Forum: Politik
Krawalle in England: Gesellschaft vor der Kernschmelze

Mit den Krawallen von London erlebt der*Westen sein soziales Fukushima. Aber wer hatte denn gedacht, die Vermehrung des Reichtums durch einige Wenige bei gleichzeitiger Verelendung der Vielen könne so weitergehen?

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Gerlinde66 19.08.2011, 02:31
620. Blinde Demokratieverteidigung

Lieber Herr Augstein,

Demokratie und Marktwirtschaft alias Kapitalismus gehören zusammen als die zwei Seiten einer Medaille, darin sind sich sogar die offiziellen bürgerlichen Demokraten einig - und Sie wollen seltsamerweise diese Demokratie erhalten? Das Ende des demokratischen Zeitalters, das identisch ist mit der Totalisierung von Warenform und Geldwirtschaft, geht so oder so zu Ende, wie die sozialen Brennpunkte der kapitalistischen Zentren uns vor Augen führen.

Dass den "Überflüssigen" de facto das Lebensrecht abgesprochen ist, erscheint als Triumph rechtsstaatlicher Verfahrensregeln der liberalen Demokratie. Selbst dem Dümmsten leuchtet ein, dass diese demokratische Interpretation der Welt nicht mehr durchhaltbar ist, wenn die "Überflüssigkeit" eine bestimmte kritische Masse überschreitet. Allen Anschein nach wurde dieser kritische Masse erreicht. Folglich befinden wir uns nicht vor, sondern in einer bereits schon eingetretenen gesellschaftlichen "Kernschmelze".

Das Fehlen jeglicher Alternative, die weitgehende intellektuelle Verweigerung einer Diskussion darüber und die allgemeine Befangenheit in den kapitalistischen Kategorien bis in die Psyche hinein, können nur noch in eine ausweglose Situation führen. Nun reibt man sich die Augen und stellt erschrocken fest, dass die kollabierende unentwickelte Peripherie den entwickelten kapitalistischen Zentren den Spiegel ihrer eigenen Zukunft vorhält. Das Muster ist überall dasselbe. Die staatskapitalistische Variante ist bankrott, die krisengebeutelte Verwertungsmaschine als solches hört auf zu funktionieren - aber die Menschen bleiben auf die sozialökonomische Subjektform dieses Systems festgenagelt.

So entsteht das Paradox von Geldsubjekten ohne Geld, von Konkurrenzsubjekten ohne Konkurrenzfähigkeit, das heißt, wenn die Konkurrenz keine ökonomische Substanz mehr hat, kann sie nur noch in die Barbarei führen. Hinter dem bürgerlich-demokratischen Rechtssubjekt kommt wieder die ursprüngliche kapitalistische Gewaltfratze hervor, um die Konkurrenz mit anderen Mitteln fortzusetzen - jetzt freilich nicht mehr die konstituierende Gewalt der bürgerlichen Aufstiegsgeschichte, sondern die dekonstituierende wechselseitige Gewalt des kapitalistisch domestizierten Menschenmaterials in einer Zerfalls- und Abstiegsgeschichte, in die uns geradewegs die sogenannte parlamentarische Pseudo-Demokratie, das Feigenblatt gesellschaftlich legalisierter Ausbeutung, geführt hat.

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Scribulus 19.08.2011, 04:13
621. Die Mitte zwischen 2 Extremen

Zitat von erstmalüberlegen
Für mich ist weder der Neoliberalismus noch die "Die Linke" eine Option die mir gefällt.
Es hat den Anschein, als gingen Sie wie die Mehrzahl der Diskussionen nur von zwei konzeptionellen Alternativen aus, dem zu Recht kritisierten extremen Kapitalismus und dem entgegengesetzten Endpunkt des viel zitierten schwingenden Pendels, dem bislang in der Praxis gescheiterten, da korrumpierten Marxismus/Kommunismus. Da Letzterer in seiner erlebten Anwendung u.a. als von Gewalt gestützte Diktatur praktiziert wurde, sind Überlegungen in dieser Richtung tabuiert.
Ein zu selten genannter Ansatz zur Lösung des Problems wäre die Mäßigung des derzeit praktizierten, völlig enthemmten Kapitalismus, also eine Beschneidung der Exzesse. Die sind die maßgeblichen Wurzeln der gesellschaftlichen Probleme in den westlichen „Demokratien“. Hier liegt eine immense moralische Anforderung an die Politiker zur Aktivität, die jedoch durch die Einflussnahme (z.B. Lobbyisten) der sie beherrschenden Wirtschaftsinteressen nicht oder nur in minimalistischen Schritten zur Ausführung gelangt.

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TSU0815 19.08.2011, 06:34
622. Wesentlich besser als Augstein

Wer die Krawalle in London verstehen will, sollte lieber das hier lesen:
http://www.schweizermonat.ch/artikel...und-nihilismus

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0175transalp 19.08.2011, 07:05
623. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:

Zitat von der.honk
Sie schaffen es nicht, sich vom Hergekommenen zu lösen. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber der Parlamentarismus hat ausgedient. Er ist pervertiert zur Wurzel aller Korruption, ein fetter Saatboden für Lobbyismus jeglicher Art und.....
Ich bitte Sie, schreiben Sie doch "ICH", nicht WIR, denn bei WIR fühle ich mich vereinnahmt für eine Haltung, die ich nicht teile.

