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30 Jahre Mauerfall: Der Fehler liegt in unserer Erinnerung
Peter Kneffel/ DPA

Seit 30 Jahren hoffen wir alles weg, was nicht ins Bild vom glücklich vereinten Land passt: Ostalgie und Nazi-Märsche, den Aufschwung von Links- und Rechtspopulisten. Doch wir drehen uns im Kreis.

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brooklyner 03.11.2019, 15:57
1.

Hier wird nichts weggehofft. Anfang der 90er wollten wohl sehr wenige Leute in Südwestdeutschland diese Wiedervereinigung, man freute sich, dass der Spuk endlich vorbei war und man plötzlich ohne die Gewissheit, in einem Atomkrieg zu enden, weiter aufwachsen konnte. Dass die Ossis uns dann noch Mal den dicken Helmut bescherten, verzieh man ihnen aufgrund ihrer Naivität aber mit der Faust in der Tasche. Als dann aber in Rostock die Rechten zeigten, wie sie sich das neue Deutschland vorstellten, war Schluss mit der Akzeptanz. Dass sich im Denken in den Köpfen im Osten recht wenig getan hat seit 1990, durfte ich immer wieder feststellen, wenn ich ins Berliner Umland gefahren bin. Das hat so gar nichts mit den Leuten zu tun, mit denen ich mich normalerweise umgebe und der Provinzossi ist mir um Lichtjahre fremder als ein Este, Finne, Vietnamese, Niederländer, Kanadier, Amerikaner etc.

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dirkcoe 03.11.2019, 15:59
2. Ich bin aufgewachsen

mit zwei Deutschen Staaten. Da ich nichts anderes kannte, war das auch ok so. Klar, ich hätte mir die DDR aus reiner Neugier gerne Mal angesehen - wie Frankreich oder die Niederlande auch. Nein ich habe mich nicht nach der Wiedervereinigung gesehnt - eine freie und offene DDR hätte mir absolut gereicht. Auch habe ich bis heute nicht verstanden, warum sich die DDR nicht erst einmal saniert hat - vor dem Beitritt? Aber gefragt hat mich halt keiner.

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marthaimschnee 03.11.2019, 15:59
3. nur eine Frage

Wer sind die Linkspopulisten, die da im Aufschwung gesehen werden? Sie meinen damit doch hoffentlich nicht die LINKE in Thüringen, denn die spielt dort lediglich das, was früher mal "Sozialdemokratie" genannt wurde.

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kavango 03.11.2019, 15:59
4. Langsam

fühlt man sich als Ostdeutscher als das größte Thesenobjekt welches dieses Land zu bieten hat und bis ins kleinste Detail analysiert, erforscht, beurteilt, verurteilt, geliebäugelt, verspottet, wohlwollend belehrt wird. Hallo Leute, es nervt nur noch wie ein faules Ei im Kühlschrank oder stinkende Socken in der waschegruhe

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legeips62 03.11.2019, 16:00
5. Welche Linkspopulisten?

Die LINKEN? Diese Genossen stellen(stellten) in Thüringen immerhin einen Ministerpräsidenten. Die LINKEN sind eine demokratische Partei und haben mit 31% der Wählerstimmen klar gezeigt, dass hier kein Populismus sondern Regierungsfähigkeit gegeben ist.

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gumbofroehn 03.11.2019, 16:03
6. Als jemand, der ...

... im Westen aufgewachsen ist, im Osten studiert hat und dann wieder für den Beruf zurück in den Westen gegangen ist, befürchte ich, dass uns diese Befindlichkeiten und alles, was daraus folgt, noch sehr lange beschäftigen werden.

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m.w.r. 03.11.2019, 16:05
7.

Zitat von brooklyner
Hier wird nichts weggehofft. Anfang der 90er wollten wohl sehr wenige Leute in Südwestdeutschland diese Wiedervereinigung, man freute sich, dass der Spuk endlich vorbei war und man plötzlich ohne die Gewissheit, in einem Atomkrieg zu enden, weiter aufwachsen konnte. Dass die Ossis uns dann noch Mal den dicken Helmut bescherten, verzieh man ihnen aufgrund ihrer Naivität aber mit der Faust in der Tasche. Als dann aber in Rostock die Rechten zeigten, wie sie sich das neue Deutschland vorstellten, war Schluss mit der Akzeptanz. Dass sich im Denken in den Köpfen im Osten recht wenig getan hat seit 1990, durfte ich immer wieder feststellen, wenn ich ins Berliner Umland gefahren bin. Das hat so gar nichts mit den Leuten zu tun, mit denen ich mich normalerweise umgebe und der Provinzossi ist mir um Lichtjahre fremder als ein Este, Finne, Vietnamese, Niederländer, Kanadier, Amerikaner etc.
Bevor ich mich wiederhole stimme ich ihnen umfänglich zu. Emotional hätte mich ein Vereinigung mit Südtirol und Österreich mehr beschäftigt.

