Forum: Politik
Gabriel zu Boykottaufruf: "Erdogan will die Menschen in Deutschland aufhetzen"
DPA

Der Aufruf des türkischen Staatschefs Erdogan zum Wahlboykott deutscher Parteien führt zu heftigen Reaktionen. Außenminister Gabriel wirft ihm vor, er wolle hierzulande Hass säen und die Demokratie zerstören.

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Jonas Apfelkorn 19.08.2017, 09:15
260.

Deutsche Politiker mischen sich pausenlos in Wahlen ein, so zuletzt bei der Frankreich-Wahl, wo deutsche Politiker sogar ausdrücklich Wahlempfehlungen ausgesprochen haben. Das gleiche in Sachen Österreich bei der Präsidenten-Wahl. Aber wir dürfen das, wir sind schließlich die moralisch Guten, die die Welt mit unsere Sicht der Dinge als alleinige Wahrheit beglücken.
Wenn unsere Politiker sich mal weniger um die Innenpolitik in anderen Ländern sondern statt dessen um Deutschland kümmern würden, könnte man sie vielleicht auch wieder ernst nehmen - und wählen. Hin und wieder jedenfalls.

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Gruebel123 19.08.2017, 11:29
261. Eigentlich offensichtlich...

Zitat von 780
1. Wie wäre es mit einer Begründung? 2. Und wenn alles falsch ist, was nicht Ihrer Meinung entspricht, ok, aber warum der emotionale Aufwand und der persönliche Angriff.
...aber zu 1: kein unmittelbar vorausgegangener, verlorener Weltkrieg mit gigantische Reparationszahlungen; Strassenschlachten; Hyperinflation; Massenarbeitslosigkeit; politische Morde...

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Gruebel123 19.08.2017, 12:32
262. Wieso undemokratisch?

Zitat von brotherandrew
... Ausweg woraus soll denn dieser undemokratische Vorschlag sein? Es gibt keine perfekte Demokratie. So wie es auch keine perfekten Menschen gibt. Oder um es mit Churchill zu sagen: Von allen schlechten Regierungsformen ist die Demokratie die Beste.
Zur ersten Frage "Ausweg woraus"? Das habe ich in #255 versucht anzudeuten: Wahltheater vor den Wahlen, Koalitionsgeschacher und Lobbyeinwirkung nach den Wahlen usw..

"undemokratische Vorschlag": Wieso undemokratisch? Interessante Einblicke zum Losverfahren findet man z.B. bei von Reybrouck, "Gegen Wahlen". Das ist eine in Vergessenheit geratene Möglichkeit, den Willen der Bevölkerung herauszuarbeiten und in Entscheidungen umzusetzen. Und dabei die offensichtlichen Anomalien (s.o.) wenigstens Teilweise auszuschalten.

"Es gibt keine perfekte Demokratie." Einverstanden. Aber sollte man nicht versuchen, das System zu verbessern? Eine Vorstellung von einem Ideal zu haben und dieses anzustreben, auch im Bewusstsein, es nicht erreichen zu können, ist doch nicht falsch.

"...Churchill...: Von allen schlechten Regierungsformen ist die Demokratie die Beste.": Welche Demokratie denn? Bereits in der Antike haben die Griechen versucht, zwischen verschiedenen Demokratieformen zu unterscheiden (Stichworte Ochlokratie, Meritokratie, ...).

Und Churchill hat ebenfalls gesagt: "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler."

