Forum: Politik
Der Fall Relotius: Liebe Leserin, lieber Leser,
SPIEGEL ONLINE

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la1402 21.12.2018, 21:58
490. Scheinheilig

Wer einmal, wie ich, Subjekt eines Spiegelartikels war, weis, wie in diesem Blatt Fakten verdreht, gewendet und weggelassen werden, um eine sehr gefärbte Sichtweise des Blattes zu rechtfertigen und die Story würziger zu machen. Das hat seid Jahrzehnten Methode, hier wurde es nur etwas überzogen.

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Karl Stülpner 21.12.2018, 22:08
491.

Zitat von oloh
Jetzt wollen Sie dem Spiegel eine mitgeben und inkriminieren eine Leistung, die eher für tadellose und objektive Recherche steht. Die sagte, was war. Ihre "erwiesenermaßen erfundenen 'Hetzjagden'" haben erwiesenermaßen stattgefunden. Hunderte Zeugenaussagen liegen unterschrieben bei der StA Chemnitz. Wenn Sie sich zum Thema äußern wollen, sollten Sie auch beim Thema bleiben. Hier jedoch schlachten sie das falsche Schweinderl!
Hallo oloh,
Sie sind offenbar kein gebürtiger Sachse, geschweige denn Chemnitzer! Begriffe wie Schweinderl kommen jedenfalls in unserem Sprachgebrauch nicht vor. Wie dem auch sei - Sie prangern die Recherche zu Chemnitz als tadellos und objektiv an. Die Redakteure gingen jedoch nicht den wahren Ursachen der Demonstrationen und den Befindlichkeiten der Chemnitzer Bürger auf den Grund. Interviewt wurden Leute, die ins vorgegebene Meinungsschema des Verlages passen, bzw. wurden deren Kommentare auf das gewünschte Maß eingekürzt. Ausländer sind seit Jahrzehnten bestens hier in Kultur und Wirtschaft integriert. Dies kann auch die interviewte Ballettdirektorin bestätigen, deren Ensemble aus etwa 90% ausländischen Tänzern besteht. Übrig geblieben ist am Ende von ihr nur das Statement, daß die Tänzer derzeit nicht allein auf die Strasse gehen sollten. In Chemnitz gibt es nicht mehr Ausländerfeindlichkeit als andernorts auch. Der Spiegelbericht differenziert nicht zwischen Ausländerfeindlichkeit und den Folgen der Flutung von islamistischen Migranten, der die Stadt seit 2015 ereilt. Chemnitz wurde von der Bundes- und Landesregierung gegenüber Dresden und Leipzig schon immer stiefmütterlich behandelt. Auch hier wurde die Stadt lange Zeit mit den Problemen der unkoordinierten Einwanderung allein gelassen. Mit dem Mord an Daniel H. war das Fass übergelaufen. Das war der Grund der Demonstrationen!
Zu den Hetzjagden: Per Definition hat es in Chemnitz keine Hetzjagden gegeben! Das Video, welches eine Staatsaffäre auslöste, in deren Folge der VV-Chef Maaßen entlassen wurde, ist dafür kein Beleg! Die Urheber des Videos wollten eine Provokation von Migranten gegen den Trauerzug als Handyvideo dokumentieren. Da dieses verspätet gestartet wurde, ist somit das Video aus dem Zusammenhang gerissen. Aufgabe eines seriösen Nachrichtenmazins wäre es gewesen, all diesen Tatsachen auf den Grund zu gehen. Da dies bewusst nicht geschehen ist, bleibe ich dabei: Der Spiegel hat gezielt Rufmord an Chemnitz betrieben! Dafür muss er die Konzequenzen tragen!

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günter1934 21.12.2018, 22:55
492.

