Forum: Politik
Bahnstreiker als Vorbild: Danke, Herr Weselsky!
DPA

Die Lokführer streiken für uns alle. Deutschland sollte Claus Weselsky dankbar sein. Aber Politik und Öffentlichkeit sind gegen ihn. Was wir vergessen: Seine Niederlage wäre unsere Niederlage.

Seite 82 von 107
Mann mit Gedächtnis 08.05.2015, 16:51
810.

Zitat von Wildes Herz
Das ist keine Fehlentwicklung des Gedankens der Tarifpluralität - das IST Tarifpluralität! (Siehe Bundesarbeitsgericht, Beschlüsse vom 23. Juni 2010 - 10 AS 2/10, 10 AS 3/10 und vom 27. Januar 2010 - 4 AZR 537/08, 4 AZR 549/08). Und warum soll es keine differenzierte Entlohnung je nach Gewerkschaftszugehörigkeit geben? In 65% der Unternehmen gibt es keine Tariflöhne; dort verhandelt also jeder Arbeitnehmer individuell sein persönliches Gehalt. Mitarbeiter X verhandelt schlecht und bekommt nur 30.000 Euro Jahresgehalt - Mitarbeiter Y verhandelt besser und bekommt 35.000, Mitarbeiter Z hat noch besser verhandelt und bekommt 38.000 Euro pro Jahr - alle für ein- und dieselbe Tätigkeit. Gewerkschaften machen im Grunde genau dasselbe, nur eben verhandeln sie kollektiv (für alle ihre Mitglieder) statt individuell (nur für eine Person). Warum sollen also bei Verhandlungen durch unterschiedliche Gewerkschaften nicht genau so unterschiedliche Gehälter herausspringen können wie bei individuellen Lohnverhandlungen einzelner Mitarbeiter?
Und wer die Gewerkschaft wechselt, bekommt den anderen Tarif? Und wer sie verlässt, bekommt gar keinen, oder was für einen? Also wenn das Tarifpluralität sein soll, tut die Politik gut daran, diese abzustellen. Sorry.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
KurtT. 08.05.2015, 16:56
811.

Zitat von Tornado
Herr Weselsky kommt in meine persönliche Liste der Helden. Zwischen Snowden, William Wallace und M.L.King ist er zwar ein kleiner Held, aber ein Held!
Es gibt noch viel mehr größere und kleinere "Helden" - und zu den ganz großen gehören für mich noch Nelson Mandela und Mahatma Gandhi, ebenso der Dalai Lama > und das nicht zuletzt darum, weil sie ihre Ziele mit friedlichen Mitteln zu erreichen versuchten - und meistens auch konnten!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
RioTokio 08.05.2015, 17:06
812.

Zitat von markus_wienken
Ja, natürlich könnte jede Minigruppe ewig streiken und auch utopische Forderungen stellen...zumindest theoretisch. Soweit mir bekannt müssen aber auch Streiks, bzw. die damit verbundenen Forderungen verhältnismäßig sein. Sollte der Staat der Meinung sein, dass die Bahn für das Gemeinwohl extenziell wichtig ist, dann hätte sie die Bahn nicht privatisieren dürfen. Und ich bezweifel stark, dass sich für eine GG-Änderung, die notwendig wäre um Minigewerkschaften zu beschränken, sich eine dafür notwendige Mehrheit finden wird.
Eine Bahn als Staatsunternehmer ist unbezahlbar.
Die Ineffizienz ist legendär.
Ob tatsächlich die Lokführer als einziger Ausweg als Beamte einzusetzen sind muss man prüfen.

Letztlich würde mehr Wettbewerb auf der Schiene helfen. So wie in der Luftfahrt. Der Streikende muss so auch immer das Wohl seiner Firma im Blick haben und kann sich nicht rücksichtslos durchsetzen.
Geht der Laden pleite ist dann eben auch der Job weg.

Ob das GG zu ändern ist aufgrund der Gesetzesinitiative bezweifle ich. Sparteninteressen von Minigrüppchen, die letztlich dem ganzen Land schaden können, sind nicht zu schützen.

