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Umgang mit psychisch Kranken: Zuhören, Nachfragen, Unterstützung anbieten
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"Wir sind nicht bloß traurig!" Unter dem Hashtag #notjustsad sprechen Depressive über das Unverständnis, das ihnen begegnet. Was können Freunde und Angehörige tun? Was sollten sie besser lassen?

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pinselhexe 14.11.2014, 17:03
30. was ist halb leer?

Zitat von Bondurant
Das kommt drauf an, was Sie unter "Recht haben" verstehen. Wenn jemand sagt: das Glas ist halb leer, können Sie nicht sagen, das stimme nicht. Sie können nur sagen, das darf man nicht so sehen, weil man sonst verzweifelt. Aber das ist es ja gerade...
Halb leer ist eine 50 zu 50 Chance.
Anders wäre es wenn das Glas zu einem Viertel leer wäre. oder nur noch eine Pfütze drin wäre.
Ab 50 % gibts ne Chance. Ganz einfach.
Sehen darf man Dinge natürlich strikt negativ. Wie auch positiv.
Aber was nützt das? Am besten wäre man sieht Dinge von mehr als einer Seite und dann stellt man ja fest, daß in Mißständen auch eine Chance steckt. Und 50 /50 ist eine realistische Chance.

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lindenbast 14.11.2014, 17:12
31.

Zitat von Bondurant
Das kommt drauf an, was Sie unter "Recht haben" verstehen. Wenn jemand sagt: das Glas ist halb leer, können Sie nicht sagen, das stimme nicht. Sie können nur sagen, das darf man nicht so sehen, weil man sonst verzweifelt. Aber das ist es ja gerade...
Das eine ist, ob man auf einem intellektuellen Niveau recht hat. Das andere ist, was diese Erkenntnis mit dem affektiven Leben macht.

Ich weiß beispielsweise, dass mein Leben irgendwann zu Ende ist und allerspätestens nach 50 Jahren voraussichtlich kein Hahn mehr danach kräht, ob ich je gelebt habe oder nicht. Es gibt genug andere, die meinen Job machen könnten, und zwar vermutlich mindestens genau so gut. Schon mittelfristig gesehen ist mein Leben vollkommen sinnlos. Ist so. Nur: ich nehme diese Erkenntnis mit Achselzucken hin und lasse mich davon nicht abhalten, mein Leben möglichst erquicklich zu gestalten: ich bin eben gerade nicht depressiv. Kein Optimist zu sein, ist noch kein Krankheitsbild.

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pinselhexe 14.11.2014, 17:17
32. Heilmittel

Zitat von Bondurant
Die Frage ist, wie weit. Camus hat - meiner Meinung nach - gesagt, alles menschliche Tun ist sinnlos und das einzige Heilmittel gegen diese Erkenntnis ist, im Bewußtsein dieser Sinnlosigkeit trotzdem weiterzumachen. Tja, so ein richtiges Heilmittel scheint mir das nicht.
gibt es nicht. Wenn es danach ginge, müssten wir uns alle gleich nach der Geburt umbringen, weil wir ja sowieso sterben werden und ein Staubkörnchen im Universum sind.
Camus hat da einen philosophischen Satz geprägt, der für mich nicht bedeutet, daß alles sinnlos sei. Ich glaub auch nicht, daß er das Leben als sinnlos ansah.

Weil: Wir lieben, wir leben, wir sind da. Und wir sind nicht umsonst da, auch wenn sich später keiner mehr an uns erinnert. Und wenn sich nur einer an uns erinnert, der uns als Bereicherung seines Lebens sieht, dann war das doch schon was. Jetzt mal ganz philosophisch gedacht. Und dann ist die Frage was man auch seinem Leben macht. Und wenn man nun schon da ist, kann man ja auch das Beste draus machen.
Und je negativer man das Leben sieht, desto weniger ist eben drin an schönen Dingen. Es sei denn man ist melancholisch. Das ist der Zustand kreativer Traurigkeit, der aber nichts mit echter Depression zu tun hat, zumindest nicht, wenn man den schmalen Grat nicht überschreitet, auf dem man sich bewegt :)

Insofern liegt die Wahrheit irgendwo da draußen :)

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lindenbast 14.11.2014, 17:20
33.

