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Holocaust-Gedenken: Erinnerung ist Kampf um die Zukunft
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Rechtspopulismus will die Verantwortung für die Vergangenheit und die Solidarität für heute Hilfsbedürftige abschaffen. Das können sie nur, wenn wir uns nicht mehr daran erinnern, welche Folgen das hat.

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bigroyaleddi 27.01.2019, 19:19
1. Vergessen darf man niemals!

Was soll die ganze verlogene Vergessensheitskultur überhaupt, das erschliesst sich mir nicht. Wie kann man einfach mal vergessen oder beiseiteschieben, was an Grauseligkeiten in deutschem Namen passiert ist. Selbstverständlich habe ich persönlich - und wie ich hoffe meine direkten Vorfahren - keinen Anteil daran.

Obwohl, ein mal - ein einziges mal - wurde vor einem halben Jahrhundert mal (versehentlich?) von meiner Tante geäußert, dass der Großvater als Lokomotivführer Züge nach Auschwitz gefahren hat. Danach wurde das Thema niemals mehr angesprochen. Ich nehme an, dass das in vielen Familien so der Fall ist.

Man kann die Vergangenheit annehmen, um solche furchtbaren Dinge für die Zukunft auszuschliessen.

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mima84_84 27.01.2019, 19:23
2.

Was man aus meiner Sicht an dieser Stelle unbedingt den jüngeren Generationnen von heute mitgeben sollte:

Niemand will hier Deutschland unterdrücken. Und nein, niemand macht Euch für den Holocaust verantwortlich. Es geht darum, sich einmal zu vergegenwärtigen, was aus ganz normalen Menschen werden kann, wenn sie einer menschenverachtenden Ideologie hinterherlaufen.

Die Leute, die diese Ideologie verbreiten wollen, wissen genau, dass die Erinnerung Ihrer erneuten Machtergreifung und der Umsetzung ihrer menschenverachtenden, mörderischen Ideologie im Wege steht, deswegen haben diese Kreise Argumentationen entworfen um dieses Gedenken zu erodieren. Und sind wir alle bitte nicht naiv, diese Menschen sind bestens organisiert, international vernetzt und bestens rhetorisch geschult.
Eine Argumentationsstrategie ist, dass man jungen Menschen ertählt, irgendjemand wolle ihnen mit dem Holocaust ein schlechtes Gewissen machen. Oft kommen dann auch Andeutungen, irgendjemand würde den Holocaust instrumentalisieren. Dann folgt die Forderung, dass man am Gedenken etwas ändern soll, es ist ja schon so lang her, die heutige Generation hätte damit sowieso nichts zu tun.
Das Ziel ist ganz klar: Der Holocaust soll aus den Köpfen der Menschen, damit man die Nazi Ideologie wieder durchziehen kann. Darauf sind z.B. auch die Chinesen gekommen. Die Regierung hat konsequent das Massaker vom Platz des himmlischen Friedens aus dem Bewusstsein der Bevölkerung getilgt, damit niemand mehr weiß, zu welchen Konsequenzen die kommunistische Politik geführt hat. Da nun langsam die letzten Zeitzeugen sterben werden, wittern die Neonazis morgenluft und arbeiten konzertiert an obiger Strategie.

Man kann nur dazu aufrufen, wachsam zu sein, wenn diese Argumente kommen. Es ist immer dasselbe Muster.

Man sieht obige Strategien natürlich extrem bei offenen Neonazis. Aber viel perfider ist, wie die AfD eher unterschwellig diese Botschaft transportiert. Da wird der Holocaust als "Vogelschiss" tituliert (Abwertung, Relativierung) man fordert eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad (also eine vollständige Umkehr! Das sollte sich jeder mal auf der Zunge zergehen lassen!).
Garniert wird das dann noch damit, dass AfD Mitglieder in Auschwitz offen die Existenz der Gaskammern anzweifeln - den Holocaust selbst also leugnen.

Macht Euch nichts vor, diese Partei hat ein Fernziel und das heißt Deutschland 1933-41. Und das Ziel wird konsequent, in kleinen Schritten aber konsequent verfolgt.

Wir befinden uns gerade in Phase 1: unliebsame Presse diskreditieren, weil man sie noch nicht verbieten kann, politische Gegner terrorisieren, das Gedenken an den Holocaust unterminieren. Und man sucht relativ offen den Kontakt zu militanten Trupps, die den Straßenkampf durchführen können. Man siehe sich nur die Nähe zu den rechtsradikalen Fussballhools im Osten an, die sich ebenfalls eng an PEGIDA andocken.