Stellen Sie sich vor, die Stellwerker im Schienenverkehr streiken ewig. Oder die Leute die Gas- und Stromnetze steuern. Sollen die auch so edle Arbeitsentgelte bekommen wie etwa die Fluglotsen?
Die Gruppe ist so klein, dass die vielen Fluggäste deren überproportionale Entlohnung noch tragen kann.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Wildes Herz 08.05.2015, 17:10
813. @ Mann mit Gedächtnis

Zitat von Mann mit Gedächtnis
Und wer die Gewerkschaft wechselt, bekommt den anderen Tarif? Und wer sie verlässt, bekommt gar keinen, oder was für einen?
Hm... dann nennen Sie mal einen guten Grund, warum Leute, die sich nicht gewerkschaftlich organisieren, die sich nicht an Arbeitskämpfen beteiligen und sich bei Tarifverhandlungen immer fein raushalten und andere machen lassen, trotzdem die Früchte der Arbeitskampf-Bemühungen ANDERER Leute ernten sollten?

Was für ein Gehalt die verdienen, müsste eigentlich allein deren Bier sein. Darüber zerbreche ich mir doch nicht den Kopf. Die müssen dann eben ihr Gehalt auf eigene Faust und individuell verhandeln - wie das in 65% der Unternehmen in der freien Wirtschaft (also jenen 65% der Firmen, in denen kein Tariflohn gezahlt wird) ja ohnehin die Regel ist.

Andere Kollegen harte Arbeitskämpfe ausfechten lassen, nicht mal Beiträge für die Streikkasse der Gewerkschaft zahlen wollen - aber dann trotzdem die Früchte genießen und von den Kampfergebnissen anderer Leute schmarotzen? Mit welchem Recht?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
lizenz 08.05.2015, 17:13
814. Streik schön und gut

Dass die Bahn solch ein schlechtes Image hat liegt ja nicht an den Lokführern. Der ganze Apparat ist schlichtweg dumm organisiert. Wo bleibt denn das ganze Geld der im Vergleich zu allen anderen Dienstleistern andauernden unverschämten Preiserhöhungen? Nicht bei denen die bei der Bahn arbeiten. Sodern bei denen die für ihr Nichtstun von der Bahn profitieren.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
batchmode 08.05.2015, 17:23
815. Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung

Zitat von Wildes Herz
Hm... dann nennen Sie mal einen guten Grund, warum Leute, die sich nicht gewerkschaftlich organisieren, die sich nicht an Arbeitskämpfen beteiligen und sich bei Tarifverhandlungen immer fein raushalten und andere machen lassen, trotzdem die Früchte der Arbeitskampf-Bemühungen ANDERER Leute ernten sollten? ...
Ich empfehle Lektüre des §5 TarifVertragsGesetz (Allgemeinverbindlichkeitserklärung).

Beitrag melden Antworten / Zitieren
metastabil 08.05.2015, 17:24
816.

Zitat von kabelbindersalat
Dem Zwang sich an geltendes Arbeitsrecht zu halten, gilt aber für die Bahn genauso wie für Gewerkschaften, alles andere ist abhängig vom Verhandlungsgeschick - schon klar. Die GDL und EVG können ebenso wenig von der Bahn (vom Bund nur mit einem entsprechenden Gesetz) gezwungen werden, dem Prinzip des Tarifeinheitsmodells zu folgen, wenn Sie es nicht möchten. Imo will die Bahn dieses Recht der GDL aberkennen, schließlich ist dies kein Bestandteil des aktuellen Bahnangebots. kabelbindersalat
Beantworten sie mir doch mal eine Frage: Wenn es tatsächlich ein gesetzlich begründetes Recht auf den Abschluss eines konkurrierenden Tarifvertrag gibt, warum gibt sich die GDL dann seit Monaten mit Streiken ab, und klagt sich den Abschluss eines solchen Tarifvertrags nicht gerichtlich von der DB ein?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
gantenbein3 08.05.2015, 17:26
817. Wenn Sie Lokführer wären...

Zitat von StefanXX
Na Sie haben aber eine seltsame Vorstellung von Meinungsbildung. Warum kann nur derjenige um dessen Sache es geht beurteilen ob das vernünftig ist? Warum sprechen Sie mir das Recht ab mir als Unbeteiligter selbst eine Meinung dazu zu bilden ob das vernünftig ist oder nicht? Manchmal ist es für die Beurteilung ob etwas vernünftig ist oder nicht sogar von Vorteil wenn man nicht selbst involviert ist.
...würden Sie mir mit Fug und Recht sagen, dass es mich nichts anginge, über Ihre Arbeitsbedingungen zu räsonieren.

Warum sprechen Sie mir das Recht ab mir als Unbeteiligter selbst eine Meinung dazu zu bilden ob das vernünftig ist oder nicht?Das tue ich nicht. Ich bitte Sie nur zu bedenken, um wessen Sache es geht.

