Forum: Politik
Gelbwesten-Randale in Frankreich: Sie wollen Macron den Marche blasen
AFP

Nationalsymbole beschmiert, die Pariser Innenstadt verwüstet: Worauf gründet sich die Wut der Demonstranten und Randalierer in Frankreich? Im Aufruhr paart sich zweierlei: die Sehnsucht nach einem guten König und der Frust über den wirtschaftlichen Abstieg.

Seite 1 von 7
whitewisent 03.12.2018, 15:06
1.

Das Problem am französischen Märchen ist leider, nicht der Kaiser ist nackt, die Nation ist es seit Jahrzehnten insgesamt. Und man benimmt sich zwar wie das tapfere Schneiderlein, das auch Hunger hatte, aber prügelt sich mit den 7 Fliegen, während man die Riesen und wilden Bestien unangetastet lässt, welche für das Desaster mitverantwortlich sind. Denn dann müsste man als Jugend eher auf seine Eltern einprügeln, und gemeinsam auf die Rentner, welche über ihre Verhältnisse leben, dafür aber per Lobbyarbeit Bestandsschutz einfordern. Das Macron nur ein Scheinriese ist, konnte man bereits früher ahnen, wenn man nicht so euphorisch gewesen wäre, und die alten Kaiser noch mehr verachtet.

Beitrag melden
hoernomat 03.12.2018, 15:17
2. Protest - JA, Zerstörungswut - NEIN

Ich kann in diesen Zeiten sehr gut verstehen, wenn Menschen mit Normalgehalt extrem sauer sind, dass sich die extrem Besitzenden nicht angemessen am Gemeinwesen beteiligen - denn das tun sie nicht.
Genauso kann man kritisieren, wenn Google und Amazon fast keine Steuern bei enormen Gewinnen zahlen... aber bei denen hört es ja nicht auf. Diverse Firmen haben ihre Produktionsstandorte und Logistikdrehscheiben in Industrieländern wie Frankreich und Deutschland und eine winzig kleine Holding in der Schweiz... und durch diese "Steuervermeidung" entgehen den Kommunen in denen die Menschen Arbeiten, ihre Kinder Schulen brauchen, sie auf öffentlichen Straßen und per ÖPNV zur Arbeit gelangen etc. - Milliarden an Steuereinnahmen.

Die Menschen sind nicht so dumm, dass sie nicht merken, wenn etwas nicht stimmt.... während ihre Kinder sich in der Schule nicht mehr auf's Klo trauen und von digitalem Unterricht zwar erzählt wird, dieser aber mangels Technik nicht durchgeführt werden kann, können dieselben Menschen sich den Sprit für den Weg zur Arbeit nicht mehr leisten. Gleichzeitig prassen die Milliardäre mit ihrem Vermögen und vermehren es durch Investitionen in Immobilien & Co. - während andere sich kaum mehr die Miete leisten können.

Manager werden mit Millionenabfindungen in den Ruhestand geschickt und verdienen nicht das zwanzig- sondern das zweihundertfache ihrer einfachen Mitarbeiter.

Klar ist Widerstand gegen solche Perversion geboten. Natürlich müssen wir einen Diskurs darüber führen, wie sozial unser Gemeinwesen sein soll und selbstverständlich lassen sich zumindest die gebildeteren Bürger nicht einfach auf den Nächstärmeren oder gar Minderheiten hetzen... sondern machen ihrem Anliegen Luft.

Dies darf unter keinen Umständen in blinde Zerstörungswut ausarten - unstrittig - aber deutlicher und lautstarker Widerstand gegen diese alles andere als "alternativlose" Politik ist mehr als geboten.

Beitrag melden
sofk 03.12.2018, 15:19
3. "er ging den Umbau bedächtig und sachlich an" ...?!

Genau weil Macron wie alle andere vor ihm bisher regiert hat, obwohl er was anderes verprochen hatte, wird er heute zur Hassfigur. Ganz zurecht. Anstatt arrogant und beleidigend zu sein, oder auch z.B. eine Luxusschwimmbad im dem provenzalischen präsidentialen Urlaubsschloss zu bauen, oder das ganze Elysee-Palast-Geschirr teuer zu wechseln, oder gar die Löhne der Ministerienberatern zu erhöhen, hätte er es ganz anders anhaben können. Der ist ein Missprodukt der korrupten, verlogenen französischen Politik. Übrigens haben die Leute nicht nur am Monatsende Probleme, sonder für viele fängt es an schon Anfang des Monats...

Beitrag melden
APO 03.12.2018, 15:20
4. Der französiche Patient

Diese Proteste haben natürlich auch eine europäische Komponente. Man darf daran erinnern, daß der französiche Präsident selbst die Reformen im eigenen Land zur Voraussetzung erklärt hat, für europäische Reformen. Geschieht das nicht, so entsteht zwangsläufig der Eindruck, daß dringende und notwendige Veränderungen unterbleiben und am Ende europäisches Steuergeld des status quo finanziert. Das kannhierzulande aber niemand ernshaft wollen.

Beitrag melden
skunkfunk 03.12.2018, 15:26
5. "Die langen Ferien, Restaurantbesuche, Familienessen,......

, die zum Wesen des französischen Lebensstils ". Für all das liebe ich die Franzosen. Ich würde auch auf die Barrikaden gehen, sollte man versuchen mir das wegzunehmen.

