Forum: Politik
Rekordarbeitslosigkeit - Versagt die Politik?

Statistik hin, Hartz IV her: Nach wie vor sind Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. Werden die erfolgten und geplanten Reformen ausreichen, oder brauchen wir neue Konzepte gegen die Krise? Was würde eine Wende am Arbeitsmarkt herbeiführen?

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miroso 20.12.2005, 23:44
1920. Erntehelfer: hat auch in Russland und Ostblock bestens funktioniert, oder?

Zitat von Perleberger
Ein-Euro Jobs fördern nur die Mentalität, für Arbeit immer weniger bezahlen zu wollen.
100% Zustimmung.
Arbeitslose als Erntehelfer ist das Neueste hier. In den Ostblockländern war dies Usus.
Dort waren die Helfer immerhin - mindestens offiziell - Freiwillige.
Trotzdem sind ale diese bolschewistischen Länder untergegangen.
In Deutschland klingt das Ganze wie die früheren Erfolgsgeschichten der 30er Jahre. Ist nicht weiter schlimm: jede Partei hat das Recht aus der Geschichte zu lernen, auch die SPD, so spät auch immer!

Ich warte auf die ersten Widerstandslieder derer, die mit dem Spaten durchs Moor....
Ehrlich gesagt: ich reibe meine Augen, die Vergangenheitsgespenster sind immer noch da, es ist alles ein "deja-vu", die Geschichte dreht sich im kreis, immer schneller.
Mir wird's schlecht, da ich weiß, was die Folgen sein werden.
Entschuldigt bitte diesen sehr persönlichen gefühlsmäßigen Ausbruch. Aber meine Eltern und Grioßeltern scheinen aus dem Himmel auf mich herab und meinen "Wehret den Anfängen"

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matt_us 21.12.2005, 00:20
1921. Herr Schumacher von Goldman Sachs (1)

Zitat von Sven Greune
@matt
Danke, ich habs gelesen. Nochmal der gleiche Kommentar wie vorher (Herr Pappenheimer hat ja auch schon mal einen Artikel zitiert in den es um diese Goldman Sachs Studie geht). Hier geht es um die Wettbewerbsfaehigkeit Deutschlands in der Welt, nicht generell um Vorschlaege die Rekordarbeitslosigkeit abzubauen.

Zwei Zitate moechte ich aber mal herausgreifen:
Zitat von manager magazin
Der Abfluss direkter Investitionen aus Deutschland erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 2000 mit 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, inzwischen liegt der Anteil knapp über 1 Prozent.
Auch wenn das jetzt nur ein bisschen ueber 1% ist, das sind immer noch vielleicht 25 Mrd Euro die die deutsche Industrie im Ausland investiert, anstatt hier zu investieren. Das ist viel, sehr viel, denn das sind 15% der deutschen Gesamtinvestitionen (Privatwirtschaft und oeffentliche Hand) in Maschinen, Geraete, Buerogebaeude und Fabriken. Wenn etwas mehr hier in D investiert wuerde, anstatt im Ausland, waeren schon mal viel mehr Jobs in D.
Zitat von manager magazin
Der Ökonom hält für dringend geboten, in diesen Prozessen Zeit zu gewinnen. Dazu seien geringere Lohnkosten unumgänglich, "allerdings in Form von längeren Arbeitszeiten. Nur so bleibt die Lohnsumme in der Volkswirtschaft gleich." Das wiederum ist unerlässlich, um die Binnennachfrage nicht weiter zu schwächen.
Wenn die Lohnsumme sinkt, sinkt die Binnennachfrage. Herr Schumacher, Deutschland Volkswirt von Goldman Sachs sagt hier das gleiche wie Frau Heimann. Das weniger Lohn weniger Binnennachfrage bedeutet ist richtig, aber nur wenn es keine neuen Jobs gibt. Wenn theoretisch durch 10% weniger Lohn, 10% mehr Jobs entstehen wuerden, waere ja alles im Lot. Gleiche Gesamtlohnhoehe, gleiche Binnennachfrage. Es gaebe 3,8 Mio weniger Arbeitslose, also nur noch etwa 1 Mio (offizielle Zahlen). Aber so einfach geht das ja nicht.

Wenn die Arbeitskosten um 6% fallen ohne dass die Lohnkosten fallen (MWPOT), wird Arbeit billiger. Es koennen neue Jobs entstehen. Und sie werden auch entstehen. Wieviel weiss keiner.
Etwas aehnliches passiert beim Kombilohn. Hier fallen Loehne wirklich. Also muesste die Binnennachfrage fallen. Aber der Staat subventioniert ja Loehne. Sagen wir mal mit 20 Mrd Euro, um den Mitnahmeeffekt zu bezahlen. Das heisst das Bruttoloehne um 3,3% fallen koennten, bevor es zu einem Fallen der Gesamtlohnsumme kommen kann. Aber auch hier sollen neue Jobs entstehen. Effektiv haben alle frueheren Arbeitslosen mehr in der Tasche.

Das heisst mit anderen Worten, die Gesamtlohnsumme (inklusive Kombilohn) ist gleich geblieben. Aber Arbeitskosten sind um 6% (MWPOT) und 3,3% (Senkung durch Einfuehrung des Kombilohns) gesunken. Also Gesamtlohnsumme ist gleichgeblieben, Binnennachfrage ist gleichgeblieben, aber Arbeitskosten in D sind um 9,3% gefallen. Das ist bei gleicher Beschaeftigungszahl.

