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Gedenken an Auschwitz-Befreiung: "Unsere Erinnerungskultur bröckelt"
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Außenminister Maas appelliert am Holocaust-Gedenktag daran, die Geschichten der Menschen zu bewahren, die von dem "Unfassbaren berichten" können. Kanzlerin Merkel sprach sich klar gegen Hass und Rassenwahn aus.

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mintyapple 27.01.2019, 14:54
50. Zurück auf Null

Anstatt eine bröckelnde Erinnerungskultur zu beklagen (woran misst man dieses Bröckeln eigentlich?), sollten wir uns mal fragen, was wir damit bezwecken wollen, an diese Verbrechen zu erinnern und an diese Opfer, was Verantwortung in diesem Fall bedeutet usw.

Kein Mensch, der einigermaßen bei Verstand ist, befasst sich GERN mit dem Holocaust. Ein gewisser Widerwille, sich dazu etwas anzuhören, anzusehen oder durchzulesen, ist ganz klar. Erinnerung an solche Dinge hat von Natur aus einen schwereren Stand als an irgendwelche glorreichen Leistungen der eigenen Nation.

Wir tun es trotzdem, weil unsere Erinnerungskultur ein Nutzwertversprechen enthält: Wir verhindern damit, dass es auf deutschem Boden je wieder Diktatur, Konzentrationslager und Völkermord gibt - zu unserem eigenen Besten und dem aller anderen.

So weit, so gut. Nur sind seit '45 ein paar Tage vergangen. Ganze Generationen sind in diesem Land aufgewachsen, für die die Segnungen der Demokratie selbstverständlich sind. Niemand bei uns kann sich ein Flächenbombardement vorstellen oder was passieren würde, wenn Deutschland wieder von einem Diktator regiert werden würde. Diese Dinge rücken in die Ferne, je mehr Zeit vergeht und je mehr Zeitzeugen wegsterben.

Die Erinnerungskultur wird nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Viele Deutsche sind ja durchaus stolz darauf, dass wir - man muss es leider sagen, im Gegensatz zu vielen anderen Völkern - unsere Vergangenheit aufgearbeitet haben und unsere Verbrechen anerkennen. Ich befürchte nur, davon haben wir uns ein Stück weit einlullen lassen, haben gedacht, wir hätten alles richtig gemacht, aber nun sitzt wieder eine rechtsextreme Partei in unseren Parlamenten, genauso wie in so ziemlich allen anderen europäischen Staaten. Wir sind vielleicht nicht besser dran als andere Völker in dieser Hinsicht, aber dauerhaft immunisiert gegen die braune Seuche wurden wir auch nicht mit unserer Erinnerungskultur.

Deshalb mein Vorschlag: zurück zum Problem. Wie machen wir unsere demokratische, offene Gesellschaft fit für die Zukunft und welche Rolle soll die Erinnerungskultur dabei spielen?

Nicht die Gesellschaft ist für die Erinnerungskultur da, sondern die Erinnerungskultur für die Gesellschaft.

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madameping 27.01.2019, 14:54
51. @ Vanagas Heute, 13:45 12. Unsere Erinnerungskultur bröckelt