Zitat von savethebuddha
#435. Das ist eine schlecht Idee! Na, Ihre Zahlen und Aussagen sind doch wohl eher Mutmaßungen... Aber zur Klarheit: MEINE Aussage ist satirisch gemeint! KEIN EINZELFALL bedingt m.E. Massnahmen gegenüber der Mehrheit. Will sagen: Forderung eines Journalismusbeauftragten ist genauso behämmert wie Forderung eines Polizeibeaufragten oder großen Käsemumpes...
Satire und Ironie sollte immer markiert sein.
Es kommt sonst zu Missverständnissen.
Zumal Herr Relotius garantiert kein Einzelfall ist, auch wenn er nach der nach oben offenen Flunkerskala einen Spitzenplatz einnimmt.

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P-Schrauber 22.12.2018, 02:01
493.

Erst einmal mein Lob für die Selbstanzeige und Respekt für den angekündigten Versuch der rückhaltelosen Aufarbeitung, auch ich bin wütend darüber dass man mir solche Märchen erzählt hat.
Allerdings nicht erst seit dem Vorfall schon früher. Grund ist nicht das die Artikel in einer Story daher kommen, das war schon immer teil des Spiegels auch der investigative Touch und manchmal so ein bisschen hanseatische Überheblichkeit, das ist m.E. in Ordnung und Teil der Speigelkultur.
Was mich stört ist die Gleichartigkeit der Stories von Underdogs in eher elenden Verhältnissen und Verzweifelten Randgruppen denen systembedingt unrecht erfährt was dann der Spiegel aufdeckt. Die Gleichheit im Erzählmuster fällt auf, und die Art der Geschichte der Erzählstrang wiederholt sich ist nicht nur Teil der Geschichten von Relotius sondern findet sich auch in anderen Artikeln wieder, als wenn es nicht anderes gäbe, als wenn es kein anderen Erzählstil mehr gäbe und als wenn es keine andere Wahrheit gäbe als die unermüdliche Empörung darüber das sobald politische Richtung eine andere ist sofort Unrecht und Unterdrückung die Folge ist.
Ich habe das Gefühl das sich der Spiegel wie großen Teile der Journalisten überhaupt sich an dem Vorbild Relotius orientiert haben und nun in einer Blase der Wahrnehmung befinden und dabei Gefahr laufen Ihre Objektivität zu verlieren.
Sagen was ist heißt unbequem sein das hieß früher beim Spiegel unbequem mitunter gegen seine eigene Überzeugung sein, wenn sich herausstellt, dass diese überzogen und korrigiert werden muss.
Dass muss wieder die Grundsatzhaltung werden. In diesem Sinne ist der Fall ein Glücksfall, weil er die Überspitzung aufzeigt. Wenn das Freund / Feindschema weichen und politisch freier untersucht werden würde wäre der Spiegel wieder näher bei Sagen was ist, dass würde mich das freuen.
Zur Kontrolle da würde ich wenig bis gar nichts ändern, es sollte der Berichtende seine Artikel generell stärker unterfüttern, hier würde ich den Fokus auf eine größere Bringepflicht setzen. Das Prinzip Vertrauen muss oberstes Prinzip bleiben, wenn es weiterhin interessanten Journalismus geben soll, ansonsten wäre es sinnvoll die Teams wechselnd zu besetzten, letztendlich ist so der Fall Relotius aufgedeckt worden.

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Ruhrsteiner 22.12.2018, 10:42
494. Rudolf Augsteins Erbe verspielt?

Ich habe gerade zum "Fall Relotius" das Interview gelesen, das Juan Moreno der Süddeutschen Zeitung gab. Mir völlig perplex die Augen gerieben, als ich es las, und mich gefragt: Was für eine naive SPIEGEL-Redaktion ist das denn? Steuerberater für Schuhputzer auf Kuba? Muss man da wirklich Lateinamerika-Kenner sein um zu bemerken, dass das nach Fake-News roch? Ich hoffe der SPIEGEL ist sich wenigstens darüber klar, wie viel Öl er jetzt in den hierzulande politisch instrumentalisierten "Lügenpressenvorwurf" gegossen hat. Toll gemacht, "Spieglein, Spieglein an der Wand" (Pardon!!!). Was Rudolf Augstein wohl zu so viel Naivität seiner Nachfolger sagen würde? Oder - wie sieht Jakob Augstein diesen hausgemachten Skandal eigentlich?

