Forum: Politik
Kanzler der Einheit: Eine Jugend unter Kohl
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Helmut Kohl war nie mein Kanzler. Bis er es doch noch wurde.

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vera gehlkiel 17.06.2017, 12:42
160.

Ich bin 1974 geboren. Kohl war schon da, als mein politisches Bewusstsein erwachte, und er blieb noch enorm lange Kanzler. In meinem familiären Umfeld und bei den Freunden meiner Eltern wurde er durchweg stark abgelehnt, aber das machte nichts, er war dennoch der Kanzler all dessen, was man selbst von Herzen ablehnte, während man sich abnabelte und selbst erwachsen wurde. Entsprechend moralisch überstrapaziert war dann die simple Tatsache, dass endlich jemand anderes, eine erhofft komplett neue Ausrichtung, dran kam. Zum ersten Mal erfuhr man durch Schröder und Fischer gewisser Massen "in Wirklichkeit", dass unsere Demokratie überhaupt funktionstüchtig war. Ich habe lange die Huldigungen für den Kanzler der Einheit für übertrieben gehalten, geglaubt, all das sei ihm als grösstem Glückspilz aller Zeiten eigentlich eher in den Schoss gefallen. Sogar die Häme nachvollzogen, die darin lag, dass ihm vorgehalten wurde, Russen und europäische Nachbarn hätten ihn als formbar, weil eigentlich schwach und nachgiebig unter seiner Riesengestalt, erlebt und nur deshalb auf das Risiko Wiedervereinigung gesetzt. Gestern Nacht habe ich noch viel fern gesehen und mir Kohls grosse Stunden, vielleicht zum ersten Mal mit Sinn und Verstand, betrachtet. Dort sah man einen Mann, der in eine untergehende, bedrohlich eruptive DDR reist, und der die Verzweifelnden dort völlig überzeugt, weil er selbst eine tiefe Überzeugtheit verkörpert, die in vielleicht alles entscheidenden Momenten instinktsicher wie nie zuvor funktioniert, ganz ohne falsches Pathos auskommend. Er ist fast charismatisch, aber auch von schon wieder altmodisch wirkender Präsenz, auf einmal ein echter Menschenfischer. So phänomenal, dass einem heutzutage fast nur Macron (der ja aber erst noch etwas leisten muss) einfällt. Auch, wie differenziert er in dem berühmt gewordenen Lamby-Interview aus 2003 über den Euro redet, wie sehr man ihm, wenn der Schleier der Ablehnung ein bisschen davon ist, glaubt, dass er wirklich einer war, der mit Menschen reden konnte, dem Freundschaft und vor allem Treue weit über die politische Position gegangen ist, das rührt nun stark an. Rückt diesen Koloss in ein viel besseres, weil präziseres Licht. Ich denke, gerade Kohl hat es verdient, dass man sich nun noch einmal intensiv mit ihm befasst, deshalb muss man weiss Gott nicht gleich CDU wählen. Ich bin sicher, seine parteiübergreifend historische, ganz echte Sorge um Europa und seine leidenschaftliche Hingabe für die Wiedervereinigung sind noch gar nicht von der Geschichte verdaut worden. Wir alle benötigen die Möglichkeit, Kohl jetzt historisch richtig einzuordnen, wahrscheinlich viel viel dringender, als man zunächst meinen könnte.

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bammy 17.06.2017, 12:43
161.

Zitat von Izmir..Übül
Der 2+4 Vertrag ist völkerrechtlich kein Friedensvertrag, er wurde nur von den Siegermächten als Äquivalent anerkannt, und zwar teilweise zu Lasten Dritter (Griechenland). https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-plus-Vier-Vertrag#Anstatt_eines_Friedensvertrages
Nochmal.
Der 2+4 Vertrag ist völkerrechtlich anerkannt.
Dort wird nicht nur Deutschland mit Zustimmung der Besatzungsmächte vereinigt, sondern auch ein Kriegszustand beendet.
Es muß ja nicht Friedenvertrag drauf stehen. Entscheidend ist auf was man sich einigt.
Und das ging sicherlich nicht zu Lasten Griechenlands. Denn Deutschland hat ja auch Griechenenland als EU Netto-Einzahler Einiges an Geld zukommen lassen.
Sicher wäre es für Griechenland charmant sich jetzt nochmal auf den 2. Weltkrieg zu berufen und sich nochmal eine nette Summe zukommen zu lassen.

