Forum: Panorama
Was läuft schief beim staatlichen Kinderschutz?

Mütter unter dringendem Verdacht: In Schleswig-Holstein und Sachsen sollen zwei Frauen ihre Kinder getötet haben. Die beiden Fälle sind grundverschieden - und doch ähneln sie sich: In der Verzweiflung, die der Tat vorausging, und ihrer planmäßigen Durchführung. Was läuft schief beim Kinderschutz? Was kann der Staat tun, was die Gesellschaft?

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silente 06.12.2007, 16:29
1.

Ich kann Euch sagen, warum Mütter ihre Kinder töten:

Wenn man jeden Morgen aufwacht mit Sorgen im Magen (und das in diesem Fall fünffach), wenn man alleine gelassen wird, mit niemandem über diese Sorgen reden kann, weil die Fähigkeit des einander Zuhörens in dieser Gesellschaft gänzlich abhanden gekommen ist, erreicht man irgendwann den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Wer will Kindern solch eine "Welt" antun? Das ist eine Frage, die als Grund dafür steht, weshalb viele erst gar keine in die Welt setzten, lieber verbissen gegen die innere Uhr ankämpfen und verdrängen. Andere sind schwächer, bekommen Kinder, LIEBEN ihre Kinder. Aber müssen irgendwann feststellen, dass sie keine Chance auf Zukunft mehr haben. Absolute Dunkelheit...

Jeder, der zu diesen Themen klug daher reden zu müssen glaubt, sollte bedenken, dass eine Gesellschaft ihre Amokläufer, ihre Kindermörder, ihre Geisteskranken Täter immer aus sich selbst gebird. Und diese Gesellschaft sind WIR!

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dietrichstahlbaum 06.12.2007, 16:35
2. Kindesmisshandlung ein gesellschaftliches Problem?

Bevor wir den Staat rufen, sollten wir zuerst einmal nach den Ursachen und Folgen fragen:

Die Zeitungsberichte lassen vermuten, Kindesmisshandlung sei ein Schichtenproblem. Dies wird zumeist auch so gesehen. Es ist ein Vorurteil.

Aber es gibt einen Unterschied, einen sichtbaren und einen verborgenen: Physische Gewalt, also körperliche Misshandlung - dazu zählt die Vernachlässigung - ist am häufigsten in den sozial benachteiligten Unterschichten. Ursachen sind, wenn nicht wirkliche Armut und tiefes Elend, das Leiden am niederen Lebensstandard in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, soziale Kälte und der »Konsumismus« [Maria Mies] herrscht.

Ferner: Ehe-/Partnerschaftsprobleme der Eltern, Stress, Arbeitslosigkeit oder die Härte der Arbeitsbedingungen und, dementsprechend, raue Umgangsformen, weil eine verbale, eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht entwickelt werden konnte.
Es gibt sie noch: die schwere körperliche Arbeit; sie blockiert intellektuelle und kulturelle Lernprozesse. Und die ständige Überforderung am Fließband. Generationen von Arbeitern und ihren Familien sind davon geprägt, auch Familien, denen der Aufstieg in den Mittelstand gelungen ist.

Körperliche Züchtigung, üblich noch in meiner Kindheit. Gewalt, von Generation zu Generation „weitergegeben“ – in allen Schichten! Der Rohrstock in der Schule, neben dem Spucknapf. In der Volksschule. Da habe auch ich Prügel bezogen, zwischen 1932-38. Solch ein Kindesmissbrauch war damals gang und gebe und gehörte einfach zur Erziehung. Die Schule als Paukanstalt für sadistische Lehrer!

Die andere Art der Kindesmisshandlung ist die psychische. Sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren, ist aber mindestens ebenso grausam wie physische Gewalt. Sie beginnt bei permanenter Overprotektion [Selbständigkeit verhindernde, Angst induzierende Überbehütung] und endet beim Psychoterror.

Nur der geschulte Blick kann die bleibenden Schäden dieses Missbrauchs elterlicher und pädagogischer Autorität erkennen, z. B. an der Körperhaltung, am Gesichtsausdruck und an der Sprache des betroffenen Kindes.

Auch die psychische Misshandlung kann dieselben Folgen haben wie die physische: Neurosen, Neurosen, Psychosen, Depressionen, Schuldgefühle, Angst- und Schmerzzustände, neurovegetative Störungen, Herzbeschwerden, Rheumatismus, Immunschwäche, Krebs, Drogen- und Medikamentensucht, Alkoholismus, Selbstverstümmelung und Suizid; Masochismus, Sadismus, Mordsucht, Missbrauch eigener und fremder Kinder u. v. m.

Keinen geringeren Schaden verursacht subtile Gewalt, wie sie besonders von Intellektuellen gegen Kinder und PartnerInnen angewendet wird.

Individuelle Gewalt. Dieser Hydra Kopf für Kopf abschlagen? Schärfere Gesetze, härtere Strafen, Überwachungsmaßnahmen? Das wird nichts nützen. Sie wachsen nach, die Köpfe. Not-wendig ist eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Und vor allem: Aufklärung! Aufklärung! Aufklärung! Deutlich machen, woher diese Gewalt kommt und dass wir sie eindämmen können, wenn wir die sozialen Verhältnisse ändern, die Gesellschaft ändern, mitsamt uns selber!

Aufgabe der Politik ist es, die strukturellen und personellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden leben kann.

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Axelino 06.12.2007, 16:36
3. Schieflage

Was schief läuft weiß eigentlich jeder: Kosteneinsparungen an allen sozialen Kernpunkten. Stellenkürzungen bei den Jugendämtern, eine kinderfeindliche Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Wohin soll jemand gehen, der mit seinen Kindern nicht mehr klar kommt? Wo wird ihm denn wirklich geholfen? Ich habe selbst Kinder, und wüsste nicht an wen ich mich wenden sollte. Bei den Jugendlichen gehts grade so weiter, es gibt Städte, die haben noch nicht mal ein anständiges Jugendzentrum. Sowas könnte ja Geld kosten.
Das sind so die Nebenwirkungen einer Leistungs- und Konsumorientierten Gesellschaft.

