Forum: Politik
Klassengesellschaft: Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern
DPA

Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?

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chris.ebb 14.12.2017, 19:19
90.

Zitat von sabinaz
Klar, mit Ganztageskindergärten und Ganztagsschulen, die diese Lücke füllen. Flächendeckend, als Regelmodell, erstklassig ausgestattet natürlich, so dass Kinder hierzulande wirklich alle dieselben Chancen haben. Schlimmes Problem, ganz klare Lösung. Auf geht's!
Nun gibt es aber auch Eltern, die bereit sind, kürzer zu treten und halbtags zu arbeiten, weil sie die Nachmittage mit ihren Kindern verbringen wollen und ihnen nicht schon in ihrer frühen Jugend Vollzeitfremdbetreuung zumuten wollen.
Ganztagsschulen sind in Ordnung, solange man den Eltern Wahlfreiheit lässt.

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Sixpack, Joe 14.12.2017, 19:26
91. Die Fähigkeit zum Lesen hat mit den Eltern nur sehr wenig zu tun!

Wenn die Schule erst mit 6 Jahren anfängt (viele Kinder übrigens erst mit 7 Jahren) statt mit 4, und die Schule auch noch jeden Tag um 12 Uhr aufhört, kann man froh sein dass 80% in der Lage ist zu lesen. Aber was soll´s: die ganze Welt weiss es: mit 6 in der Schule und mit 10 schon ausgesiebt, das passiert nur in Deutschland. Aber warum lernen von anderen Ländern?

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fpa 14.12.2017, 19:31
92. Wer diesen Satz schreiben kann

"Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern", als Überschrift für seinen Artikel, der hat sich offenbar die IGLU Tests selbst überhaupt nicht angeschaut. Und für die meisten Diskutanten hier dürfte das Gleiche gelten. Dabei hatte ich den Ling zu dem IGLU Dokument schon einmal ins Forum gesetzt (https://www.waxmann.com/?eID=texte&pdf=3700Volltext.pdf&typ=zusatztext). Es juckt schlichtweg keinen. Aber jeder hat eine feste Meinung dazu. Prima. Genauso pflegt man seine Vorteile.

Hier einer der Tests und ... Liebe Moderatoren, durch dieses Zitat wird kein Urheberrecht verletzt. Der Waxmann Verlag selbst hat das gesamte IGLU Dokument ins Netzt gestellt. Und ich denke, es ist wirklich nötig, einen Blick auf so ein Testbeispiel zu werfen, ehe man die wüstesten Theorien über die Ergebnisse des IGLU Test hier verbreitet.

Vielleicht war der Auszug im ersten Versuch aber auch zu lang. Ich kürze ihn ein wenig. Ab Seite 95 kann das jeder nachlesen, bzw. die vollständige Geschichte und die Fragen dazu lesen

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"Marie und das rote Huhn" von Prue Anderson

