Forum: Politik
Armut in Großbritannien: Als Kris Thomas ohnmächtig zusammenbrach - vor Hunger
Thomas Victor

Großbritannien ist das fünftreichste Land der Welt - doch 14 Millionen Einwohner gelten als arm. Nach der Finanzkrise stieg die Zahl der Tafeln enorm. Die Familie von Kris Thomas hätte sonst keine Chance.

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a.meyer79 21.05.2019, 13:21
60. Wieso für den Brexit?

Erschwerend für den Jungen und all die anderen Belogenen wird sein, wenn der Brexit, für den die ja so sehr waren, wirklich kommt. Schuld an ihrem Dilemma haben die Regierungen der letzten 10 Jahre sowie der ach so tolle Neo-Liberalismus. Die EU oder "die Ausländer" sind wirklich nicht Schuld. Aber schieben wir es mal auf den Hunger und die Hoffnungslosigkeit, die seinen Geist daran hindert rational zu denken und den Schreihälsen nachzulaufen. Das passiert ja bei unsere AfD-Anhängern auch.

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si-ar 21.05.2019, 13:21
61.

Zitat von brux
GB hat faktisch Vollbeschäftigung. Es gibt Jobs. Ich will das Schicksal des Mannes nicht beurteilen, aber einiges reimt sich nicht. Wenn das Kind im Krankenhaus ist, muss man nicht der Arbeit fernbleiben. Man kann Urlaub nehmen und sich mit dem Partner abwechseln. Und man muss auch kein internet haben um täglich seine emails zu lesen. Rs gibt in GB öffentliche Hotspots, die gratis sind. Man kann auch ein Café besuchen und bei einer Tasse Tee sein Leben organisieren. Das heisst nicht, dass in GB kein rauhes soziales Klima herrscht (übrigens will es eine Mehrheit der Wähler seit mehr als 40 Jahren so), aber mit den Beispielen muss man vorsichtig sein.
Haben Sie schon mal von 0-Stunden-Verträgen gehört, die in GB immer öfter geschlossen werden?
Was nützt Vollbeschäftigung, wenn man dabei nichts verdient? Genau wie bei uns, wurden einfach Vollzeit-Stellen in mehrere Teilzeit-Stellen umgewandelt, denn die Anzahl der geleisteten Stunden hat sich kaum verändert.
Fahren Sie mal nach England, das jenseits der Touristenhochburgen an ein 3.-Welt-Land erinnert. Überall liegt Müll rum, die Straßen sind eine Katastrophe und auch die nicht sichtbare Infrastruktur verfällt immer mehr. In London geht genauso viel Wasser verloren, wie bei den Verbrauchern ankommt, weil nichts mehr investiert wird. Ein Hoch auf die Privatisierung.

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DerBlicker 21.05.2019, 13:23
62. nein hat sie nicht

Zitat von KarlRad
Wenn ich mich abgehängt fühle, verarme und dann auch noch sehe wie einige Wenige, aufgrund des Umverteilungssystems EU, immer reicher werden, wähle ich natürlich den, der dagegen kämpft. Egal welche Konsequenzen das hat. Wenn ich nicht profitiere, soll auch kein anderer profitieren. Da hat die EU versagt!
Für die Sozialpolitik und die Bankenrettung in UK ist nur die Regierung verantwortlich, die EU hat damit nichts zu tun. Gerade UK hat sich immer erfolgreich dagegen gewehrt, dass die EU Steuer- und Sozialkompetenzen erhält. Aber das ist typisch für Brexit Wähler, keine Ahnung, aber Hauptsache dagegen. Wenn UK erst einmal die EU verlassen hat, dann kommt in UK der ungezügelte Kapitalismus aus dem 19.Jh wieder. das geschieht dann aber den Wählern recht.

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cobaea 21.05.2019, 13:23
63.