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Nicola54 06.12.2007, 16:39
4. Nicht der Staat ist gefragt

Nicht der Staat ist gefragt, sondern wir alle. Solange Kinder von der Gesellschaft lediglich als Sache ihrer Eltern betrachtet werden und nicht als Kinder von uns allen, für die wir alle verantwortlich sind, wird es immer wieder solche Fälle geben.
Heutzutage Kinder zu haben, ist ein sehr anstrengendes und aufreibendes Unterfangen. Leider steht man oft allein. Das fängt mit den Türen an, die einem mit Kinderwagen vor der Nase zugeschlagen werden, geht über Schlange stehen mit einem Zweijährigen ohne daß man vorgelassen wird und geht bis zu Beschwerden von Nachbarn, ohne Hilfe anzubieten.

Ich war selbst alleinerziehende Mutter. Ich habe die Frage: "Wo ist denn die Mutter?" gehaßt, ganz zu schweigen, daß man beschimpft wurde, wenn eine prekäre Situation bestand. Niemand kam dann ganz einfach auf die Idee, das Kind von irgendwas abzuhalten oder sich mit ihm zu unterhalten. Nein, die Eltern bzw. die Mutter war zuständig und schuld.
Nein, Kinder gehören uns alle, und Eltern brauchen unser aller Unterstützung.

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Der_Alex 06.12.2007, 16:41
5.

Man muss sich zu erst fragen, was läuft schief mit uns allen.

Man kann nicht mehrere Hundert Jahre Gewalt und Erniedrigung aus den Familien einfach so raus operieren.

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spaduch 06.12.2007, 16:42
6. Eben das geht schief, "staatlicher Kinderschutz"

Beamte denken nur in Zwangsmaßnahmen und Abwicklungsmethoden. Wirkliches Denken und einfühlen, Probleme erkennen und darauf reagieren steht nicht in ihren "Schulbüchern". Mütter sind mit vielen Kindern allein, müssen auf Spenden hoffen um für ihren Nachwuchs Therapien zu bezahlen. Und sie werden erst dann beachtet wenn etwas schief läuft. Zu spät natürlich.
In ähnlichen Situationen wie die Familie im beschriebenen Fall befinden sich viele. Wenn man arm ist zahlt man Steuern bis das Geld nicht mehr zum Überleben reicht. Hat man hohe Einkommen zahlt man u.U. gar keine Steuern und hat genügend Mittel für Kindergarten, Reitstunden und Tennislehrer.
Die Probleme welche hier entstehen kommen gerade erst an die Oberfläche. Es gibt die sozial eingebundenen und eben außen stehende. Unter denen zu sein führt zur Verzweiflung und letztlich zu toten Kindern. Aber merke: Wenn Dieter Bohlen sich fünf Minuten schlecht fühlt, dann kümmern sich alle darum.

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indosolar 06.12.2007, 16:44
7. vieles laeuft schief

anfangend damit, dass man schon wieder in ihrem Artikel die hartz4er in die Naehe der Asozialitaet gerueckt hat, uber den staendigen Kampf zwischen haben und sein, der schon das Passieren eines Kassenbereiches mit einem Kind zur Hoelle machen kann ueber entweder ueberforderte oder den Aufgaben nicht gewachsene Jugendamtangestellte, bis zu einem schwer durchschaubaren Schulsystem, Leistungsdruck, Kinderaerzten fuer die auch die kleinen Patienten Abrechnungsvariablen sind, bis zu ueberforderten Eltern. Weil wir anfaenglich von HIV sprachen, in 273 Tagen erhielt ich 270 mehr oder weniger wichtige Briefe, einer nur falsch gelesen, kann schon erheblichen Stress bedeuten, denn Amt und jeder Glaeubiger kennt keine Gnade. Nicht jeder kann solche Dinge ganz entspannt nehmen, legt rechtzeitig Rechtsmittel ein, riskiert zum roten Tuch zu werden, weil er menschlichen Umgang einfordert. Ganz nebenbei bin ich heute morgen ueber eine hilflose Person gestolpert, als ich meinen Sohn zum Kindergarten brachte, die Polizei brauchte 45 min zu erscheinen und der Weg dahin ist uebersaet mit Hundekot. Was laeuft falsch, Deutschland ist schlechthin Familien und Kinderfeindlich, so einfach, Geld hilft da auch nicht weiter und wer sich offensicht stark engagiert wie die Mutter der Opfer ist schnell total ueberfordert, wenn das erwartete Ergebnis nicht eintritt. Ich denke wer nicht mindestens zwei Kinder hat, sollte hier gar nicht mitreden....

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DJ Doena 06.12.2007, 16:46
8.

Zitat von Nicola54
Nicht der Staat ist gefragt, sondern wir alle.
Contradictio in eo ipso.

Wir alle sind der Staat.

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-akw- 06.12.2007, 16:56
9.

Zitat von DJ Doena
Contradictio in eo ipso. Wir alle sind der Staat.
Ich denke mit "wir alle" ist in diesem Zusammenhang die bereits vielbeschworene Zivilgesellschaft gemeint, die klar von den Institutionen des Staates abzugrenzen ist.

Und dem würde ich uneingeschränkt zustimmen. Was in der Lebenswirklichkeit der Menschen passiert können Institutionen mit ihren starren Regeln und Weisungen nie so gut und vor allem rechtzeitig erfassen, wie das unmittelbare Umfeld.

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