Forum: Politik
Lehren der Geschichte und Sorgen der Zukunft: "Die EU sollte sich ehrlich machen"
Johannes Arlt/ DER SPIEGEL

Die Europäische Union, eine Friedensmacht, die Wohlstand und Demokratie gefördert hat? Der Historiker Kiran Klaus Patel zerpflückt diese Mythen - und erklärt, warum er den Brexit für "politische Normalität" hält.

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NauMax 12.06.2019, 01:08
90.

Zitat von fletcherfahrer
dass die Nicht-EU-Mitglieder keinen Krieg geführt haben (Spanien, Norwegen, Schweiz, Großbritannien). Was sagt uns das?
Nun, hat diverse Gründe: Keine direkten Grenzen zueinander (alle), jahrhunderte andauernde Neutralität (Norwegen, Schweiz, Spanien), NATO-Mitgliedschaft der Nachbarn (Spanien) und der grassierende, andauernde politische Abschwung (Großbritannien). Jetzt nehmen wir einfach mal zwei benachbarte Staaten, z.B. Deutschland und Frankreich, die Stand 1945 einander abgrundtief hassen und die gesamten 150 Jahre davor entweder Krieg gegeneinander führten oder die Bevölkerung gerade darauf vorbereiteten, Krieg gegeneinander zu führen. Meinen Sie, das wäre ohne eine Verständigung und einen kooperativen Interessensausgleich langfristig gut gegangen? Was viele Europafeinde auch gerne vergessen: Die NATO ist ein Bündnis von Amerikas Gnaden - war es schon immer. Gleichzeitig kann man bei den Amerikanern seit Jahren schon ein sinkendes Interesse am Fortbestand dieses Bündnisses in seiner bisherigen Form beobachten. Europa könnte also bereits in relativ naher Zukunft wieder auf sich gestellt sein. Und ohne einen Kooperationsmechamismus seiner zahllosen Klein- und Kleinststaaten wäre der alte Kontinent dann militärisch wehrlos, politisch von internen Konflikten zerrissen, wirtschaftlich bedeutungslos und aufgrund des resultierenden Wohlstandsverlustes gesellschaftlich zunehmend instabil. Die perfekte Mischung also, dass zunehmend Nationalistische Töne das politische Klima in Europa diktieren - und in dieser Atmosphäre wären bewaffnete Konflikte in Europa eben nicht mehr undenkbar. Oder aber Europa würde nach dem Zerfall der EU (sollte dieser in Trumps eventuelle Zweite Amtszeit fallen) einfach erneut zwischen den USA und Russland aufgeteilt - nur, dass wir es dann merken würden, dass wir in einem Vasallenstaat leben.

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NauMax 12.06.2019, 01:10
91.

Zitat von fletcherfahrer
dass die Nicht-EU-Mitglieder keinen Krieg geführt haben (Spanien, Norwegen, Schweiz, Großbritannien). Was sagt uns das?
Mal abgesehen davon, dass sowohl Spanien als auch Großbritannien Mitglieder der EU sind - allerdings sind beide erst in den 70ern und 80ern der EG beigetreten. Großbritannien erst so spät, weil die Franzosen deren Beitritt lange blockierten und Spanien, weil erst deren durch Mitwirkung Hitlers an die Macht gebrachter Faschistischer Diktator abtreten musste.

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NauMax 12.06.2019, 01:17
92.

Zitat von Reinhardt Gutsche
Wenn es die Raison d‘Être des Vereinten Europas sein soll, eine Neuauflage der europäischen Urkatastrophe und ihres Nachbebens im 2. WK für ewig zu verhindern, wie heute pathetisch beschworen, so verdiente dieses Projekt in der Tat größte Unterstützung, allerdings unter der Bedingung, daß es ausnahmslos alle Nachfolgestaaten der damaligen Kriegsallianzen ein- und den größten unter ihnen nicht demonstrativ ausschlösse. Wenn dieses Europa jenseits einer bloßen Freihandelszone auch als Militärallianz Garant dafür sein soll, daß dessen Teilnehmer nie wieder übereinander herfallen, so kommt dessen Exklusivität, wie immer begründet, einer potentiellen Kriegserklärung an die Adresse der ausgeschlossenen Macht gleich, für die diese Garantie dann explizit nicht gilt. Nur eine pan-europäische Neue Entente vom Atlantik bis zum Ural (de Gaulle) böte diese Garantie, denn es gilt die Regel: Joint him or beat him.
Russland stand der Weg nach Europa fast 25 Jahre lang offen - einzige Voraussetzungen waren Demokratisierung nach EU-Standards, die Einhaltung elementarer Freiheitsrechte, die Garantie allgemeiner, freier, geheimer und gleicher Wahlen sowie wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung der Korruption. Wäre dies so vonstatten gegangen, wäre Russland wirtschaftlich den Weg Polens gegangen und hätte sich um eine EU- und theoretisch sogar eine NATO-Mitgliedschaft bewerben können. Tat es aber nicht! Stattdessen begann es aufgrund der Geltungssucht eines einzigen Mannes, der sich scheinbar zunehmend mit Stalin identifiziert, mit der Umsetzung von Plänen zur Wiedererrichtung des Ostblocks und der ersten gewaltsamen Landnahme in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, womit Russland sich selbst ins politische Abseits beförderte.

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