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ingo.adlung 03.11.2019, 16:06
8. Sie haben mit allem Recht ...

... aber die Frage ist und bleibt die Alternative. Zur Wahrheit gehört ja auch, dass den Betrieben von heute auf morgen vielfach die Kunden fehlten. Entweder weil der Markt (Osteuropa) mangels Devisen verschwand, oder die Kundschaft mit den Füßen abstimmte. Wir können die Spreewaldgurke ja belächeln, aber wenn diese plötzlich auch im Osten niemand mehr kaufen wollte, was dann? Auch Währungsumstellung war politisch vorgegeben, aber sie brach vielen überschuldeten Betrieben das Genick, auch wenn ja nicht jede Ostmark im Verhältnis 1:1 in Westmarkt umgerechnet wurde. Wenn es aber nach echter Kaufkraft gegangen wäre, dann wäre das an der Wahlurne nicht umsetzbar gewesen. Es gab viele, viele "Details", die in der Summe viel Verdruß erzeugten. Aber das Narrativ es ginge um West versus Ost greift auch zu kurz. Das Saarland hat nach seinem (Wieder)Anschluß an Deutschland auch viele Jahrzehnte gebraucht und nicht zuletzt, wegen dem Umbruch im Kohle und Stahlbereich, worunter speziell in NRW heute noch ganze Landstriche leiden. Es ist eben nicht West versus Ost, so lautet das Narrativ zwar und so empfinden es viele, aber es geht und ging um das Wirtschaftssystem und wie wir als Staat und Gesellschaft mit sich radikal ändernden Wirtschaftsbedingungen umgehen, wo es eben keine Planwirtschaft gibt. Und es geht um Unternehmertum, mit all seinen Chancen aber eben auch Risiken. Es ging und geht um vieles. Nicht zuletzt war das Narrativ ja auch, dass wir nur ein kurzes Zeitfenster zur Wiedervereinigung hatten. Auch das mag oder mag nicht stimmen, aber es bestimmte offensichtlich auch viele der damaligen Entscheidungen.

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matthiasdaun 03.11.2019, 16:07
9. Wie wäre mal ein Perspektivwechsel auf beiden Seiten

Jetzt mal die Perspektive aus dem Westen. Die Wiedervereinigung wurde auch im Westen nicht glorifiziert. Auf einmal war Berlin das politische Zentrum. Nicht NRW oder das Saarland wurden im Strukturwandel unterstützt, sondern der Osten. Für viele Deutsche bedeutete diese Politik existenzielle Sorgen. Die Transferzahlungen führten zu Sparmaßnahmen in den westlichen Ländern und Kommunen. Schulklassen wurden immer größer, die Förderungen immer mehr eine Frage des Elternhauses bei 37 Schülerinnen und Schülern in einer Klasse.

Die öffentlichen Gebäude wurden nicht gepflegt während im Osten alles neu gemacht wurde. Die Handwerker hatten weniger Aufträge, die Stellen im öffentlichen Dienst wurden abgebaut, anfang der 90 er hatten selbst Ingenieure oder Anwälte Probleme bei der Jobsuche. Nicht selten musste man NRW, so groß wie alle fünf ostdeutschen Länder, oder andere strukturschwache Länder im Westen verlassen und zum Beispiel in den Süden gehen.

Die Geldschwemme durch die Umwandlung wertloser DDR Mark in DMark führte zu exorbitanten Zinssätzen, für alle, die für ihren Betrieb oder ihre Immobilie Kredite benötigten, bedeutete dies enorme Verluste bis hin zur existenziellen Krise.

Und während die Menschen im Osten immerhin etwas gewannen, Freiheit, Grundrechte und eine moderne medizinische Versorgung, fragte man sich im Westen, wo eigentlich der Vorteil war, sofern man nicht zu den wenigen Profiteuren gehörte, die sich ostdeutsche Betriebe unter den Nagel rissen.

Ich wüsste gerne mal, wer von den Frustrierten in Ostdeutschland überhaupt mal das Gespräch mit den Menschen gesucht hat, die im Westen lebten und mit der Wiedervereinigung eher verloren als gewonnen haben. Anstatt über Geschichtsdeutungen zu diskutieren. sollte es einfach mal einen Erfahrungsaustausch geben.

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