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Bilder von toten syrischen Kindern: Die Krise des Mitleids
AFP

Jeder Krieg ist auch ein Krieg der Bilder. Aber wer tote Kinder zeigt, um moralische Entrüstung zu erregen, betreibt Missbrauch - der Opfer und unserer Gefühle. Wir sollten von unserem Recht auf Wegsehen Gebrauch machen.

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Gleichstrom 29.09.2016, 14:37
1.

Fernstenliebe funktioniert.

In größeren Zusammenhängen - es gibt eine Ursache für jede machbare Photographie. Die ist nicht notwendigerweise inszeniert und nicht notwendigerweise als Naturkonstante hinzunehmen, diesen Rang haben nur Naturkonstanten. Folgen menschlichen Handelns sind beeinflußbar wie (und durch) das menschliche Handelns selbst.

Tote Kinder, oder das Innere eines Schlachthofs, einer Sklavenhaltungsanlage in der Textilproduktion etc gehören alle dazu und die findet der Meiste nicht so schön. Naja - dann kauft man das Zeug nicht, was da hergestellt wird, und wenn das Mehrere machen, wird es weniger, wählt keine Regierung, die Kriege zu führen gedenkt oder Hilfen verweigert.

Wenn man wegsieht, blendet man dann nicht etwas aus, das auszublenden gleichbedeutend damit ist, es zu akzeptieren?

Der Einfluß des Einzelnen mag gering sein, aber daß er keinen hätte ist ne bequeme Lüge, die zur Untätigkeit auffordert. An der akuten Situation bereits verstorbener Kinder ändert nichts etwas, aber die liegen nicht umsonst tot aufm Strand. Irgendwie sind die dahingekommen, sicher nicht freiwillig, und über einige ersparte Umwege landet man damit dort, wo ihre Flucht begonnen hat - wieso ist denen ihre Gegend so trost- und perspektivlos? Sind da wirklich keine Einflußmöglichkeiten vorhanden? Gibt es evtl doch welche, und tun die uns vielleicht nichteinmal weh...?

Sollte man zumindest hin und wieder durchdenken, bevor man sich das Recht auf Wegsehen reklamiert.

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Behind Curtains 29.09.2016, 14:41
2. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!

Wieso soll denn bei diesen Bildern weggesehen werden? Wieso sollen sie nicht mehr gezeigt werden? Ganz nach dem Motto: Die Maus macht ihre Augen zu, und schwupps, ist die Katze weg... Diese Bilder sind Zeuge eines realen Problems, eines unerträglichen Missstands. Sie zeigen, dass könnte auch eines unserer Kinder sein. Diese Bilder sollten die Menschen dazu bewegen ihren Teil dazu beizutragen diesen Krieg zu beenden - anstatt Zeit für Dinge aufzubringen wie Pokemon zu jagen.

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Großkarl 29.09.2016, 14:41
3. Endlich

Endlich wird dieser Missbrauch mal aufgezeigt. Ich hätte nicht die gleichen Worte gefunden wie Sie und bin meistens auch nicht Ihrer Meinung aber dieses moralische unter Zugzwang setzen löst bei mir auch Verärgerung aus.

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furanku 29.09.2016, 14:45
4.

Heh, Herr Augstein! Was ist zwischen "Diese Bilder sprengen jedes Maß. Sie sind buchstäblich unerträglich." und "Wenn eine Zeitung Bilder von nackten Frauen zeigt, erregt sie die sexuelle Lust ihrer Leser. Bilder von toten Kindern erregen die moralische Lust." schiefgelaufen? Irgendwie haben Sie sich zwischen Einleitung und Resumee vollkommen verrannt, diese beiden Sätze passen einfach weder logisch noch ethisch zusammen. Ich höre da eher ein trotziges "Ich lasse mich nicht erpressen!" als fadenscheinige Entschuldigung für ein schlechtes Gewissen heraus, hier bemüht mit Zirkel und Lineal und trotzdem windschief in ein Essay gehämmert. Sie können ja gerne wegschauen, eine tragfähige Rechtfertigung dafür haben Sie hier aber nicht geliefert -- und einen "Sündenablass" bekommen Sie hier erst recht nicht: Krieg ist grausam und diese Bilder sind real, ob Sie sie sehen wollen oder nicht.

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maipiu 29.09.2016, 14:46
5. Revolution des Mitleids?

Schon mal was von Spiegelneuronen gehört, Herr Augstein? Sie befähigen den Menschen, sich in andere hinein zu versetzen. Dazu braucht es keine "Revolution des Mitleids".
Wenn Sie wegschauen wollen, ist das Ihr gutes Recht. Aber Sie begeben sich auf dünnes Eis, weil Sie leicht missverstanden werden können. Dass Sie wegschauen, um ihre empfindsame, durch die "Revolution des Mitleids" verweichlichte Seele zu schonen.

