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Deutscher Juckreiz: Darf man über Juden Witze machen?
DPA

Wenn wir wissen, dass wir etwas nicht tun sollen, gibt es eine Stimme in uns, die sagt: Mach es doch, mach es doch. Liegt hier die Erklärung, warum so viele Deutsche aus der Rolle fallen, wenn sie einem Juden begegnen?

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dasfred 01.11.2018, 13:47
10. Jüdischer Witz oder Judenwitz?

Herr Fleischhauer, hier gilt es zu differenzieren. Der jüdische Witz hat eine jahrhundertelange Tradition. Er hat seinen Ursprung im Selbstverständnis der Juden, bedingt durch ihre religiösen Gebräuche und der Lebenssituation, die je nach Zeit und Ort immer wieder zwischen Freiheit und Verfolgung schwankte. Der Judenwitz ist eine widerwärtige Erfindung von Antisemiten, um diesen Menschen verächtlich zu machen und zu demütigen. Der Böhmermann Sketch ist wiederum eine Persiflage auf die Erwartungshaltung, nachdem ein jüdischer Comedian mit seiner Religion kokettiert. Das war mir Sicherheit abgesprochen und sollte das bewusste Spiel mit dem Judentum als Basis für Sonderrechte unterstreichen. Man muss nicht jede Pointe verstehen. Witze kann man potenziell über jeden machen. Der Witz muss nur gut sein. Und ob mir jemand als Mensch oder als Jude gegenübertritt, kann einen kurzen Moment des Nachdenkens auslösen, sollte aber die Interaktion nicht belasten. Geärgert habe ich mich an der Kritik an Gabriel, als Herr Fleischhauer hier zwischen Sozialdemokraten und Juden im KZ differenziert hat. Beide, und nicht nur sie wurden Opfer eines unmenschlichen Systems. Es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse.

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trubitz 01.11.2018, 13:49
11. Natuerlich

darf man ueber Juden Witze machen. Wie auch ueber Deutsche, Christen, Moslems oder die Einwohner von Papua-Neuguinea. Die Grenzen gibt nur der eigene Anstand vor. Wer diese Grenzen nicht kennt dem sei das Recht verwehrt ueber Juden, Deutsche, Christen, Moslems oder wem auch immer Witze zu machen. Von diesen kommen keine Witze sondern tiefe Verletzungen der Wuerde. Nicht umsonst ist einer, wie ich finde, der wichtigsten Saetze in unserem Grundgesetz der Wuerde gewidmet. Denn diese ist in der Tat unverletzlich. Ueber Juden hat nebenbei erinnert ein Jude sehr schoene Sachen geschrieben: Ephraim Kishon.

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peeka(neu) 01.11.2018, 14:00
12. Die Frage ist doch eher

ob Meta-Witze verstanden werden, also Witze über Menschen, die Klischees über andere Menschen verbreiten, die in irgendeine abgrenzbare Gruppe hineingeboren wurden.
Hat sich Harald Schmidt denn damals über Polen lustig gemacht? Ich meine eher, er hat diejenigen mit seinen Witzen gemeint, die über Polenwitze lachen können. Ähnlich erscheint mir auch Jan Böhmermanns Verhalten deutbar zu sein.
Dass Herr Fleischhauer dies nicht nachvollziehen kann, liegt wohl in erster Linie daran, dass er selbst in so einem national- oder volkskollektivistischem Mikrokosmos schwebt.
Ansonsten wäre die Frage, ob "Deutsche" nicht Witze über "Juden" machen dürften, kaum gestellt worden. Allerdings stellt er sich hier selbst ein Bein. Oder gibt es in der Welt des Herrn Fleischhauer keine deutschen Juden?

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Newspeak 01.11.2018, 14:00
13. ...

Ich denke, man muss da differenzieren. Allgemein trifft das zu, was Fleischhauer schreibt. Aber nicht fuer Oliver Polak. Wer mit Spruechen wie "Gast oder Spast" und aehnlichen Derbheiten gegen Jedermann hausieren geht, muss auch einstecken koennen. Wir regen uns heute kuenstlich ueber Dinge auf, die absolut unwichtige Banalitaeten darstellen, aber gegenueber echter, real existierender Diskriminierung halten die Meisten nach wie vor das Maul.

