Forum: Panorama
Vernachlässigte Kinder: "Nur Brot und Margarine im Kühlschrank"
SPIEGEL TV

Vernachlässigt, unterernährt, misshandelt - immer wieder bringen extreme Kinderschicksale Jugendämtern den Vorwurf ein, schlampig zu arbeiten. Aber wie erkennt man, wann ein Kind in Obhut genommen werden muss? SPIEGEL-TV-Reporterin hat Jugendamtsmitarbeiter begleitet.

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Siegmund Marx 04.08.2013, 17:22
1. Respekt

ich habe die Reportage nicht gesehen, habe aber generell sehr viel Respekt vor den Mitarbeitern der Jugendämter. Viele von ihnen opfern sich auf unter schwierigen Bedingungen bei geringer Entlohnung und stehen doch ständig in der Kritik. Egal wie sie es machen: es scheint immer irgendwie falsch zu sein. Holt man ein Kind aus einer Familie ist es falsch, weil das Kind bei einer Pflegefamilie oder vor allem im Heim ja stark eingeschränkte Entwicklungschancen hat. Belässt man es dort und es passiert was, ist das Jugendamt mit der Frage konfrontiert, wie es so etwas zulassen konnte. Und die Arbeit der Jugendämter nimmt eine breite Öffentlichkeit eh nur dann wahr, wenn etwas schiefläuft und der Fall breit durch die Medien geht. Wenn was gut läuft kriegts leider kaum jemand mit. Das erachtet man als selbstverständlich. Ist es aber nicht, bei den Arbeitsbedingungen und dem Klientel.

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JaguarCat 04.08.2013, 17:41
2. Wie neutral sind die Entscheidungen?

Generell ist es gut, dass es die Jugendämter gibt, und dass diese bei Gefahr auch öfters einschreiten als früher. Andererseits stellt sich schon die Frage, wie neutral die Ämter sich ihr Urteil bilden. Ein alleinerziehender Papa hat nach meiner Erfahrung ein mindest doppelt so hohes Risiko, plötzlich ohne Kinder dazustehen, wie eine alleinerziehende Mama. Und je weniger deutsch die Eltern sprechen, desto schneller sind ebenfalls die Kinder weg.

Ich hatte dann auch mal das Vergnügen, eine "Ersatzmutter" kennenzulernen, die mehrere der dauerhaft in "Obhut" genommenen Kinder aufgezogen hatte. Dass diese allesamt, sobald sie volljährig waren, schnellstmöglichst das Weite suchten und nichts mehr mit ihrer vom Jugendamt zugeordneten "Stiefmutter" zu tun haben wollten, sagt so einiges.


Jag

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nonymus2013 04.08.2013, 17:46
3. Schönrednerei

Die Jugendämter reden ihre Arbeit medienwirksam schön. Da die Klientel völlig hilflos ist, gehen die meisten Fälle in der Grauzone unter. Die Problematik der Vernachlässigung ist noch nie beachtet worden und so wie es aussieht besteht auch keine Chance dafür. Es ist dafür sehr ärgerlich, wenn man solche bemühten Darstellungen liest, in denen windelweiche Formulierungen noch als Heldentaten verkauft werden.

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kl1678 04.08.2013, 18:21
4.

Zitat von spon
"Wir haben im vergangenen Jahr 360 Kinder in Obhut genommen, das ist eines pro Tag", sagt der Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt Braunschweig, Martin Aldinus. Früher seien es weniger als hundert gewesen. "Die Überforderung der Eltern ist gestiegen,(...)
und wie kann man diesen Anstieg erklären? Einfach die Änderung subjektiver Kriterien der Ämter oder eine generelle Abnahme der mentalen Belastbarkeit junger Eltern in Braunschweig? Und wie könnte man letzteres erklären?

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rabenkrähe 04.08.2013, 18:36
5. jaja

Zitat von sysop
Vernachlässigt, unterernährt, misshandelt - immer wieder bringen extreme Kinderschicksale Jugendämtern den Vorwurf ein, schlampig zu arbeiten. Aber wie erkennt man, wann ein Kind in Obhut genommen werden muss? SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter begleitet.
......

Dabei sind gar nicht die (relativ) wenigen Extremfälle das Schlimme, es ist die dahinterkommende Masse an emotionalen Vernachlässigungen und Schädigungen, die nicht ernst genug genommen werden, weil ja keine unmittelbare Lebensgefahr gesehen wird.
Es ist verfehlt, stets nach den Ämtern zu rufen, es ist die Aufmerksamkeit der Umgebung, die fehlt. Verwandte, Freunde, Lehrer, Nachbarn, die ruhig und bedacht mal nachfragen könnten, wenn ihnen was auffällt. Sicher setzt dadurch nicht der kongeniale Wandel ein, aber die Vernachlässigenden merken sich, daß sie wahrgenommen werden und wenn bei sich wiederholenden Wahrnahmen und der Aufmerksamkeit mehrer Personen der Druck erhöht wird, könnte die Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen, steigen.
Wichtiger nämlich als die Keule der Ämter ist die Einsicht der Betroffenen und ihre Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen!
rabenkrähe

