppe zählen. Ich habe aber eine Bitte an Sie: weil Sie es nicht kennen, heisst es nicht, dass es das nicht gibt!
Es geht im den Umgang damit. Ich wünsche mir, dass er offen, Wertschätzung und mit Respekt erfolgt, dann kann erlebt werden, dass alte Verhaltensweisen nicht mehr benötigt werden, weil es eine andere Zeit ist.
Und ich wünsche mir noch was. Das wir das Wissen nutzen und den Generationen der letzten und aktuellen Kriege human zu begegnen.

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Oberleerer 08.05.2016, 15:36
36.

Als mir die Zeitzeugen vom Krieg erzählten, war ich als Kind nicht traumatisiert. Ich habe das eben erstmal angehört, aber als Kind ist man eben noch nicht so emphatisch. In späteren Jahren ist es eben nichts Neues, Schockierendes mehr, sondern eine alte Kamelle.

Der Leistungsdruck und das Funktionieren erscheinen mir eher als das Resultat des Postbeamten. Zur damaligen Zeit war Beamtentum noch sehr authoritär, elitär und fast militärisch. Nur besonders gute Soldaten haben das Glück eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen.

Daß man das Resultat der Eltern ist und diese wiederum ihrer Eltern ist ja nun kaum eine überraschende These. Daß ein Krieg der Großeltern beim Enkel für Depressionen sorgt ... hmmm.
Welches Land hatte denn keine Soldaten in irgendeinem Krieg, in den letzten 100 Jahren?

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Gretl7 08.05.2016, 15:39
37.

Das Problem der Kinder/Enkel ist die eine Seite. Das Nicht-Sterben-Können der Elterngeneration das andere. Mein Vater war 19 als er am 9. Mai in der Nähe von Prag in russische Krieggefangenschaft kam. Er stand dann mit 20 anderen an einer Scheunenwand und die Soldaten entsicherten gerade ihre Gewehre, um alle zu erschießen. Stattdessen erschossen sie einen vorbefahrenden Offizier der wehrmacht, um sein Motorad zu haben. Nach kurzer Gefangenschaft arbeitete er dann in Norra für die Russen in der Raketenproduktion. Damals unterschrieb er, dass er niemals wieder ein Gewehr anfassen will. Als die Kampfgruppen 1955 in der DDR gegründet wurden, weigerte er sich, dort mitzumachen und flog aus der Partei. Er sprach kaum über den Krieg, aber er hatte in den letzten Jahren seines Lebens, eine unheimliche Angst vor dem Sterben. Fast jeden Monat musste er ins Krankenhaus, um Wasser aus der Lunge zu bekommen. Er starb mit 84 Jahre erst als wir uns beim letzten Krankenhausbesuch über dieses Thema ausgesprochen haben.

Meine Mutter erlebte als 20-jährige die Flucht aus dem Oderknie (Züllichau) mit dem letzten Güterzug. Überlebte verschiedene Bombardierungen der deutschen Städte und war anschließend so depressiv, dass der Arzt ihr empfahl, sich ein Kind anzuschaffen, um eine andere Aufgabe zu haben. Sieben Monate später kam ich zur Welt. Glücklicherweise habe ich keine Depressionen geerbt, dafür bereitet mir aber der Ausdruck von Gefühlen Schwierigkeiten.
Trotzdem bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie alles ermöglicht haben, damit wir im Freiden aufwachsen. Die Standhaftigkeit meines Vater beim SED-Austritt zur Stalinzeit und das Nein-Sagen, gaben mir die Mut, es später auch zu tun. Pazifist zu werden, ein Anti-Kriegsmuseum in Berlin mitzugründen und niemals sich gegen die eigene Überzeugung anzupassen.