Marie entriegelte die Käfigtür. Sie zog sie auf und lächelte, als eine Schar Hühner in den Hof schoss. Mit viel Federschütteln und Kreischen ließen sie sich nieder, um die Reste vom Abendessen zu fressen, die Marie für sie verstreut hatte. Wie gewohnt übernahm das rote Huhn das Kommando, schnappte sich die besten Reste und hackte nach jedem Huhn, das es wagte, ihm in die Quere zu kommen. Dabei schlug es mit den Flügeln und machte jede Menge Theater.
„Warum lassen die anderen Hühner sich von dem roten Huhn so
herumkommandieren?“, hatte Marie ihre Mutter gefragt.
„Hühner haben eine Hackordnung“, erklärte ihre Mutter. „Das mutigste und stärkste Huhn hat das Kommando. Es darf nach allen anderen Hühnern hacken, aber keins darf nach ihm hacken. Das nächste Huhn in der Hackordnung kann nach allen hacken außer nach dem obersten Huhn, und so geht das bis ganz runter, also tut einem das arme Huhn ganz unten wirklich leid. Hühner haben gerne eine Anführerin, die sie herumscheucht.“
Aber Marie war anderer Ansicht. Jeden Abend musste sie die Hühner
wieder in ihrem Käfig einsperren, damit Füchse und Eulen sie sich
nicht holten. Das war ihre Aufgabe. Jeder in ihrer großen Familie hatte
Aufgaben. Wenn es dunkel wurde, gingen alle Hühner gerne wieder zurück in ihren Käfig. Das heißt, alle außer dem roten Huhn. Es tat so, als würde es in Richtung Käfigtür gehen, und rannte dann im letzten Moment zur Seite und wartete darauf, dass Marie ihm hinterherjagte.
Ein weiterer Trick war, sich in die Mitte des Hofs zu setzen. Sobald
Marie nahe genug war, um sich zu bücken und es hochzuheben, schlug das Huhn heftig mit den Flügeln, sodass Marie es nicht greifen konnte, dann rannte es wieder weg. Schließlich, wenn das rote Huhn entschieden hatte, dass Marie ihm genug hinterhergejagt war, ging es ganz ruhig von allein in den Käfig. Seine kleinen roten Augen glänzten triumphierend, als Marie die Käfigtür hinter ihm zuschlug.
...

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Sixpack, Joe 14.12.2017, 19:33
93. Also die Mutter in Schweden und Finnland sollen auch zuhause bleiben?

Zitat von jebeb
.. zerstört Familien, denn es wird heutzutage von Frauen, also auch von Müttern, erwartet, dass sie arbeiten gehen. Alleinerziehende haben es da besonders schwer. Die von der Arbeit erschöpften Eltern können sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern. Es liegt also nicht an den Eltern alleine, sondern am gesellschaftlichen Umfeld. Das darf man nicht ignorieren.
Da arbeiten die Mutter doch auch? Und laufen nicht um 12 zur Schule um die Kinder abzuholen. Haben auch keine Herdprämie! Trotzdem lernen die Kinder dort lesen (und schreiben).

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vera gehlkiel 14.12.2017, 19:42
94.

Klar, Stigmatisierung hilft immer, um die Dinge besser zu machen. Alle "bildungsfernen Schichten" sind schuld daran, dass die Gesellschaft verblödet. Der fett verdienende Vertriebsleiter eines Handy-Multis kann dafür nichts, dass die Leute nicht mehr lesen, auch der durch blinkendes China-Spielzeug für Dreijährige zum Multimillionär gewordene "Leistungsträger" und Grossimporteur ist selbstverständlich komplett unschuldig. Wen kümmert es aber, ob wir endlich, besonders in den Grundschulen und Kitas, wo Prägung für den ganzen Lebensweg entsteht, hochwertige Professionalität entwickeln? Womit etwa einherginge, dass es in einer Grundschule niemals mehr als, sagen wir, allerhöchstens fünfzehn Kinder geben dürfte, dass Erzieherinnen (es werden verzweifelt welche gesucht, das ist aber niemals Thema in irgendwelchen Talkshows) gut das Doppelte verdienen müssten, etc. - sondern das Geld wird investiert, damit die Leute neben der Lastwagenflut unverändert Platz auf den Strassen für den Kauf von immer teureren und PS-stärkeren Riesenautos haben, sich darum immer mehr Pakete mit Billigtextilien zuschicken lassen, immer noch mehr Fleisch, Milchprodukte, Süssigkeiten in sich reinstopfen können. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, einer der wenigen Orte, an denen es wenigstens noch einen schmalen Restbereich gibt, wo über die Bücher eines Handke etc.pp. zu reden ist, gehört hingegen besonders nach Meinung der Neokonservativen abgeschafft. Warum sollte aber jemand gross lesen lernen, dem die "Bild-Zeitung", "Galileo" und "Akte" sowieso schon die Welt im Ganzen erklären, und zwar in einer Art von schlichter Kindersprache, die ausgefeilt auf Konsumoptimierung zugeschnitten ist? Etwas mehr verstehen übers Lesen, das bedeutet, sich sehr anzustrengen, und wenn unsere Kinder daran keine rechte Freude mehr haben, sollten wir, und zwar alle zusammen, über unsere vorgelebte geringe Frustrationstoleranz ernsthafter nachdenken. Das fängt beim durch keine Ratio mehr zu beeindruckenden SUV-Fahrer, der die linke Fahrspur permanent besetzt hält, an. Das Prekariat kommt erst viel später. Ich werde jedenfalls dieses Jahr jedem meiner Bekannten und Verwandten ein Buch schenken, und es wird anstrengender Kram sein, eben Handke oder so etwas. Und ich werde sie nach den Feiertagen in Gespräche darüber zu verwickeln versuchen, damit es ihnen peinlich sein muss, es nicht wenigstens teilweise zu lesen. Wäre so mein Vorschlag zur Anwendung eines milden Zwanges.

