Forum: Politik
Gaucks Griechenland-Besuch: Verneigung im Dorf der Märtyrer
DPA

Es ist eine überfällige Geste: Joachim Gauck hat sich in Griechenland für die Verbrechen der Wehrmacht entschuldigt. Aber das heikle Thema der Reparationen holte den Bundespräsidenten auch bei seinem Besuch im "Märtyrerdorf" Lyngiades ein.

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diathermie 07.03.2014, 20:16
1. Die Entschuldigung Gaucks bedeutet mir nichts

"Die Entschuldigung Gaucks bedeutet mir nichts", sagt der Lyngiades-Überlebende, "gar nichts." Mit einer „…Narbe auf seinem Rücken. 30, 40 Zentimeter lang, von einem Bajonett.“ So ist es, Taten zählen- nicht Worte. Und wenn man sich mit dem berühmten „statt eines Friedensvertrages“ in den 2+4 Verträgen mies davongeschlichen hat, wenigstens mit Geld Unsagbares Leid zu entschädigen, ja nicht einmal die Zwangskredite für erstattbar hält, dann fallen die Entschuldigungen unter die Kategorie „Hypokrisie“. Und jetzt in der Krise? Wieder Worte, nachdem unter der Führung Berlins, den Entscheidungsträgern (korrupte Regierung, Banken und Oligarchie in GR) Milliarden nachgeworfen werden und dem griechischen Normalbürger die Rechnung für deren Alt- und Neuschulden (die „Geschäfte“ laufen weiter) präsentiert wird (mit dem bekannten Elend als Folge): „Wir haben Mitleid mit dem leidenden Volk (Schluchz), doch die Reformen sind hart aber nötig“.
P.S.: Taten wären heute, wenn z.B. die deutsche Regierung der griechischen sagen würde: „Wir zahlen Euch keinen Cent, wenn Ihr nicht die Schuldigen aus dem Verkehr zieht, die Wohlhabenden endlich an der Schuldenbegleichung beteiligt, den Arbeitslosen, Kranken und Behinderten nicht den Boden unter den Füssen wegzieht, die Großsteuersünder bezahlen lasst, ein Sozialsystem aufbaut und einen Teil des Geldes zur Sicherung sozial Schwacher benutzt.“ Iwo, eine Krähe hackt der anderen doch kein Auge aus…

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oi789 07.03.2014, 20:33
2. Überfällig ...

... ,aber dennoch zu wenig. Ich kann verstehen, wenn Panos Babousikas sagt, dies bedeute ihm nichts. Griechenland ist ausgeplündert worden, Entschädigungen sind nie gezahlt worden und keiner der Mörder ist zur Rechenschaft gezogen worden. Was sollen diese Worte von Herrn Gauck? Er redet von "Wahrheit", der "Schwester der Versöhnung". Aber auch er wird sich irgendwann daran messen lassen müssen, was er wirklich getan hat im Gegensatz zu dem was er schönes gesagt hat.

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popatzki 07.03.2014, 21:07
3. Guter, trauriger Artikel

Auch Bu.Prä. Johannes Rau hatte sich im Jahre 2000 für die Massaker der Wehrmacht entschuldigt, in der Kleinstadt Kalavryta; - hatte allerdings nicht so nachdrücklich um "Verzeihung" gebeten, wie Gauck das nun tat. (Am 13. 12. 1943 wurden 400 Männer/Jugendliche/Alte aus Kalavryta und 200 aus den umliegenden Dörfern erschossen. Herman Frank Meyer dokumentierte das Geschehen akribisch und eindrucksvoll in seinem Buch "Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland")
Was der griechische Staatspräsident Papoulias von Deutschland fordert, sind nicht "Reparationen", sondern die Rückzahlung eines Kredites, den Griechenland dem Deutschen Reich während der Besatzungszeit (unter Zwang) gewährt hatte. Berlin (und vorher Bonn) nennen diese Rückzahlungs-Schuld seit Jahren "Reparationsforderung" (um sich vor dem Zurückzahlen zu drücken). Der Fall ist juristisch ungeklärt.

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tubelayer53 07.03.2014, 22:24
4.

Zitat von
Was er allerdings nicht tut bei seinem Griechenland-Besuch: den Forderungen nach Reparationen und Entschädigungen für die Verbrechen der Wehrmacht nachzugeben. Vielleicht wollte Gauck das sogar - aber er kann es schlicht nicht:
Der Auftritt der Griechen dort war geschmacklos und machte fast den Eindruck, als sollte Gauck dort eine Entschuldigung erkaufen. Das Völkerrecht kennt aber keine Ansprüche von Einzelpersonen auf Schadenersatz. Insofern muss das ehrliche aber immaterielle Engagement von Gauck dort genügen.

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karend 07.03.2014, 23:38
5. Maßnahmen

Zitat von diathermie
"(…) P.S.: Taten wären heute, wenn z.B. die deutsche Regierung der griechischen sagen würde: „Wir zahlen Euch keinen Cent, wenn Ihr nicht die Schuldigen aus dem Verkehr zieht, die Wohlhabenden endlich an der Schuldenbegleichung beteiligt, den Arbeitslosen, Kranken und Behinderten nicht den Boden unter den Füssen wegzieht, die Großsteuersünder bezahlen lasst, ein Sozialsystem aufbaut und einen Teil des Geldes zur Sicherung sozial Schwacher benutzt.“ Iwo, eine Krähe hackt der anderen doch kein Auge aus…
Das wäre eine Maßnahme. Soviel Rückgrat hat unsere Regierung jedochnicht. Das Ablehnen praktischer Unterstützung durch deutsche Finanzbeamte zeigt, dass kein Interesse vorhanden ist, Steuern der Wohlhabenden zu kassieren. Solange das bleibt, zahlen - wie stets - die "Normalbürger".