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Gruebel123 19.08.2017, 12:56
263. Touché

Zitat von 780
Ich stimme dem zu, was Sie sagen. Zitat: "War das jemals anders? ... Die wenigsten wollen und sind gleichzeitig fähig zu Einsicht und Entscheidungen in der Politik. Neue Auswüchse wären die Folge. Zitat Ende Doch, das war mal anders.Zu Beginn etwa die Kreatoren des Grundgesetzes. Dann die von den Rechten und auch anderen viel geschmähten 68er. Da war einiges zu kritisieren, aber im Schnitt herrschte ein hohes Niveau der Inhaltlichkeit. Und wer nicht mitziehen konnte, machte sich lächerlich. Natürlich waren viele extrem links eingestellt, aber wenn man ihnen entsprechende Theorien vermitteln konnte, konnte man mit ihnen diskutieren. Das ist mit vielen einseitig Gestimmten heute kaum noch möglich. Dann würde ich trotz aller Überheblichkeit auch Helmut Schmidt dazu zählen, da wurden keine überflüssigen Gespräche geführt, aber es wurden intensive Arbeitsgespräche geführt. Das waren alles Idealisten, die schufteten, um ihren hohen Ansprüchen gerecht zu werden, natürlich waren die keine Supermänner, aber qualifizierter als unsere Politiker und viele Bürger waren sie in der Tat. Heute glaubt man mit viel Schein dasselbe erreichen zu können, des Kaisers neue Kleider als Ideal, das muss schief gehen.
Einverstanden, ich möchte aber anfügen: Die Entstehung des Grundgesetzes und die folgende Entwicklung war natürlich in einen speziellen, schwierigen Kontext eingebettet, der bis heute eine offene Flanke für Angriffe aus allen möglichen Richtungen darstellt. Wir haben es halt, salopp ausgedrückt, versaut, unter günstigeren Bedingungen zu starten.

Dass früher mehr Idealisten am Werk waren, schreibe ich aber nicht der Annahme zu, dass es früher bessere Menschen gab. Ich glaube vielmehr, dass die Dynamik des Systems strukturell so angelegt ist, dass unter gegenwärtingen Bedingungen (relative Sicherheit, Wohlstand, soziale Netzwerke etc.) eher Leute mit Karrieredenken im politischen System vorankommen. Ein Beispiel: In den USA wird spätestens seit der letzten Wahl sog. Microtargeting (d.h. einander widersprechende Positionen einer Partei werden in sozialen Netzwerken je nach deren Präferenzen selektiv an ausgesuchte Empfanger ausgespielt) betrieben, um Wahlergebnissse zu optimieren. Mittlerweile gibt es solche Ansätze auch in Deutschland. Siehe auch meinen Post #264.

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780 19.08.2017, 14:03
264.

Zitat von Gruebel123
...aber zu 1: kein unmittelbar vorausgegangener, verlorener Weltkrieg mit gigantische Reparationszahlungen; Strassenschlachten; Hyperinflation; Massenarbeitslosigkeit; politische Morde...
Ich meinte die Atmosphäre, die zur Zeit der Weimarer Republik herrschte.
Nicht die Einzelheiten, mein Gott, Weltkrieg, Inflation, Arbeitslosigkeit etc.
Sondern die Atmosphäre der Gewalt, die Radikalen und andere, die sich Straßenschlachten lieferten, das alles erzeugte Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Wut auf die Politiker.
Heute ist es die Unzufriedenheit mit den Politikern, mit dem sozialen System, mit der sozialen Ungerechtigkeit etc., und ebenso wie damals ein großes Potential der Gewaltbereitschaft bis hin zu dem Terrorismus, und beinahe eine Aufhebung selbstverständlicher Werte.

Das war schon sehr ähnlich. Wir leben in einer Zeit, von der viele sagen, dass es das Ende der Zivilisation ist, das Ende der Kultur.

Und damals die Nazizeit, die auf diese Weimarer Republik folgte, das hatte allerdings nichts mehr mit Zivilisation und Kultur zu tun.

Also diese Vorphase hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit unserer jetzigen, wahnsinnigen Zeit.
Dass Einzelheiten anders sind, für meine Begriffe komplizierter, habe ich damit nicht berührt, ich wollte dieses Gefährliche zum Ausdruck bringen, dieser Tanz auf dem Vulkan, den viele vollführen, bewußt oder unbewußt.

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Gruuber 19.08.2017, 14:58
265.

die ständigen Anbiederungen bei Erdogan durch die CDU-Bundeskanzlerin Merkel und den CDU-Finanzminister Schäuble (mit deutschen Steuermilliarden) möglichst gut zu neutralisieren.