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elli1965 14.12.2017, 19:43
95. Es geht um Viertklässler!

Aus eigener Erfahrung konnte ich als Viertklässler ebenfalls nicht richtig Lesen und Schreiben. Vielleicht hing es damit zusammen, dass Grammatik und Begriffe wie Substantiv, Adjektiv oder Adverb erst Thema in der fünften Klasse waren. Daher war im Deutschunterricht das Diktat bis zur siebten Klasse auch vorherrschend, Aufsätze und Erläuterungen gab es erst ab der achten Klasse. Von meinen Altersgenossen in der Klasse und im Freundeskreis gab es niemanden, der in seiner Freizeit freiwillig ein Buch gelesen hätte. Vielleicht waren die Zielvorstellungen vor vierzig Jahren auch anders, aber als Hauptschulabgänger sollte man damals nach acht Jahren Schulzeit seinen Lebenslauf und eine Bewerbung schreiben sowie Artikel in einer Tageszeitung lesen und verstehen können. Ein Realschulabschluss und natürlich das Abitur erforderte schon viel mehr. Ich habe allerdings in der Oberstufe und auch im Studium viele Mitstreiter kennengelernt, die immer noch mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuss standen und selbst heute noch gibt es Vorgesetzte und Geschäftspartner, die recht auffällig viele Rechtschreibfehler machen soweit sie nicht die Rechtschreibkorrektur eines Office-Programms nutzen. Zumindest aus eigener Erfahrung sind heutige Schulabgänger weder schlechter noch besser als zu meiner Zeit mit Ausnahme von Englischkenntnissen, diese sind in der Regel besser als in den Achtzigern. Wenn die Anforderungen an Schulabgänger sich steigern, dann muss sich Schule und schulisches Lernen umstellen. Die meisten Reformen seit den Siebzigern haben aber allenfalls an den Symptomen herumgedoktert.

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yorktonite 14.12.2017, 19:46
96. Seinem Wesen nach ...

... neigt der Mensch dazu, sich selbst als das Mass der Dinge anzusehen. Dies ist der Grund dafuer, dass viele Eltern es nicht gern sehen, wenn ihre Kinder einen hoeheren Bildungsstand anstreben als der, ueber den sie selbst verfuegen. Die Moeglichkeiten, das eigene Kind vom Lesen und Lernen abzuhalten, um sich selbst nicht in Frage stellen zu muessen, sind vielfaeltig.

