Forum: Politik
Bilder von toten syrischen Kindern: Die Krise des Mitleids
AFP

Jeder Krieg ist auch ein Krieg der Bilder. Aber wer tote Kinder zeigt, um moralische Entrüstung zu erregen, betreibt Missbrauch - der Opfer und unserer Gefühle. Wir sollten von unserem Recht auf Wegsehen Gebrauch machen.

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muunoy 29.09.2016, 15:41
30. Eigentlich recht einfach

Zitat von c.PAF
Bitte konkret: welcher Teil ist es, den ICH dazu beitragen kann, diesen Krieg zu beenden? Abgesehen davon bäuchte ich dafür diese unsäglichen Kinderbilder nicht, da reichen die "normalen" Bilder schon aus. Und bitte jetzt kein Geschwafel. Was kann ICH konkret tun?
Wenn Sie den kleinen Jungen im Krankenwagen sehen, schauen Sie auf den Krankenwagen. Wenn Sie die Opfer des Erdbebens in Nepal sehen, schauen Sie auf die Beutel mit den Infusionslösungen (o. k., war ne schöne Werbung für einen meiner Kunden). Wenn Sie Leute in Seenot sehen, schauen Sie auf den Rettungskreuzer. Und dann fragen Sie sich, wer diese Dinge alle bezahlt hat. Das ist normalerweise nicht unser Staat. Das sind Leute wie Sie und ich. Da leisten Sie wirklich Hilfe, nicht indem man Millionen Migranten mit Sozialleistungen versorgt. Das ist hirnrissig. Sie persönlich können mit sehr geringen Beträgen bereits weitaus mehr erreichen, als unser Staat mit den Unsummen, die er zum Fenster raus wirft. Ich persönlich kann in Kambodscha eine ganze Schule finanzieren, ohne es großartig zu merken.
Und wissen Sie, was das Schönste ist? In Abhängigkeit von Ihrem Spitzensteuersatz können Sie den Staat auch noch zwingen, sich an der Hilfe zu beteiligen. In meinem Fall übernimmt der Staat von jedem Euro, der an Flüchtlingshilfe in Jordanien, an UNICEF, aber auch an die DGzRS und andere Organisationen geht, 46 Cent.
Das Beispiel der komplett aus Spenden finanzierten DGzRS zeigt, dass Sie noch nicht einmal aus altruistischen Gründen spenden können. Als Segler hoffe ich zwar, dass ich die Jungs nie brauche. Aber es ist beruhigend, zu wissen, dass es sie gibt.

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thea21 29.09.2016, 15:41
31. Der verletzte Junge - und 12 Bildreporter

Man sollte sich auch mal Gedanken über die Entstehungsgeschichte der Bilder von "Mitleidskindern" machen. Das ikonographische Bild des traumatisierten Jungen in Aleppo entstand nach Berichten der libanesischen Zeitung Al-Akhbar folgendermaßen " Der vollkommen verstörte Junge wurde von zwei Weißhelmen in den Krankenwagen getragen und auf einem orangenen Sitz abgesetzt. Das medizinische Personal musste den Wagen verlassen, um Platz für etwa 10-12 Bildreporter zu machen. Es herrschte Chaos und Blitzlichtgewitter im Wagen, jeder wollte das "beste" Foto schießen. Erst nach etwa 20 Minuten gelang es einem Arzt und zwei Krankenpflegern, die "Journalisten" aus dem Wagen zu drängen und mit der absolut notwendigen medizinischen Behandlung zu beginnen..." Auf diese Weise also kam das Bild in die Welt

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teacher20 29.09.2016, 15:43
32. Die Macht der Bilder

Zitat:

"Diese Bilder sprengen jedes Maß. Sie sind buchstäblich unerträglich. Wie soll es ein Leben geben, mit diesen Bildern im Kopf? Jedes einzelne zwingt jeden Einzelnen zum sofortigen Handeln. Verhindert das Sterben jetzt! Aber was kann der Einzelne jetzt tun, das Sterben sofort zu verhindern? Nichts. Buchstäblich gar nichts".

