Forum: Politik
Der Fall Relotius: Liebe Leserin, lieber Leser,
SPIEGEL ONLINE

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WET 21.12.2018, 07:04
450. Ball flach halten!

Diese Aufdeckung hat ein Beigeschmack der Selbstverteidigung und Anklage, bei allem Respekt für die Transparenz. Einer ist noch nicht zu Wort gekommen: Relotius selbst.
Es soll nicht kleinredend klingen, aber es gehören immer zwei Parteien in einem Konflikt. Und jeder macht Fehler - das ist allzu menschlich. Relotius steht praktisch einem Berufsverbot gegenüber, und es würde mich nicht wundern, wenn er morgen von der Köhlbrandbrücke springen würde.
Hat Relotius die Passagen (die allesamt jetzt wirklich nicht kritisch sind) wegen des Drucks seiner Kollegen, der Redaktion oder der derzeitigen allgemeinen Fakeisierung geschrieben? Kamen private, persönliche Gründe dazu?
Wie stehen wir zu Fake-Artikeln und übertreibenden Artikel-Überschriften anderer Medien (die es zuhauf gibt!)? Diese haben wir toleriert, aber beim Spiegel regen wir uns auf?
Relotius hätte bei seinem jungen Alter eine zweite Chance gegeben werden können.
Nach der Rückgabe seiner Preise, einer demütigenden Erklärung und Entschuldigung seinerseits und einer Aufarbeitung innerhalb des Hauses (die man ihm und Moreno verdanken kann).
Das würde die Glaubhaftigkeit an die Journalisten vernünftig wiederherstellen.

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NorbertRick 21.12.2018, 07:17
451. "Es tut uns leid"

Von Ihrem hohen Ross werden die Herren (Chef-) Redakteure trotzdem nicht runterkommen. Da können sie das abgedroschene Modewort "Demut" noch so häufig strapazieren. Irgendwann hat sich der Staub wieder gelegt. Dann kann man sich für die offensive "Aufarbeitung" selber auf die Schulter klopfen, sich in bewährter Manier im Gefühl der weltanschaulich-moralischen Überlegenheit wähnen und mit dem Finger auf die anderen zeigen. Sie und Ihr hochgelobter Journalismus haben hier in Gänze versagt und tragen damit Ihren Teil dazu bei, dass eine gewisse Klientel wieder "Lügenpresse" krakeelen wird.

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mgrevenstein 21.12.2018, 07:34
452. Tropfen

auf den heißen Stein. Relotius ist einer von vielen. Leider sind wir oft gezwungen das aktuelle Weltbild in Form von Nachrichten, Berichten, Dokumentationen egal ob visuell oder skriptural aufzunehmen und so zu verarbeiten wie es uns suggeriert wurde. Natürlich sind wir selbst dann in der der Lage zu entscheiden was richtig oder falsch, gut oder böse, ehrlich oder gelogen war. Der Einfluss bleibt. Nachrichten sind seit Jahrtausenden ein probates Mittel Bevölkerungsschichten zu Reaktionen zu zwingen. Ob eine Nachricht wahr ist oder nicht, man war und wird immer in der Lage sein hierdurch bestimmte Gefühle auszulösen. Die einen etwas mehr die anderern weniger. Um kommunistische, sozialistische, narzisstische oder was auch immer für politische Neigungen zu thematisieren bedarf es immer der Verfassung dieser.

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TontonTombi 21.12.2018, 08:22
453. Nicht so schlimm - wusste wir doch schon von Hr.Trump

Hatte Herr Trump wohl recht, dass man nicht jedes Pressewort auf die Goldwaage legen darf.
Aber im Grunde wusste man das ja auch schon in der Vor-Trump-Ära und beim Lesen vom Spiegel bekommt man das nun ja auch mit.

Ist nicht das ERste, und nicht das Letzte Mal. Schlimm finde ich nur; das bestimmte Blätter und Agenturen in ihrem Schreibstil und -art sich eine Art von "Weltmoralmonopol" heraushängen lassen. Für diese ist das dann natürlich ein Disaster.

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caliper 21.12.2018, 08:31
454. Richtig. Aber nicht vollendet.

Zitat von HansFröhlich
Schwarzweißdenken. Für mich beginnt die Aufarbeitung schon mal vielversprechend schnell, selbstkritisch und in einer nie dagewesenen Transparenz. Das System "Köpfe rollen lassen" hat sich seit Menschengedenken und heute in Spitzenwirtschaft oder Fußballverbänden als recht untauglich und noch viel mehr der Verschwiegenheit förderlich erwiesen. Ich bin überzeugt, dass der Glaubwürdigkeit mit einer transparenten Untersuchung am meisten gedient ist.
Die Untersuchung muss herausbringen warum dieser Schmu jahrelang unentdeckt blieb. Also müssen auch Maßnahmen getroffen werden, die über diesen Einzelfall hinausgehen.

Die ganze Prozesskette vom Journalisten vor Ort, der die Reportage oder den Bericht schreibt bis zur Veröffentlichung?
Gibt es keine kritischen Frager in dieser Kette? War der gleiche Spin das EInstellungskriterium und könnte das etwas mit der laxen Kontrolle zu tun haben?

Dann kann man schon mal an den Stellengesuchen feilen. Die Überschrift habe ich schon "Liberaler oder rechts-konservativer Journalist/Journalistin gesucht". Wird wahrscheinlich nicht einfach einige zu finden. Journalisten sind in der Regel links oder grün.