Zitat von Vanagas
Das ist a.) relativ normal weil der zeitliche Abstand sich nun mal vergrößert und b.) weil ständig mit der „Erinnerungskultur“ versucht wird die Deutschen auf Linie zu bringen und sich schuldig zu bekennen obwohl, und das ist das perfide, niemand mehr in diesem Land eine persönlich Schuld an den Ereignissen hat. Das ist eine Gewissensgefangenschaft qua Geburt. Selbst ich, als Deutscher der 2. Nachkriegsgeneration, bin schuldig geboren worden. Und sollte ich aus dieser „Schuld“ aufbegehren werde ich nach rechts verortet( witzigerweise nie nach links). Meine Kinder, mittlerweile die 3. Nachkriegsgeneration, sind auch schuldig. Wie viele Generationen soll das noch so weitergehen? Wie kann Schuld vererbt werden?
Ich weiß nicht, was Sie dazu veranlasst, einen solchen Unsinn zu schreiben. Sie sprechen von Schuld, dass man uns mit Schuld überhäuft und Sie sich schuldig fühlen müssen.
Ganz ehrlich, ich glaube, Sie wissen gar nicht, was Schuld ist und lassen sich deshalb von dem Gequassel irgendwelcher Volksverblöder so leicht beeinflussen.
Stimmt’s??
Generationen, die zum Zeitpunkt dieses Bombastverbrechens noch gar nicht auf der Welt waren, KÖNNEN per Definition gar nicht Schuld haben. Das gilt auch für Generationen, die während des Dritten Reichs noch Kinder waren.
Diese Generationen, zu denen ich als Kriegsenkel/Urenkel gehöre, können gar keine Schuld haben, DENN sie haben NICHT die Möglichkeit des Eingreifens innegehabt, die Verhinderung dieser Taten - DENN: sie waren noch gar nicht auf der Welt oder noch viel zu klein.
Klar soweit?
Haben Sie mich verstanden?
So. Nächster Schritt: Und der besteht aus einem „ABER“:
Aber WIR, die heutigen (nachgefolgten und nachfolgenden) Generationen tragen die moralische VERANTWORTUNG mit dem Blick auf die Zukunft, ein derartiges Verbrechen zu verhindern.
Verstehen Sie den Unterschied?
Und diese moralische Verantwortung beginnt bereits da, jemandem den Unterschied zwischen Schuld und moralischer Verantwortung mit dem Blick in die Zukunft deutlich zu machen.
Das sind zwei völlig unterschiedliche Schuhe, die aber leicht, sofern man es will, begriffen werden können.
So. Und diese moralische Verantwortung setzt die Fähigkeit voraus, sich mit den Vorgängen des Holocaust vertraut zu machen - sie zu kennen.
Um nichts anderes geht es.

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luiasogi 27.01.2019, 14:57
52. Gnade der späten Geburt

Ich identifiziere mich mit Deutschland und bin auch stolz drauf..
Auf seine, Dichter, Denker und seine Handballnationalmannschaft.

Nicht stolz bin ich auf die Jahre von 1933 bis 45.

Aber die muss ich genauso als Teil unserer Geschichte annehmen.
Und nein, Herr Gauland, das war kein Fliegenschiss. Diese Entmenschlichung war einzigartig in der Geschichte der Menschheit.
Daran werden wir noch sehr sehr lange zu knabbern haben. Ob uns das passt oder nicht.
Als Spätgeborener bin ich aber dafür nicht verantwortlich.
Ich bin aber dafür verantwortlich, dass so etwas nie wieder passieren kann und darf.
Erinnerung ist deshalb notwendig. Als Mahnung. Das muss Teil des Lehrplanes werden.

Was kontraproduktiv ist, ist die Instrumentalisierung der Erinnerung.
Viele im Innern und auch im Ausland nutzen die Nazizeit dazu, um ihren Zielen Nachdruck zu verleihen.
Wir müssen das akzeptieren. Das wird sich, wie bereits gesagt, noch lange so fortführen.

Eins beschäftigt mich aber sehr, denke ich an diese Zeit.
Hätte ich damals gelebt und wäre ich durch die gleiche Schule gegangen.
Hätte ich von klein auf gelehrt bekommen, dass die Juden an Allem schuld sind.

Hätte ich dann Widerstand geleistet? Hatte ich als Lokführer den Transport in die Konzentrationslager abgelehnt und damit evtl. meine Familie in Gefahr gebracht??
Jeder sollte dankbar sein, damals noch nicht gelebt zu haben.

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a.mohr.57 27.01.2019, 15:00
53. Wer aus der Geschichte nicht lernt, riskiert sie nochmal zu erleben...

Es ist völlig richtig und notwendig, das Gedenken an die Nazizeit wach zu halten, zu lehren, was Totalitarismus (Einparteiensystem, fehlende Pressefreiheit und Abwesenheit von Unabhängigkeit der Justiz) für Folgen haben können. Wer aus der Geschichte nicht lernt, riskiert sie zum 2. Mal erleben zu müssen.

Das gilt allerdings für alle Teile der Geschichte, nicht nur für das 20. Jahrhundert. Hätten die Nazis gewußt, dass Europa bis zur Ära der Aufklärung der islamischen Weltwissenschaftlich, wirtschaftlich und militärisch eher unterlegen war, dann hätten sie wohl nicht ihr Hirngespinst von der "Überlegenheit der arischen Rasse" gesponnen. Und die Überlegenheit Europas dauerte nur ca. 350 Jahre, und wird nun durch die wachsende Stärke Chinas beendet.

