Forum: Politik
Mecklenburg-Vorpommern: Das passiv-aggressive Land
DPA

In Mecklenburg-Vorpommern ging zuletzt nur jeder zweite Bürger wählen. Gleichzeitig lässt das Land Populisten und Extreme gedeihen. Wer konnte, hat die Region längst verlassen - so wie unsere Autorin.

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mol1969 02.09.2016, 13:06
250.

Zitat von der-junge-scharwenka
Hängen wir's mal tiefer. Es ist nicht verwerflich, sich mit einer guten Ausbildung dorthin zu orientieren, wo man gutes Geld verdient. Das würde wohl jeder so machen. Andererseits ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn man dort bleiben möchte, wo man groß geworden ist. Das ist eine persönliche Entscheidung, und jeder hat da seine eigenen Präferenzen. Nur: Egal, für welche Lösung man sich entscheidet, wird man mit den jeweiligen Kehrseiten leben müssen. So ist das immer im Leben: Keine Rose ohne Dornen. Was den Bevölkerungswandel betrifft, geht es Mecklenburg-Vorpommern nicht viel anders als anderen vornehmlich ländlich strukturierten Gegenden. Tendenziell ist das Landleben - und damit meine ich nicht den stylishen Speckgürtel für Hipster mit Kindern, sondern das richtige flache Land, das nur aus Dörfern mit 100 Einwohnern besteht - für akademisch qualifizierte junge Menschen eher uninteressant. Üblicherweise wird kaum ein freiwillig Akademiker in eine Region ziehen, in der die nächstgrößere Stadt eine Kreisstadt mit 10.000 Einwohnern, einem Kino, einem Griechen und keinem Theater ist. Und zum Einkaufen fährt man 150 Kilometer nach Berlin - in jeder Richtung. So schön kann keine Landschaft sein, als das man so etwas 12 Monate im Jahr und möglicherweise 20 Jahre am Stück erträgt. Ja, es gibt Ausnahmen, keine Frage; aber der Regel vermeidet diese Klientel einen solchen Wohnort. Da hilft auch das Phänomen Heimat nicht. Heimat heißt nicht: Schollenverbundenheit ohne Kompromisse. Heimat ist, wo ich gerne lebe. Und gerne lebe ich, wo ich gutes Geld verdienen kann und zugleich ein akzeptables kulturelles Angebot finde. Das hat nichts mit Materialismus zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand. Ich habe nicht 10 Jahre in meine Ausbildung investiert, um mit 1500 Euro monatlich zu überleben. In diesem Bereich - gut bezahlte Arbeitsplätze und kulturelles Angebot - hat Mecklenburg-Vorpommern nun einmal nicht viel zu bieten. Das ist leider so, und ich fürchte, das wird sich über die nächsten Jahrzehnte auch nicht nachhaltig ändern. Aber es ist, anders als man es dem Artikel entnehmen könnte, kein speziell mecklenburgisches Problem. Das ist in den ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins nicht anders, und selbst bei den Bayern ist das flache Land todlangweilig (und spießig dazu). Im Grunde läuft es damit auf den Gegensatz (Groß)-Stadt / Land hinaus, der überall in Europa zu finden ist.
Ich gebe Ihnen grundsätzlich Recht. Es ist eine Sache der persönlichen Präferenzen.

Nur einen Punkt sehe ich anders. Heimat ist (für mich) da, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe.
Natürlich kann ich mich nach einem Umzug in der neuen Gegend wohlfühlen. Aber Heimat machen für mich die Tausende Kindheitserinnerungen aus.
Ich lebe heute ca. 40 KM von meiner Heimat entfernt. Das ist ja vergleichsweise wenig. Ich fühle mich in meine, jetzigen Wohnort auch durchaus wohl.
Fahre ich aber die 40 KM in meine Heimatstadt, erinnere ich mich wirklich an jeder Straßenecke an irgendeine - meist völlig unwichtige - Begebenheit in meiner Kindheit. Und das macht es aus.

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mickhostory 02.09.2016, 13:06
251. Stimmt leider...