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Der_schmale_Grat 01.11.2018, 14:04
14. Zum ersten Mal

ein Text von Ihnen, Herr Fleischhauer, der nicht so brachial-dumpf daherkommt wie sonst (ich kann mich noch an Ihren Bericht im Print-Spiegel erinnern über Ihre Scheidung, auch lesenswert). Aber was ich nie verstehen werde: Wieso verorten Sie immer einseitig das Böse nur auf der politisch linken Seite? Auf dem rechten AfD-Auge blind? Sie könnten so viel besser sein, wenn Sie nur wollten...

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freigeistiger 01.11.2018, 14:06
15. Witze und sich-lustig-machen ist nicht das Gleiche

Man darf über Juden Witze machen, wenn sie nicht diskriminierend oder herabsetzend sind. Was Böhmermann gemacht hat ist Herabsetzung, Mobbing. Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit heißt nicht Narrenfreiheit. Menschen mit geringem Bildungs- und Erziehungsniveau finden den Desinfektionsspray, ebenso wie sein Erdogan-Gedicht, witzig, ebenso wie die Sendung "Verstehen Sie Spaß". Woher die Jugend nur die schlechten Umgangsformen und Rücksichtslosigkeit hat? Ist total unverständlich bei solchen Vorbildern wie Böhermann. Es war Beleidigung.

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nütztnichts 01.11.2018, 14:09
16. Recht hat er, bis auf..

Ich kann dem fast vollständig zustimmen. Böhmerman ist an der Stelle zu weit gegangen und hat die Kurve verpasst, um rechtzeitig an der Geschmacklosigkeit vorbeizuschrammen.
Was jedoch völlig deplatziert ist an dem Kommentar, ist der geradezu nutzlose und deplatzierte Satz, die härtesten Antisemiten gäbe es in der Linken, während da draußen Holocaustleugner, Hitler-Verehrer und gewaltbereite Rechte mobil machen.
Aber es wär halt nicht der Fleischhauer, wenn es nicht mindestens einen unbelegten Spruch gegen Linke gäbe.

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archi47 01.11.2018, 14:10
17. klug beobachtet

Zitat von dasfred
Herr Fleischhauer, hier gilt es zu differenzieren. Der jüdische Witz hat eine jahrhundertelange Tradition. Er hat seinen Ursprung im Selbstverständnis der Juden, bedingt durch ihre religiösen Gebräuche und der Lebenssituation, die je nach Zeit und Ort immer wieder zwischen Freiheit und Verfolgung schwankte. Der Judenwitz ist eine widerwärtige Erfindung von Antisemiten, um diesen Menschen verächtlich zu machen und zu demütigen. Der Böhmermann Sketch ist wiederum eine Persiflage auf die Erwartungshaltung, nachdem ein jüdischer Comedian mit seiner Religion kokettiert. Das war mir Sicherheit abgesprochen und sollte das bewusste Spiel mit dem Judentum als Basis für Sonderrechte unterstreichen. Man muss nicht jede Pointe verstehen. Witze kann man potenziell über jeden machen. Der Witz muss nur gut sein. Und ob mir jemand als Mensch oder als Jude gegenübertritt, kann einen kurzen Moment des Nachdenkens auslösen, sollte aber die Interaktion nicht belasten. Geärgert habe ich mich an der Kritik an Gabriel, als Herr Fleischhauer hier zwischen Sozialdemokraten und Juden im KZ differenziert hat. Beide, und nicht nur sie wurden Opfer eines unmenschlichen Systems. Es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse.
viele Menschen entscheiden eben doch über religionsbasierte Opfer und sonstige, z.B. politische Opfer.
Auch wenn sie das gleiche Schicksal teilten, ist es für viele doch nicht dasselbe.

Wenn alle Menschen frei von Relgionen wären, sich also niemand auf ein "Besser sein", "Auserwählt sein", "Anders sein" berufen könnte, dann wäre wir um manchen Witzanlaß ärmer. Sicher?
Oder vielleicht auch nicht - weil der Mensch in seiner Einfalt seine Vielfalt nicht erträgt und sich durch Eingrenzung des eigenen Haufens und Ausgrenzung der Anderen, sich doch dann wieder sein "Schächtelchen" bastelt in dem er seinen Gott gefangen hält ...