Beitrag melden
Neapolitaner 03.12.2018, 15:27
6. Der Zentralismus ist die Achillesferse Frankreichs

Man muss sich nur das franz. Eisenbahnnetz anschauen: Egal wohin der Schnellzug fährt, er fährt von Paris ab. Stets werden die Regionen von "La Capitale" her erschlossen, aber die Regionen werden nicht in sich selbst erschlossen. Auf Dauer wertet das die Regionen wirtschaftlich ab. Um das zu ändern, müssen die Regionen selbstständig werden. Die Zeit ist aber weit fortgeschritten; solche Reformen hätten besser vor 20 - 30 Jahren geschehen müssen. Und diese widersprechen dem zentralen Staatsverständnis, "zentral" hier in doppelter Bedeutung. Alle hochrangigen Vertreter in Politik und Wirtschaft sind darauf festgelegt. Aus deren Sicht sind die Proteste der "Gelbwesten" daher unverständlich und werden keine Konsequenzen ziehen.

Beitrag melden
werimmer 03.12.2018, 15:33
7. Das neuste aus der Filterblase ....

.... wird uns hier präsentiert.

Der nationalheroische Stil des französischen Geschichtsunterrichts hat seine Berechtigung: Die Franzosen wissen, dass es eine Alternative gibt, wenn die Elite nur noch für sich selber schauen mag. Dass Gefasel von der Sehnsucht nach dem gerechten König ist hingegen deutscher Untertanenquatsch.

Der Westen hat ein Strukturproblem: Sein Wirtschaftssystem, dass unfähig ist die Umverteilung von unten nach oben zu stoppen. Ob die französischen Kommunisten und Sozialisten Geschichte sind, wird sich vor diesem Hintergrund erst noch weisen müssen. Grund zur Sorge haben wohl eher die Turbokapitalisten und ihre Stiefelputzer in den Medien.

Beitrag melden
rabandie 03.12.2018, 15:33
8. Frankreich schafft sich ab…

Seit Jahren gehen Franzosen bei allen Reformversuchen auf die Strasse. Mich würde mal ein direkter Vergleich interessieren, zwischen Abgabenlast und Preis / Einkommensniveau zwischen Deutschland und Frankreich. Welche Steuerprogression, welche Freibeträge, welcher Höchststeuersatz, wieviel Prozent Kranken-, Renten-, Pflegeversicherung, Welche Kosten für Studium, Welche Renten, welches Rentenalter usw. M.E. sind die Sozialleistungen, Renten und Pensionen in F besser als bei uns. Des Pudels Kern ist aber: Wenn es in Europa insgesamt nicht gelingt, die Schere zwischen arm und vermögend zu verringern, bzw. die einkommensschwachen Schichten in eine lebenswürdige Existenz mitzunehmen, wird ganz Europa in absehbarer Zeit im Chaos versinken. Die Auswirkungen der Automatisierung auf kommende Jobverluste ist noch garnicht abzusehen, ohne Grundeinkommen wird es gesellschaftlich überhaupt nicht mehr gehen. Zusätzlich noch die Triezereien mit Wohnungskapitalismus, Dieselenteignung, Hartz4, Minirenten –da bahnt sich etwas an, gegen das die heutigen Rebellionen in Paris nichts weiter sind, als ein Kinderspaziergang!

Beitrag melden
curiosus_ 03.12.2018, 15:37
9. Komisch,…

Frankreich ist für seine Bürger zu teuer geworden. Die langen Ferien, Restaurantbesuche, Familienessen, die zum Wesen des französischen Lebensstils gerade in den unteren Schichten gehören, sind nicht mehr zu bezahlen. Wo ein Vereinsfest unter Handwerkern und kleinen Beamten noch vor wenigen Jahren mit Champagner und Austern begangen wurde, werden Bier und Chips serviert. Solche Billigbankette stressen jeden Franzosen, sind Warnzeichen für die Politik.
…
Das Wohnen ist zumal in Paris für Menschen ohne Vermögen gar nicht mehr zu bezahlen. Die Innenstadt ist längst ein Museum, in vielen Straßen stehen Wohnungen permanent leer, weil die reichen Besitzer ganz woanders auf der Welt residieren.


…wenn ich mir das französische BIP pro Kopf so anschaue (z.B. hier), so ist das seit Jahrzehnten stetig am Ansteigen. Warum ist dann "Frankreich … für seine Bürger zu teuer geworden"? Wenn im Mittel jedes Jahr jeder mehr erwirtschaftet?

Aber darauf von seinem Präsidenten eine Antwort zu erwarten, das ist natürlich zu viel verlangt. Das arme Würstchen:

Aber heute kann Macron keine Notenpresse anwerfen, keine Supermärkte zur Preissenkung verdonnern, er kann nicht einmal den öffentlichen Nahverkehr regeln, denn der untersteht den Regionen und Gemeinden. Soll Macron in gelber Warnweste aus dem Élysée treten und Geschenke verteilen?

Mir kommen die Tränen. Wenn er sich wirklich in dieser Beschreibung wiederfindet, dann kann man nur hoffen, dass "seine Bürger" ihn davonjagen.

Beitrag melden
Seite 1 von 7
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!