Zitat von Karlowitsch
Bei Kris und seiner Famlie hat es wenigstens für Markenklamotten und Tattoos gereicht. Das ist First-World-Armut. Letzte Priorität hat dann das Essen, weil es das auch umsonst gibt. Und die Zahl neueröffneter Tafeln lässt wie immer nicht auf mehr Hunger schließen.
Markenklamotten und Tattoos. Ja, klar. Sie wissen ganz genau, wann das im Text erwähnte Tattoo gestochen wurde? Vor oder nach der Entlassung? Und das wissen Sie auch genau, wenn es um die einzige Kleidermarke geht, die zu sehen ist - die "Scott"-Jacke. Wann gekauft? Wo? Könnte auch aus einem Secondhand-Laden stammen. Die sind nämlich im UK sehr, sehr häufig. Und das sind keine Schickimicki-Secondhand-Läden sondern Charity Shops - betrieben vom Roten Kreuz, der Heart Foundation oder dem örtlichen Frauenverein etc. Da gibt's alles vom Pulli bis zu Markenware zu sehr niedrigen Preisen. Ohne diese Läden gingen Bedürftige im UK seit Jahrzehnten in Lumpen. Verurteilen lässt sich schnell, auch wenn man keine Ahnung von der Situation vor Ort hat.

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patrick.ruediger 21.05.2019, 13:24
64. Schlimme zustände, aber...

... wir sollten sehr sehr vorsichtig sein, auf die Zustände in UK herabzuschauen, denn bei uns schauts nicht viel anders aus. Ich selbst habe das Gluck in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen zu sein, die mich auch in einer kurzen Übergangsphase nach dem Studium unterstützen konnten.

2008 habe ich mein Studium in Physik abgeschlossen. Ich war immer ein sehr zügiger Student, war in unter Regelstudienzeit fertig - was sehr sehr unüblich ist in Physik. Trotzdem, bei der Diplomarbeit hatte ich Probleme, und war nicht nur Tagsüber beschäftigt, sondern auch nachts. Folglich konnte ich natürlich nicht schon während der Dipomarbeit Bewerbungen schreiben. Nach dem Studium war ich also erstmal kurz arbeitslos, wobei ich das mal unter unverschuldet fassen würde. Ich hatte ja auch schlichtweg kein Zeugnis für irgend eine Bewerbung.

Nach Abschluss der Diplomarbeit habe ich mich sofot beim Arbeitsamt gemeldet, und gesagt, dass ich natürlich keinen Studienkredit mehr bekomme, weil das Studium ja vorbei ist, ich aber Unterstützung für die Zeit benötige, die ich zur Jobsuche brauche. Weiter habe ich nach informationen zu Jobangeboten gefragt.

Dort wurde mir dann folgendes gesagt:

a) Die ersten ca 6 Wochen würde es ohnehin kein Geld geben. Solang würde ein Antrag bearbeitet. Auf meine Anmerkung hin, dass ich 0€ auf dem Konto habe und keinerlei Einkünfte wurde schlicht mit Desinteresse reagiert.

b) Mir wurde gesagt, ich müsse mich entscheiden. Finanzielle Hilfe könne ich nur bekommen, wenn ich zum Zentrum für Jugendarbeitslose (genaue Wortwahl weis ich nicht mehr) gehen würde, da ich ja unter 25 war. Dann würde ich aber im normalen Jobcenter keine Beratung mehr bekommen. Dann wurde mir noch glas klar gesagt, dass ich dann keine vernünftige Beratung bekommen würde, da sich die natürlich nicht mit der Vermittlung von Akademikern auskennen würden (ich war halt zu schnell - die Meisten haben ihr Diplom spatter...). Nur wenn ich auf meine Ansprüche verzichten würde, würde ich eine berating im normalen Jobcenter bekommen... Ich wurde also gezielt unter Druck gesetzt auf Leistungen zu verzichten.