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bammy 17.06.2017, 12:47
162.

Zitat von Izmir..Übül
Das nenne ich mal Klischees. Aber Sie haben recht: Vor 30 Jahren waren die Leute bescheidener, denn da hatte kaum jemand einen Internetanschluss oder ein Smartphone.
Sie haben nur nicht verstanden, worauf ich hinauswill.
Vielleicht hätte ich als Überschrift dazu schreiben sollen, das die Welt vor 30 Jahren eine Andere war, als heute. Dann hätten Sie vielleicht die Aufzählung als Verdeutlichungen verstanden

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Haarfoen 17.06.2017, 12:56
163. ... der Historiker Kohl und seine "Geschichte" ...

Die Annäherung der "Blöcke" im kalten Krieg haben wir nicht Helmut Kohl, sondern Willy Brandt und Egon Bahr zu verdanken. Kohl hat nicht gesäht, er hat geerntet. Fehlende Protokolle z. B. zur Osterweiterung der NATO und die darauf folgende rücksichtslose "Plünderung" der DDR durch die Treuhand haben wir ihm zu verdanken, die tapferen Bürgerrechtler der DDR waren schnell Makulatur. "Bimbes" - das war die eigentliche Welt von Helmut Kohl. Mangelnde Transparenz, Machtkonzentration und Geldströme, die dann seine Helfer in Aktenkoffern durch die Republik schleppten - es hatte einen Grund, dass nach seiner Entmachtung alle Festplatten im Bundeskanzleramt gelöscht, bzw. zerstört werden mussten. In der "Spendenaffaire" hat er ja beharrlich und widerrechtlich geschwiegen. Es fällt schwer, etwas Gutes an ihm zu finden. Als Europäer hat er sich verdient gemacht, das ist richtig. Diese Gesinnung konnte er wohl nicht mehr an "sein Mädchen" transferieren, die unsere Republik weiterhin in einem Zustand der politischen Untätigkeit und des Aussitzens festhält - so wie er, der große Helmut Kohl.

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heineken1 17.06.2017, 12:56
164.

Zitat von vera gehlkiel
Ich bin 1974 geboren (…)
Danke Vera, für diesen ausgewogenen Kommentar. Wenn auch nicht im selben Jahr geboren (+2 ;-), kann ich sehr viel von dem was Sie schreiben empfinden. Helmut Kohl war, in einigen Dingen zu unrecht und zu übertrieben, der Politiker schlechthin, durch und an dem man sich in seiner Jugend politisierte. Was übrigens auch gut war; man stelle sich nur vor, man hätte formbare 0815-Gesellen als 'Vorbilder' da vor sich gehabt.

Ich möchte nur noch einen Satz ergänzen, den er 2009, zu den 20 Jahr Feiern des Mauerfalls sagte und der so viel über unser aller schwieriges Verhältnis zu unserem Land aussagt:
„Ich hab’ nichts Besseres, stolz zu sein, als auf die deutsche Einheit stolz zu sein.“

Hoffen wir darauf, auch in Gegenwart und Zukunft wahrhafte Staatsmänner (und Frauen) aus unserer Mitte hervor- und an die richtigen Positionen zu bringen!

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Izmir..Übül 17.06.2017, 13:07
165.

Zitat von bammy
Und das ging sicherlich nicht zu Lasten Griechenlands. Denn Deutschland hat ja auch Griechenenland als EU Netto-Einzahler Einiges an Geld zukommen lassen.
Und das hat man 1990 natürlich bereits gewusst, dass sich viele Jahre später mal so eine Entwicklung ergeben würde.

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Izmir..Übül 17.06.2017, 13:14
166.