Ich möchte Augstein in diesem Punkt widersprechen. Mit dem (nicht so ganz neuen) Bonmot "The first victim of war is truth" als Filter im Kopf setzen sich bei mir nicht diese Bilder im Unterbewusstsein fest (ganz gleich wie "ergreifend" sie sind; wer sich die Mühe machte, im Internet die Geschichte der beiden Kinderbilder zu recherchieren, stieß schnell auf einige Ungereimtheiten), sondern IMMER sofort das ungute Gefühl, dass ein solches Bild "gefaked" sein könnte (Selbst die "guten" NGOs bedienen sich ja erwiesenermaßen bei ihren Spendenaufrufen bearbeiteter Bilder). Was mir dann sofort einfällt, sind die herzergreifenden Auftritte des kuwaitischen Mädchens, das 1990 im Vorfeld des Golfkrieges vor US Abgeordneten darüber berichte, irakische Soldaten hätten in kuwaitischen Kinderstationen Babies aus Brutkästen gerissen und auf den Boden geworfen. Damit wurde die parlamentarische Entscheidung für "Desert Shield" und "Desert Storm" entscheidend beeinflusst. Später stellte sich heraus, dass der ganze Auftritt im Auftrag im Auftrag der Regierung des älteren Bush von einer Werbeagentur gecastet war, es sich bei dem Mädchen um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA handelte, die zum vermeintlichen Tatzeitpunkt nicht einmal in der Nähe von Kuwait war. Mein Mitgefühl verwandelte sich in Wut (nicht so sehr auf die Betrüger, sondern auf mich selbst ob meiner emotional induzierten Leichtgläubigkeit), als ich erfuhr, dass ich mich so hatte leimen lassen (obwohl ich keinerlei Mitgefühl für Saddam Hussein hegte und den Golfkrieg für berechtigt hielt und heute noch halte).
Seitdem (und mit der beschriebenen Erkenntnis im Kopf) bewegen mich solche Bilder - ich gestehe es freimütig -- überhaupt nicht mehr.
Aussagen wie "Wie soll es ein Leben geben, mit diesen Bildern im Kopf?" erscheinen mir in diesem Sinne als hohles Pathos einer postheroischen Emo-Gesellschaft.

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MiguelD.Muriana 29.09.2016, 15:43
33. Doch,

Mitleid ist sehr wohl ein natürliches und kein anerzogenes Gefühl. Es ist jedem Menschen in die Wiege gelegt. Für wen und wie stark ist eine Frage der Erziehung und des Charakters. Nur weil zu ziemlich jeder Zeit der Geschichte sich Menschen Schreckliches antaten, heißt es nicht, dass es kein Mitleid gab. Ich finde die Bilder des Krieges unerträglich und ich möchte sie am liebsten aus meinem Leben verbannen. Das geht aber nur, wenn ich mich dumm stelle, denn diese Bilder sind keine Illusionen, sondern verdammt harte Realität. Ich habe meinen syrischen Nachbarn Bilder unserer im Weltkrieg zerstörten Stadt gezeigt. Sie waren erschüttert. Nicht weil die Häuser kaputt waren. Die kann man wieder aufbauen. Wieviele tote Kinder und Frauen lagen unter den Trümmern? Das war die entscheidende Frage! Warum? Wenn Krieg ist, sind die Männer weg, es bleiben Frauen und Kinder, sehr viele Kinder! Viele werden getötet, verletzt oder zumindest traumatisiert. Meine Nachbarn haben diese Realität hautnah überlebt. Der Autor regt sich über Bilder von zwei Kindern auf, die den Krieg überlebt haben. Das am Strand wurde Opfer europäischen Versagens, der andere lebt vielleicht noch, wenn er nicht inzwischen erneut aus der Luft getroffen wurde. Der Autor sagt, man könne nichts machen. Komisch, selbst ich kann mit meinem Smartphone eine Spende tätigen. Kommentare gegen das Nichtstun und die Bombardierung von zivilen Einrichtungen schreiben. Den Flüchtlingen hier helfen, schnell zurecht zu kommen, damit sie ihre Familien unterstützen können. Emphatische Menschen verstehen das. Die verstehen auch diese Bilder und sind dabei heilfroh nicht noch Schlimmere selbst live sehen zu müssen. Diese Tiefenschärfe fehlt dem Autor offensichtlich.

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moeter1976 29.09.2016, 15:44
34. Recht haben Sie

Elend wird eingesetzt zu Propagandazwecken.
Seltsamerweise sehen wir auch nie Bilder von toten Kindern aus dem Jemen, oder in Syrien aus dem Regime,- bzw. IS - Gebiet.
Auch aus den Irak,- oder Afghanistankriegen ist mir das eher unbekannt.