Das könnte ja der CDU bei den kommenden Wahlen schaden...

Und die SPD braucht ja anscheinend keine Wahlthemen, um die CDU nachhaltig bei Wahlen zu schwächen.

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bosemil 19.08.2017, 16:14
266. Was gibt es eigentlich groß zu diskutieren ?

Zitat von Gruebel123
Zur ersten Frage "Ausweg woraus"? Das habe ich in #255 versucht anzudeuten: Wahltheater vor den Wahlen, Koalitionsgeschacher und Lobbyeinwirkung nach den Wahlen usw.. "undemokratische Vorschlag": Wieso undemokratisch? Interessante Einblicke zum Losverfahren findet man z.B. bei von Reybrouck, "Gegen Wahlen". Das ist eine in Vergessenheit geratene Möglichkeit, den Willen der Bevölkerung herauszuarbeiten und in Entscheidungen umzusetzen. Und dabei die offensichtlichen Anomalien (s.o.) wenigstens Teilweise auszuschalten. "Es gibt keine perfekte Demokratie." Einverstanden. Aber sollte man nicht versuchen, das System zu verbessern? Eine Vorstellung von einem Ideal zu haben und dieses anzustreben, auch im Bewusstsein, es nicht erreichen zu können, ist doch nicht falsch. "...Churchill...: Von allen schlechten Regierungsformen ist die Demokratie die Beste.": Welche Demokratie denn? Bereits in der Antike haben die Griechen versucht, zwischen verschiedenen Demokratieformen zu unterscheiden (Stichworte Ochlokratie, Meritokratie, ...). Und Churchill hat ebenfalls gesagt: "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler."
Da geht der Tipi zum Freitagsgebet , kommt heraus , tritt vor die Presse und hinterlässt einen sehr merkwürdigen Ratschlag an seine angeblichen Landsleute in Deutschland. Als wenn die türkisch stämmigen unfähig wären selbst zu entscheiden was sie zu tun und zu lassen haben in Deutschland. Warum haben die millionenfach ihre türkische Heimat wohl verlassen ? Diese Frage stellt sich der Erdogan nicht. Das beten nützt dem anscheinend auch nichts. Erleuchtung hat er jedenfalls nicht erhalten.

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milpark 19.08.2017, 16:16
267. Dank an Merkel auf türkisch

Da haben alle Unterwerfungsgesten, Dealereien und finanzielle Leistungen der Kanzlerin nichts genützt. Die CDU ist nach Erdogans Meinung für Türken unwählbar und zwei Drittel der Türken hier sind Erdogananhänger.

Von diesem Vorstoß Erdogans könnte nun dogar die AfF profitieren.

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elikey01 19.08.2017, 17:17
268. Von Wahrnehmungen und Meinungsvielfalt - irgendwie zugelassen ...