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analysatorveritas 08.03.2014, 05:43
6. Und was nun?

Zitat von sysop
Es ist eine überfällige Geste: Joachim Gauck hat sich in Griechenland für die Verbrechen der Wehrmacht entschuldigt. Aber das heikle Thema der Reparationen holte den Bundespräsidenten auch bei seinem Besuch im "Märtyrerdorf" Lyngiades ein.
Griechenland wurde im Jahre 1981 Mitglied der EG, erhielt über Jahrzehnte viele Entwicklungs- und Fördermittel, bekam den Euro, obwohl es zu keiner Zeit euroreif war, überschuldetet sich in Eurozeiten, erhielt einen massiven Schuldenerlass, jetzt ist die ökonomische Situation noch schlimmer als im Jahre 2010. Und es werden plötzlich alte Rechnungen aufgemacht. Viele Reformvorhaben wurden nicht umgesetzt, der öffentliche Dienst ist viel zu groß, eine eigene Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit im Euroverbund ist reine Utopie.

Die politischen Fehler aus dem Jahre 2010 rächen sich nun bitter, Merkel stieg in die Eurozonenrettung ein (besser Bankensanierung und Finanzsektorensicherung), der EFSF kam. Dann der ESM. Die finanziellen Auswirkungen der Euroeinführung für die bundesdeutsche Bevölkerung sollte man in diesem Zusammenhang auch einmal klar hervorheben. Und ein Ende dieser Entwicklungen auf europäischer Ebene hin zu mehr Haftungsübernahmen und Dauertransfers ist nicht absehbar, die EZB läuft seit Jahren auf Dauernotbetrieb und finanziert und subventioniert den Club Med.

Griechenland bleibt innerhalb der Eurozone ein hoffnungsloser Fall, schade für diese schöne Land. Aber eine zweite DDR-Sanierung ist nicht drin, dies sollte Merkel und die groKo begreifen. Auch wenn es der Bundespräsident diplomatisch verpackt und an die Historie erinnert. Es müssen Lösungen her, keine alte Rechnungen, sonst wird diese EU und diese Eurozone nicht mehr lange Bestand haben. Die Grenze der Belastbarkeit ist einfach erreicht.

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women_1900 08.03.2014, 05:55
7.

Zitat von tubelayer53
Der Auftritt der Griechen dort war geschmacklos und machte fast den Eindruck, als sollte Gauck dort eine Entschuldigung erkaufen. Das Völkerrecht kennt aber keine Ansprüche von Einzelpersonen auf Schadenersatz. Insofern muss das ehrliche aber immaterielle Engagement von Gauck dort genügen.
Vielleicht reagierten diese Menscehn auch deswegen so, weil bei Gauck so vieles einfach nur einstudiert wirkt. Der Kniefall von Willy Brandt war einfach authentischer & ehrlicher.
Vielleicht hatte er Gauck in der Schule nicht so viel Vergangenheits-aufarbeitung wie ich im Westen, daß er jetzt behauptet die Massaker in Griechenland wären zu kurz gekommen. Dennoch muss ich sagen, daß es genug ist. Es kann doch nicht angehen, daß selbst meine Urenkelkinder noch mit Reparationszahlungenforderungen konfrontiert werden. Unsere nachfolgenden Generationen werden noch schwer an der Abzahlung der heute Griechenland gewährten Krediten arbeiten müssen.

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kast3005 08.03.2014, 06:54
8. Und was ist die angemessene

Wiedergutmachung? M.E. kann es die ja gar nicht geben.
Was dort passiert ist, ist mehr als nur schlimm gewesen, und wohl niemand möchte dass sich so etwas wiederholt. Aber ist Geld wirklich der richtige Weg? Das lässt die Forderungen der "Überlebenden" schon seltsam erscheinen und hinterlässt einen komischen Geschmack...

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arch.aisch 08.03.2014, 07:54
9. #1 @diathermie

Sehr gute Formulierung! Ihr Vorschlag zur wirklichen Hilfe für Griechenland wird sich zwar wohl kaum auch nur annähernd umsetzen lassen, aber es wäre doch wünschenswert, dass sich zumindest der eine oder der andere Politiker zu einem (ernst gemeinten) Statement dieser Art durchringen könnte. Da aber heute alle Ämter und Delegierte in tiefer religiöser Überzeugung das System anbeten und für alternativlos ansehen, erkennen sie keinen Ansatz, die tatsächlich Verantwortlichen dingfest und haftbar zu machen. Gerade auch die sogenannte Rechtstaatlichkeit führt zu einer völligen Ignoranz gegenüber auch dem bescheidensten Anspruch auf Gerechtigkeit. (Selbst ein Bundespräsident -ich meine den Vorgänger- kann nur mit deutlich unfairen Mitteln aus dem Amt gedrängt werden, weil der gerechten Empörung über verkommene Moral rechtlich nicht beizukommen ist.)

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