Letzten endes wurde ich dann noch 2 Monate von der Verwandtschaft versorg. Aufgrund meines Familiären hintergrunds hatte ich also keine wirklichen Probleme. Aber jemand aus ärmeren Elternhaus hätte sehen können, wie er die ersten 6 Wochen was zu Essen bekommt. Und zusätzlich hätte er keine Vernünftige Beratung bekommen (weil er ja schlecht auf die Leistungen hätte verzichten können). 1 Bewerbung und einen Umzug zum neuen Arbeitsort spatter war das Problem zum Gluck beseitigt.

Dass es bei mir harmlos verlaufen ist, lag einzig und allein an meinem Umfeld und nicht an mir. Und das obwohl ich jemand bin, der eine sehr steile Karriere hingelegt hat. Das System ist ziemlicher mist, auch bei uns. Leute greaten unverschuldet unter die Räder. Im endeffekt kostet dies unsere Volkswirtschaft eine Menge. Das potential von guten Leuten wird Verschwendet, weil sie sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren können, da sie mit so einem Mist beschäftigt sind.

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cobaea 21.05.2019, 13:27
65.

Zitat von tommybonn2000
...in der eigenen Schublade nachgucken. In Deutschland gibt es über 2000 Tafelläden die regelmäßig 1.5Millionen Menschen versorgen. Auch in Deutschland leiden die Menschen Hunger. Vor allem Kinder. Es will nur keiner sehen. Ist ja auch einfacher, das bei anderen anzuklagen.
und weil es in Deutschland Bedürftige gibt, darf nie mehr darüber berichtet werden, dass es diese auch in anderen Ländern gibt? Über Bedürftige in Deutschland (incl. "Tafel") berichten SPoN und der "Spiegel" immer wieder. Immer nur Nabelschau hilft auch nicht weiter.

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Valis 21.05.2019, 13:28
66. Unglaubwürdig

Was der Kapitalismus im Endstadium so alles anrichten kann, sieht man auch gut am Beispiel GM und Detroit.
Wie vielen Menschen könnte man ein angenehmeres Leben bieten wenn man nicht ständig darauf aus ist den Gewinn zu maximieren?
Wieviele Menschen könnte man ein angenehmeres Leben ermöglichen wenn die reichsten Menschen der Welt nicht je 20-30 Milliarden bunkern würden sondern nur Millionen?
Es ist traurig, aber die Menschen sind auch nicht sehr schlau.
Wir leben in einer Demokratie. Und trotzdem wählen wir Jahr für Jahr eine Politik die an dem System nichts ändern wird und will.
90% der Wähler wählen eine Politik von der nur 7 % der Menschen in Deutschland arg profitieren.

Abgesehen davon finde ich den Artikel toll aber nicht sehr glaubwürdig.
Das der Mann so unschuldig ist wie er sich gibt kann ich mir nicht wirklich vorstellen.
Etliche Male dem Stellenabbau zum Opfer gefallen.
Termin unschuldig verpasst.
Im öffentlichen Dienst wegen Rückenschmerzen rausgeflogen?

Das müsste dann schon wirklich sehr mit dem Teufel zugehen.
Vielmehr glaube ich das man nach einigen Tiefschlägen sehr schwer psychisch wieder auf die Beine findet um etwas anzupacken.

Auch wenn der Kapitalismus immer mehr Menschen zur Armut zwingt, glaube ich dennoch das man mit festen Willen und Einsatz, beruflich jederzeit Fuss fassen kann.
Ich bin 33.
Ich kann mich nicht lange für einen Beruf begeistern und weiss bis heute nicht wirklich was meine Berufung ist.
Ich habe 3 Berufe erlernt. Auch mit 2 Kindern.
Habe ständig neu angefangen.
Ich habe immer Fuss fassen können. Habe immer verdient.
Weil aufgeben für mich nie ein Thema war.

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phg2 21.05.2019, 13:35
67.

Zitat von Krokodilstreichler
Kein Wunder, dass die Briten die EU verlassen wollen, wenn man bedenkt, wie sehr der Neoliberalismus hier große Teile der Bevölkerung in die Armut drängt.
Und was ändert sich nach dem Brexit daran?
Und hat die EU Großbritannien daran gehindert sozialere Politik zu machen? Nee, das waren schon die Briten selbst indem sie diese
unsoziale Politik gewählt haben.