Man kann den Jugendlichen nur versuchen mitzugeben: Niemand von Euch ist am Holocaust Schuld, nur Ihr tragt die Verantwortung, dass das nie wieder passiert. Wehret den Anfängen!

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Mara Cash 27.01.2019, 19:30
3. Weit her geholt

Der Holocaust war ein schreckliches Verbrechen und die Nachwelt muss daraus lernen, das ist mit Sicherheit richtig. Die Schlussfolgerungen der Autorin sind jedoch sehr streitbar. Solidarität ist keine Einbahnstraße und Integration funktioniert nicht ohne wirklichen Integrationswillen. Die antisemitischen Übergriffe in Europa in den vergangenen Jahren richtig differenziert zu verorten, ist der Autorin leider komplett misslungen - es gibt rechts-/linksextremen sowie radikalmuslimischen Antisemitismus und diesem ist entschlossen entgegen zu treten.

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do_jo 27.01.2019, 19:40
4. Sehr guter Beitrag zum Thema systematischer Judenvernichtung!

Den Begiff "Holocaust" gab es übrigens erst seit dem gleichnamigen Film aus den USA. Doch auch mehrere meiner Vorfahren wollen das damals gar nicht so richtig mitbekommen haben, wunderten sich allerdings, dass so viele Juden irgendwann verschwunden waren...
Und heute? In Dortmund, NRW, nicht irgendwo in den neuen Bundesländern, wird von den Rechten regelmäßig skandiert: "Wer Deutschland liebt, ist Antisemit", u.a. rechter Müll, wobei schwarz-weiß-rote Fahnen geschwenkt werden!
Sehr schlimm und sehr traurig...

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tropfstein 27.01.2019, 19:58
5. Die Pauschalattacke war daneben

Egal ob man die AfD mag oder nicht, sie hat wie jede Partei das Recht auf fairen Umgang. Selbstverständlich darf man sie - und jede andere Partei auch - vom Rednerpult aus attackieren, aber nur in einer Debatte, nicht aber in solch einer Situation. Als Rednerin in einer Gedenkveranstaltung, Holocaustopfer obendrein, war Frau Knobloch unantastbar. Es gab also keine, wirklich keine möglichkeit, sich gegen eine Pauschalattacke zu verteidigen. Das bei solch einer Veranstaltung auszunutzen, war nicht angebracht. Was hätten die AfD-Abgeordneten anders machen sollen, als den Saal zu verlassen? Das Mikrofon entern?

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vera gehlkiel 27.01.2019, 20:05
6. @Mara Cash

Zitat von Mara Cash
Der Holocaust war ein schreckliches Verbrechen und die Nachwelt muss daraus lernen, das ist mit Sicherheit richtig. Die Schlussfolgerungen der Autorin sind jedoch sehr streitbar. Solidarität ist keine Einbahnstraße und Integration funktioniert nicht ohne wirklichen Integrationswillen. Die antisemitischen Übergriffe in Europa in den vergangenen Jahren richtig differenziert zu verorten, ist der Autorin leider komplett misslungen - es gibt rechts-/linksextremen sowie radikalmuslimischen Antisemitismus und diesem ist entschlossen entgegen zu treten.
Integrationswillen setzt immer Toleranz voraus und ist eine Leistung, die in einem Klima der Ausgrenzung und Stigmatisierung auch den Integrationswilligsten einfach unmöglich gemacht wird. Gerade hierfür taugt das historische Beispiel, wenn man sich bewusst macht, wie stark die deutsche Kultur von deutschsprachigen Figuren wie Freud, Heine, Kafka und Einstein geprägt wurde, und wie leicht es nur einer Handvoll menschenfeindlicher Extremisten fiel, durch ihr schlechthin dümmlich perfides Gerede von "notwendigen" Grenzen zum Schutze eines überwertigen "Volkskörpers", die Solidarität zu diesen Giganten "deutscher Leitkultur" (beruhend auf einem Faktum, dass für alle vier nur mehr oder weniger eine Nebensache gewesen war, jedenfalls am Ausgangspunkt) komplett zu unterminieren. Die "Trennkost", die uns ihr Beitrag auferlegen will, ist glaube ich in Wahrheit mit ein Keim für alles, was im Bemühen um menschliche Zvilisation ziemlich komplett schiefgehen kann. Man wollte damals die Juden nicht, weil sie eben Juden waren, nicht wegen dem Grad ihrer Integration. Was die Juden im Einzelnen taten oder unterliessen, war komplett gleichgültig. Dass die prinzipielle Ausgrenzung, um rein überpersonaler Eigenschaften willen, bei heutigen Rechtspopulisten wieder ein "Markenkern" ist, kann niemand ernstlich bestreiten. "Linksgrünversifft" nannte der freundliche Herr Meuthen mich dermaleinst, ein Wort, das ich ganz persönlich nehme. Bitte informieren sie mir netter Weise doch, auf welche bestimmte Art ich mich dazu "integrativ" verhalten sollte?!