Ich erlebe es im hessischen Schulunterricht meines Sohnes nun nach meiner Schulzeit zum 2. Mal: Alle Begegnungen mit der islamischen Welt in der Geschichte werden im Geschichtsunterricht ausgeklammert. Erst alte Ägypter, dann alte Griechen und alte Römer, dann deutsche Nabelschau. Das Leiden und die zeitweise Unterwerfung Südeuropas von 600 bis ca. 1681 wird komplett ausgeklammert, also rund 1000 Jahre Angriffe auf Europa aus der islamischen Welt. Die arabische Eroberung Süditaliens (ca. 900 bis 1050), davon weiß kaum jemand. Die Eroberung ganz Südosteuropas bis zur Krim, Rumänien, Bulgarien Ex-Joguslawien, Ungarn bis nach Wien durch die Türken wird auch nicht gelehrt Die Eroberung Spaniens ebenfalls nicht. Über die Verfassungswidrigkeit der Scharia, einem integralen Teil des Islam, auch nichts. Über das 11. - 15.-Jahrhundert auch nichts. Alle historischen Erfahrungen Europas mit dem Islam werden im Geschichtsunterricht sorgsam ausgeklämmert.

Wer aus der Geschichte nicht lernt, riskiert sie ein 2. Mal zu erleben!

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bartsuisse 27.01.2019, 15:05
54. jürgenhesse - und Stalin

ja und was mit Stalin? Machen seine Greuel die deutschen Greuel besser? Wenn ich morde, dürfen Sie dann auch morden? DAS ist ein völlig verdrehtes Rechtsempfinden des Relativierens. Das ist leider oft präsent in Deutschland....und damit werden Nazigreuel relativiert ...die andern haben aber auch.....tut mir leid auch SIE haben die Hausaufgaben NICHT gemacht

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hgwxx/7 27.01.2019, 15:08
55. Die Erinnerung LEBT

Ich war letztes Jahr im Sommer in Auschwitz.
Sehr, sehr viele Besucher.
Gut organisiertes, professionelles Besuchermanagement und auch emphatische Vorträge.
Touren 3,5 Std, 6 Std oder mehrtägig, in verschiedenen Sprachen.
Besucher aus vielen Ländern.
Daher kann ich ein angebliches Vergessen nicht nachvollziehen.

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Sissis666 27.01.2019, 15:09
56.

Da sind sie wieder alle beisammen. Sie und die anderen schwer Beladenen hier in den Kommentarspalten. Die armen, geschundenen Kreaturen, die samt ihrer Kinder niemals aus der "Erbschuld" entlassen werden! Ich bemitleide sie von Herzen...

Nein, man kann Schuld nicht erben, sind ja keine Schulden. Und das hat auch noch nie jemand gesagt oder versucht den Deutschen aufzuerlegen. Ob Sie persönlich ein schlechtes Gewissen haben oder sich für Ihre Familie schämen ist Ihr privates Problem und hat mir dem Gedenken an den Holocaust nichts zu tun.

Vielleicht kommt Ihr schlechtes Gewissen ja davon, dass Sie es einfach nicht schaffen sich innerlich gegen diesen Schwachsinn vom "auf Linie bringen" zu wehren.

Nein, man kann Schuld nicht erben, aber Verantwortung. Verantwortung für die Zukunft, nicht Verantwortung für die Vergangenheit. Sie, ich, unsere Kinder und jeder andere Mensch auf der Welt hat diese Verantwortung aus der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft entsprechend zu gestalten, egal ob wir Deutsche, Israelis oder was immer sind. Wir müssen unseren Kindern erzählen was passiert ist, damit sie eines Tages richtige Entscheidungen fällen und wir müssen sie dabei unterstützen zu Menschen zu werden, die auch menschlich handeln, denn die zivilisatorische Decke über dem tierischen in uns ist dünn.

Außerdem ist es unsere Verantwortung nicht zuzulassen, dass Wertesysteme von damals wieder salonfähig werden und es ist unsere Verantwortung die Handlungen der Helden von damals zu loben und nachzuahmen...Elsner, Scholl, Bonhoeffer, Stauffenberg und viele andere.