Zitat von pinselhexe
Schlechte Launen hat jeder, aber es gehört nicht zu einem guten Sozialverhalten, das ungefiltert und ungebremst am Umfeld auszulassen und dasselbe dann noch damit unkommentiert stehenzulassen.
Ja, aber das schlechte Sozialverhalten ist eben auch krankheitsinduziert. Wer an allem fundamental desinteressiert ist, ist zwangsläufig auch an seinen Mitmenschen desinteressiert. (Das Desinteresse kann so weit gehen, dass Depressionskranke oft eine sogenannte 'depressive Pseudodemenz' zeigen, das heißt, sich in einer Weise verhalten, dass man wirklich fürchtet, man hat einen Demenzkranken vor sich - zum Glück ist es, wenn die Demenzsymptomatik von der Depression kommt und nicht umgekehrt, reversibel.)

Meine Erfahrung ist aber vielmehr die, dass auch jede noch so leise Kritik, jede noch so kleine Bitte oder jede noch so zarte Andeutung, man selbst habe eben auch seine Probleme mit der Krankheit des Partners, in fürchterlichste Selbstvorwürfe und Selbstzerfleischung mündet bis hin zu dem Satz "Wäre ich doch nur tot, dann wäre für dich vieles leichter". Ja, und dann traut man sich irgendwann nicht mehr, auch nur um das Ausräumen der Spülmaschine zu bitten.

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pinselhexe 14.11.2014, 17:32
34. ich sag ja.... ein Dilemma

Zitat von lindenbast
Ja, aber das schlechte Sozialverhalten ist eben auch krankheitsinduziert. Wer an allem fundamental desinteressiert ist, ist zwangsläufig auch an seinen Mitmenschen desinteressiert. (Das Desinteresse kann so weit gehen, dass Depressionskranke oft eine sogenannte 'depressive Pseudodemenz' zeigen, das heißt, sich in einer Weise verhalten, dass man wirklich fürchtet, man hat einen Demenzkranken vor sich - zum Glück ist es, wenn die Demenzsymptomatik von der Depression kommt und nicht umgekehrt, reversibel.) Meine Erfahrung ist aber vielmehr die, dass auch jede noch so leise Kritik, jede noch so kleine Bitte oder jede noch so zarte Andeutung, man selbst habe eben auch seine Probleme mit der Krankheit des Partners, in fürchterlichste Selbstvorwürfe und Selbstzerfleischung mündet bis hin zu dem Satz "Wäre ich doch nur tot, dann wäre für dich vieles leichter". Ja, und dann traut man sich irgendwann nicht mehr, auch nur um das Ausräumen der Spülmaschine zu bitten.
eben. Und das macht es so unerträglich anstrengend und zermürbend bis zum Nervenkrieg. Man weiß, es ist krankheitsbedingt, aber man hat auch nur ein Leben und ein Nervenkostüm. Es kann einen ziemlich überfordern.

Ich lese auch immer, daß man mit Verständnis alles reißen könne.... aber so einfach ist das nicht.

Darum plädiere ich ja auch dafür, bei Therapien bei Depressiven, die Angehörigen viel mehr einzubeziehen. Vielleicht nicht in die Therapie selbst, sondern in Überlebenskurse, wie man die depressiven PHasen seines Angehörigen besser übersteht ohne selbst auf den Kreis zu kommen.

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RogerRabit1962 14.11.2014, 17:34
35. Bipolare Störung

Zitat von joerge11
Seit vier Jahren betreue ich die Episoden meiner Frau "Zu Tode betrübt" fing es an bis zu Wahnvorstellungen und dann "Himmel Hoch jauchzend". Am Anfang wurde ich oft ärgerlich. Heute mache ich oft Witze und ermuntere meine Frau ständig und sie reagiert dann ein bißchen wie erwartet. Merkwürdig sind die Verhaltensänderung aber doch. Ein sehr erfahrener Arzt sagte mir, ich mögemich etwas zurücknehmen und ganz bescheiden sein.In der negativen Phase hören die Betroffenen allein auf die Kinder und Geschwister. Der Ehemann wird kaum beachtet. Ein anderes Kapitel ist die ärztliche Betreuung. In Berlin versuchten die Ärzte 4 verschiedene Mittel und keines half. Das brauchte eine kleine Zeit von 20 Monaten. Ich kann mich nun undiplomierter Experte in der Betreuung von Bipolarerkrankten nennen. Die Betreuung besteht in einer immer ständig liebevollen Zuwendung und immer wieder Betonung, dass die Episode auch mal ein Ende haben wird. Gleichzeitig müssen alle Aktivitäten angeregtwerden. Ich bin weiterhin interessiert, wie in anderen Kulturen, in Indien und China die medizinische und menschliche Betreuung aussieht. Denn diese Erkrankung ist uralt und es muss schon Alternativen geben.
Ich möchte ihnen aus Erfahrung mitteilen, aus eigener und Familiärer, dass nur eine konsequente Umstellung auf eine basische vegetarische Nahrung unter Ausschluss von tierischem Eiweiss und jeglichen säuernden Mitteln wie Kaffee eine Heilung bringt.

