Forum: Panorama
Rassismus-Vorwürfe: Tönnies, Wurst und Wahn
Axel Heimken/ DPA

Sommermärchen 2019: Clemens Tönnies hat das Edelste in den Deutschen geweckt. Den Rassismus, über den sich so viele empören, schöpfen manche aus sich selbst. So viel Moral war selten.

Seite 44 von 63
waldschrat_72 16.08.2019, 17:10
430. Die vorgenommene und allerorten kolportierte (kleine) Änderung von...

... "die in Afrika" zu "Afrikaner" ist in der Tat bemerkenswert. Inkorrektes und/oder aus dem Zusammenhang gerissenes Zitieren greift leider um sich - in letzter Zeit auch in denjenigen Medien, die für sich selber beanspruchen, den Regeln eines Qualitätsjournalismus in besonderem Maße verpflichtet zu sein. Leider erliegen Journalisten immer öfter der Versuchung, nicht mehr einfach nur wahrheitsgetreu zu berichten, was ist/war (was die Grundpflicht juornalistischer Arbeit sein sollte), sondern auszuschmücken, aufzuhübschen, zu erläutern und manchmal sogar zu erfinden. Falsche Zitierweisen haben für einige ertappte Spitzenpolitker bereits ihre akademischen Titel und politischen Ämter gekostet. Für Jounalisten bleibt derartiges bisher zumindest unmittelbar ohne Folgen. Für die Adressaten (die Leser, Hörer, Zuschauer) ist Derartiges jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht ärgerlich: diese werden nämlich erstens nicht korrekt informiert, und zweitens, fast noch schlimmer, indirekt für intellektuell unmündig erklärt, Zeitgeschehen selber in den entsprechenden Kontext zu bringen. Die Folgen für den Journalismus im allgemeinen könnten verheerend sein, denn es steht nicht mehr und nicht weniger auf dem Spiel als dessen Glaubwürdigkeit. Insofern bin ich Herrn Fischer für diese objektiv vorgetragene, sachliche, analytisch interessante und inspirierende Kolumne äußerst dankbar, auch wenn ich nicht in allen Punkten völlig derselben Meinung bin (den Rorschach-Vergleich finde ich interessant, aber evtl. zu pauschal).

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ichliebeeuchdochalle 16.08.2019, 17:11
431.

Zitat von rambazamba1968
Und Sie interpretieren die Worte von Herrn Tönnies, in dem Sie schreiben: "Bei Tönnies findet sich kein solcher Hinweis: "Die in Afrika" ist beim besten Willen keine "Rasse". Das ist Ihre Interpretation. Und meine Interpretation ist, dass er den dummen Neger in Afrika meinte. Und das ist RASSSISMUS. Herr Tönnies ist vermutlich kein Intellektueller, aber das Wort Neger nicht mehr zu verwenden, ist sogar bei Herrn Tönnies angekommen.
Endgültig klarer offener Rassismus, ohne Interpretation, ergibt sich aus dem Teil der Tönnies-Aussage, den Fischer unterschlagen hat:

"Ich bin in Sambia gewesen, da gibt es 14,6 Kinder pro Pärchen. Was machen die, wenn es dunkel ist?" (Gelächter)

"Was machen die, wenn es dunkel ist?" ist der offene Rassismus.

PS: Wo T. die Zahl 14,6 Kinder pro Paar her hat, habe ich noch nicht herausgefunden. Wer es schneller findet, bitte mit Quelle hier einstellen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ichliebeeuchdochalle 16.08.2019, 17:14
432.

Zitat von interessierter Laie
Aber alles, was sie Herrn Tönnies hier vorwerfen, legen Sie ihm selbst in den Mund. Gesagt hat er es nicht.
Doch, ganz offen, hier in der Aussage, die Fischer weggelassen hat:

"Ich bin in Sambia gewesen, da gibt es 14,6 Kinder pro Pärchen. Was machen die, wenn es dunkel ist?" (Gelächter)

"Was machen die, wenn es dunkel ist?" ist der offene Rassismus.

