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Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs: "Meine Eltern haben mir viele Folgen ihrer Trau
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Was hat der Zweite Weltkrieg noch mit den Nachkriegsgenerationen zu tun? Der Autor Matthias Lohre hat seine Biografie und Familiengeschichte erforscht - und festgestellt: sehr viel.

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Anthrophilus 08.05.2016, 19:11
70. Eine beständig vor ihrem Kind mit Selbstmord ...

Zitat von Pfaffenwinkel
Die Kinder, die noch während des 2. Weltkrieges geboren wurden (wie z.B. ich), haben tatsächlich ein Trauma davon getragen. Aber die Enkel? Nein, das ist eingebildet.
... drohende Mutter, weinend auf dem Küchenhocker, mit dem Messer am Handgelenk (Vater war in der Doppelschicht arbeiten) - ist das danach beim Kind angerichtete Trauma eingebildet? Wohl eher nicht ...

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cobaea 08.05.2016, 19:12
71. nicht verallgemeinern

Zitat von iffelsine
Unsere Eltern haben ihre Kriegsgeschichten für sich behalten und das ist gut so. Wir haben als 50er Jahre-Generation nicht nachgefragt. Alle Großeltern haben überlebt und auch diese haben wir nicht gefragt, da wir alle nach vorne gesehen haben. Und auch heute finde ich es gut, da mich der 2. Weltkrieg auch heute nicht interessiert. Man kann auch gut ohne leben !
Das mag ja für Ihre Eltern gelten, aber man sollte das nicht verallgemeinern. "Wir" haben als 1950 Geborene sehr wohl nachgefragt. Schon allein, weil in Kinderzeiten überall noch Trümmer lagen. Meine Eltern und meine Grosseltern haben über die Zeit des Nationalsozialismus', des Krieges und ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen gesprochen. Allerdings hat die Seite der Verwandtschaft mehr gesprochen, die nachweislich mit den Nazis nichts am Hut hatte (und teilweise auch deshalb entsprechende Folgen tragen musste). Ich weiss auch nicht, wie sie nicht darüber hätten sprechen können, denn meine Eltern und ihre Geschwister hatten ja nicht nur im Krieg Fürchterliches erlebt - sie hatten zudem Erinnerungen an Deportationen von Familienfreunden, Zwangsarbeiter und den Umgang mit Kriegsgefangenen in Deutschland. Während gleichzeitig mehrere der Männer und Söhne selbst in Gefangenschaft waren (oder fielen). Zudem zerstörte der Krieg die Zukunftspläne. Da geht man auch als Kind nicht unbeeinflusst daraus hervor. Das ist auch gut so - so werden weder der Schrecken des Nationalsozialismus noch jener des Krieges vergessen - damit sich das nie wiederholt.

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aufmerksamer Leser 08.05.2016, 19:33
72.

Ich finde den Beitrag sehr interessant und werde mir bestimmt auch das Buch kaufen. In der Vergangenheit hatte man der psychischen Verarbeitung der Traumata leider viel zu wenig Beachtung geschenkt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.

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marty_gi 08.05.2016, 20:10
73. ohne Vater

Mein Vater ist in Folge des Krieges ohne Vater aufgewachsen, und hatte somit keinerlei Anhaltspunkt, was und wie ein Vater sein kann und eventuell sollte. Genau so war er denn auch als Vater - was ich heute immer deutlicher erkenne und auf diesen (und noch einige weitere Fakten) zurueckfuehren kann. Ich als 1970 Geborener bin also sehr direkt noch vom Krieg beeinflusst worden.

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an_fischer-29 08.05.2016, 20:23
74. Danke für den hilfreichen Beitrag!

Vorab möchte ich Herrn Peisker mitteilen, dass er sich einer familiären Resilienz erfreuen kann, welches wunderbar ist. Wie bereits der Author erwähnte, sind nicht alle Personen hiermit gesegnet. Dass dieses nicht ein singuläres Ereignis abbildet zeigt sich in internationalen Ausdrücken wie der "German Angst" oder auch in wissenschaftlichen Studien zur Epigenetik, die bereits 2013 im Spiegel Beachtung fanden (http://m.spiegel.de/wissenschaft/natur/epigenetik-maeuse-vererben-schlechte-erinnerungen-a-936692.html). Als Psychotherapeutin mit neurowissenschaftlicher Expertise begrüße ich diese längst überfällige Diskussion woraus sich Modelle ableiten und auszuarbeiten ließen wie derartige Einschränkungen für aktuelle Kriegserfahrene in diesem Ausmaße vermeidbar wären. Vielen Dank an Herrn Lohre für die Bereitschaft zur Selbstreflexion und den Mut diese mit der Öffentlichkeit zu teilen, um so produktive Diskussionen anzuregen, die in der Gesellschaft eine positive Veränderung anzustoßen vermögen.

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Biegel 08.05.2016, 20:35
75. Sehr wahr!