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passagier1 29.09.2016, 15:45
35. Vermutungen und Gerüchte

Ein publizistischer Grundsatz ist gründliche und faire Recherche. Anderenfalls erschließt sich gerade im terroristischen Umfeld eine neue Geldquelle. Neben Entführungen könnte sich der Verkauf von Grausamkeiten zu einem neuen Geschäftsmodell für "Rebellen" aller Art entwickeln. Wo kommen die Fotos her? Wer ist tatsächlich der Verursacher und wer ist verantwortlich für die Brutalitäten? Bei den erwähnten Vietnam-Fotos brauchte der Wahrheitsgehalt nicht lange geprüft werden, denn kurz zuvor hatten US-Bomber das Gebiet aus dem das verletzte Mädchen herauslief in Schutt und Asche gelegt.

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mundi 29.09.2016, 15:47
36. Syrien: Können Bilder Kinderfragen beantworten?

Zitat von mostly_harmless
Die Zeiten ändern sich. Würde das Bild heute veröffentlicht werden und ein Mädchen aus Syrien zeigen, würden die Putin-Trolle "aber die Amis sind noch viel schlimmer" posten, Fleischhauer einen Kommentar schreiben unter der Überschrift "warum die linken am Schicksal des Mädchens Schuld sind", und Frau v.Storch würde mal wieder auf der Maus ausrutschen, und sich beschweren, dass das meiste Napalm vorbei gegangen sei.
Den Kindern in der Schule erkläre ich, dass in Syrien ein Bürgerkrieg tobt.
Das bedeutet, dass ein Teil der syrischen Bürger gegen einen anderen Teil der syrischen Bürger kämpft.
Schwierigkeiten habe ich den Kindern zu erklären, warum die USA den einen Teil unterstützt und Russland den anderen Teil der syrischen Bürger..
Die Kinder sagen, dass es besser wäre, wenn die syrischen Bürger sich Versöhnen würden, ohne Einmischung von Außen.

Es sind ja nur Kinder, was solch ihnen sagen? Dass ohne Einmischung von Außen der Krieg längst beendet wäre?
Denn Lebensmittel fehlen in den Städten, Munition aber nicht.
Nutzen hier Bilder

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Eisbär 29.09.2016, 15:48
37.

Zitat von mostly_harmless
Die Zeiten ändern sich. Würde das Bild heute veröffentlicht werden und ein Mädchen aus Syrien zeigen, würden die Putin-Trolle "aber die Amis sind noch viel schlimmer" posten, Fleischhauer einen Kommentar schreiben unter der Überschrift "warum die linken am Schicksal des Mädchens Schuld sind", und Frau v.Storch würde mal wieder auf der Maus ausrutschen, und sich beschweren, dass das meiste Napalm vorbei gegangen sei.
Geistreich ausgeführt und irgendwie schon ins Schwarze. Chapeau!

Dennoch, wer bei solchen Bildern nicht wegsieht tut sich vielleicht leichter, dort Empathie zu entwickeln, wo andere nur gleichmütig sind oder aus Angst vor Terror oder "Überfremdung" Haltungen entwickeln, die dann in Kundgebungen und Protesten vor Asylantenheimen enden.

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egal 29.09.2016, 15:52
38. Das ich das noch erlebe....

.... aber ausnahmsweise 100% agree. Dieser Voyarismus mit furchtbaren Bildern dient schon lange nicht mehr der Dokumentation von Greuel, sondern schlicht nackter Sensationslust. Ausserdem sind Handlungen aufgrund von Mitleid oft irrational. Die "Rettung von Armutsmigranten" aus Afrika von seeuntüchtigen Booten hat zum Ausbau einer gigantischen Schleusermafia geführt, die immer mehr Menschen in immer seeuntüchtigeren Booten aufs Meer schicken. Die Rettung der einen hat zum Tod der anderen geführt. Mitleid hat noch mehr Leid erzeugt!

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dimico 29.09.2016, 15:55
39. auweia...

Wegsehen? Niemals.
Auch wenn die Bilder toter Kinder und völlig verzweifelter Erwachsener schwer zu ertragen sind, - es gibt auch hier in Deutschland noch eine winzigkleine Möglichkeit, dem etwas entgegen zu setzen. (wenn auch nicht direkt)
Und zwar - indem man darauf achtet, die oft stark traumatisierten Flüchtlinge im Herzen "aufzunehmen" - und froh über jeden Menschen zu sein, der dieser Hölle des Krieges entrinnen konnte! Das ändert zwar nichts am Grauen in den Kriegsgebieten direkt, - und ist im Vergleich dazu auch nur eine winzige Kleinigkeit.

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