Und wie machen wir das? Eigentlich ist gar nicht mehr nötig, als sich zu erinnern und für die Zukunft zu lernen. Mehr nicht, doch selbst das ist hier vielen zu mühsam. Die meißten sind zu schwach, um wirklich Helden zu werden. Viele sind zu dumm um den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung zu kennen. Nur wenige spüren den Stolz, der von einer guten Tat ausgeht. Die meisten wollen Ruhe, ihr unnötiges schlechtes Gewissen beruhigen, jammern und bitte endlich doch mal sagen dürfen...sind wir wirklich so erbärmlich? Nicht mal erinnern und lernen? Ganz ohne Schuld? Einfach nur das offensichtliche erledigen? Die Aufgabe die jede Generation gegenüber der Folgenden zu erledigen hat? Dafür langt es nicht mal?

Wenn ihr schon schwach und dumm seid...verhindert durch diese unsägliche Schlussstrichdiskussion wenigstens nicht, dass eure Kinder hören, lernen und handeln und dass sie stolz sein können auf ihre Taten und ihre Vergangenheit, wenn das schon nicht bei den Taten ihrer Urgroßeltern möglich ist.

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gandalf446 27.01.2019, 15:09
57.

Zitat von frank.huebner
Kurze Bemerkung zum Post #29: Die alte Leier, die anderen haben ja auch. Im Falle des Holokaust haben WIR, Deutsche und deren Helfer, Millionen von Menschen wegen Glaube, politischen Anischten oder einfach wegen angeblicher sozialer Inkompatibilität bis auf die Minute industriell getaktet ermordet. Und das im ach so modernen, aufgeklärten 20. Jahrhundert. Da sind alle Vergleiche mit den 15 Millionen verhungerten Ukrainern in dern 1930er Jahren oder den Kolonialverbrechen des 19. Jahrhunderts völlig inakzeptabel und nur ein weiterer Verusch der Relativierung der Schuld, die in Deutschlands Namen verübt wurden.
FALSCH!
WIR haben nichts getan. Die Nazis haben das getan - mittlerweile dürften nahezu alle, die aktiv Täter waren verstorben sein, mit ein paar wenigen Ausnahmen. Ich habe überhaupt nichts mit der Zeit am Hut. Genau das wurde von einem Foristen als "Erbschuld" bezeichnet, die immernoch etwas nachhängt, die ich mir aber nicht anhängen lasse. Das heutige Deutschland hat überhaupt gar nichts mehr mit Nazi-Deutschland gemein. Die Vergleiche verdeutlichen nur, wie schlecht (bzw. gar nicht) andere Länder ihre Geschichte aufarbeiten.
Mir persönlich ging zu meiner Schulzeit das Thema 2. Weltkrieg spätestens bei der 3. Wiederholung auf die Nerven, auch wenn es weiterhin ein wichtiges Thema bleibt. Anstatt es aber jährlich für einige Wochen zu behandeln, fände ich es produktiver, es einmal für ain ganzes Halbjahr intensiv durchzugehen

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lasse_rinstroem 27.01.2019, 15:13
58.

Zitat von Marvel Master
Hallo, ich persönlich kann verstehen, dass viele Leuten dieses Thema nicht mehr interessiert. Zum einen hängt es vielen zum Hals raus, damit ständig konfrontiert zu werden. Irgendwann muss auch mal gut sein. Zum anderen sind die Zeitzeugen inzwischen alle tot. Und wir leben im 21. Jh. Es wird Zeit nach vorne zu schauen und nicht immer in der Vergangenheit fest zu hängen. Die Probleme des 21. Jahrhunderts gilt es anzugehen. Die da wären. Klimawandel, Umweltschutz im allgemeine und die Überbevölkerung auf diesem Planeten. VG
Da hatten Sie aber Glück, dass dieser Beitrag durchging, da müssen die Spon Zensoren wohl etwas nicht kapiert haben.
Denn wer auch nur den leisesten Protest gegen die ständige Wiederholung des NS Unrechts äußert, wird von den Mainstreammedien abgeblockt und wird als rechtes Ar....loch verunglimpft. Das zeigt nur eines, den wahren Charakter unserer hochgelobten Meinungsfreiheit.

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Mara Cash 27.01.2019, 15:14
59. Gegen Hass und Gewalt

Der Holocaust sollte als ein generelles Mahnmal gegen Hass und Gewalt in Erinnerung bleiben - der Mensch sollte aus der Geschichte lernen. Es geht nicht nur um Antisemitismus, sondern generell um gewalttätige Diskriminierung - egal aus welcher (vielfältig vorhandener und angeblich gerechtfertigter) Motivation. Für Gewalt gibt es keine Legitimation - abgesehen von einer staatlichen auf dem Boden des Grundgesetzes.

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