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Proteste in der Islamischen Republik: Blackbox Iran
AFP

Iran erlebt die größten Proteste seit fast zehn Jahren. Eine Woche nach ihrem Beginn bleibt aber vieles im Unklaren: Was wollen die Demonstranten eigentlich? Und: Nützen die Unruhen dem Regime am Ende gar?

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vulcan 03.01.2018, 15:43
1.

Was ist das denn für ein Artikel?
Erst mal wird kaum diskret angedeutet, dass der Autor auch zu den Anhängern abstruser Theorien gehört, nach denen 'die Amerikaner' die Proteste angefacht haben (ja, klar, natürlich....) und dann noch die völlig unsinnige Idee, die Proteste könnten Rohani 'nutzen', weil er ja ach so ein großer Reformer ist. Das ist lächerlich. Jeder im Iran weiß, dass solche Reformen keinen Pfifferling wert sind - sofern es sie überhaupt gibt. Merken tut man im Alltag dann nichts davon.
Die Leute (zumindest viele) haben einfach genug davon, von irgendwelchen ollen Religionsführern mit Gesetzen aus dem Mittelalter regiert und drangsaliert zu werden. Die Liste der idiotischen Gesetze ist ellenlang.

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freenetspacken 03.01.2018, 15:50
2. Ganz ehrlich?

Es gibt nur wenig, was mich mehr interessiert, als ob im Iran innenpolitisch was hochkocht. Rohani hat "DEN Westen" dafür verantwortlich gemacht. Na gut, soll er. DER Westen sollte also seine Sicherheitsorgane darauf ansetzen, ob es Vorbereitungen zu Aktionen Irans gegen den Westen gibt. Wenn es dafür Indizien gibt, heimlich abfangen und wenn nicht, wieder schlafen legen. Immer diese mediale Hektik.

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HerrPeterlein 03.01.2018, 16:01
3. Es bleibt verwirrend

Im Iran, relativ abgeschottet, gehen Proteste los, auf den Dörfern von mehreren Tausend Leuten. Normalerweise dauert es ewig, bis solche Ereignisse in der Weltpresse erwähnt werden, jetzt kommen sofort Kommentare von zig Staatsmännern.
Der Verdacht legt Nahe, das auch wirtschaftliche Interessen des Auslands (Saudi-Arabien, USA, Israel) mit dahinter stehen.
Das ändert nichts daran, das der Reformbedarf in dem Land riesig ist, die Korruption und Vetternwirtschaft groß. Der Nährboden für eine Unzufriedenheit ist da.

Doch wohin führen diese Proteste? Welche Kräfte stehen da hinter? Wohin entwickeln sich diese?

Mir gab es in den letzten 10 Jahren zu viele Revolutionen, die sofort vom Westen unterstützt geworden sind, ging ja gegen die Bösen. Innerhalb weniger Monate wurde dann das Machtvakuum genutzt, die Taliban sind noch relativ moderat zu dem was dann gekommen ist. Ukraine, Irak, Syrien, Jemen, Libyen und Co. befinden sich in einem Bürgerkrieg, von einer Demokratie sind diese Länder weiter entfernt als je zuvor.
Dafür steigen die Kriegsflüchtlinge in der Zahl immer weiter, die nach Europa kommen.

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hardy.stiefel 03.01.2018, 16:41
4. Sehr geehrter Herr Sydow,

Ihr Beitrag umfasst nur ein Teil der Informationen, welche aus dem Iran kommen. Es gibt nach wie vor das gute Telefon, welches jedoch nicht zu einfachen Recherchen in den Schreibstuben zur Verfügung steht. Aber es gibt Augenzeugen, welche berichten können. Denn die Lage ist dramatischer als Ihr Bericht es glauben lässt. Ausgangslage ist, dass neben allgemeinen Kürzungen der staatlichen Leistungen noch die Kosten des Lebens und der bisher subventionierten Lebensmittel (auch Wasser) dramatisch steigen. Das hat nichts mit dem Westen oder der USA zu tun, denn die sind, so meine Einschätzungen, von dieser Entwicklung selbst überrascht worden. Und die Tweets aus Washington sind auch nicht immer bis ins kleinste Detail hinsichtlich Folgen durchdacht. Zumal dort aktuell eher dem politischen und religösen Gegner des Irans die Stange gehalten wird.
Es ist also in der Tat die Unter- aber auch die gebeutelte Mittelschicht, welche sich gegen das Regime erhebt. Dabei wissen die Demonstranten sehr genau, dass nicht Präsident Hassan Rouhani das Problem ist, sondern Ajatollah Sejjed Ali Chāmeneʾi i und sein Wächterrat. Ohne deren Zustimmung kann kein Gesetz durch die Regierung und das Parlament verabschiedet werden. Deshalb werden die Demos auch Rouhani nichts nutzen, da die Verfassung genau dieses Problem verursacht. Es müsste schon ein kompletter Umsturz sein, aber dieser ist mit ungewissem Ausgang, nicht bekannten Personen und einer neuen Verfassung verbunden. Kein westlicher Staat würde sich nach den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit auf solche Experimente einlassen.
Die Aufstände laufen ins Leere. Es gibt Tote. Aber ein Anfang ist gemacht, da sich der Wächterrat und sein religiöser Führer die besseren Lebensumstände nicht mehr erkaufen können.