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razer 01.11.2018, 14:13
18. Im Prinzip richtig beschrieben...

JF kann es sich aber wieder nicht verkneifen, doch noch klar zu formulieren, wo denn der "eigentliche" Antisemit, seiner Meinung nach, sitzt.
"Einige der härtesten Antisemiten trifft man nicht von Ungefähr bei der Linkspartei an. Wer es gewohnt ist, im Recht zu sein, muss es als unerhörte Kränkung empfinden, wenn er in die Position des Unterlegenen rutscht." Daß es auch in der Linkspartei, wie in jeder anderen demokratischen Partei, Antisemiten gibt, kann man nicht ernsthaft in Frage stellen, bloss hier diese Partei besonders herauszustellen zeigt auf, worum es rechten Publizisten von Fleischhauer bis Broder eigentlich geht. Das Konzept wurde schon von einigen doktrinären 68ern entworfen: Jeder der nicht ihre politische Weltsicht hatte, wurde pauschal als Nazi diffamiert, der selbstverständlich nur die Interessen des Kapitals vertritt.
Von der neuen völkischen Rechten in DE wird der Vorwurf des Antisemitismus sehr gerne benutzt um den liberalen, demokratischen, linken, oder ökologischen Gegner politisch an die Wand zu nageln. Grade bei Kritik an der momentanen israelischen Regierung, ist das sehr gut zu beobachten. Da nützt es auch nichts prominente liberale Israelis quasi als Kronzeugen zu benennen, das sind denn die "Alibijuden". Alle die den Antisemiten links sehen sollten sich mal ein paar Tatsachen vor Augen halten wie sie hier Ralph Giordano uns Deutschen ins Stammbuch geschrieben hat :
»Jede zweite Schuld setzt eine erste voraus – hier: die Schuld der Deutschen unter Hitler. Die zweite Schuld: die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945.«
Die zweite Schuld hat die politische Kultur der Bundesrepublik bis auf den heutigen Tag wesentlich mitgeprägt. Ihr Kern ist die kalte Amnestie für jede Art von Naziverbrechern, darunter hohe Repräsentanten des NS-Vernichtungsapparats: Blutrichter und -staatsanwälte, Militärs, Diplomaten, Wirtschaftsführer – die Funktionselite des »Dritten Reichs«, die bis 1958 nahezu lückenlos wieder in die Nachkriegsgesellschaft eingegliedert war.
Ralph Giordano nennt das den »großen Frieden mit den Tätern«, für ihn ein Fundament der bundesdeutschen Staatsexistenz.
Ich denke Medienprofis wie Böhmermann, nutzen oft jede Gelegenheit, sich auch in geschmackloser Art und Weise, in Gespräch zu bringen. Das sogenannte Schmähgedicht auf Erdogan und sein dummer "Judenwitz" sind hier nur als Beispiel genannt.

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ichliebeeuchdochalle 01.11.2018, 14:16
19.

Eigentlich ist es ganz einfach. Es gibt nur eine Grenze zwischen Menschen und das ist diese: Auf der einen die charakterlich anständigen Menschen und auf der anderen Seite die charakterlich nicht anständigen Menschen. Glaube, Hautfarbe, Religion ...alles belanglos. Irgendwann kommt die Menschheit insgesamt dahin (vorausgesetzt sie überlebt den Klimawandel), ich und einige andere sind da wohl etwas im voraus.

Daraus ergibt sich bereits, daß es keine Sonderrolle für Juden gibt. Das ergibt sich aber bereits aus dem Fakt, daß die Nachfolger von Tätern und die Nachfolger von Opfern gleichgestellt sind. Weil es keine Familienhaftung (Sippenhaft) gibt und jedes geborene Kind gleich unschuldig auf die Welt kommt.

Die übliche Schuld-Ableitung des Herrn Fleischhauer ist intellektueller Unsinn. Das könnte er eigentlich wissen.

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