Sie sind der Täuschung des Herrn Fischer auf den Leim gegangen. Und seinem Luft-Geschwurbel.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Dr. Kilad 16.08.2019, 17:15
433. Leider wenig gelungen

So übersieht Herr Fischer, dass sich Herrn Tönnies Beziehung zu Ausländern nicht nur auf seine Haltung zu Afrika beschränkt. Sein Umgang mit seinen vorrangig billigen ausländischen Arbeitskräften ist analog. Nach einer Umfrage zu den Arbeitsbedingungen durch eine linke gewerkschaftliche Initiative, gehört Tönnies zu den Unternehmen mit der brutalsten Ausbeutung hier im Land, besonders von Rumänen und Bulgaren. In soweit ist Herr Tönnies gewissermaßen sogar "praktizierender Rassist". Etwas peinlich sind hier auch Herrn Fischers Gegenrechnungen bzw. Vergleiche (Rorschach-Tafel), was nicht zu unrecht oft als total unpassend betrachtet wird, wenn es um den Rassismus und seine Folgen hier in Deutschland geht. Aber vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass Herrn Fischers Karriere als Jurist in eine Zeit fällt, die Ingo Müller als Zeit der "Furchtbaren Juristen" bezeichnete. Gemeint ist damit eine Nachkriegs-Juristenschar, die nach ausführlichen Studien von Manfred Görtemaker und Christop Safferling ("Die Akte Rosenberg") mit bis zu 80 Prozent, bes. beim BGH, von ehemaligen Nazi-Richter besetzt war. Hier wurde Rassismus eher entschuldigt und dessen Bedeutung juristisch bis heute nicht wissenschaftlich erfasst. So etwas konnte abfärben, auch auf die Juristengeneration, der Herr Fischer angehörte und die mit Rassismus selbst gar nichts am Hut hatten, aber zugleich in dessen Analyse nicht geübt sind. Etwas kann man da auch Herrn Fischers Standardkommentaren zum StGB entnehmen, wo er der durchaus kritisierbaren Interpretationen der h.M. beim § 130 StGB folgt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ichliebeeuchdochalle 16.08.2019, 17:20
434.

Zitat von Friedrich der Streitbare
Rein formal hat Herr Fischer Recht.
Das ist falsch. Eine klare direkte rassistische Aussage des Tönnies hat er weggelassen, den Lesern unterschlagen. Billigster verbaler Taschenspielertrick. Die andere hat er weg-zuschwurbeln versucht. Credo: Er habe keine Rassismus-Definition aber er wüßte genau, daß T. keine Rassismus-Aussage getroffen hat. Darauf reingefallen sind die, die den Schulabschluß geschenkt bekommen haben.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
willms 16.08.2019, 17:27
435. Tönnies spielt mit rassistischen Vorurteilen in seinem Publikum

Zitat von Thomas Fischer (SPON-Kolumnist)
"Dass Herr Tönnies "die in Afrika" mit dem was er sagte und dem was er zur Abhilfe gegen das was er als Problem hinstellte - Waldrodung und Menschen produzieren - vorschlug, damit als salopp gesagt dämlich hinstellte und sich und seines Gleichen (die dort Anwesenden) als die Überlegenen, die eine Problemlösung kennen, sollte jedenfalls unstrittig sein". Da muss ich Sie enttäuschen: Auch das ist mir nicht "unstrittig". Ich kann nicht erkennen, dass Tönnies die in Afrika "als dämlich hingestellt" hat, erst recghtr nicht, dass er dies als "Wesen", "Natur", "Gruppenidentität" usw. dargestellt, also rassistischb zugeschrieben hat. Er hat vielmehr, eindeutig und ausdrücklich, gesagt, dass die in Afrika Bäume fällen und (zu) viele Kinder machen, WEIL sie keine "zwanzig Kraftwerke im Jahr" haben (die er ihnen schenken möchte). Daran kann jedenfalls ich nichts "Rassistisches" finden, auch wenn es, zurückhaltend ausgedrückt, ziemlich "unterkomplex" ist.
Werter Herr Thomas Fischer, ich schätze es sehr, wie Sie die Verlogenheit der Empörungsmanager auseinandernehmen, aber ich denke doch, daß Tönnies bei seiner Rede zum "Tag des Handwerks" auf diesem Libori-Volksfest in Paderborn den vor ihm versammelten Handwerksunternehmern ein gutes Gewissen bei der Ablehnung dieser das Einkommen schmälernden CO2-Steuer nehmen wollte, indem er die Lösung auf einen anderen Kontinent verschiebt, und mit seinem „was machen die [in Sambia] wohl nachts“ einen erleichterten Lacher und Beifall einheimst.

