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#MeToo-Fälle: Wie naiv darf man sein?
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Ein Moderator schreibt der Praktikantin nachts eine SMS: "Dritte Etage, Zimmer 312". Sie wundert sich, dass er nicht Stift und Zettel in der Hand hat, als sie bei ihm klopft. Wie viel Weltfremdheit muss man Feministinnen zugestehen?

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edds 12.04.2018, 16:13
20. Paktikanten haben keine Ahnung, deswegen sind sie ja Praktikanten

Praktikanten haben keine Ahnung, deshalb machen sie ja ein Praktikum. Meist sind sie auch noch jung und haben eben nicht besonders viel Lebenserfahrung. Wie oft sagt ein weitgehend ahnungsloser Praktikant wohl "nein" zu seinem scheinbar allwissenden Chef, solange noch nicht klar ist, dass es auf sexuelle Belästigung hinaus läuft? Da glaubt man dann eventuell auch mal an den nächtlichen Geistesblitz, der sofort festgehalten werden muss. Hier wurde einfach blind Vertrauen geschenkt, was in diesem Fall wohl ein Fehler war. Man muss auch erst einmal lernen, seine Vertrauensseligkeit abzulegen und Menschen von Anfang an kritisch zu betrachten, auch und gerade dann, wenn sie älter und in einer höheren Position sind. Manche lernen das früher andere erst später.

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kumi-ori 12.04.2018, 16:13
21.

Interessante Sichtweise und sicher nicht eindeutig schwarz-weiß zu beurteilen. Und es ist ja das Schwierige gerade bei dieser Debatte, dass einerseits die Vorwürfe nur in den seltensten Fällen eindeutig beweisbar sind, und andererseits, dass es bei der Abgrenzung, was eine persönliche Angelegenheit zwischen zwei Menschen ist, und was eine Sanktionierung durch die Organisation und die Gesellschaft bedingt, individuell sehr verschieden gesehen wird (von Männern und Frauen). Meine Adoleszenz war in den Achtzigerjahren (noch vor dem Mauerfall) und damals hatten die Menschen in Deutschland (West) ein anderes Verhältnis zur Sexualität. Schon damals wäre es unmöglich gewesen, einen untergebenen Kollegen aus sexuellen Absichten irgendwo hinzubestellen, wenn nicht eindeutig klar wäre, dass beide ein intimes Verhältnis pflegen. Allerdings war damals Sex am und rund um den Arbeitsplatz bei beiden Geschlechtern normaler und erwünschter, als es mir heute der Fall scheint.

Was nun diese Geschichte betrifft, denke ich, dass Fernsehen etwas ist, wo rund um die Uhr gearbeitet wird. Wenn um Mitternacht unserer Zeit in Shang Hai oder in San Francisco eine Bombe detoniert, dann wird das das Fernsehprogramm unserer ÖR-Rundfunkanstalten beeinflussen, bis hinunter zum fröhlichen Kochstudio. Deshalb scheint es mir nicht suspekt, dass man sich plötzlich um Mitternacht noch mal treffen will, weil man vielleicht das Programm noch mal umscheißen muss. Auch für Herrn Fleischhauers beitrag wäre möglicherweise kein on-line-Platz freigewesen, wenn in Syrien gerade eine Atombombe detoniert wäre, und man hätte ihn vielleicht Nachts angerufen und gebeten, reinzukommen und etwas Aktuelles zu schreiben. Aber gerade damit solche spontanen Aktivitäten der fliegenden Reporter jederzeit und unverkrampft möglich sind, ist es unerlässlich, dass, wenn man sich zur Arbeit verabredet, dann auch gearbeitet wird. Über Sex muss man auch sprechen können, aber nicht bei Gelegenheiten, bei denen der andere zwanghaft erscheinen muss.

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adrianhb 12.04.2018, 16:14
22.

Der Moderator lügt, um sexuelle Kontakte mit einer von ihm Abhängigen zu bekommen.

Mag sein, dass es naiv ist, diese Lügen nicht vorher zu erkennen. Trotzdem sind und bleiben es deutliche Grenzüberschreitungen.

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dernameistprogramm 12.04.2018, 16:15
23. Sehr gute Relativierung, Herr F.!