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whitewisent 03.01.2018, 16:49
5.

Iran teil das Schicksal von vielen Schwellenländern, auch wenn man die Macht der Religion außen vor lässt. Zu wenig eigene Industrie, um der Jugend eine Zukunft zu geben, die infolge der erfolgreichen Sozialpolitik vergangener Jahrzehnte herangewachsen ist. Wenn die Kindersterblichkeit erfolgreich bekämpft wird, und die Lebenserwartung durch Frieden und med. Fortschritt steigt, gibt es immer mehr Menschen, die sich um die begrenzten staatlichen Mittel streiten. Nur sollte man bei den Bildern genau hinschauen, dort demonstrieren nicht wirklich die "Armen" des Irans, sondern unzufriedene Mittelstandskinder, welche gern zur Oberschicht gehören wollen.

Selbst wenn es 100.000 davon gäbe, was können und wollen die erreichen? Ein Großteil der Bevölkerung ist streng religiös eingestellt, befürwortet also damit die politisch/moralische Ausrichtung. Armut gibt es nicht in diesen Großstädten, sondern in den Flüchtlingscamps und der Provinz, die auch wie weltweit üblich stark hinter der urbanen Modernität hinterherhinkt. Niemand würde ähnliche Demonstrationen in Greifswald, Freiburg und Münster für repräsentativ halten, um die Unzufriedenheit der armen Bevölkerung mit der Merkelregierung zu dokumentieren. Darum besser einfach als Journalist berichten, und nicht permanent versuchen, aus wenigen Informationsbrocken Geschichten zu erfinden, die man den Lesern als journalistische Rechercheergebnisse präsentiert.

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Katzazi 03.01.2018, 16:50
6.

Zitat von HerrPeterlein
Im Iran, relativ abgeschottet, gehen Proteste los, auf den Dörfern von mehreren Tausend Leuten. Normalerweise dauert es ewig, bis solche Ereignisse in der Weltpresse erwähnt werden, jetzt kommen sofort Kommentare von zig Staatsmännern. Der Verdacht legt Nahe, das auch wirtschaftliche Interessen des Auslands (Saudi-Arabien, USA, Israel) mit dahinter stehen. Das ändert nichts daran, das der Reformbedarf in dem Land riesig ist, die Korruption und Vetternwirtschaft groß. Der Nährboden für eine Unzufriedenheit ist da. Doch wohin führen diese Proteste? Welche Kräfte stehen da hinter? Wohin entwickeln sich diese? Mir gab es in den letzten 10 Jahren zu viele Revolutionen, die sofort vom Westen unterstützt geworden sind, ging ja gegen die Bösen. Innerhalb weniger Monate wurde dann das Machtvakuum genutzt, die Taliban sind noch relativ moderat zu dem was dann gekommen ist. Ukraine, Irak, Syrien, Jemen, Libyen und Co. befinden sich in einem Bürgerkrieg, von einer Demokratie sind diese Länder weiter entfernt als je zuvor. Dafür steigen die Kriegsflüchtlinge in der Zahl immer weiter, die nach Europa kommen.
Naja. Also es gibt schon seit ca. 40 Jahren große Menschenrechtsprobleme im Iran. Über all diese Zeit gibt es Menschen, die immer und immer wieder versuchen darauf aufmerksam zu machen. Viele davon mittlerweile (teils unfreiwillig) im Exil. Und durch das Internet gibt es Mittel und Wege zu kommunizieren.

Iran wäre damit nicht das erste Land, bei dem Proteste auch vom Ausland wahrgenommen werden. Das es hier Aufmerksamkeit gibt, ist nicht wirklich schwer zu erklären. Und es ist auch nicht so, als wäre Iran ein unbedeutendes Land. Es ist eine der Regionalmächte.

(Und just because: Iran war zumeist auch wahrlich nicht unbeteiligt und stumm, als es die Revolutionen in den anderen besagten Ländern gab.)

