Forum: Politik
Frankreichs Aufarbeitung des Algerienkrieges: Der Kniefall des Emmanuel Macron
AFP

Kanzlerin Merkel ehrt in Algerien die Unabhängigkeitskämpfer gegen Frankreich - gleichzeitig erkennt Präsident Macron französische Kriegsverbrechen an. Das könnte Europas Afrika-Politik verändern.

Emanzipation 18.09.2018, 22:07
1. Zeit wurde es

Ich lebe in Frankreich, bin Deutscher. Und sehe seit Jahrzehnten, wie man in Frankreich zu sagen pflegt: "Il faut toujours lutter contre l'oubli": Man muss immer (!) gegen das Vergessen kämpfen. Die Franzosen zitieren diesen Satz seit jeher, wenn es um den Holocaust geht. Wenn es um ihre eigenen Verbrechen geht, im Rahmen des Kolonialismus allerdings, dann: aber nein! Der Algerienkrieg war gar kein Krieg, das war doch ganz anders, und in Indochina haben wir doch viel Gutes gebracht - das Brot (baguette), Verwaltungsorganisation, und und und - alles andere ist undankbar. Grausamkeiten? Nie und nimmer. Es ist langsam an der Zeit, dass das französische Selbstverständnis sich um historische Wahrheit und Objektivität bemüht: in ihrem Verhalten während der deutschen Besatzung (beileibe nicht jeder gehörte zur Resistance), im Holocaust (viele französische Offizielle haben Juden an die deutschen Nazischergen ausgeliefert) wie auch als brutale Kolonialmacht (im Krieg nicht geglänzt, aber als Kolonialmacht nach dem Krieg fleissig weiter unterdrückt; es scheint dass Ho Chi Minh als junger Mann während seines Aufenthalts in Frankreich sehr erstaunt war, wie freundlich Franzosen duchaus sein können!). Gut so, Macron! Es wurde auch langsam Zeit. Wach auf, Frankreich! Ich werde jetzt das Aufstöhnen der vielen Ewiggestrigen in Frankreich hören. Kürzlich habe ich tatsächlich einen französischen Exberufssoldaten im Ausland kennengelernt, der sogar empört seine französische Staatsangehörigkeit weggegeben hatte, als Frankreich Algerien die Souveränität gab... Bin gespannt, was das Land jetzt sagt.

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geando 18.09.2018, 23:25
2. Natürlich ist das schwer

Viele französische Wehrpflichtige mussten seinerzeit in Indochina und Algerien den Kopf hinhalten für die (auch nach der Erfahrung deutscher Besatzung) immer noch grossen kolonialen Ambitionen der französischen Nation. Viele dieser Leute leben noch und halten die Erinnerung in der Gesellschaft und den Familien wach. Damals hat der Staat von ihnen verlangt sich zu opfern und zu töten und nun soll ein Kniefall vollzogen werden? Das empfinden viele in den konservativ-elitären Kreisen als Verrat an denen die sich opferten. Das ist natürlich schwer. Daher muss eine Erinnerungswende behutsam und respektvoll erfolgen. Eine 180° Wende, die die Helden von einst zu Tätern erklärt, macht sicher keinen Sinn und treibt noch mehr enttäuschte zum Front national.

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mandelkow 19.09.2018, 00:00
3. Erinnerungskultur!

Zitat von Emanzipation
Ich lebe in Frankreich, bin Deutscher. Und sehe seit Jahrzehnten, wie man in Frankreich zu sagen pflegt: "Il faut toujours lutter contre l'oubli": Man muss immer (!) gegen das Vergessen kämpfen. Die Franzosen zitieren diesen Satz seit jeher, wenn es um den Holocaust geht. Wenn es um ihre eigenen Verbrechen geht, im Rahmen des Kolonialismus allerdings, dann: aber nein!
Ich lebe in Frankreich und bin sowohl Deutscher als auch Franzose. Ich finde es bedauernswert, dass die Geste Macrons zum Anlass genommen wird, der moralischen Überlegenheit der Deutschen das Wort zu reden, wo doch Erinnerungskultur jenseits des Rheins (in Deutschland also) Jahrzente bedurfte, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Abgesehen davon werden in der französischen Öffentlichkeit die Greueltaten der OAS und der französischen Armee seit jeher angeprangert.

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spätaufsteher 19.09.2018, 00:12
4. kleinere Brötchen, SPON!

Herrn Macrons Vorstoß ist sicherlich lobenswert, der Bezug zu Deutschland bleibt aber schon ziemlich blaß. Gerade bei Aussagen wie "Das könnte Europas Afrika-Politik verändern." darf SPON gerne kleinere Brötchen backen. Algerien ist nicht Afrika, und was machen deutsche Soldaten gerade in Mali...? Was war doch noch gleich...? Meine Erinnungsschwäche liegt vielleicht daran, dass SPON wie auch ein Großteil der restlichen deutschen Medien über den Krieg in Mali ziemlich wenig berichten... und von kritisch war da noch gar nicht die Sprache. Tipp: Charlotte Wiedemann könnte bestimmt mal einen Gastbeitrag beisteuern.

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koch-51 19.09.2018, 08:50
5. Ein Erklärungsversuch

Das Kernproblem Frankreichs bestand darin, dass Algerien bis 1962 juristisch integraler Bestandteil der Republik war, keine Kolonie, also in etwa den gleichen Rechtsstatus besaß, wie heute noch Korsika. Zudem lebten bis 1962 in Algerien neben 8 - 9 Millionen Arabern und Berbern 1,1 Millionen Algerienfranzosen, die sogenannten "Pieds Noirs" und das z.T. in der fünften Generation. Diese mussten alle mit der Unabhängigkeit 1962 das Land verlassen und bildeten in Frankreich einen starken innenpolitischen Faktor. Diese sterben jetzt weg, genau wie eine Politikergeneration, die stark in die Verbrechen der französischen Armee verstrickt war. Francois Mitterand war als Innenminister damals direkt in die Verbrechen involviert. Zudem gab und gibt es das uns Deutschen wohlbekannte Aufrechnen. So wurde immer wieder an die Verbrechen der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN erinnert, die es natürlich auch gab. So wurden z.B. fünf Tage nach der Unabhängigkeit in Oran ca. 3000 Pieds Noirs ermordet, um die anderen "zum Laufen" zu bringen. Alle diese Faktoren verlieren mit dem Wegsterben der Erlebnisgeneration ihre politische Bedeutung, sodass Macron sich heute seine noble Geste politisch leisten kann. Ich möchte mit dieser Hintergrundinformation eine kleine Ergänzung zu dem sehr guten und informativen Bericht beisteuern

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ach 20.09.2018, 13:55
6.

"Bisher aber war es gerade von algerischer Seite üblich, Europa auseinanderzudividieren, indem man die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung lobte, nur um damit die französische bloßzustellen."

Gab ja auch für Algerien keinen anderen Grund, an die französischen Greueltaten zu erinnern, als 'Europa auseinanderzudividieren'
Die Kombination von Instinktlosigkeit gegenüber Algerien und und Brüssel-zentrierter Paranoia ist schon bizarr.

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