Sehr gutes victim blaming! Ein guter Anlass, sich mal wieder mit Sykes und Matza zu beschäftigen! women of the world unite and take over

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derbo73 12.04.2018, 16:15
24. Abhängigkeiten

Auch heute noch wird vielen Mädchen bewusst oder unbewusst beigebracht "zu gefallen", "Dinge verbal und eher passiv zu regeln" und "fügsam zu sein", während man Jungs eher beibringt "ein Mann zu sein", "Ellenbogen zu haben" usw. - dazu kommt dass man schon als Praktikant/in in Wettbewerb zu vielen anderen steht, sich erhofft mal einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle zu bekommen und weiß, dass ein kleiner Fehltritt (fachlich oder zwischenmenschlich) das berufliche Ende bedeuten kann. Natürlich kann man in dem geschilderten Fall eine gewisse Naivität unterstellen, spätestens beim Übernachten im Doppelzimmer hört es doch eigentlich auf sollte man meinen. Verfügt das Gegenüber jedoch über ein Mindestmaß an Charme, Überredungskunst, kann berufliche Versprechungen machen usw. ist es gar nicht so abwegig, dass ein junger Mensch, der in der Berufswelt noch nicht so gefestigt ist, sich auf Dinge einlässt, die anderen abwegig erscheinen. Ich schreibe das als Mann und behaupte mich nur bedingt in die Situationen betroffener Frauen hinein versetzen zu können, das stünde dem Autor auch ganz gut an.

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Navygo 12.04.2018, 16:16
25.

Zitat von Angelheart
Und ich will...von einem Fleischhauer nicht so einen Sch... lesen!
kein Problem. Es zwingt Sie ja keiner dazu seine Beiträge zu verfolgen. Aber trotzdem vielen Dank für Ihren "wertvollen Kommentar" :)

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annerie 12.04.2018, 16:18
26. kwijbo hat völlig Recht!

Die Kolumne und auch die Kommentare stammen von Menschen mit einer gewissen Lebenserfahrung. Hätten Sie, Herr Fleischhauer, den Artikel genauso geschrieben, wenn Sie selbst erst 25 Jahre und Praktikant beim WDR gewesen wären, der von diesem Fall erzählt bekommt?
Der Praktikantin aus ihrer vermeintlichen Naivität einen Vorwurf zu machen, finde ich nicht gerechtfertigt. Ich wäre in dem Alter auch nicht auf die Idee gekommen, dass ein alter Sack sexuelles Interesse an mir hätte. Es hat bei mir ein paar Jahre gedauert, zu lernen, wie Männer sexuell ticken. Vielleicht beurteilen Sie dies, Herr Fleischhauer, aus ihrer männlichen Perspektive deshalb anders. Sie kennen ihr eigenes Geschlecht ja besser... Gilt auch für alle anderen Männer hier, die sich anmaßen, einer 25-Jährigen Weltfremdheit vorzuwerfen. Ich vermute, die junge Frau hat das Unheil deshalb nicht kommen sehen, weil sie so etwas selbst nicht tun würde und auch noch nie damit konfrontiert war. Zudem sind Praktikanten, die ein Business mit seinen Abläufen noch nicht gut kennen, immer ein Stück weit ausgeliefert. Was hätte er zu ihr gesagt, wenn sie mitten in der Nacht NICHT aufgetaucht wäre? Wenn der Chef was anordnet, dann springt man als Praktikant meist erst mal. Man muss viel Selbstbewusstsein aufbringen, um sich als letztes Glied in der Kette ohne jede vertragliche Absicherung sofort zu wehren. Praktikanten mit null Berufserfahrung, die einen Einstieg ins Berufsleben suchen, kann man leicht unter Druck setzen und ausbeuten. Sie haben keine sonderlichen vertraglich garantierten Rechte, die sie durchsetzen können.

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dasfred 12.04.2018, 16:18
27. Böser, böser Fleischhauer

Nun sind es mal nicht die Linken, heute sind die Naiven dran. Diese irgenwas mit Medien Mädchen kommen nun mal meist aus besseren Verhältnissen und nicht aus den angehängten Vierteln der Großstadt, wo schon die Pubertierende lernt, sich die Hormongesteuerten vom Hals zu halten, wenn sie keine Lust hat. Die durschnitts Medienpraktikantin ist in Verhältnissen aufgewachsen, in denen Sex sowas von pfui ist, dass niemand es erwähnt. Wenn der Mann Druck hat, zieht er sich heimlich in entsprechende Etablissements zurück und hält sich im Alltag bedeckt. Auch ein Redakteur weiß, dass eine Praktikantin nicht für untenrum da ist und er kann sich die Liebe dort kaufen, wo sie feilgeboten wird. Aber wenn Herr Fleischhauer gern mal auf dem Terrain von Frau Stokowski wildern möchte, dann freue ich mich schon riesig auf die Kommentare. Heute erwarte ich Höchstleistungen.