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drod 21.05.2019, 13:38
68.

Zitat von brux
GB hat faktisch Vollbeschäftigung. Es gibt Jobs. Ich will das Schicksal des Mannes nicht beurteilen, aber einiges reimt sich nicht. Wenn das Kind im Krankenhaus ist, muss man nicht der Arbeit fernbleiben. Man kann Urlaub nehmen und sich mit dem Partner abwechseln. Und man muss auch kein internet haben um täglich seine emails zu lesen. Rs gibt in GB öffentliche Hotspots, die gratis sind. Man kann auch ein Café besuchen und bei einer Tasse Tee sein Leben organisieren. Das heisst nicht, dass in GB kein rauhes soziales Klima herrscht (übrigens will es eine Mehrheit der Wähler seit mehr als 40 Jahren so), aber mit den Beispielen muss man vorsichtig sein.
Wenn sie hören, dass Ihr 8jähriger, oder noch jüngerer Sohn ins Krankenhaus musste, ist es nicht Ihre erste Priorität, dorthin zu gehen? Und was hat das mit Urlaub nehmen zu tun? Es geht um den konkreten Moment, wo man hört, das eigene Kind ist im Krankenhaus.

Und das mit dem ins Cafe gehen für einen Tee ... das ist ein ganz großartiger Vorschlag an jemanden, der noch nicht mal für das Busticket Geld hat.

Es ist leider ein Fakt unserer Zeit, das Empathie für immer mehr Menschen kein Wert mehr an sich ist.

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spon_5711341 21.05.2019, 13:42
69.

Zitat von Ontologix II
Es war Margaret Thatcher, die die Liberalisierung der Finanzmärkte anstieß. In Reagan fand sie einen willigen Bundesgenossen. Und Nobelpreisträger Milton Friedman leistete akademischen Beistand. Wie mir bis heute unerklärlich bleibt, gelang es Tony Blair nach Thatcher, die sozialistische Klassenpartei Labour auf seine neoliberale Seite zu ziehen. Von diesem Schwenk hat sich Labour bis heute nicht erholt. [...]
Es mag in Deutschland noch nicht so drastisch sein, aber die Entwicklung ist dieselbe: von Kohls "Leistung muss sich wieder lohnen" über Schröder, den "Genossen der Bosse", der sich im Lichte Blairs sonnte und unter dem die Hartz-Reformen verwirklicht wurden bis hin zur zeitlich kurz danach folgenden Bankenrettung.

Labour hat dies mit demselben Niedergang bezahlt, wie hierzulande die SPD. "Das wird man ja wohl mal sagen dürfen" (c)

Die soziale Marktwirtschaft sollte nach WK2 für das ex-faschistische Deutschland auch Stabilität sicher stellen. Die deutsche Gesellschaft hat dies verschenkt, indem sie es seit den 90ern gut findet, dass sich Leistung insofern lohnt, als dass die Einkommens- und Besitzschere immer weiter auseinander geht. Die Armut mag in Deutschland noch nicht so eklatant sichtbar sein, aber die Zeichen sind unverkennbar dieselben wie in Grossbritannien.

Mit dem ausufernden Neoliberalismus hat sich Europa und insbesondere das Führungspersonal in Wirtschaft und Politik selbst anzulasten, dass enttäuschte und von der wirtschaftlichen Wohlstandsentwicklung abgehängte oder zumindestens verängstigte Menschen sich in die offenen Arme von Heil versprechenden Populisten des völkisch-autoritären Sektors werfen. Das wird nicht aufhören, solange wir nicht ganz massiv die soziale Frage stellen, diskutieren und Erkenntnisse umsetzen. Wenn hier nichts passiert, stehen alle "mein-Land-zuallererst"-Brüller irgendwann bis an die Zähne bewaffnet voreinander. Was dann passiert, kennt man ja eigentlich.

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