Ich bin Kind von Vertriebenen. Mein Vater kam aus Ostpreussen und hat, 1925 geboren, seine Jugend und seine besten Jahre im Krieg und in der Gefangenschaft gelassen.

Ich bin einige Jahre nach dem Krieg geboren. Wir hatten eine glückliche Kindheit. Das war es bei uns nicht. Aber der Krieg war immer wieder Thema, genauso wie die schöne Kindheit, die verlorene Jugend, die verlorene Heimat und die auseinander gerissene, teilweise umgekommene Verwandtschaft. Das hat meinen Vater sein Leben lang nicht verarbeitet. Es interessierte von außen auch niemanden. Und so blieb man unter sich und auf jeder Familienfeier ging es für alle nur um früher.

Leider konnten wir ihm nicht aus seiner Trauer helfen. Es macht uns heute noch traurig und treibt uns die Tränen in die Augen.

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localpatriot 08.05.2016, 20:39
76. Dieselben Probleme gibt es in ganz Europa

Zitat von an_fischer-29
Vorab möchte ich Herrn Peisker mitteilen, dass er sich einer familiären Resilienz erfreuen kann, welches wunderbar ist. Wie bereits der Author erwähnte, sind nicht alle Personen hiermit gesegnet. Dass dieses nicht ein singuläres Ereignis abbildet zeigt sich in internationalen Ausdrücken wie der "German Angst" oder auch in wissenschaftlichen Studien zur Epigenetik, die bereits 2013 im Spiegel Beachtung fanden (http://m.spiegel.de/wissenschaft/natur/epigenetik-maeuse-vererben-schlechte-erinnerungen-a-936692.html). Als Psychotherapeutin mit neurowissenschaftlicher Expertise begrüße ich diese längst überfällige Diskussion woraus sich Modelle ableiten und auszuarbeiten ließen wie derartige Einschränkungen für aktuelle Kriegserfahrene in diesem Ausmaße vermeidbar wären. Vielen Dank an Herrn Lohre für die Bereitschaft zur Selbstreflexion und den Mut diese mit der Öffentlichkeit zu teilen, um so produktive Diskussionen anzuregen, die in der Gesellschaft eine positive Veränderung anzustoßen vermögen.
Der zweite Weltkrieg umfasste fast ganz Europa und den Mittelmeerraum. In all diesen Ländern sind die Erfahrungen ähnlich.
Die Wellen sind noch nicht geglättet.

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sieger500 08.05.2016, 20:58
77. Auch ich erkenne mich.

Meine Eltern (Jg. 28 er/Jg. 32 sie) haben nie auf meine Fragen geantwortet, wenn ich sie nach ihren Erlebnissen in der Zeit des zweiten Weltkriegs fragte. Ich war Anfang 20 als ich von einem etwas gesprächigeren Dorfbewohner erfuhr: "Mit deinem Vater war ich in der Hitlerjugend." Es war mir immer klar, dass es vom Alter her so gewesen sein musste, aber er selbst hat nie darüber gesprochen.
Erst vor ein paar Jahren habe ich verschiedene kleine Hinweise zu der Gewissheit zusammengesetzt, dass seine Furcht vor der Zeit so weit ging, dass er mir bei meiner Geburt im Jahr '68 ein falsches Geburtsdatum gab. Er wollte einfach nicht mit dem Makel leben, einen "Hitlerjungen" zu haben. Und so wurde mein Geburtstag von ihm um einen Tag auf den 19. April vorverlegt.

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Sibylle1969 08.05.2016, 20:59
78.

Ich bin Jahrgang 1969, und meine Eltern sind Jahrgang 1934 und 1937. Beide haben den Krieg als Kinder erlebt. Meine Großeltern sind alle relativ jung gestorben, als ich noch klein war. Die Kriegserinnerungen meiner Eltern waren häufiges Gesprächsthema in meiner Kindheit. Allerdings gab es auch Dinge, die meine Schwester erst nach und nach herausgefunden hat in Gesprächen mit meinen Eltern, die beide Elternteile völlig verschwiegen hatten, z.B. dass ein Opa kurz vor Kriegsende desertiert war, während der andere Opa nicht desertiert ist und noch kurz vor Kriegsende an die Ostfront geschickt wurde (mit damals 48 Jahren). Er starb in einem russischen Kriegsgefangenenlager an einer Infektionskrankheit. Für mich persönlich würde ich nicht sagen, dass ich ein Trauma meiner Eltern geerbt habe, allerdings habe ich doch den Eindruck, dass meine Eltern nicht über alles reden konnten, was sie erlebt haben.

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spiegelfrauchen 08.05.2016, 21:08
79. @1 @17 ..... Verleugnung ?

Eltern geben ihre Traumata an ihre Kinder weiter . Unbewusst oder bewusst , die Folgen finden sich dann in Beziehungsstörungen , depressiven Verstimmungen usw. wieder . Verleugnung hilft auch nicht weiter . Aufarbeitung und Heilung ist für die betreffenden Personen lebensrettend !

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