Auch ich stamme aus MV und bin gegangen. Ich teile ganz viel aus dem Artikel und kann verstehen, wenn Menschen, die in MV leben das nicht gerne hören. So ging es mir auch einmal. Ich teile insbesondere die beschriebene Passivität, das ewige weinen darüber wie benachteiligt man doch ist. Und den Rechtsradikalismus. Sicher ist es nicht immer leicht. Dennoch vergessen viele, wie gut es ihnen im Vergleich zu vor 1989 und insbesondere im Vergleich zu 98% aller anderen Länder auf diesem Planeten geht. Ein bisschen Eigeninitiative ist immer gut und dagegenhalten, wenn es um Rechte geht. Nur nörgeln ist halt doof. Seid weltoffen, nehmt Dinge selbst in die Hand und schaut auf und nach vorne! Und Feedback über eine Außenansicht muss auch immer möglich sein.

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rainer82 02.09.2016, 13:09
252. Ich bin schon am Rostocker Bahnhof wieder umgekehrt

und habe den nächsten Zug zurück genommen. Hotel storniert, Theaterkarten ebenso. Und das Geschäftliche, das ich dort erledigen wollte? Gestrichen bzw auf zwei Telefonate reduziert. Der Grund dafür? Rumstreunende aggressive Glatzen, Naziparolen brüllend am Bahnhof...und keinerlei Reaktion der normalen Bürger. Passive Polizisten obendrein. Da hatte ich schon die Nase gestrichen voll von Meck Pomm, zumal ich sowas dort nicht zum ersten Mal erlebte. Ach ja, den Sommerurlaub auf Usedom habe ich auch gestrichen. Zu gefährlich, zu viele Nazis, zu wenig Widerstand der Anstaendigen gegen den marodierenden Mob.

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jstm 02.09.2016, 13:09
253.

Zitat von sojetztja
Es ist doch offensichtlich ein Teufelskreis: Strukturschwäche = Zunahme der Neonazis = Imagesschaden = Arbeitgeber bleiben weg; Touristen bleiben weg; Gutausgebildeten ziehen weg = Strukturschwäche = ...
"Touristen bleiben weg". Sie wissen offensichtlich nicht, wovon Sie schreiben. An der Ostsee war in diesem Sommer zeitweise alles ausgebucht, Staus ohne Ende auf den Zufahrten zur Insel Usedom. Aber es passt ja so schön in das ideologische Weltbild.

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tweet4fun 02.09.2016, 13:10
254. Das politische Klima ist oft entscheidend für Investitionen!

Viele Bewohner von MV begreifen einfach nicht, daß sie sich selbst schaden. Mit dem hohen Anteil des Rechtsextremismus beißt sich dort die Katze in den eigenen Schwanz.

Ein Freund von mir arbeitet in einer IT-Entwicklungsfirma in Berlin. Die Firma expandiert kräftig. Wegen des teilweise katastrophalen Berliner Wohnungsmarktes, der extrem hohen Grundstückskosten, der oft maroden Infrastruktur und der fast unerträglichen Verkehrssituation hatte die Firmenleitung für eine Weile darüber nachgedacht, das gesamte Unternehmen nach MV zu verlegen. Extrem niedrige Grundstückspreise, viel Platz für ein eigenes kleines Flugfeld, gute Umwelt- und Erholungsbedingungen, die nahe Ostseeküste sowie die relative Nähe zu Berlin, Hamburg, Kiel und der Südküste Schwedens sprachen deutlich dafür. Tatkräftige Hilfe seitens der Landesregierung war sicher!

Man hatte den Plan letztendlich verworfen. Der Hauptgrund war ganz einfach der hohe Besucherverkehr von Firmenvertretern aus dem fernen Ausland. Man war besorgt, daß ausländische Besucher auf ein feindliches Klima treffen, wenn nicht sogar Schlimmeres. Der hohe Anteil des Rechtsextremismus und die daraus resultierende Ausländerfeindlichkeit hat somit eine Millionen-Investition mit gut bezahlten Arbeitsplätzen regelrecht verhindert. Und damit auch infrastrukturelle Arbeitsplätze wie Gastronomie, Hotelgewerbe und, und, und, inklusive der damit verbundenen Steuereinnahmen.

An diesem Beispiel zeigt es sich einmal mehr, daß Rechtsextremismus und falscher Nationalismus mit purer Dummheit gleichgesetzt werden kann.