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maschseefest 14.12.2017, 19:48
97. Was bedeutet zunehmende Heterogentität der Schülerschaft

Bravo Herr Fleischhauer, ich lese Ihre Kommentare in den letzten Jahren und muss sagen, dass dies ihr wichtigster davon ist. Allerdings ist ihr Artikel unvollständig. Die Behörden haben das schlechte Abschneiden mit der zunehmenden Heterogenität der Schülerschaft begründet? Das ist richtig und falsch zugleich. Länder wie Singapur, Australien oder Kanada haben ebenfalls eine hohe Heterogenität der Schülerschaft, schaffen es aber trotzdem sehr gut abzuschneiden. Ich habe vor einiger Zeit einen Bericht im Fernsehen gesehen, dass in Berlin die besten Schüler Deutsche vietnamesischer Abstammung sind. Die stellen in den Matheleistungskursen die besten Schüler und sind dort weit überproportional vertreten. Auf der anderen Seite sind Jugendliche arabischer und türkischer Herkunft an den Hauptschulen überrepräsentiert. Ich behaupte jetzt einfach mal Sarazzin hatte Recht. Hätten wir in den letzten Jahren eine Million neue Mitbürger aus Vietnam oder Südkorea aufgenommen, dann hätten wir in den Test vielleicht sogar besser abgeschnitten und die zunehmende Heterogenität wäre positiv gewesen. So umschreibt die Aussage der zunehmenden Heterogenität verklausuliert die Zunahme von bildungsfernen Kindern aus arabischen und türkischen Haushalten. Warum Sie Herr Fleischhauer das nicht geschrieben haben, wundert mich ehrlich gesagt ein wenig.

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noethlich 14.12.2017, 19:49
98. Armen-Bashing

á la americana.... ja, das sind schon schlimme Leute die Armen, gelle. Wirklich unappetitlich, wie hier Einzelfälle auf eine ganze Bevölkerungsgruppe bezogen werden. Nichtsdestotrotz stimme ich der Schlussfolgerung von Herrn Fleischhauer zu.

Wenn Eltern nicht können oder wollen (wobei der Übergang sehr fließend ist), muss der Staat einspringen und den Kindern die helfende Hand bieten, die sie im Elternhaus nicht haben. Jedes Kind brauch eine positive, motivierende Bezugsperson, die für es da ist, wenn es sie braucht. Mit 6 Jahren ist es wirklich schon sehr spät, manchmal zu spät.

Ob Herr Fleischhauer auch dem tiefen Griff in den öffentlichen Geldbeutel zustimmt, der für eine solche Reform notwendig wäre, wäre eine interessante Information in diesem Artikel gewesen.

Wie dem auch sei, Herr Fleischhauer. Bei allen rhetorischen/ideologischen Diskrepanzen: Packen wir's an!

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fpa 14.12.2017, 19:53
99. Das ist etwa 1/5 einer Geschichte aus dem Lesefähigkeitstest

Anschließend werden dann Fragen zum Text gestellt. Man findet die Fragen auf Seite 100 des Dokumentes. Zum Teil sind das einfache Multiple Choice Fragen, zum Teil Fragen zu Zusammenhängen oder Kausalitätsbeziehungen, und zum Teil die Aufforderung zu einer ausführlichen Umformulierung von kurzen Zitaten in wörtliche Rede ("Was meint er damit?").

Auf jeden Fall hat das wenig zu tun mit "Ganzwortmethode" oder "Buchstabenschleifen", etc. Ja selbst mit Vorlesen nicht unbedingt. Ich erinnere mich sehr gut, meine Kinder es z.B. Krabat vorgelesen zu bekommen. Aber ehrlich gesagt, mir ging es dabei um Gefühle, meiner und die meiner Kinder. Auf die Idee, Details abzufragen oder Interpretationen, auf die Idee bin ich jedenfalls nie gekommen.

Ich denke nur, viele Beiträge hier - jeder schimpft auf etwas anderes - werden dem Test und seinen Ergebnissen einfach nicht gerecht. Denn selbst für einen gebildeten Erwachsenen ist das nicht ohne. Wenn man mich damit getestet hätte, hätte ich (mit Hochschulabschluss) durchaus meine Probleme damit gehabt. Sprich, ich hätte nachlesen müssen, um alle Fragen beantworten zu können. Denn für mich war der Inhalt der geschichte einfach zu langweilig, um mir alles zu merken. Wenn das aber mir passieren darf, warum darf es dann nicht auch einem 10-jährigen passieren?

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