Forum: Panorama
Sterbehilfe - Wer entscheidet über den Tod?

Der Fall der amerikanischen Wachkoma-Patientin Terry Schiavo entfachte erneut die Diskussion, wann oder ob überhaupt Ärzte oder Gerichte über den Tod eines Menschen entscheiden dürfen. Religiöse und ethische Überzeugungen stehen gegen medizinische Gutachten, nichts befeuert Emotionen mehr als Leiden und die vermeintliche Erlösung davon. Sollte Sterbehilfe generell verboten bleiben? Ist der Wille des Patienten immer maßgeblich? Oder muss intensiver und ganz neu über humane Sterbehilfe nachgedacht werden?

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Marlin 12.04.2005, 15:41
1.

"Sollte Sterbehilfe generell verboten bleiben? Ist der Wille des Patienten immer maßgeblich?"

Sterbehilfe sollte generell nicht verboten bleiben.

Und der Wille des Patienten muß bindend werden. Es geht ja um niemand anderen, als den Patienten. Es betrifft nur ihn. Deshalb ist es grotesk, daß einige Ärzte selbst schriftliche Verfügungen mißachten konnten. Was im Moment gilt, ist, glaube ich völlig unzureichend dem Patienten gegenüber.

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M. Michaelis 12.04.2005, 20:19
2.

Zitat von Marlin
"Deshalb ist es grotesk, daß einige Ärzte selbst schriftliche Verfügungen mißachten konnten. Was im Moment gilt, ist, glaube ich völlig unzureichend dem Patienten gegenüber.
Leider ist das nicht so einfach. Willensäusserungen die Dritte umsetzten müssen bedürfen bestimmter Gültigkeitskriterien bevor sie ausgeführt werden, vor allem dann wenn es um Leben oder Tod geht. Es gibt auf sauberen rechtssystematischen Grundlagen durchaus einige Konstellationen in denen Patentenverfügungen ungültig sind. Das Wachkoma ist haufig eine solche Sitation da die Betroffenen nicht im Sterben liegen sondern lediglich auf unabsehbare Zeit versorgungsabhängig sind und ihr momentaner Elementarwille nicht ermittelt werden kann.

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Jörn Bünning 13.04.2005, 10:07
3. Was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Eigentlich schade, dass der Diskurs von ca 900 Beiträgen 'über Bord gekippt' wurde. (Ein Upgrade ohne Datenübernahme aus dem Altsystem könnte ich mir beruflich nicht leisten ;-).

Damit sich jetzt nicht alles wiederholt, wäre es vielleicht ganz interessant, hier einmal Alternativen zur praktizierten Regelung zu diskutieren.

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Cisco 13.04.2005, 11:24
4.

Zitat von sysop
Oder muss intensiver und ganz neu über humane Sterbehilfe nachgedacht werden?
Meines Erachtens sind es die Folgen von aktiver Sterbehilfe, die überdacht werden müssen. Ich konstruiere mal einen Fall: Ein Mensch hat eine Patientenverfügung unterschrieben, dass sein Leben nicht künstlich verlängert werden soll, wenn er z.B. einen schweren Autounfall hat und hirntot ist. Okay, der Mensch hat einen Unfall oder wie im Falle von Terri Shiavo wird sein Gehirn über mehrere Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt und ist hirntot. Was aber, wenn er doch nicht hirntot ist und die Möglichkeit besteht, er könne irgendwann aus dem Koma wieder mit vollem Bewußtsein aufwachen?
Weiter mit dem Fallbeispiel: Der Mensch liegt nun auf der Intensivstation, es gibt diese Patientenverfügung und ein Mediziner schaut sich den Menschen so an und denkt sich, dass die Nieren, Leber, Herz usw. durchaus noch bei einem anderem Menschen zu verwerten wären. Und man könne einen finanziellen Nutzen daraus ziehen. Also wird der Patient für hirntot erklärt, die Geräte werden abgeschaltet, der Körper kommt in die Pathologie zum Ausschlachten, die Organe werden gewinnbringend vermittelt.
Was? So einen Fall gibt es doch gar nicht! Wird jetzt sicherlich eingewendet. Antwort: Warum nicht? Die Welt und die Menschen sind schlecht, ausschließen kann man es nie.
Das Recht auf persönliche Freiheit und Individualität ist in der westlichen Welt fest verankert. Warum sollte man nicht das Recht auf die Selbstbestimmung des eigenen Todeszeit, notfalls mit aktiver Sterbehilfe, festlegen können?
ABER: Dann müssen vom Gesetzgeben genug Prüfinstanzen eingebaut werden, um den oben beschriebenen Fall ausschließen zu können. Weil letztendlich sind es doch gerade solche Visionen, was aber keine zugegen möchte, die die Diskussion um Sterbehilfe oder nicht auf der Stelle treten lassen.