Wenn man es richtig macht kann man auch wieder Leser gewinnen ohne alte Leser zu verlieren.

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tom2strong 21.12.2018, 08:53
455. 2. Chance für Relotius

Eine starke Gesellschaft würde Relotius eine zweite Chance geben. So gut ich die Aufarbeitung finde. Der Spiegel tut gut daran nicht alles an Relotius festzumachen. Sonst ist es eine Abgrenzung zum klar Unerlaubten, aber der auch problematische graue Bereich zwischen Kommentar und Bericht wird aus dem Fokus genommem.

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mostly_harmless 21.12.2018, 09:13
456.

Zitat von NorbertRick
Von Ihrem hohen Ross werden die Herren (Chef-) Redakteure trotzdem nicht runterkommen. Da können sie das abgedroschene Modewort "Demut" noch so häufig strapazieren. Irgendwann hat sich der Staub wieder gelegt. Dann kann man sich für die offensive "Aufarbeitung" selber auf die Schulter klopfen, sich in bewährter Manier im Gefühl der weltanschaulich-moralischen Überlegenheit wähnen und mit dem Finger auf die anderen zeigen. Sie und Ihr hochgelobter Journalismus haben hier in Gänze versagt und tragen damit Ihren Teil dazu bei, dass eine gewisse Klientel wieder "Lügenpresse" krakeelen wird.
Eine gewisse Klientel wird IMMER "Lügenpresse" krakeelen. Für diese Klientel ist nämlich jeder Artikel eine Lüge, der nicht mit den eigenen Ansichten übereinstimmt. Und SIE sind ein gutes Beispiel dafür, dass das Bemühen um Qualitätssicherung, das beim Fall Relotius von Seiten des Spiegel erkennbar ist, bei einem gewissen Klientel sinnfrei ist. Dieses Klientel ist nämlich nicht an Fakten interessiert, sondern daran, dass die Medien das schreiben, was sie selbt für gut und richtig halten.

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mostly_harmless 21.12.2018, 09:23
457.

Ich halte die Entschuldigung, die Zerknirschtheit etc. für falsch. Man kann als Redaktion nicht jedem Journalisten einen Überwacher beiseite stellen. Man kann natürlich aus so einem Fall lernen, und die Qualitätssicherung verbessern. Aber niemand kann so etwas ausschliessen, eine Basismenge an Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter gehört - wie bei JEDEM Unternehmen - dazu.

Ich finde die Vorgehensweise des Spiegel (mit einer Ausnahme, s.u.) lobenswert, auch wenn - wie man hier im Forum wieder mal wunderbar sehen kann - für die heutzutage unvermeidlichen "Lügenpresse"-Krakeeler der Vorgang (wie man vermuten konnte) ein innerer Vorbeimarsch ist.
Die Ausnahme ist das Verhalten gegenüber Herrn Relotius. IMHO sollte der Spiegel den Mann verklagen.

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r.mehring 21.12.2018, 09:32
458. Pseudo-Doku-Soap

Reporter gelten oder galten für mich bisher als harte unsentimetale Brocken. Was Relotius aber überwiegend abgeliefert hatte war doch eher auf dem Niveau einer Doku-Soap. Immer tränenreich, immer mit dem Hauch Wehmut, es menschelte immer sehr stark. Ein typisches Beispiel wie man sich das Leben in einem Kriegsgebiet vorstellt, aber nicht wie es ist. Der Nachrichtengehalt war bei Relotius fast immer gleich Null. Immer wurden Mainstream-Meinungen bestätigt und damit bestärkt. Ich will nicht unken aber solche Fälle wird es viele geben in der Nachrichtenbranche. Eine Meldung aus dem Ticker reißen und eine schöne Geschichte darum spinnen ist wohl leider gang und gäbe. Ich will hier nicht noch einmal ein Fass aufmachen aber wenn jemand schreibt wie es sich die Mainstream-Menschen vorstellen und damit den Nerv des Zeitgeistes trifft wird immer Erfolg haben, dem wird gerne geglaubt werden und er wird mit Preisen überhäuft werden. Macht euch lieber Gedanken darum wie ihr es schaffen könnt die Katze auch mal gegen den Strich zu bürsten. Dann sucht eich Reporter die das auch wollen, dann seid ihr wieder der gute alte Spiegel.

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Hörbört 21.12.2018, 11:12
459. Ratschläge gibt's meistens umsonst

Will mich auch nicht lumpen lassen und ein Beispiel aus dem Einkaufswesen schildern, das evtl. als Anregung für die Dok-Abteilung dienen kann: Als ehem. Lieferant für große Versandhäuser ist mir die Praxis geläufig, dass sog. Einkaufsteams regelmäßig wechseln. Man hatte es ständig mit neuen Einkäufern und Kontaktpersonen zu tun. Die Wirkung liegt auf der Hand: Es kann keine allzu große Nähe zwischen den beteiligten Personen entstehen *hüstel*. Und sollte es doch mal zu einem Korruptionsfall kommen, ist der Schaden verhältnismäßig gering, da auf ein Projekt beschränkt. Übersetzt hieße das, die Dok-Mannschaft regelmäßig 'rotieren' zu lassen. Idealerweise wird die sogar kpl. ausgegliedert, d.h. als externe Dienstleistung bereitgehalten. Auch das verhindert Nähe und Kumpanei.

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