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dschauhara 12.04.2018, 16:19
28. Widerlich!!!

Hallo Herr Fleischhauer,

ich habe Ihren Text gelesen und das erste, das mir einfällt ist: widerlich!!!! Ja, mag sein, dass die jungen Frauen hätten den Arsch in der Hose haben sollen zu sagen: "Nee mein Freund, die SMS, die Einladung, die Erklärung, dass man nur Doppelzimmer zahlt, die glaube ich Dir nicht." Ja, so wäre die Welt schön. Leider vergessen Sie die Machtverhältnisse: wenn ich sogar nur die Praktikantin bin, dann darf ich ganz schön viel schlucken. Wenn ich auf die SMS um drei Uhr morgens nicht regiere - die ja nicht nur die Einladung aufs Zimmer enthielt, sondern auch eine Begründung, man müsse über einen Dreh sprechen - dann stehe ich morgen vielleicht ohne Praktikum da. Denn der Mann mag ein Arsch sein, der mag sogar verschrieen sein, aber der hat seine Buddys, die ihm den Rücken frei halten,. sonst wäre der nicht da wo er ist.
Wenn der gleiche Typ mir erzählt, es gebe nur noch Doppelzimmer im Budget, klar werde ich da hellhörig - aber was kann ich dann machen? Sagen "nee, dann fahr ich nicht mit?" Mich erkundigen, ob das stimmt? Bei wem denn, auf die schnelle? Bei wem habe ich zudem die Garantie, dass das der Typ nicht erfährt und mir das (Praktikanten-) leben noch schwerer macht.
Ich weiß, man kann immer ein Praktikum abbrechen, aber dann steht man auch nicht als die Heldin des Feminismus da, sondern als ne doofe Tröte, die ihre Zeit vertan hat und sich nun nach nem neuen Praktikum umsehen darf - das ja dann auch nicht auf dem nächsten Baum wächst.
Warum mich das so sauer macht - ich kenne gerade dieses Geschäft, den Journalismus, ziemlich gut und auch wenn mir das als Praktikantin nie widerfahren ist, dann weiß ich trotzdem, wieviel Machtmissbrauch hier betrieben wird, nicht nur im Bereich Sexismus.
Das wissen Sie als Journalist vermutlich auch sehr gut, Herr Fleischhauer, das macht es nur schlimmer, dass sie so etwas apologetisches schreiben.
Die Schauspielerinnen in Hollywood hätten zu Weinstein auch nur sagen müssen "verpiss dich", die Studentin kann dem Prof sagen "nicht mit mir", die Sekretärin dem Chef "denken sie mal an ihre Ehefrau". Sie tun es nicht und schieben ihre Grenzen immer weiter, weil sie wissen, dass an diesen Männern kein Weg vorbei geht. Dann heißt es "Augen zu und durch". Auch für viele Praktikantinnen.
Besser wird das nur, wenn Männer wie Sie sich nicht mit Tätern, sondern Opfern solidarisieren und sich nicht selbstverliebt in moralische Betrachtungen verlieren, die die Schuld wieder den Opfern, den "kleinen, naiven Dummchen" zuschrieben. Denn sogar wenn es Dummchen sind (was ich anzweifle), haben auch diese ein Recht darauf, dass sie nicht belästigt werden.

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derbo73 12.04.2018, 16:20
29.

Zitat von Brathering
Es ist abenteuerlich welche Geschichte erzählt und welche Naivität vorausgesetzt wird. Jeder Mensch muss eine Anmache ertragen. Er kann immer ablehnen. Erst danach geht es in Richtung einer Belästigung.
Die Ausnutzung einer beruflichen Stellung ist sicher mehr als eine normale kleine Anmache/Flirt. Vielleicht nicht rechtlich, aber sicher moralisch. Natürlich nutzen auch manche Frauen ihre Reize um Anerkennung oder berufliche Vorteile zu erreichen. Das Argument der Männer "der Ausschnitt war so tief, da musste ich sie befördern" ist allerdings eines der lächerlichsten aller Zeiten. Dagegen steht der ausgeübte Druck/Zwang im beruflichen Umfeld von Männern gegenüber ihnen unterstellten Frauen in keinem Verhältnis. Die Männer laufen ja nicht mit offener Hose herum und die Frauen fallen beglückt in Ohnmacht... da muss man schon unterscheiden. Abwegig ist natürlich, die weiblichen Reize absichtlich über Gebühr einzusetzen und dann Männern Belästigung zu unterstellen - was durchaus vorkommt, z.B. aus Rache.

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