Wie gesagt, ich würde gerne mal die gesamte Rede lesen bzw. hören, und nicht nur den kurzen Ausschnitt von der Afrika-Bemerkung.

Er wird seinem Publikum wohl auch sonst nicht ins Gewissen geredet haben, daß sie sich einschränken müßten, sondern Wohlgefühl verbreiten gewollt haben. Man ist auf dem Libori-Fest, und da ist es doch schön, wenn man wie der anderer Bürger beim Frühlingsspaziergang in Goethes Faust sagen kann:


Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
spon_4_me 16.08.2019, 17:28
436. Eingeständnis

Fischers Kolumne plus Forum sind für mich zuerst eine erheiternde, dann eine deprimierende Erfahrung. Erheiternd, weil sich so viele an TF abarbeiten (bei dem einen oder anderen besonders ausdauernden Foristen habe ich gar Anlass, um die geistige Gesundheit und innere Balance zu fürchten) und er so trefflich kontra gibt - meist nach dem alten Leitsatz „quod gratis asseritur, gratis negatur.“ Deprimierend, weil für meine Begriffe in keinem anderen Forum regelmäßig so viel intellektuelle Feuerkraft zusammenfindet, die sich dann aber auch nur an Kinderkram und Schlimmeres verschwendet. Da werfen vermeintlich geistig und materiell gut situierte Leute Herrn Fischer vor, Apologet eines rassistischen westfälischen Fleischbarons zu sein und entblöden sich nicht, ihn zur Verstärkung ihrer Argumentationskette persönlich ob seines Körperumfangs zu diskreditieren. Bin ich der einzige, der dabei das Gefühl hat, im falschen Film zu sitzen und gleich spucken zu müssen? Wenn nicht mal Leute in einem moderierten Forum einer links-liberalen Mediengeuppe es hinbekommen, einen Text zu lesen und darüber einen zivilisierten Diskurs hinzubekommen, welche Hoffnung soll es dann für die schwierigen Unterhaltungen geben, die wir in Zukunft werden führen müssen? Und wozu dient all die Bildung, wenn sie zu böser Letzt nur Blödheit mit Diplom ist?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
DerAndereBarde 16.08.2019, 17:29
437. Abgeladenes

Zitat von Patrik74
Natürlich entstehen die Bilder im Kopf des Adressaten - wo auch sonst - aber es gibt allgemein bekannte Bilder, die sich eben provozieren lassen. Dazu brauche ich keine "Belege" zu liefern, das ist allgemein bekannt. Wenn ich England und Weltmeister sage, assoziieren (fast) alle das Wembley-Tor. Das muss ich nicht einmal erwähnen. Und die Assoziationskette kann man weiterspinnen; wenn eine englische Mannschaft irgendetwas gewinnt, das man zweifelhaft findet, dann reicht es zu sagen: "Das ist ja wie 1966..." und so gut wie jeder wird aus dem Kontext heraus automatisch verstehen, was gemeint ist (wenn auch nur ganz am Rande mal was von Fussball gehört hat). Diese Assoziationskette ist fast unvermeidlich - und damit geht jeder halbwegs geübte öffentliche Sprecher natürlich um. Und natürlich kennt jeder das Bild vom triebhaften Primitiven aus Afrika mit der überdurchschnittlichen Ausstattung. Und auch wenn man weiß, dass das sachlich unzutreffend und rassistisch ist, setzt eine Andeutung wie Tönnies sie (bewusst) gemacht eine solche Assoziationskette in Gang, und das sagt über den Adressaten GAR NICHTS aus - außer, dass er nicht hinter dem Mond lebt. Anderes Beispiel: Der Name "Marie Antoinette" dürfte bei vielen "Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen" hervorrufen - unabhängig davon, ob der Adressat egalitärer Sozialist oder elitärer Neoliberaler ist. Das Zitat ist so bekannt, dass die Assoziation bei den meisten unmittelbar erfolgt. Es geht also nicht nur um das direkt gesagte, und es ist albern diesen Effekt, und die Tatsache, dass er bewusst verwendet wird; aber genau das tut Fischer. Leider vergebens, weil zu offensichtlich. Die Verantwortung für das Insinuierte beim Adressaten abzuladen, ist billig.
Vielen Dank für die differenzierte Erwiderung! Ich bleibe aber bei Widerspruch.