Zitat von edward elgar
Jetzt wird es mal Zeit, sich mit den Deutschtürken in unserem Land auseinanderzusetzen und Ihnen zu erklären, was passiert, wenn sie AfD wählen. Aber vielleicht wollen die das ja sogar? Um Erdowahn einen Riesengefallen zu tun und die deutsche Demokratie zu schwächen? Die Imame werden schon ihren Teil dazu beitragen, dass die Rechnung des Antidemokraten aufgeht. Rückgängig machen kann man ja so einen Aufruf nicht mehr, der ist jetzt in der Welt und wenn man sich an das Referendum erinnern will - da lief es für Erdogan ja super. Irgendwie kann man das ja nicht zulassen, dass diese Nase für die AfD Wahlkampf macht. Wer dagegen eine Lösung findet, der hat den Friedensnobelpreis redlich verdient.
@edward elgar, 80.
Wenn eine demokrat. zur Wahl zugelassene Partei - hier die AfD - mit stets gleichem stereotypen Muster bebasht wird, hat das was von Hysterie. Und zwar jener (etablierten Parteipolitiker), die vor allem um Wählerstimmen- und damit Pöstchen-, Macht- und Pfründeverluste fürchten. Andersdenkende und -meinende fürchten um den Verlust ihrer Deutungshoheit entsprechend ihrem (i.d.R. deutlich links der Mitte-)Weltbild Denn außer CDU und SPD wird kaum eine Partei mit zweistelligen Wahlergebnissen in den BT einziehen, auch nicht die AfD, die mitnichten die Demokratie schwächen kann. Vielmehr belebt Parteienvielfalt wie Konkurrenz das polit. Geschäft und Entscheidungen, wie seit mind. seit Sept. 2015 erkennbar. Schließlich hat die AfD ihr Entstehen und ihren Erfolg in den Landtagen den Entscheidungsfehlern etablierter Politik zu "verdanken". Allerdings lebt Demokratie von der Meinungsvielfalt; zugelassene Parteien müssen auch wählbar sein, ohne dass potentielle od. gar bekennende Wähler dafür diffamiert werden, wie das bzgl. der AfD der Fall ist, und zwar je linker, je heftiger.
Hies. Wahrnehmung/Überzeugung/Meinung nach will Erdogan nicht wirklich Wahlkampf für od. gg. eine Partei in DEU machen, sondern einfach auf der emotionalen Klaviatur seiner Community hierzulande spielen, nämlich der türk. EHRE, die von "deutschen Feinden" angegriffen würde. Und natürlich Berlin ärgern, um - wie lange gewohnt - damit von dortiger Politik Vorteile einzig für seine rechtswidrigen Interessen erreichen zu können. So scheint denn diese Attacke auf CDU/SPD/Grüne als "Türkeifeinde", die ehrsame Deutschtürken nicht wählen dürften, auch Ausdruck seiner pathogenen Persönlichkeit und seiner Wut darüber zu sein, dass er in DEU nicht "Tabularasa" wie in der TR machen kann.

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elikey01 19.08.2017, 17:39
269. Deutsche Firmen über Leichen, ...

Zitat von Ostseeland
Natürlich sind beide Despoten,keine Frage, aber Erdogan ist trotz allem immer noch "unser" Despot. Die Türkei ist Mitglied der Nato da können sie mal fragen was Merkel darf und was nicht. Gerade war die Technikmesse in der Türkei und wer glauben sie hat die boykotiert? Alle Firmen wollen Aufträge und Geld verdienen denen sind Menschenrechte oder Inhaftierte so was von egal. Deutsche Firmen eben da geht man gerne über Leichen wenn der Profit stimmt.
@Ostseeland, 192.
... wenn der Profit stimmt? Das kann man nur als pure Verunglimpfung (od. auch stumpfem Nichtwissen) wahrnehmen. Denn welche Firmen, die international agieren, sind denn überhaupt noch "rein" deutsch - zum einen? Man informiere sich mal, wie viele Firmen bereits vor dem "Putsch" und danach per Dekret auf Erdogan-Weisung enteignet wurden, deren Vermögen (Grundstücke, Immobilien) vom Staat eingezogen wurden. Denn der muss sich das Geld, was ihm wg. des wirtschaftl. Niedergangs fehlt und was für die "Putsch"-Agitationen benötigt wird, ja irgendwo herholen. Erinnert dieses Vorgehen gg. angebl. Gülenisten nicht an analoge ab 1933 in DEU?
Zum anderen: Reg.-staatl. Unsicherheiten/unzuverlässige Irrationalität bieten keine Rahmenbedingungen für Investitionen. Tatsache ist auch, dass div. ausländ. Investoren, die im Wesentlichen den türk. Wirtschaftsboom finanzierten (bei Beteiligung des Erdogan-Clans und dessen Vermögensbildung), ihr Kapital zurückzogen. Die terr. Anschläge "runden" das Negativ-Bild für potentielle Investoren ab, zumind. westl.
RTE zeigt sich nicht umsonst so Katar-freundlich und dealt mit Moskau.

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