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Boandlgramer 04.08.2013, 19:23
6. Dummheit kann grundsätzlich nicht strafbar sein

Zitat von rabenkrähe
...... Dabei sind gar nicht die (relativ) wenigen Extremfälle das Schlimme, es ist die dahinterkommende Masse an emotionalen Vernachlässigungen und Schädigungen, die nicht ernst genug genommen werden, weil ja keine unmittelbare Lebensgefahr gesehen wird. [...] wenn bei sich wiederholenden Wahrnahmen und der Aufmerksamkeit mehrer Personen der Druck erhöht wird, könnte die Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen, steigen. Wichtiger nämlich als die Keule der Ämter ist die Einsicht der Betroffenen und ihre Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen! rabenkrähe
Wenn die Jugendämter bei jeder emotionalen Vernachlässigung einschreiten würden, dann würden Städte zur Hälfte aus Jugendämter bestehen. Dass Kinder arm und Eltern dämlich sind (auch umgekehrt ;) ), muss aus praktischen Erwägungen leider unberücksichtigt bleiben.

Dummheit ist grundsätzlich nicht strafbar - denn wenn es das wäre, müsste man einen Konsens darüber finden, was dumm ist. Und das wird schwierig. Dagegen dürfte das rektale EInführen einer Rolle Stacheldraht ein Vergnügen sein.

Die Sache mit dem Druck funktioniert überhaupt nicht, weil so dämlich sind die Leute nämlich doch nicht. Die Jugendämter handeln oft schwer kalkulierbar und dann sehr heftig. Ich kenne Fälle von Familien, die meiner Meinung nach (wir sind vollüberwachte Pflegeeltern ;) ) vollkommen intakt sind und dringend Hilfe bräuchten - zum Beispiel wegen chronischer Erkrankungen. Die trauen sich nicht, das Jugendamt oder auch nur eine Familienhilfestelle anzulaufen, weil sie Angst haben, das Jugendamt könnte ihnen eines oder mehrere Kinder nehmen.

Aber solange das so wahrgenommen wird - wir wissen, dass es eigentlich anders ist, aber wir kennen eben auch die einschlägige Berichterstattung über die verzweifelten Eltern, die ihre Kinder nicht wieder bekommen - wird sich daran nichts ändern.

Interessanterweise sind wir als Pflegefamilie zu sowas wie Obleuten des Jugendamts aufgestiegen: Auf uns kommen Leute zu, die jemandem kennen, der Sorgerechtsprobleme hat und ob wir wissen, ob und wie das Jugendamt (oder eine andere Behörde) helfen kann. Das ist mir definitiv unheimlich...

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schlawienchen75 04.08.2013, 19:39
7. ??

gelinde gesagt bin ich entsetzt von der Berichterstattung: "Die böse Nigerianerin, die gute blonde mit der pinken Strähne" - gerade im
Rahmen der NSU Prozesse finde ich diese Art der Berichterstattung mehr als unverantwortlich!
Für die Mitarbeiter des Jugendamtes habe ich auch kein Verständnis, wenn ich Polizist werde, weiß ich auch das mein Job gefährlicher ist als der eines Controllers. Als Jugendamt Mitarbeiter muss man nun mal unangenehme Entscheidungen treffen und der Verdienst ist ja auch kein Geheimnis.

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kdshp 04.08.2013, 19:50
8.

Zitat von sysop
Vernachlässigt, unterernährt, misshandelt - immer wieder bringen extreme Kinderschicksale Jugendämtern den Vorwurf ein, schlampig zu arbeiten. Aber wie erkennt man, wann ein Kind in Obhut genommen werden muss? SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter begleitet.
Ich meine das die jugendämter übefordert sind wie viele andere ämter auch. Zu wenig personal und schlechte führung dazu noch ständig neue vorschriften oder änderungen. Dazu kommt dann das gerade im sozialen bereich die zahlen steigen die bedürftig sind bzw. betreut werden müssen.

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asentreu 04.08.2013, 20:43
9. Political ÜBERcorrectness

Liebes Schlawienchen, lesen Sie mal die Sachebene u d nicht ihre Interpretation. Da steht lediglich die Nigerianerin sei wütend geworden (grundlegend erstmal verständlich), während die Blonde heult (genao so verständlich). Das Ergebnis: beide bekommen die Kinder entzogen, Hautfarbe hin oder her. Meine Mutter war Erzieherin, ich kenne auch "solche Fälle". Ich wäre für das Recht von Kindern auf eine angemessene Kindheit, wohingegen es kein Recht auf Kindererziehung geben darf. Viele Kinder werden wirklich erst bei Lebensgefahr entzogen, das ist zu spät. Oft hat dann der Lebensstil der Eltern schon so abgefärbt, das die Kinder schon so (tut mir leid für das Wort) verkorkst sind, das es die besten Pflegeeltern und Therapeuten nicht schaffen sie wieder auf die richtige Spur zu bekommen.

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