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katzenheld1 02.09.2016, 13:11
255. Sie maßen sich sogar recht viel an

Zitat von ste.reg
Ich maße mir nicht an MV vollumfänglich zu bewerten, aber allein in meinem zweiwöchigen Urlaub vor einem knappen Monat (Raum Ueckermünde) habe ich mehr Nazis, Bauruinen und Hetze auf Plakaten; allgemein gesprochen heruntergekommene Menschen und Gebäude; gesehen wie in den letzten drei Jahrzehnten in Restdeutschland. Das diese Resterampe ein Brutkasten für abscheuliche Ideologien wie die der AFD/NPD-Fraktion ist, verwundert mich kein bisschen. Daher kann ich die Beurteilung der Autorin durchaus nachvollziehen..
MV … heruntergekommene Menschen und Gebäude … diese Resterampe …

In der Tat ist abscheulich das richtige Wort. Allerdings für Ideologen, die über andere Menschen so schreiben. Findet man bei Rechtsextremen und genau so bei Linksextremen. Faschismus pur, links wie rechts. Leider hat Ignazio Silone recht behalten mit seiner (bzw. ihm zugeschriebenen) These.

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Willi S. 02.09.2016, 13:11
256. Von Ratlosigkeit bis Hetze

Viele wundern sich über den Aufschwung der AfD und verstehen nicht, warum die Wähler sich partout nicht in Panik versetzen lassen, obwohl doch bewiesen sei, dass das „alles Nazis“ sind. In der Fixierung auf „Parteien und Wahlen“ liegt jedoch auch die Schwäche ihrer Analyse.

Zumindest haben sie erkannt, dass die Leute sowohl in USA als auch Europa das Macht-Establishment gründlich satt haben. Der Zulauf zur AfD zielt m.E. nicht auf Parteien und Wahlen, sondern in erster Linie gegen die Spitze des Macht-Establishments: Die Medien. Ganz deutlich zeigt es sich dort, wo sie ihre Macht zur Meinungszensur ausnutzen. „Auch die Grünen waren anfangs vorwiegend Linksradikale (z.B. KBW wie z.B. W. Kretschmann) und wurden - erst mal etabliert - ganz zahm. Wenn Ihr Medien uns pauschal zu Rechtsradikalen stempelt, dann wählen wir jetzt erst recht die AfD“.

Eine asymmetrische Reaktion, aber nur deswegen, weil man Medien nicht (ab)wählen kann - warum eigentlich nicht (?), schließlich werden sie ja auch über eine Sondersteuer/ Zwangsabgabe finanziert.

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Moloch2604 02.09.2016, 13:12
257. Naürlich

verlassen Menschen ein Land in dem die Politik jede Chance für diese Menschen verhindert, bestehende Strukturen zerstört und in Hilflosigkeit regiert.
Genau deshalb ist es wichtig, den Menschen in MV wieder eine Chance zu geben - aber wie es sich gezeigt hat sind weder SPD/Grüne, noch die Union und schon gar nicht die SED/PDS/LINKEN.
Also, lasst die AfD ran - wenn sie es nicht besser machen kann - wählt sie nächstes Mal ab. Aber was könnten sie schlechter machen als die bisherigen Regierungen seit der Wiedervereinigung ?

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RenegadeOtis 02.09.2016, 13:13
258.

Zitat von tiggowich
So witzig, wie die AfD vor Landtagswahlen systematisch niedergemacht wird... Armutszeugnis, gebt ihnen doch eine Chance, schlimmer als die jetzige Regierung kann es nicht sein.
Die AfD ist mittlerweile vollidentisch zu Mecklenburg-Vorpommern? Wusste ich noch gar nicht.

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donnerkeil 02.09.2016, 13:13
259.

Zitat von Nichtraucher
Muss ich Ihnen leider Recht geben. War immer gerne an der Seenplatte zum Bootfahren. Leider wird man immer mehr angefeindet, wenn man in manchen Orten nicht offen eine rechte Gesinnung ausdrückt. Ich denke mal, auch der Tourismus, für den diese Landschaft eigentlich prädisziniert wäre, wird sich verabschieden.
Münchhausengeschichten, ich war erst vor 7 Wochen an der Seenplatte
und nichts, aber auch gar nichts von dem vorgefunden, was Sie beschreiben.

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