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M. Michaelis 13.04.2005, 12:14
5.

Zitat von Cisco
dass sein Leben nicht künstlich verlängert werden soll, wenn er z.B. einen schweren Autounfall hat und hirntot ist. Okay, der Mensch hat einen Unfall oder wie im Falle von Terri Shiavo wird sein Gehirn über mehrere Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt und ist hirntot. Was aber, wenn er doch nicht hirntot ist und die Möglichkeit besteht, er könne irgendwann aus dem Koma wieder mit vollem Bewußtsein aufwachen
Entscheidend ist ob die Person irreveribel sterbend d.h. dauerhaft nicht lebensfähig ist. Der Hrintod ist lediglich hilfreich in der Feststellung ob eine dauerhafte unfähigkeit zur Willensäusserung zu erwarten ist. Handelt es sich um einen hirntoten irreveribel Sterbenden so kann eine Patentenverfügung herangezugen werden wenn es um die Beendigung der Lebensverlängerung geht.

Ist die Person hingegen lebensfähig oder das sterben reversibel so muss der Momenaten Patientenwill ermittelt werden. Ist dies nicht möglich muss die Pflicht zur Lebenserhaltung gelten. Eine Patientenverfügung muss hier unwirksam sein da das Einleiten eines Sterbevorgangs bzw. das Unterlassen von Hilfeleistung nur mit dem unmittelbaren, freien und bewussten Einverständnis des Betroffenen erfolgen kann.

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Jörn Bünning 13.04.2005, 12:53
6.

Zitat von Cisco
... der Mensch hat einen Unfall oder wie im Falle von Terri Shiavo wird sein Gehirn über mehrere Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt und ist hirntot.
Terri galt bei uns übrigens nicht als hirntod, da sie nicht beatmet werden musste.

Zitat von Cisco
Was aber, wenn er doch nicht hirntot ist und die Möglichkeit besteht, er könne irgendwann aus dem Koma wieder mit vollem Bewußtsein aufwachen?
Abgesehen von "Wundern" kann dies eigentlich nicht passieren, sonst wäre die Diagnose 'hirntod' falsch gestellt worden.

Zitat von Cisco
Weiter mit dem Fallbeispiel: Der Mensch liegt nun auf der Intensivstation, es gibt diese Patientenverfügung und ein Mediziner schaut sich den Menschen so an und denkt sich, dass die Nieren, Leber, Herz usw. durchaus noch bei einem anderem Menschen zu verwerten wären. Und man könne einen finanziellen Nutzen daraus ziehen. Also wird der Patient für hirntot erklärt, die Geräte werden abgeschaltet, der Körper kommt in die Pathologie zum Ausschlachten, die Organe werden gewinnbringend vermittelt.
Dieses Szenario ist unrealistisch, da die Organentnahme an entsprechende Einwilligungen (Patient, Erziehungsberechtigte) geknüpft ist.

Zitat von Cisco
Was? So einen Fall gibt es doch gar nicht! Wird jetzt sicherlich eingewendet. Antwort: Warum nicht? Die Welt und die Menschen sind schlecht, ausschließen kann man es nie.
Zitat von Oma
Der Mensch ist gut, aber die Leut' sind ein Gesindel
warnte mich bereits meine Großmutter. ;-)

Es geht hier darum, eine Regelung zu finden, welche die Interessen des Betroffenen in den Vordergrund stellt. Dass hierbei die Patientenverfügung (PV) nicht ausreichend sein kann, darüber wurde in ca 400 Beiträgen gestritten.

Während die einen in der PV eine juristisch abgesicherte Entscheidungsgrundlage zur Sterbehilfe (und als äußerster Ausdruck ihrer Selbstbestimmung)sahen, wurde von anderen (auch mir) angezweifelt, dass jemand an Verfügungen gebunden werden soll, die er vor Jahren als ein 'anderer' abgegeben hat.