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niska 27.01.2019, 20:10
7.

Ein sehr gelungener Kommentar. Doch die notwendige, brennende Frage: Wie können wir künftig die absolut notwendige Errinnerungskultur aufrecht erhalten? In meiner Schulzeit hat man fast in jedem Fach verstärkt die Weltkriegsjahre und vor allem auch, wie es dazu kam unterrichtet. Im Geschichte-LK fast ausschliesslich 1860 bis 1945. In Politik das Phänomän der neuen alten Rechten, die es damals schon gab. In Deutsch Becker, Brecht, Dürrenmatt etc. In Religion sowieso. In Kunst Klee etc. pp. In Bio Sozialdarwinismus. Das war ein absoluter Overkill, auch im traurig wörtlichen Sinne. Viele waren genervt, sagten, dass sie doch nichts mehr damit zu tun hätten. Doch es gab für mich zwei Erweckungserlebnisse, die mir den Sinn dieser Lehrplanhäufung plakativ eröffneten. Das Erste war ein Besuch in Dachau, im Ort und im KZ, mit kompetenter Begleitung. Man sah das Grauen plakativ. Das zweite, aber noch wichtigere, war der Besuch des wunderbaren Max Mannheimer bei uns an der Schule. In ihm wohnte trotz seines Schicksals kein tiefer Hass, nur Liebe und die gab er an uns weiter, mit der Mahnung es nie wieder soweit kommen zu lassen. Doch was ist jetzt? Die authentischen Zeitzeugen werden immer weniger. Wer oder wie kann man das künftig fehlende, direkte Empathische weitergeben? Ich hätte wirklich gerne eine befriedigende Antwort, die meine Furcht vor dem bereits deutlich beginnenden Rollback abmindern könnte?

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niska 27.01.2019, 20:17
8.

Zitat von Mara Cash
Der Holocaust war ein schreckliches Verbrechen und die Nachwelt muss daraus lernen, das ist mit Sicherheit richtig. Die Schlussfolgerungen der Autorin sind jedoch sehr streitbar. Solidarität ist keine Einbahnstraße und Integration funktioniert nicht ohne wirklichen Integrationswillen. Die antisemitischen Übergriffe in Europa in den vergangenen Jahren richtig differenziert zu verorten, ist der Autorin leider komplett misslungen - es gibt rechts-/linksextremen sowie radikalmuslimischen Antisemitismus und diesem ist entschlossen entgegen zu treten.
Sie bauen hier einen Strohmann auf. Als wäre mit dem Kampf gegen Antisemitismus nur der gegen rechte Kreise gemeint. Dem ist selbstverständlich nicht so, wäre ja dumm. Es geht gegen autoritäre und menschenverachtende Strömungen im Allgemeinen.

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niska 27.01.2019, 20:28
9.

Zitat von tropfstein
Egal ob man die AfD mag oder nicht, sie hat wie jede Partei das Recht auf fairen Umgang. Selbstverständlich darf man sie - und jede andere Partei auch - vom Rednerpult aus attackieren, aber nur in einer Debatte, nicht aber in solch einer Situation. Als Rednerin in einer Gedenkveranstaltung, Holocaustopfer obendrein, war Frau Knobloch unantastbar. Es gab also keine, wirklich keine möglichkeit, sich gegen eine Pauschalattacke zu verteidigen. Das bei solch einer Veranstaltung auszunutzen, war nicht angebracht. Was hätten die AfD-Abgeordneten anders machen sollen, als den Saal zu verlassen? Das Mikrofon entern?
Nein, dieses Recht hat die AfD spätestens da verspielt gehabt, als sie allen Ernstes mit der Weissen Rose am Revers, gemeinsam mit verurteilten Nazis und Schlägern, durch Chemnitz marschiert ist. Da ist der inszenierte Eklat im Landtag nur ein weiterer tiefbrauner Spritzer auf den immer gewaltiger werdenden Haufen.

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