Forum: Politik
Fachkräftemangel in der Pflege: Herr Stopora sucht Krankenschwestern auf dem Westbalk
Jasmin Brutus/ SPIEGEL ONLINE

In Memmingen fehlen Pflegekräfte, wie überall in Deutschland. Pflegedirektor Stopora sucht deshalb in Serbien und in Bosnien und Herzegowina nach Frauen, die bei ihm arbeiten wollen. Doch das schafft neue Probleme.

joshuaschneebaum 15.05.2019, 22:34
1. Die Große Lüge

Guter Bericht, in sanften Worten wird knallhart die große Lüge des Kapitalismus "die Nachfrage reguliere den Markt" bloßgestellt. Wenn es so wäre, dann müssten die Fachkräfte einfach besser, nein, sogar einfach gut (!) bezahlt werden ... und siehe da ... ein Wunder: plötzlich würden alle Krankenschwester werden wollen.

Wie läuft es aber wirklich? Pseudo-Kolonialismus: Es wird nicht mehr zusammengetrieben, angekettet und abgeführt, sondern mit Geld billige Arbeitskräfte angeworben, die hier die Notwendige Lohn-Reform behindert und das Heimatland der Billigarbeiter ausbluten lässt. That's how it goes .... Everybody knows

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dodgerone 15.05.2019, 22:58
2. Personalklau löst das Problem nicht

Einerseits ist es einfach nur asozial ärmeren Staaten das Personal abzuwerben, weil man es nicht hinbekommt deutsches Personal in ausreichendem Maße auszubilden und im Beruf zu halten, andererseits löst es das Problem nicht.
Ich bin seit 20 Jahren Altenpfleger (trotz Abitur, und aus vollstem Herzen). Andererseits arbeite ich seit 2 Jahren im Krankenhaus, weil die Arbeitsbedingungen auch für einen Menschen wie mich, der sich durchaus bewusst ist nur defizitär arbeiten zu können, nicht mehr zum aushalten gewesen. Im Krankenhaus ist es besser, aber auch hier fehlt das Personal und es ist einfach zuviel Stress.
Die letzten 10 Jahren kamen viele Kollegen aus dem ehemaligen Ostblock. Die meisten sind nach einigen Jahren ausgebrannt... wie es Frauen oder Männern geht die dauerhaft von ihrer Familie getrennt sind möchte ich da garnicht mehr wissen.
Ausserdem sind die Menschen nicht blöd, sie erkennen nach kurzer Zeit das die Bedingungen in der deutschen Pflegebranche schlecht sind. Und jeder wird irgendwie darauf reagieren... aber das ist deutsche Politik: von der Hand in den Mund!

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carlwilde 16.05.2019, 01:00
3. Anfang der 80er...

... haben wir in Deutschland noch die Kranken gepflegt, seither pflegen wir vor allem die Bürokratie. Die stets versprochenen Verbesserungen kamen nur in der Rhetorik, nie in der Realität. Der Stress hat im gleichen Maße zugenommen wie der Personalmangel, viele arbeiten nur noch Teilzeit, weil sie selbst dem kaputten System nicht als Patient in die Hände fallen wollen. Das funktioniert allerdings nur, wenn man einen Partner hat, der ausreichend verdient, denn trotz hoher Verantwortung, Schicht-, Nacht- und Wochenenddienst reicht die Bezahlung niemals aus, um eine Familie zu ernähren. Wie lange verbleiben Krankenschwestern nach bestandenem Examen durchschnittlich im Beruf? Vier Jahre? Das kommt dabei heraus, wenn man Gesundheit als Geschäft betrachtet, das Gewinn bringen soll. Wenn sich im eigenen Land niemand mehr verheizen lassen will, beutet man andere Länder aus, koste es, was es wolle. Es ist an der Zeit, die Systemfrage zu stellen.

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napoleonwilson 16.05.2019, 05:11
4. Fachkräfte

Wie wäre es denn mit einer angemessenen BEZAHLUNG unserer deutschen Fachkräfte? Das würde den Beruf attraktiver machen. Was ist hier mit Angebot und Nachfrage? Die dubiosen Inhaber div. Pflegedienste betrügen uns Beitragszahler um extrem hohe Beträge. Und was bekommen die Mitarbeiter ? Betrug und Ausbeutung mit System. Die Politik sieht wie immer zu. Berichten Sie doch mal darüber, was mit unserer Beiträgen passiert. Diese kommen überall an, nur nicht in den Taschen der Leute die täglich Menschen pflegen.

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det5904 16.05.2019, 10:18
5. Die Lüge vom Fachkräftemangel

Um das Prestigeprojekt Deutschlands, den größten Billiglohnsektor Europas weiter ausbauen zu können, sehen sich die sich brechreizeerweckenderweise noch als Wohltäter aufspreizenden Profiteure offenbar gezwungen, andere europäische Staaten um die dort dringend benötigten Fachkräfte zu erleichtern. Das ist umgekehrter Kolonialismus. Wir halten die Sklaven nicht im Ausland, sondern holen sie hierher.

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delphin_säugefisch 16.05.2019, 21:24
6. fehlende Hintergrundinformationen

Wie schade, dass nicht mehr Hintergrundinformationen gegeben werden...zB die ausgesprochen hohe Arbeitslosigkeit v.a. unter den neu ausgebildeten Pflegekräften (die die Teilnehmer des TripleWinProjektes [https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/zav/Triple-Win-Pflegekraefte] auch selbst kommunizieren)
interessant: gleiche Verfasserin, gleiches Thema, andere Zeitung, neutrale(rer) Ton: thttps://www.zeit.de/wirtschaft/2018-08/pflegekraefte-belgrad-deutschland-anwerbung-mangel

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wuhler 17.05.2019, 07:08
7. Brain Drain und zerstörte Hoffnung

Vielleicht sollten die deutschen, staatlichen Projektträger in Betracht ziehen, das marode Gesundheitssystem auf dem Balkan zu unterstützen. Den Pflegenden dort eine rosige Zukunft im Ausland zu versprechen, die wahrscheinlich eh nicht eintritt, ist der falsche Weg.

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ditor 19.05.2019, 08:59
8. Arbeitnehmerrekorde

In Deutschland gibt es soviele Arbeitbehmer wie lange nicht, vermutlich eine Rekordzahl. Wenn in dieser Situation irgendwo Arbeitskräfte fehlen muss man sicher auf noch mehr Leute setze, man hat offensichtlich ein erhebliches Effektivitätsproblem das es zu berichtigen gilt. Vom Austrocknen des Niedriglohnsektor ganz zu schweigen.

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