Forum: Politik
Als Schöffe am Jugendgericht: Liebes Opfer, dumm gelaufen
Gene Glover / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Als Schöffe am Jugendgericht erlebt Sven Böll, wie der Rechtsstaat sich lächerlich macht. Er ist mit Tätern konfrontiert, die die Justiz verhöhnen und milde davonkommen - und mit Opfern, denen kaum einer hilft.

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mischubo 11.07.2017, 10:10
1. Willkommen...

...im wahren Leben.
Sehr guter Beitrag, auch wenn er schmerzt! Den Satz "Der Staat zeigt den Mitarbeitern jeden Tag, wie wenig es ihm wert ist, was sie tun" werde ich mir einrahmen!

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Roland Bender 11.07.2017, 10:29
2. Kein Hintern in der Hose

Es mag ja richtig sein, dass es für einen Richter demütigend sein kann, wenn seine Urteile auf höherer Instanz kassiert werden. Aber es ist seine Verantwortung (und übrigens auch die der Schöffen) gemäß der Gesetze und seinem Gewissen zu urteilen. Will man die Grenzen aber etwas zurück verschieben in Richtung Gerechtigkeit, darf man nicht in vorauseilendem Gehorsam jeden jugendlichen Gewalttäter gleich wieder auf die Öffentlichkeit loslassen.

Auch den Staatsanwaltschaften kann man nur raten, allzu milde Urteile anzufechten. Ich glaube die deutsche Justiz ist entschlossener als man glaubt. Und man kann was verändern.

Mit Computern kann man die Abläufe in Gerichten wohl etwas vereinfachen. Aber der Nutzen in der Umgebung scheint mir überschaubar. Am Ende ist das Geschäft die Wahrheit rauszufinden und Straftäter zu bestrafen und nicht eine Urteilsverkündung effektiver zu gestalten.

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mischubo 11.07.2017, 10:47
3. Jein...

Zitat von Roland Bender
Auch den Staatsanwaltschaften kann man nur raten, allzu milde Urteile anzufechten. Ich glaube die deutsche Justiz ist entschlossener als man glaubt. Und man kann was verändern. Mit Computern kann man die Abläufe in Gerichten wohl etwas vereinfachen. Aber der Nutzen in der Umgebung scheint mir überschaubar. Am Ende ist das Geschäft die Wahrheit rauszufinden und Straftäter zu bestrafen und nicht eine Urteilsverkündung effektiver zu gestalten.
Sie haben sicher nicht ganz Unrecht, dass manch einer es sich auch einfach macht. Wie im Artikel anklingt, ist allerdings ein "massives" Urteil eben mit erheblichem Begründungsaufwand verbunden, was entsprechend Zeit kostet, die nicht da ist, weil es zu wenig Personal gibt.
Ich habe etliche Freunde in diesen Berufen und die Fallzahlen sind - selbst wenn man die Hälfte der Jammerei abzieht - enorm, besonders in Großstädten. Und was die Technik angeht: schauen Sie sich mal an, wie in einem Gerichtsgebäude viele viele Helferlein damit beschäftigt sind, tausende Akten von Büro zu Büro zu fahren. Das ist tiefstes Mittelalter...

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Bundeszentrale 11.07.2017, 10:49
4. Ich war dort auch Schöffe - da verliert man den Glauben an das Recht

Ich war dort von 2000-2004 Schöffe an einer kleinen Strafkammer des AG Tiergarten. Was ich da erlebt habe, hat meinen Glauben an den Rechtsstaat erschüttert. Regelmäßig Kriminelle mit mehreren dutzend Vorstrafen, die immer wieder nur Bewährung oder Sozialstunden bekommen hatten und jeden Respekt gegenüber Justiz und Polizei verloren hatten. Richter, die keine Lust auf Urteile hatten und ihren Schreibtisch durch "Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage" oder fragwürdige Deals mit den Anwälten zu leeren versuchten. Und eine Justiz, die hoffnungslos überlastet, veraltet, kaputt, chaotisch und im Prinzip größtenteils handlungsunfähig ist. Aktenführung wie im Mittelalter, verlorene Beweismittel in den Aservatenkammern, aberwitzige Verfahrensdauern und und und. Und zum Schluß für jahrenlange ehrenamtliche Arbeit keinen Dank. Von einer Schulung oder Einarbeitung zu Beginn ganz zu schweigen.

Deutschland ist komplett auf den Hund gekommen. Wir sind ein Witz für die Verbrecher dieser Welt. Abgeschreckt werden nur Leute, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.

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lequick 11.07.2017, 10:55
5.

Ich zahle für gute Artikel wirklich gerne die 39 Cent, und auch hier ist das der Fall. Aber sowas sollte doch bitte dem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Ich würde niemals extreme radikale Parteien wählen (weder links, noch rechts) aber durch solche Fälle verstehe ich immer mehr die Leute die die AfD wählen wollen. Solche Täter müssen mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden, und zwar schnell. Jemanden so verprügeln, dass er fast stirbt, dazu noch ohne Provokation müsste mindestens 10 Jahre einbringen, ohne vorzeitige Entlassung, ohne Bewährungsstrafe.

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eigen 11.07.2017, 11:34
6.

Sehr guter Artikel. Die Justiz bedarf dringend einer Reform. Vielleicht nicht hauptsächlich hinsichtlich ihrer Akteure, aber doch unbedingt hinsichtlich ihrer Arbeitsweise, Ausstattung und Normen.