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krauseberg 03.01.2018, 17:02
7. 10 Jahre Revolutionen

Zitat von HerrPeterlein
Im Iran, relativ abgeschottet, gehen Proteste los, auf den Dörfern von mehreren Tausend Leuten. Normalerweise dauert es ewig, bis solche Ereignisse in der Weltpresse erwähnt werden, jetzt kommen sofort Kommentare von zig Staatsmännern. Der Verdacht legt Nahe, das auch wirtschaftliche Interessen des Auslands (Saudi-Arabien, USA, Israel) mit dahinter stehen. Das ändert nichts daran, das der Reformbedarf in dem Land riesig ist, die Korruption und Vetternwirtschaft groß. Der Nährboden für eine Unzufriedenheit ist da. Doch wohin führen diese Proteste? Welche Kräfte stehen da hinter? Wohin entwickeln sich diese? Mir gab es in den letzten 10 Jahren zu viele Revolutionen, die sofort vom Westen unterstützt geworden sind, ging ja gegen die Bösen. Innerhalb weniger Monate wurde dann das Machtvakuum genutzt, die Taliban sind noch relativ moderat zu dem was dann gekommen ist. Ukraine, Irak, Syrien, Jemen, Libyen und Co. befinden sich in einem Bürgerkrieg, von einer Demokratie sind diese Länder weiter entfernt als je zuvor. Dafür steigen die Kriegsflüchtlinge in der Zahl immer weiter, die nach Europa kommen.
Der Westen ist ja auch zu böse, wie kann er sich nur gegen korrupte Diktatoren, wie Assad oder Gaddafi stellen.
Würde es dir besser gefallen, wenn der Westen diese Diktatoren dabei unterstützen würde Menschen zu ermorden und zu foltern, so wie es Russland in Syrien macht?

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Farhad 03.01.2018, 17:08
8. Parallelen zu Rechtsradikalen in Deutschland, Frankreich, Holland etc.

Die Lage aktuell im Iran hat viele Parallelen zu vergangenen Ereignissen in Deutschland, Frankreich und Holland. Vorab ist es erwähnenswert, dass sich Analysen der deutschsprachigen Medien in den letzten Tagen insgesamt als bescheiden und verwirrt darstellen lassen.
Die Voraussetzungen für den Trigger einer Revolution oder gewalttätiger und flächendeckender Unruhen o.Ä. waren und sind aktuell im Iran per se nicht gegeben. Die Arbeitslosenquote ist sogar im Vergleich mit Spanien und Portugal besser. Die Öffnung des Landes und eine intensivere Beziehung zu Europa entspricht dem Wunsch der Bereit der Gesellschaft. Die Inflation ist von 40 Prozent auf 10 Prozent reduziert. Die ökonomischen Faktoren sprächen insgesamt gegen Unruhen. Eine ungewöhnliche Preissteigerung gab es in der letzten Zeit auch nicht. Nun zu Parallelen in Deutschland und Frankreich: Es gibt immer Kräfte, welche ja das politische System herausfordern und am besten außer Kraft setzen möchten. Die potenziell erfolgreichste Strategie dafür besteht darin, Wut, Angst und Frust der Menschen gegen Regierungen zu stimulieren, egal ob man bessere Lösungen anbieten kann oder nicht. Dafür müssen Regierungen zu Feindbild und Frustursache der Menschen werden. Die Begründungen lassen sich irgendwie finden. Wichtig sind nicht die Substanz oder die Argumentationen sondern die Darstellungen. Zuletzt hat das Thema "Flüchtlinge" das politische System in Europa herausgefordert. Das Muster ist dasselbe: Dramatisierung der Probleme, Stimulation der nationalistischen Gefühle, Hassverbreitung gegen bestimmte Gruppierungen, berechtige und unberechtigte Schuldzuweisung für jedes Problem der Welt an die Regierende und am besten direkt an die obersten Positionen, Darstellung der Medien als Lügner und Fakes, damit sich die "Alternativfakten" durch soziale Netzwerke verbreiten und beeinflussen können. Ein besseres/effizienteres Erfolgrezept gibt es aktuell nicht, um die politischen Systeme zum Wackeln zu bringen.
Die Unruhen im Iran sind durch ein in die Enge getriebenes Hardliner-Spektrum ausgelöst. Die USA und einige Länder in der Region gießen natürlich nach Möglichkeiten Öl ins Feuer. Die Rolle der Medien und vor allem sozialen Netzwerke ist riesig. Es gibt bis zu 50 Fernsehkanäle und unzählige Webseiten und soziale Netzwerke, finanziert durch die USA, Saudis und einige Länder in der Region, welche Tag und Nacht für den Umsturz der Regierung werben. Was aktuell im Iran geschieht, lässt sich eher als Putsch der Ultrahardliner kategorisieren.

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Alle_Rechte_vorbehalten 03.01.2018, 17:09
9. Düstere Aussichten.

Am Ende wird sich das Regime die Proteste zu eigen machen und die "Gott gewollte Ordnung" wieder herstellen. Nichts geht leichter in einem theokratischen Staat, als das. Die Revolutionsgarden zerren vermutlich schon heftig an den Ketten. Der Westen wird bald ganz große Augen machen, wie leicht es sich mit einem Gott in der Hand Ordnung schaffen lässt. Der Blutsäufer Khomeini hat es vorgemacht und auf ihm ruht bis heute das Regime im Iran. Düstere Aussichten.

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