Manchmal ist es für die Beurteilung ob etwas vernünftig ist oder nicht sogar von Vorteil wenn man nicht selbst involviert ist. Im Arbeitskampf geht es nur [b][i]und nur[b][i] um eigene Interessen. Da erreicht man nichts, wenn man klein beigibt, weil es von außen gesehen vielleicht vernünftig ist. Der Bahnvorstand hält es doch genauso wie die GDL. Grube glaubt, dass er die GDL kleinkriegt und versucht es. Und dann kommt es eben darauf an, wer wen niederringt. Daher der Name Arbeitskampf und nicht Konsensveranstaltung. Deswegen geht es ja auch so hart zu. Die GDL macht von ihren Möglichkeiten Gebrauch so gut und so lange sie kann. Sie kann am Ende auch unten zu liegen kommen. So ist Kampf! Das schließt freilich nicht aus, dass man sich am Ende auch einigen kann. Aber eben auch erst am Ende. "Vernünftig" wäre es immer, gar nicht zu kämpfen. Kampf kostet nur Energie. Um den Kampf zu vermeiden, müssten aber beide Parteien schon am Anfang wollen, was die jeweils andere auch will. Und das ist selten der Fall.

Weil das so ist, gibt es ja gerade das Streikrecht, welches immerhin den Stellenwert eines Grundrechtes hat.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Wildes Herz 08.05.2015, 17:26
818. @ batchmode

Zitat von batchmode
Aber wenn die Lokführer ihren Beamtenstatus zurückhaben wollen (den sie in den Streikschwerpunkten im Osten nur selten hatten), überschreiten sie die Grenze zum politisch motivierten Streik, und dann heisst es: durchhalten und die ganzen Leute aus dem Dienst entfernen - genau das ist rechtswidrige Nötigung, zumal die Bahn den Beamtenstatus gar nicht herstellen kann.
Die Verbeamtung der Lokführer ist in keiner Weise ein Streikziel. Somit kann von "rechtswidriger Nötigung keine Rede sein - das entspringt lediglich Ihrer Fantasie ;-)

Ich habe einfach nur darauf hingewiesen, dass es nur einen Weg gibt, die immer wieder kritisierte Lahmlegung des Bahnverkehrs und alle damit zusammenhängenden negativen Folgen für Bahnreisende und Wirtschaft dauerhaft zu vermeiden: Die Rückabwicklung der Bahnprivatisierung und die Verbeamtung der Lokführer.

Es geht eben nur entweder - oder: Entweder Staatsbahn UND dauerhafte, störungsfreie Grundversorgung mit Nah-, Fern- und Güterverkehr. Oder man hält an der Bahnprivatisierung weiter fest - muss dann aber damit leben, dass sich Bahnmitarbeiter genau so verhalten wie alle Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft und ihr Recht auf Arbeitskampf und Streik immer wieder ausüben. Denn das ist ihr gutes Recht in der freien Wirtschaft.

Ich plädiere damit noch nicht mal für die Verstaatlichung der Bahn - ich sage lediglich, dass eine privatisierte Bahn ohne Streiks nicht zu haben, und eine Bahn ohne Streiks NUR mit einer staatlichen Bahn denkbar ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Thomas Schnitzer 08.05.2015, 17:39
819.

Zitat von Wildes Herz
Das ist reine Polemik - und dazu noch basierend auf falschen Behauptungen. Die Maxime "Gemeinnutz vor Eigennutz" stammt nämlich mitnichten von den Nazis oder aus dem Jahr 1936 - sondern von Montesquieu und aus dem Jahr 1784 („Le bien particulier doit céder au bien public"). Und der hatte mit Nazis nun wirklich nichts zu tun...
Das behaupte ich auch gar nicht, bitte den Text genauer lesen. Ich habe lediglich nach der Herkunft des Satzes gefragt, ohne dass die Aussage danach eine direkte Antwort auf die Frage wäre.

Den Zusammenhang haben sie in ihrem Kopf hergestellt, was ich in Grenzen auch erreichen wollte.

Inhaltlich ist das, obwohl diese rhetorische Figur etwas verrucht ist dennoch in Ordnung, denn beide Regime haben sich dieses Grundsatzes großzügig bedient, so wie auch mein Vorposter. Und dem wollte ich aufzeigen, dass er sich auf einem gefährlichen Holzweg befindet, wenn er die Leitmaxime von Diktaturen übernimmt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 82 von 107