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wallaceby 08.05.2016, 15:39
38. Neun Jahre bei der

Auch auf die Gefahr, hier etwas unsensibel und hart zu wirken, so kann ich dem Autor bei seiner allzu selbstreferenziell gestalteten Traumata-Bewältigung nicht so ganz ernst nehmen. Ich bin nur ein paar Jahre älter als der Herr Lohre, ebenfalls ländlich aufgewachsen und auch meine Mutter hatte noch Erinnerung an amerikanische Tieffliegerangriffe am helllichten Tag gegen ihr Dorf, mit Todesopfer. Da war sie aber erst fünf Jahre alt. Ich vermute mal, die Eltern des Autors waren damals noch jünger. Dies wurde auch immer und ohne falsche Art von verdrängter Vergangenheitsbewältigung angesprochen. Mich hat das immer interessiert. Und bei meiner Mutter ist da nicht viel an Negativem für das eigene Leben oder das der Kinder hängengeblieben. Das hörte sich immer mehr nach real erlebter "Filmdramaturgie" an. Wäre sie jetzt ein ebenfalls allzu sehr auf sich selbst bezogener Charakter, wie der Autor, dann hätte sie das Thema zum "roten Faden, der sich durch ihr Leben zieht" gemacht, und dabei dummerweise das Leben ihrer Kinder ständig mitbeeinflusst. Hat sie aber nicht. Weil sie nicht dieser Art entspricht. Mit anderen Worten: man muss auch mal mit etwas geerdeter Realitätsnähe, oder wie man heute vielleicht sagt "toughness" so ein Thema behandeln. Dann muss man auch später sein und andere Leben nicht damit belasten. Dieses weinerliche Getue, das der Autor erst nach einer "Psychoanalyse" bei sich selbst entdeckt haben will, kann man auch wahnsinnig übertreiben... Wie ich schon sagte, dieses allzu selbstreferenzielle Gehabe, mit den dummen Folgen, eine richtig ungesunde und weinerliche, wehleidige Art zu entwickeln, kann man auch anders sehen. Ich habe eine ziemlich unkomplizierte Kindheit gehabt. Übrigens, mein Opa wurde von den angerückten Amerikanern mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihnen seine gesamten Pferde zu übergeben, sonst wäre er erschossen worden. Auch darüber wurde oft geredet. So entwickelt man dann auch als Kind schon ein relativ gesundes Gespür, dass das "Gut und Böse"-Getue ziemlich nahe beieinander liegt. Schade für den Autor, dass er sogar über 70 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, tatsächlich das Gefühl hat, sein Leben sei für ihn deshalb sehr negativ beeinflusst worden... Homer Simpson würde sagen: "boooooooring".... Werden sie erwachsen!! Oh, und übrigens...: mein Ur-Ur-Großvater war im Krieg 1870/71 gegen die Franzosen ebenfalls unglaublicher Brutalität ausgesetzt. Ich merke gerade, dass sich über 140 Jahre später ein ganz fies verstecktes Traumata in mir, immer mehr zu Wort meldet... oder, nein.... doch nicht!... Es war nur der Ärger über's Ausscheiden vom FC Bayern in der Champions League!!! Sorry, hab mich getäuscht... Ironie aus...

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jozu2 08.05.2016, 15:51
39. @ 1: Doch es wurden Traumata vererbt

Ich bin auch Nachkomme von Eltern, die den Krieg noch ganz bewußt miterlebt haben und nach dem Krieg stark hungerten. Ich kann Essen nur schwer liegen lassen und packe jeden kleinen Rest (wenn es mir aus gesundheitlicher Vernunft dann doch mal gelingt, etwas zurück zu lassen) in den Kühlschrank für später. Wenn ich mal Essen wegwerfe, fühlt sich das an, als hätte ich einem Säugling die Flasche weggenommen. Das ist nicht normal, sondern mE Folge der "Iss Deinen Teller auf"-Erziehung und der echten und tiefen Betroffenheit meiner Eltern über Lebensmittel-Verschwendung. Ich meine, das auch bei anderen Deutschen meiner Generation zu beobachten. Die nachfolgende Generation scheint mir da bereits einen viel lockereren Umgang zu haben.

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