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jutta b 22.12.2018, 11:02
495. Oberflächlich geworden

Traurig.... aber mir fällt in meinen Themenbereichen immer häufiger auf, dass Artikel eher oberflächlich bleiben. Im Bereich Wirtschaft lese ich zuweilen mehr die Kommentare der Leser, weil hier zum Teil echte Fachleute schreiben...insbesondere ein Interview mit einem ehemaligen Finanzstaatssekretär blieb mir wegen der Oberflächlichkeit und dem mangelnden Hintergrundwissen des Reporters im Halse stecken... ja es ist ein Problem dass die Leute nicht mehr richtig für Zeitungen bezahlen aber die Lösung kann nicht sein, dass ihr an Qualität und Tiefe spart!

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Karl Stülpner 22.12.2018, 11:23
496.

Zitat von Ruhrsteiner
Ich habe gerade zum "Fall Relotius" das Interview gelesen, das Juan Moreno der Süddeutschen Zeitung gab. Mir völlig perplex die Augen gerieben, als ich es las, und mich gefragt: Was für eine naive SPIEGEL-Redaktion ist das denn? Steuerberater für Schuhputzer auf Kuba? Muss man da wirklich Lateinamerika-Kenner sein um zu bemerken, dass das nach Fake-News roch? Ich hoffe der SPIEGEL ist sich wenigstens darüber klar, wie viel Öl er jetzt in den hierzulande politisch instrumentalisierten "Lügenpressenvorwurf" gegossen hat. Toll gemacht, "Spieglein, Spieglein an der Wand" (Pardon!!!). Was Rudolf Augstein wohl zu so viel Naivität seiner Nachfolger sagen würde? Oder - wie sieht Jakob Augstein diesen hausgemachten Skandal eigentlich?
Um das an einem Beispiel-Zitat das intellektuelle und sprachliche Niveau eines Jakob Augstein zu beschreiben:
"In Sachsen kann man den ganzen niedrige Hass, der sich im Netz Bahn bricht, auf der Straße sehen. Die Videos aus Chemnitz zeigen sie, die dicken, stiernackigen Männer, die mit ihren Glatzen aussehen wie Pimmel mit Ohren - Pimmel mit Sonnenbrillen."
Noch Fragen?

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Hamberliner 22.12.2018, 12:01
497. Lösbare Probleme

Zuallererst einmal möchte ich Juan Moreno meinen tiefen Respekt ausdrücken. Er muss ziehmlich gelitten haben, und er hat Ausdauer und Glaube an Gerechtigkeit bewiesen. Man fühlt sich an ähnliches aus dem eigenen Berufsleben erinnert.

Das Problem, das sich nun stellt, gefällt mir als Ingenieur. Ich mag Probleme, die eine Fülle faszinierender Herausforderungen mit sich bringen und auf eine profesionelle engagierte Lösung warten. Demut halte ich dabei für fehl am Platze, Tatendrang wär mir lieber.

Was mich wundert ist die Hilflosigkeit bei der Qualitätskontrolle. Es fängt schon mit dem merkwürdigen Begriff "Dokumentar" an. Es müssen mit viel Biss, Misstrauen und Phantasie Fehler gesucht, gejagt und beseitigt werden, warum dann so ein beckmesserischer (bettnässerischer) Begriff? Es wird gejammert, bei Reportagen aus dem Ausland sei die Überprüfung so schwierig und als Beispiel angeführt, wie solle man denn wissen, dass es bei Fergus Falls keinen Wald gibt? Entschuldigung, aber wenn ich mich mit einer konkreten Örtlichkeit im Ausland zu beschäftigen anfange, dann benutze ich zuallererst Google Maps im Satellitenbild-Modus. Auch sonst sollten Suchmaschinen doch eine Fülle von Ansatzpunkten liefern, womit man angebliche Fakten in Reportagen überprüfen kann.