Niemand kann gültige Entscheidungen im Voraus abgeben, für den Fall seiner Entscheidungsunfähigkeit. Die anderen können's aber auch nicht, denn sie können niemals zwischen ihrem und dem vermuteten Interesse des Betroffenen sauber unterscheiden.

Zitat von Cisco
Dann müssen vom Gesetzgeben genug Prüfinstanzen eingebaut werden, um den oben beschriebenen Fall ausschließen zu können.

Hierin liegt ein Dilemma. Was für Prüfungen stellen Sie sich denn vor?

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Cisco 13.04.2005, 13:24
7.

Was mich an der ganzen Diskussion um Sterbehilfe oder nicht stört, insbesondere im Fall Terri Shiavo, ist die Scheinheiligkeit mit der sie geführt wird. Da hat sich doch tatsächlich George W. Bush hingestellt und irgendetwas von der Heiligkeit und Unantastbrkeit menschlichen Lebens gefaselt. Gleichzeitig und davor schickt er junge Menschen in den Irak, wohlwissend dass sie dort sterben können.
Oder die Aidsepedimie in Afrika, kaum Aufklärungskampagnen, Pharmakonzerne die ihre Medikamente nicht preiswert abgegen wollen. Menschen, die an Hunger und Krankheiten sterben, was durchaus vermeidbar wäre, wenn die westliche Welt etwas von ihrem Reichtum abgeben würde. Betreibt die westliche Welt da aktive oder passive Sterbehilfe??? Wer entscheidet da über den Tod? Oder das deutsche Gesundheitssystem, von dem man schon jetzt sagen kann: Weil du arm bist, musst du eher sterben. Wird nicht schon längst über den Tod entschieden? Es ist schon längst keine persönliche Entscheidung mehr und die Diskussion über Sterbehilfe soll nur ein moralisches Verantwortungsbewußtsein vorgaukeln, dass schon längst auf der Strecke geblieben ist.

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M. Michaelis 13.04.2005, 14:26
8.

Zitat von Cisco
Was mich an der ganzen Diskussion um Sterbehilfe oder nicht stört, insbesondere im Fall Terri Shiavo, ist die Scheinheiligkeit mit der sie geführt wird. Da hat sich doch tatsächlich George W. Bush hingestellt und irgendetwas von der Heiligkeit und Unantastbrkeit menschlichen Lebens gefaselt.
Ich stimme zu dass Bush einen bigotten inkonsitenten Standpunkt vertritt und sich insofern nicht von den Befürwortern der Sterbehilfe unterschiedet.

Allerdings sollte man nicht ungeeignete Vergleiche ziehen. Wachkomapatienten sind weder Todeskandidaten noch Soldaten. Die US-Soldaten sind freiwillige die selbst entschieden haben diesen Risikoreichen Beruf auszüben. Auch zum Tode verurteilte in den USA haben sich zumeist selbst vorsätzlich in diese Situation gebracht.

Richtig ist dass man das grundsättzliche Lebenrecht von Menschen mit der Todesstrafe nicht vereinbaren kann und es steht einem Oberbefehlshaber einer kriegführenden Armee schlecht an als Sachwalter des Lebensrechts aufzutereten.

Hier werden politisch ideologische Süppchen gekocht.

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Jörn Bünning 13.04.2005, 14:46
9. Scheinheiligkeit?

Zitat von Cisco
Was mich an der ganzen Diskussion um Sterbehilfe oder nicht stört, insbesondere im Fall Terri Shiavo, ist die Scheinheiligkeit mit der sie geführt wird. [...] Wird nicht schon längst über den Tod entschieden? Es ist schon längst keine persönliche Entscheidung mehr und die Diskussion über Sterbehilfe soll nur ein moralisches Verantwortungsbewußtsein vorgaukeln, dass schon längst auf der Strecke geblieben ist.
Sicherlich gleicht unserer Diskussion angesichts des weltweiten Elends einer ethischen Sandkastendebatte. Doch rechtfertigt kein noch so schlimmer Istzustand weiteres Unrecht, noch relativiert er es in ethischer Hinsicht.

Der 'Fall Terri S.' hat auch bei uns die Diskussion um Hirntot, Sterbehilfe und Patientenverfügung neu entfacht. Dies ist ein Bereich, der nur sehr zögerlich ins öffentliche Bewusstsein gelangt und zumeist von 'Spezialisten' behandelt wird.

Es zeichnet sich auch hier ab, wie wir am liebsten Entscheidungen formalisieren, um sie anschließend an andere delegieren zu können.

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