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someoneunreal 29.09.2016, 14:46
6.

Herr Augstein,
oft lese ich ihre Kolumne und fühle mich immer wieder darin bestätigt, dass ich Sie in ihren statements nicht leiden kann: reichlich (und mir persönlich zu weit) links, und manchmal noch arrogant und weltfremd dazu. Ansichtssache. Natürlich.

In diesem Fall wende ich mich an Sie mit einem herzlichen Dano für diesen Beitrag. Auch hier sind es mir zwei, drei Philosophen -Zitate zu viel, aber endlich spricht jemand die Problematik der Bildsprache in Kriegen wie diesem an. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie die Ähnlich furchtbare Bilder aus den Nachrichten mich punktuell kaum mehr berührt haben - weil sie grausamer Alltag im Zeitalter täglicher medialer Reizüberflutung geworden sind. Das ist nicht nur traurig sondern hat mich sehr erschüttert und ich gehe seither wacheren Blickes durch die Welt. Vielleicht ist dies ein Modell, dass au h andere für sich, für den Journalismus adaptieren könnten.
Es Grüßt Sie herzlich
M.X.

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meursault242 29.09.2016, 15:02
7. Echt jetzt?

Sorry Herr Augstein, dass ist das dümmste was ich seit langem gelesen habe. Aus dem Auge aus dem Sinn? Es ist eine soziologische Binsenweisheit dass mit dem Verschwinden der personifizierten Missstände die Unterstützung der Gesellschaft schwindet (zum Beispiel die Vetreibung von Obdachlosen aus den Innenstädten). Sie wollen sich also in ihrer beschaulichen Biedermeierwelt nicht vom schrecken der Welt stören lassen? Ich hab da noch so ein paar unbequeme Wahrheiten für Sie:
Im Mittelmeer ertrinken weiterhin Menschen - auch wenn das nicht mehr jeden Abend in der Tagesschau kommt.
Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren - Schuld daran ist unser Wohlstand und EU-Protektionismus.
Ihre Hausbank investiert sehr wahrscheinlich in Rüstungskonzerne und verdient an den Kriegen dieser Welt mit ihrem Geld.
Es gibt keine glücklichen Tiere die Sie essen können - kein Tier will nämlich sterben.
Apple, Amazon, Nestle ,... bezahlen keine Steuern und zerstören unser soziales Gefüge.

Sie sind ein aufgeklärter Journalist und wollen das grauen der Welt ausbenden damit Sie nicht gezwungen sind zu handeln. Natürlich können Sie alleine nichts gegen den Horror in Syrien tun. Aber Sie können sich solidarisieren mit anderen Menschen, Sie sind vernetzt, haben eine Zeitung, sind eingebunden in ein großes Medienunternehmen. Rufen Sie zu demonstartionen auf, zum Generalstreik was weiß ich. Vielleicht entsteht Druck auf der Straße, vielleicht ist Berlin dann ein Vorbild, europäische Metropolen ziehen nach und die Regierenden sehen sich gezwungen Lösungen zu finden. Ich bin kein Diplomat und kein Poiltiker aber einfach hinzustehen und zu sagen ich will das alles nicht mehr wissen ich kann eh nichts ändern - das ist schäbig.
"Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" - das wissen Sie.

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armintamzarian 29.09.2016, 15:03
8.

ich erinnere mich da an den SPIEGEL Ausgabe 35 vom 26.8.2013 ("Giftgas - Vor den Augen der Welt: Massenmord in Syrien"). Dieser Artikel war mit fünf (!) Bildern von toten Kindern/Babies aufgemacht: ein verpixeltes Bild auf der Titelseite, ein unverpixeltes im Inhaltsverzeichnis und drei unverpixelte im Artikel. Unter einem Bild stand der Satz "Dürfen wir wegschauen, wenn kleine Kinder sich unter Muskelkräpfen zu Tode zittern?" Trotzdem bleibt die Frage, warum es dafür gleich fünf Bilder braucht. Hätte nicht auch eins genügt, oder hätte man den Einsatz von Giftgas ganz ohne Bilder erst gar nicht geglaubt?

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one penny black 29.09.2016, 15:03
9. Danke für den Mut zu diesem Kommentar

Ich kann jedem Satz nur zustimmen. Kritische Kommentare wie "wie kann man sowas nur schreiben" sollten Sie bestätigen. Als schlimme Konsequenz dieses Missbrauchs von Mitleid wäre noch zu erwähnen, dass dadurch der neutrale Blick auf die Ursachen der Konflikte vernebelt wird. Oft mit Absicht. Nie ist eine Partei alleine für Konflikte verantwortlich. Durch das Lenken des Mitleids auf den ausgesuchten Schuldigen lässt sich trefflich davon ablenken.

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