Mir missfällt an den Veränderungen, die DER SPIEGEL nach Rudolf Augstein erfahren hat, etwas ganz anderes: es wird populären Vorurteilen nach dem Mund geschrieben, und es wird vermieden Fakten aufzutischen die dem Mainstream, dem Zeitgeist, dem Stammtisch widersprechen. Beispielsweise wenn es um Beziehungen bei großem Altersunterschied geht, wo dem Stammtisch ja gerne der Schaum vor dem Mund steht und die Galle überläuft. Zu Zeiten Rudolf Augsteins war es eine Selbstverständlichkeit, dass DER SPIEGEL sachlich und faktenreich auch dann berichtete, wenn das die Wut des Stammtischs nach sich zog. Heute wundere ich mich, dass sich manchmal eher DIE WELT aus dem Fenster lehnt.

An den Äußerlichkeiten hätte ich noch zu kritisieren, dass der Übergang vom Print- zum Onlinemedium nicht so recht gelungen ist. Wenn man als zahlender Abonnent www.spiegle.de geöffnet hat und darin schmökert ist es höllisch unübersichtlich und zur mühsam zu finden, wo denn der Übergang zur Online-Version des traditionellen Printmediums zu finden ist. Vielleicht bin ich auch nur zu blöd dazu.

Summa summarum, ich denke nicht daran mein Abo zu kündigen sondern warte ab bis das Großreinemachen Früchte trägt. Frohes Fest und guten Rutsch an all die vielen redundanten SPIEGEL-Redaktionen.

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Hamberliner 22.12.2018, 12:39
498. Re: @günter1934

Zitat von savethebuddha
Aber zur Klarheit: MEINE Aussage ist satirisch gemeint!
Wir Nettizens haben uns vor vielen Jahren darauf geeinigt: zum guten Benehmen im Netz gehört, dass man Satire kennzeichnet, weil nämlich ein Text, ein Bytestream, weder Tonfall noch Gesichtsausdruck transportiert. Nachzulesen in Punkt 9 der Netiquette. Man kann z.B. SCNR drunter schreiben, das genügt.

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klmo 22.12.2018, 13:36
499.

Zitat von oloh
Leider gehören die Juroren bei einschlägigen Preisverleihungen nicht zu jener Sorte sensibler Leser; sondern finden es ganz toll, ästhetisch motiviert über den Löffel balbiert zu werden.
Laut Interview im heutigen Spiegel kam zum Beispiel der Nannen-Preis für Relotius durch Bedenken der Jury NICHT in Frage. Di Lorenzo: "Nicht in dem Sinne, dass es sich um Fälschungen handeln könnte. Aber diese Geschichten waren von einer Glätte, Perfektion und Detailbesessenheit, dass es einige von uns nicht glauben konnten." Spiegel: "Sie auch nicht?" Di Lorenzo: "Auch ich nicht." Und dann bringt er Beispiele...
Als Leser fragt man sich, wo man dann eigentlich die Grenzen ziehen soll, also ab wann wird gefälscht und was ist noch zulässig?
Generell auch zu Lorenzo: Wenn ich an etwas nicht mehr glaube, dann habe ich die Pflicht und Heiligkeit, mir Gewissheit zu verschaffen. Und da gab es Möglichkeiten genug.
Ergo, hier ging es weniger um den "sensiblen Leser in der Jury", sondern eher um ein Gremium, das sich schnell blenden und verführen lässt, sofern Reportagen in IHR Denkschema passen und als Bestätigung dienen. Und genau in diesem Sinne hat Relotius perfekt geliefert. Wenn man die Vielzahl der Beispiele im Spiegel liest, ist man einfach nur noch sprachlos, wie und was da im Detail abging.

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