Weder Risperdal, Orfiril, und die ganzen anderen Phasenprophylaktika bewirken bei den Menschen die wir während des Leidenswegs kennenlernen durften, lange Besserungen.

Unterschätzen Sie es nicht, wir haben ein Familienmitglied durch Suizid verloren, als alle dachten die Depression wäre wieder normal. Manchmal ist diese Phase die, in der die Menschen so gelöst erscheinen, weil sie sich für den Weg entschieden haben.

Sehr hilfreich sind auch Heiltrancen, die aber nur nach meinen Beobachtungen funktionieren, wenn man diese midestens 30 Tage jeden Tag einmal ohne einen Tag auszulassen nutzt.

Meine eigenen bipolaren Störungen sind seit 2011 völlig verschwunden und im Griff, seitem ich in die Ernährung so umgestellt habe.

Zur Heilung von bipolaren Störungen über Heilfasten liegen Erfahrungen vor, das ist aber gefährlich, Umgewöhnung/Umstellung durch Weglassen und Umlernen des Geschmacks ist sicherer.

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Florentinio 14.11.2014, 17:50
36. meine persönliche Erfahrung

Zitat von RogerRabit1962
Ich möchte ihnen aus Erfahrung mitteilen, aus eigener und Familiärer, dass nur eine konsequente Umstellung auf eine basische vegetarische Nahrung unter Ausschluss von tierischem Eiweiss und jeglichen säuernden Mitteln wie Kaffee eine Heilung bringt.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass ein Therapievorschlag für Menschen die man nicht kennt, mehr Gefahren mit sich bringen, als das sie helfen.

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sittinglion 14.11.2014, 17:58
37. Umgang mit psychisch Kranken

Aus meiner Sicht darf NIE der enorme Leidensdruck vergessen werden, den Betroffene empfinden. Dies wurde leider bisher nur von einem Schreiberling zu diesem Thema hervor getan.
Und es nicht die Frage, ob oder inwieweit sich Betroffene eigenmächtig sozial isolieren, sondern vielmehr die Tatsache, dass unsere Kultur den psychisch kranen Menschen stigmatisiert, so dass aus eigenen Antrieb des Erkrankten kaum eine Chance für eine Rückkehr zur sozialen Situation von vor dem Erstauftreten der Erkrankung.

Nicht zu vergessen sind ebenso, dass allgmein Krankheiten nicht nur biochemische Ursachen haben, sondern auch soziale. Ich bin kein Soziologe. Dennoch möchte an dieser Stelle auf den Begriff bzw. die Bewegung der "Antipsychiatrie" hinweisen. Das wird leicht und schnell vergessen...

Seien Sie empathisch zu ihnen(uns)...

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Bondurant 14.11.2014, 18:05
38.

Zitat von pinselhexe
Weil: Wir lieben, wir leben, wir sind da. Und wir sind nicht umsonst da, auch wenn sich später keiner mehr an uns erinnert. Und wenn sich nur einer an uns erinnert, der uns als Bereicherung seines Lebens sieht, dann war das doch schon was.
"Und wir sind nicht umsonst da..." in diesem einen Satz erkenne ich die große Hoffnung, dass es eben doch "Mehr" gibt... Wen dem nicht so wäre, wäre nämlich auch egal, ob sich irgendjemand an Sie erinnerte, denn davon könnten Sie nichts merken, denn "Sie" gäbe es nicht (mehr). Warum also sollte dies Ihnen etwas bedeuten, solange Sie noch sind? Also Hoffnung hält gesund, und Depressive haben eben manchmal keine mehr. Darum geht es.

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Bondurant 14.11.2014, 18:54
39.

Zitat von Florentinio
Meine persönliche Erfahrung ist, dass ein Therapievorschlag für Menschen die man nicht kennt, mehr Gefahren mit sich bringen, als das sie helfen.
Vor allem sind Leute, die Depressiven empfohlen haben, besser keine Antidepressiva zu nehmen, für manchen Todesfall verantwortlich. Man sollte sie zur Rechenschaft ziehen.

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