Es sind nicht nur die schwachen Urteile. Schon bei der Wartezeit auf einen Prozess fällt man vom Glauben ab. Für den Normalbürger bestehen viele Rechte nur auf dem Papier und der Opferschutz ist nahezu inexistent.

Es mag sein, dass die AfD das Gerede darüber monopolisiert, aber es bleiben Phrasen. Parteien dieser Art haben keine Vorstellung von einer Problemlösung. Werden sie mehrheitlich gewählt, werden die angesprochenen Themen entweder überhaupt nicht angerührt oder auf bizarre Art und Weise. Es ist notwendig, dass sich vernünftige Politiker einer Justizreform zuwenden.

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marathon9000 11.07.2017, 11:41
7. Auch ich war dort Schöffe,.......

Zitat von Bundeszentrale
Ich war dort von 2000-2004 Schöffe an einer kleinen Strafkammer des AG Tiergarten. Was ich da erlebt habe, hat meinen Glauben an den Rechtsstaat erschüttert. Regelmäßig Kriminelle mit mehreren dutzend Vorstrafen, die immer wieder nur Bewährung oder Sozialstunden bekommen hatten und jeden Respekt gegenüber Justiz und Polizei verloren hatten. Richter, die keine Lust auf Urteile hatten und ihren Schreibtisch durch "Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage" oder fragwürdige Deals mit den Anwälten zu leeren versuchten. Und eine Justiz, die hoffnungslos überlastet, veraltet, kaputt, chaotisch und im Prinzip größtenteils handlungsunfähig ist. Aktenführung wie im Mittelalter, verlorene Beweismittel in den Aservatenkammern, aberwitzige Verfahrensdauern und und und. Und zum Schluß für jahrenlange ehrenamtliche Arbeit keinen Dank. Von einer Schulung oder Einarbeitung zu Beginn ganz zu schweigen. Deutschland ist komplett auf den Hund gekommen. Wir sind ein Witz für die Verbrecher dieser Welt. Abgeschreckt werden nur Leute, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.
.....in den Jahren 2011-2015. Man erhält ein tolle Anstecknadel und und eine kleine Broschüre, was es bedeutet, Schöffe zu sein. U.a. wird immer wieder daruf verwiesen, das der Schöffe das gleiche Stimmrecht wie ein hauptamtlicher Richter hat. Nach der 2. oder 3. Verhandlung musste ich feststellen, dass das ganze eine Farce ist. Es wird zwar danach im Hinterzimmer nach einer Meinung gefragt um den schönen Schein zu wahren - jedoch wird letztendlich so geurteilt, wie der Hauptamtliche es für richtig hält. Gleichberechtigung sieht für mich anders aus. Bei den Verhandlungen musste man in die tiefen Abgründe der Gesellschaft blicken. Diese Eindrücke verfolgen einen oft noch tagelang.

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stadtmöwe 11.07.2017, 11:52
8.

Danke für diesen wichtigen Artikel. Ich frage mich schon lange, wie man den PolitikerInnen klar machen kann, wie wichtig eine gut funktionierende Justiz ist. Nur die Balance zwischen Hilfe und Konsequenz kann unseren Rechtsstaat dauerhaft sichern. Und es wäre ja sogar im Sinne der Verurteilten, wenn sie klare Konsequenzen erleben dürfen - ansonsten werden sie nur weiter die (nicht vorhandenen) Grenzen austesten.
Das eine ist ein schneller Verfahrensbeginn möglichst direkt nach der Tat.
Allerdings gehört auch die Hilfe im Knast dazu. Wenn verurteilte Straftäter wieder aus dem Gefängnis kommen und immer noch die gleichen Geschichten glauben, wie vorher, dann werden sie auch wieder rückfällig werden. Es gibt teilweise richtig gute Psychologen im Knast und manche gute ehrenamtliche Angebote, die besser funktionieren, als die Standard-Therapie-Angebote. Das müsste evaluiert werden und es müssten enorme Mittel in die Hand genommen werden, um die erfolgreichsten Angebote in jedem Knast zu etablieren.
Alles in allem würde es uns so viel billiger kommen, wenn wir viel mehr Gelder - sinnvoll - in die Justiz stecken würden.

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calliston 11.07.2017, 12:12
9. 7 mal Besuch von der Polizei wegen 25 km/h zu schnellen Fahrens

eine kleine Annekdote, die viele so oder so ähnlich täglich erleben: Bei einer Geschwindigkeits-OWI (25 km/h zu schnell, 1 Pkt, 80€) hatten wir in der Firma 7! mal Besuch von der Polizei, um den Fahrer zu ermitteln mit anschließender Fahrtenbuchauflage. Bei meinen 4 mal aus dem Auto geklauten Navis (Gesamtschaden insges. ca. 45.000€! inkl. Aufbruchschäden) kam nach der Erstaufnahme durch die Polizei nur das Computerschreiben "Täter konnte nicht ermittelt werden, Verfahren wurde eingestellt." Als es bei mir Zuhause einen Fehlalarm bei der Alarmanlage gab, bekam ich für die fürsorgliche Anreise der Polizei einen Gebührenbescheid über 120 €. Bei dem Einbruch in unsere Firma musste ich geradezu betteln, dass die Spurensicherung die Sache aufnimmt.

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