Zunächst unterscheiden Sie nicht zwischen faktischen und wertenden Assoziationen. Erstere sind aber annähernd objektiv, letztere hochgradig gruppenspezifisch. Was ich für einer bin bestimmt meine Assoziationen. Es ist unter anderem Fischers Anliegen, auf diesen Mechanismus hinzuweisen.

Geht man davon aus, dass der Adressat kein willenloser Idiot sei, dann hat er die Wahl und selbstverständlich die Verantwortung, sich die problematische Assoziation zu eigen zu machen oder auch nicht. Geht er damit nachvollziehbar schlampig um, wie Fischer für die Berichterstattung hier genüsslich nachweist, ist Kritik angebracht.

Zuletzt sprechen Sie von "bewusster Verwendung". Da diese nicht in die Welt des objektiv messbaren gehört, ist sie eine Hypothese des Rezipienten. Die kann unter Würdigung des Kontexts und der Person des Sprechers mehr oder weniger plausibel sein (ich würde mir im konkreten Fall keinen Freispruch zutrauen), aber der Tenor von etwa 70% der Beiträge hier ist durch Wörter wie "glasklar" oder noch entlarvender "für mich eindeutig" gesetzt. Diese Art der selbstgerechten Gesinnungsblockwartmentalität macht mich unangenehm berührt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
fotobiene 16.08.2019, 17:34
438. So ist es - auch andersrum

Zitat von interessierter Laie
Aber alles, was sie Herrn Tönnies hier vorwerfen, legen Sie ihm selbst in den Mund. Gesagt hat er es nicht...... Der Bauer in der Subsahara handelt also nicht aus Trieb, sondern aus Not. Auch ein Europäer, Asiate oder Amerikaner würde in dieser Lage so handeln - bzw. hat früher so gehandelt. Warum hatten die Bauern und Siedler in allen Regionen der Welt früher so viele Kinder? Es waren genau die gleichen.
Auch Fischer legt T. einiges in den Mund, was er nicht gesagt hat - nur andersrum.
Die angeblich aus einem Mangel an Strom (="Zivilisation") bestehende "Not" ist der Kern des kolonialen Rassismus von Tönnies, der nicht nur in der Sache falsch ist, sondern insbesondere zum Thema Klimawandel und CO2 schlicht dumm.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
medium07 16.08.2019, 17:35
439. @ 370 sekundo

Zitat von sekundo
über besser und schlechter sondern über richtig und falsch reden. Als unbestechlicher und allgemein gültiger Leitfaden gelten ethisch-moralische Grundsätze und Regeln. Die sind zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften, die uns bei der Unterscheidung von falsch und richtig leiten. Insofern ist die Beurteilung von rassistischen und sexistischen Bemerkungen keine reine Geschmacksache sondern unterliegt humanistischen Grundregeln! Ansonsten können wir uns alle auf den Weg zurück inˋs Neandertal machen.
Wer wollte Ihnen da nicht frohgemut zustimmen? Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.- Die entscheidende Frage ist jedoch: Wer legt die humanistischen Grundregeln fest, wer definiert ihre genauen Grenzen, wer ist im Einzelfall der Exeget und wer übernimmt an Ende die Bestrafung bzw. zur Verantwortungsziehung derer, die sie nicht einhalten? Genau wegen der höchst komplexen Beantwortung dieser Frage hat man in langwierigen Prozessen die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative und deren staatliche Verankerung ersonnen. Ihre humanistischen Grundregeln sind noch immer von kulturell unterschiedlichen Konventionen abhängig. Universell sind sie nur im Bewusstsein des so genannten Westens und das sollte gerade im Rahmen dieser Diskussion wohl kein verlässliches Fundament sein.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 44 von 63