Forum: Politik
Lehrer in Chile: "Wenn dein Vater arm war, wirst du wahrscheinlich auch arm"
Ivan Alvarado/ EUTERS

Mehr als eine Million Chilenen gehen auf der Straße - sie protestieren vor allem gegen steigende Ungleichheit. Hier spricht ein Dorfschullehrer über die Armut seiner Schüler - und darüber, was die Menschen besänftigen könnte.

stumpen89 29.10.2019, 11:21
1. Antineoliberaler Protest

Im Grunde lässt sich das Interview, dessen Inhalt man schon von anderen Medien bestätigt bekam, kurz zusammenfassen. Die Menschen in Chile demonstrieren gegen die Auswirkungen der neoliberalen Ideologie der Chicaco Boys. Im Andenstaat wurden seit Pinochet massiv wirtschaftspolitische Regulierungen unter dem Dogma des freien Marktes abgeschafft oder so modifiziert, dass die wohlhabende Finanzelite von wirtschaftlichen Prozessen überproportional profitiert. Herr Ferreira Olavarría verdeutlicht das Problem am Beispiel der Fischer in seiner Heimat: der selbstständige, kleine Fischer wird massiv benachteiligt, sodass er kaum seinen Lebensunterhalt mit eigener Hände Arbeit verdienen kann, während die Großkonzerne quasi ohne Regeln den Ozean leerfangen dürfen. Das sorgt natürlich für eine Umverteilung von unten nach oben, die Reichen werden also auf Kosten der Armen noch viel reicher. Das passiert immer, wenn man die sozialen Regeln des Marktes entfernt. Zwar wächst die Wirtschaftskraft auch in Chile, wie in allen anderen neoliberalen Ländern der Welt, aber vom erwirtschafteten Reichtum kommt ganz unten viel zu wenig an. Die neoliberalen Ideologen versuchen, das ganze mit der Trickle-Down-Theorie zu kaschieren, die aber erwiesenermaßen nicht stimmt. Eine gleichmäßige Verteilung des Reichtums findet in neoliberal-radikalen Märkten nicht statt, es braucht dafür immer eine strenge Gesetzgebung: hohe Mindestlöhne, strenge Arbeitsschutzgesetze, hohe Renten, Vermögens- und Erbschaftssteuern, eine progressiv steigende Einkommenssteuer und Steuern auf leistungslose Einkommen wie Finanzgewinne. Nur so kann der Reichtum, den ein Volk erwirtschaftet, auch fair und gerecht verteilt werden. Nur so verhindert man eine Konzentration des Reichtums bei einer kleinen Elite. Im Grunde demonstrieren die Chilenen gegen die neoliberale Ideologie, und davon kann eigentlich nur die Sozialdemokratie profitieren. In Deutschland wird das auch irgendwann der Fall sein, egal ob mit oder ohne SPD. Aber so lange neoliberale Marktradikale wie Olaf Scholz und Sigmar Gabriel die Politik der SPD bestimmen, so lange wird die Partei weiter abgestraft. In die entstandene Lücke steigen dann die Grünen (Westdeutschland, BaWü), die Linkspartei (Berlin, Bremen, Thüringen) oder eine sozialdemokratisierte Union (Schleswig-Holstein, teilweise Bayern).

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rosenkatzen 29.10.2019, 11:23
2. Selektive Berichterstattung

Ich wohne in Santiago und habe grundsätzlich kein Problem mit dem Artikel. Allerdings hätte man erwähnen können, dass die Härte der Regierung Reaktion auf jene Leute war, die plündernd durch die Städte zogen und Supermärkte und Metrostationen abgebrannt haben. Ichabe es mit eigenen Augen gesehen. Das waren nicht nur friedliche Demonstranten.

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curiosus_ 29.10.2019, 11:43
3. Ein Grundschullehrer..

..mit Schülern im Alter von 11 bis 13 Jahren? Bei uns liegt das Einschulungsalter bei 6 Jahren, am Ende der Grundschule sind die Schüler dann 10.

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dherdie 29.10.2019, 12:09
4.

Zitat von rosenkatzen
Ich wohne in Santiago und habe grundsätzlich kein Problem mit dem Artikel. Allerdings hätte man erwähnen können, dass die Härte der Regierung Reaktion auf jene Leute war, die plündernd durch die Städte zogen und Supermärkte und Metrostationen abgebrannt haben. Ichabe es mit eigenen Augen gesehen. Das waren nicht nur friedliche Demonstranten.
Das ist genau das Problem. Der Grund der Proteste ist nachvollziehbar, aber bei einigen nicht die Form. Eine schlechte Regierung rechtfertigt nicht, das Eigentum anderer Menschen, die teilweise für die Zustände gar nichts können, zu zerstören und Menschenleben zu gefährden. Außerdem sind die Missstände nicht nur auf die derzeitige Regierung, sondern auf alle Regierungen seit Pinochet zurückzuführen, und die waren mehrheitlich links.

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AxelJanssen 29.10.2019, 12:15
5. Schulsystem in Chile

@Curiosus: Andere Länder, andere Sitten.
In Chile unterteilt sich das so:
Grundschule (Basica) dauert 8 Jahre
Sekundäre Bildung (Media) dauert weitere 4 Jahre.

Die meisten gehen heute 12 Jahre zur Schule.

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topas 29.10.2019, 12:54
6.

Zitat von curiosus_
..mit Schülern im Alter von 11 bis 13 Jahren? Bei uns liegt das Einschulungsalter bei 6 Jahren, am Ende der Grundschule sind die Schüler dann 10.
Wie AxelJannsen bereits schrieb - andere Länder, andere Sitten. Ich würde sogar auf "Bundesländer" erweitern. Denn selbst "Bei uns" gibt es auch Bundesländer, die 6 Jahre Grundschule haben - die Kinder sind da 10-12 Jahre alt.

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alsterherr 29.10.2019, 13:11
7.

Zitat von rosenkatzen
Ich wohne in Santiago und habe grundsätzlich kein Problem mit dem Artikel. Allerdings hätte man erwähnen können, dass die Härte der Regierung Reaktion auf jene Leute war, die plündernd durch die Städte zogen und Supermärkte und Metrostationen abgebrannt haben. Ichabe es mit eigenen Augen gesehen. Das waren nicht nur friedliche Demonstranten.
Danke für diese Sicht meiner zweiten Heimatstadt, die leider in den hiesigen Medien gerne unter den Tisch gekehrt wird bzw. als Kollateralschäden abgetan werden.

Grüße aus Las Condes!

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citizen_k 30.10.2019, 17:57
8. In Chile bedurfte es einer Militärdiktatur

In Deutschland genügte ein Kanzler im SPD-Trikot, der den Neoliberalismus als schleichendes Gift gegen den Sozialstaat implementierte. Es gibt millionenschwere Agendaisten, die heute noch bedauern, die Agenda 2010 nicht noch schärfer gestaltet zu haben. Ursprünglich von Nadelstreifensozis angepeilte 42 Prozent Lohnersatzfaktor der Bruttorente (abzüglich Steuern, Kranken- und Pflegeversicherung) nach dem lebensdurchschnittlichen Nettolohn, ist ja auch wirklich maßlos. Unvorstellbar, dass ein Staat, dessen neRoliberales Wirtschaftssystem auf tausenden Ermordeten und Gefolterten errichtet wurde, keine Abschreckung erzeugte. Aber natürlich: Chile ist insgesamt Reich, bis auf 75 Prozent Arme.

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