Zitat von NauMax
Wie hätte Kohl die Nato-Osterweiterung verhindern können, wenn Deutschland vorher ausgetreten wäre, um sich weltfremden radikalpazifistischen Träumereien hinzugeben? Für die Staaten Osteuropas wirkte die Bedrohung, Russland könnte eines Tages versuchen, seine alte Einflussphäre wieder aufzubauen so real, dass sie sich nach potenziellen Bündnispartnern umsahen. Ihnen dieses Recht zu verweigern und sie damit auf Gedeih und Verderb einem militaristischen Imperialstaat zu überlassen ist übrigens alles andere als pazifistisch - im Gegenteil! Ein komplett entwaffnetes Europa würde mittlerweile Russisch sprechen!
Sie haben völlig recht! Ich sage den Kritikern der NATO-Osterweiterung immer, dass diese Länder ja nicht zum Beitritt genötigt wurden, sondern dies auf Grund ihrer einschlägigen historischen Erfahrungen mit dem "großen Bruder" im Osten allesamt absolut freiwillig und im eigenen Sicherheitsinteresse getan haben.

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pygmy-twylyte 17.06.2017, 13:17
167. Ein Mann mit Rückgrat

Helmut Kohls Verdienste sind unbestritten. - Er war ein Machtmensch mit einem fein verästelten Netzwerk, aber auch ungeschickt, z.B. im Umgang mit Medien wie dem "Spiegel". - Viele Leichen pflasterten seinen Weg. Warum nahm sich seine Frau das Leben, und warum brach er den Kontakt zu seinen beiden Söhnen und Enkelkindern so abrupt ab? Fragen über Fragen, auf die ich gerne eine Antwort wüsste. - Kohl war nie mein Kanzler, ebensowenig wie Helmut Schmidt und Politiker wie Heiner Geißler. Erst viel später, weise geworden, wurden sie mir sympathisch, vor allem Helmut Schmidt und Heiner Geißler. - Kohl bewundere ich für seine Standhaftigkeit, u.a. in der Spendenaffäre, wo er sich beharrlich weigerte, die Geldspender zu nennen, und es auf sich nahm, von seiner Partei wie ein Aussätziger behandelt zu werden.

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werhaettedasgedacht 17.06.2017, 13:19
168.

Zitat von Haarfoen
Die Annäherung der "Blöcke" im kalten Krieg haben wir nicht Helmut Kohl, sondern Willy Brandt und Egon Bahr zu verdanken. Kohl hat nicht gesäht, er hat geerntet. Fehlende Protokolle z. B. zur Osterweiterung der NATO und die darauf folgende rücksichtslose "Plünderung" der DDR durch die Treuhand haben wir ihm zu verdanken, die tapferen Bürgerrechtler der DDR waren schnell Makulatur. "Bimbes" - das war die eigentliche Welt von Helmut Kohl. Mangelnde Transparenz, Machtkonzentration und Geldströme, die dann seine Helfer in Aktenkoffern durch die Republik schleppten - es hatte einen Grund, dass nach seiner Entmachtung alle Festplatten im Bundeskanzleramt gelöscht, bzw. zerstört werden mussten. In der "Spendenaffaire" hat er ja beharrlich und widerrechtlich geschwiegen. Es fällt schwer, etwas Gutes an ihm zu finden. Als Europäer hat er sich verdient gemacht, das ist richtig. Diese Gesinnung konnte er wohl nicht mehr an "sein Mädchen" transferieren, die unsere Republik weiterhin in einem Zustand der politischen Untätigkeit und des Aussitzens festhält - so wie er, der große Helmut Kohl.
sie nennen die namen von 2 Vaterlandsverrätern

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spontifex 17.06.2017, 13:21
169. Bravo. In Vera vinitas.

Zitat von heineken1
Danke Vera, für diesen ausgewogenen Kommentar. Wenn auch nicht im selben Jahr geboren (+2 ;-), kann ich sehr viel von dem was Sie schreiben empfinden ...
... ja, die Vera ist für Spiegel online schon so 'ne Art Dr. Sommer.

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