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indosolar 19.08.2011, 07:21
624. Chancengleichheit ist nur ein Punkt

Zitat von shaman1905
..... Und ih schrieb auch, daß das nicht nur mit "arm" und "reich" zu tun hat. Ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen (60er und 70er), in der man noch nicht die Eigenverantwortung abgegeben hat - Chancengleichheit gab es allerdings auch da nicht. Vielleicht nur prozentual mehr Eltern, die versucht haben, die Chancen ihrer Kinder zu verbessern.
Aber es gab mehr Familien, Erziehungsarbeit die dort geleistet wurde ist verloren gegangen und geht immer mehr verloren. Und wenn es mit arm und reich zu tun hätte, dann müßten Länder mit einem wesentlich geringeren Pro Kopf Einkommen erstens mehr gefährdet sein, dass dort die Läden geplündert werden und auch generell Anstand und Erziehung weniger verbreitet sein. Wer schon mal durch die protzigen shopping Mals Asiens nur wenige hundert Meter von den Hütten der Ärmsten entfernt gegangen ist, wird leicht einsehen, dass dies nicht so ist!

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inselkind88 19.08.2011, 07:34
625. Kernschmelze?

Die Kernschmelze findet vornehmlich in der Parallelwelt des Jakob Augstein und seiner weltfremden medialen Kollegen statt.

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Europäische Solidarität 19.08.2011, 07:44
626. Von Augstein völlig ausgeblendet: die kulturelle Dimension

Wir brauchen eine gemeinsame europäische Idententität, sonst bleiben wir mitten in Europa Pakistaner, Engländer, usw.
Der Clash of Civilizations wie von Huntigton befürchtet muss beendet werden. Das geht nur durch mehr Gemeinsamkeit:
- frühe verpflichtende Vorschule ab 4-5 Jahren damit sich die Europäer schon früh gemeinsam aneinander gewöhnen
- Busing: Die (Vor)schulkinder werden sozial durchmischt. Es entscheidet das Los an welche städtische Schule jemand kommt. Nur so kommt eine vernünftige Durchmischung zu Stande
- Verbot aller Privatschulen.
usw.
Augstein ist jedoch ein reiner Materialist - reduziert das Thema allein auf Umverteilung.
Doch warum brennt es gerade dann an de Multi-Kulti-Zentren?

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Kurt2 19.08.2011, 08:14
627. #593

Zitat von Cube1974
Danke für den, aus meiner Sicht, guten Artikel, Herr Augstein. Wir brauchen mehr linkes Gedankengut in unserer Gesellschaft. Aber wie Sie es richtig sagen, hat .....
Ich stimme Ihnen zu. M.M.n. muss zwingend der linke Flügel innerhalb der SPD gestärkt werden. Er ist es, der das linke parlamentarische Spektrum der Bevölkerung abdecken muss. Er muss in die Lage versetzt werden, sich Gehör zu verschaffen. Der wackere Streiter Ottmar Schreiner, wie auch Rudolf Dreßler, waren würdige Vertreter dieses Flügels. Schreiner hat sich aufgerieben - er wurde u.A. auch von seinen Mitstreitern allein gelassen.
Heute könnte der linke Flügel über Ralf Stegner wieder an Gewicht gewinnen. Wichtig ist, dass der linke Flügel der SPD weiss, dass er Teil der SPD ist und kein frei vagabundierendes Teil in der politischen Landschaft.

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Finnländer 19.08.2011, 08:37
628. ...

Zitat von Mononatriumglutamat
...Tatsächlich ist der Neoliberalismus sozial, flexibel und -- immer noch und trotz Ihrer Unkenrufe -- höchst erfolgreich. Vor allem, wenn er nicht von Linken, Rechten, Konservativen und Machtmissbrauchern zur Unkenntlichkeit verwässert wird und zu einem Zerrbild seiner selbst pervertiert wird.
Bitte markieren Sie doch Ironie und Sarkasmus als solche.
Ansonsten: wo sind die Beispiele?

Auf ihr Lieblings-"Argument", das es ja angeblich völlig egal für eine Gesellschaft ist, ob einer unendlich reich und dafür sehr viele sehr arm sind, warte ich auch noch.

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hirnbenutzer 19.08.2011, 08:39
629. ...

London hat nichts mit einer ideologischen Revolution gegen die Ausbeutung zu tun. Denn sonst hätte man sich wohl andere Gebiete, wie z.B. den Finanzdistrict ausgesucht.
Hinzu kommt, dass man sich strickt weigert die Täterstruktur zu nennen. Nur eine Zeitung tat dies:

http://www.welt.de/politik/ausland/a...Klischees.html

Daraus erschließt sich mir: Die Presse nutzt London für Ihre eigenen ideologischen Ziele durch gezielte Fehlinformation ....

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