Wenn Sie aber jetzt alle neuen Jobs dabeirechnen, (falls sich die Arbeitslosigkeit halbiert haben sollte), ist die Gesamtlohnsumme ja ganz schoen in die Hoehe gegangen. Das heisst die Binnenwirtschaft zieht an, und ganz gewaltig sogar. Das Binnenmarktproblem waere geloest, weil die Gesamtlohnsumme anzieht, ohne die Loehne zu erhoehen.

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MarkH 21.12.2005, 00:30
1922. Mal etwas aus der Realitaet eines Menschen, der kein Hartz4 bekommt !

Hallo Forum,
ich lese immer nur quer, und denke mir, was hast DU/Ich damit eigenltich zu tun ?

Ich habe in den letzten Jahren von technischen Übersetzungen gelebt .. mehr schelcht als recht. aber es ging.

Wenn ich die Marktkapitalisierungen der IT-Unternehmen zusammen zaehle, komme ich locker auf ein paar Billiarden US $.
Deutschland ist ein Marktplatz mit knapp 100 Millionen Menschen ! .. der Anteil Deutscher Aktionaere an solchen Unternehmen dürfte
Warum bitte muessen technische Übersetzungen nach Indien outgesourced werden ???
Sie gehen naemlich erst nach Bombay, von dort nach Bangalore, dann nach Kerala . .. und dort erkennt man "oh Wunder!", dass es eben auch keinen Deutschen Muttersprachler und Ing. gibt, und sucht sich am Schluss wieder einen Deppen(Ich) in Berlin.

Wir leben in einem globalen Pyramidensystem - und die Oberschicht schanzt sich lieber gegenseitig die Auftraege zwischen den Kontinenten zu, als dass Sie einen Freiberufler in Deustchalnd direkt verdienen lassen.

Eine technische Übersetzung, für die ein Hedgefond in der Karibik knapp 100000 Euro ausgibt, kostet im "Doing" dann nur noch knapp 1000 Euro.
Dazwischen liegt eine Gewinnspanne von 10000%
Das muss man sich mal vorstellen

Arbeitslos melden und HArtz4 beziehen, kann ich nicht, weil ich Trottel tatsaechlich ein bischen Vermögen angespart habe.

Ich bin der komplette Volltrottel ... unterm Strich habe ich abzüglich Miete sicherlich sehr viel weniger als Hartz4 .. aber soll ich erst Alles über Ebay abverkaufen,bevor ich in den Genuss dieser komfortablen Fürsorge komme ?

Das meine Herrschaften ist die Realitaet

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matt_us 21.12.2005, 00:30
1923. Herr Schumacher von Goldman Sachs (2)

Bevor Sie diese Theorie wieder auf den Mond schiessen, moechte ich Sie doch mal bitten, da vielleicht mal ein oder zwei Minuetchen laenger drueber nachzudenken.

Klar, Herr Ehlert und ich, wir wissen nicht genau wieviel neue Jobs es bringt, und Sie sagen es gibt keine. Und die MWST geht hoch, etc. Aber das hatten wir ja alles schon mal, das brauchen Sie nicht wiederholen. Wir wissen das noch ganz genau, das Sie da nicht dran glauben. Aber angenommen wir haetten Recht, nur mal angenommen.

Glauben Sie nicht das sich eine 9,3% Senkung der Arbeitskosten, bei gleicher Lohnsumme und Binnennachfrage, sich positiv auf die Unternehmen auswirken wird wenn es um Neueinstellungen gehen soll? Werden nicht vielleicht ein Teil der 1% BIP Investionssumme die jetzt im Ausland investiert werden, eher in D bleiben, wenn es diese Massnahmen geben wird? Werden nicht noch mehr auslaendische Investoren nach D kommen, um hier von den guten Wettbewerbsbedingungen Deutschlands in der Weltwirtschaft zu profitieren?

Wenn das passiert muesste auch die Frau Heimann dafuer sein. Arbeitskosten wurden billiger, aber es gab keine Lohnspirale nach unten, die die Binnenwirtschaft schaedigen. Zwei kleine Massnahmen (MWPOT und Kombilohn, so aehnlich wie ich ihn mir vorstelle), genuegen um Arbeit effektiv billiger zu machen. Die Gesamtlohnsumme bleibt mindestens gleich, die Binnenwirtschaft bleibt mindestens gleich. Wenn nur ein neuer Job entsteht geht die Gesamtlohnsumme in die Hoehe, die Binnenwirtschaft zieht an. Wenn es in 3 Jahren 2 Mio neue Jobs in D geben sollte, zieht die Binnenwirtschaft gewaltig an.

Darauf kommt es an wenn man Rekordarbeitslosigkeit in D abbauen will. Ich glaube Sie haben sich aus der Erntehelfer Debatte rausgehalten. Das ist auch richtig so, da soll man keine Zeit drauf verschwenden. Aber hier haette ich jetzt Ihre Meinung doch gerne mal gewusst.

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Wolfgang Rolf 21.12.2005, 00:45
1924.

Zitat von kzeu (#1791)
Und Sie geben zu, dass Sie auch keine Alternative zum mittel- und langfristigen Wachstum eines Unternehmens- und damit auch einer Volkswirtschaft haben. Ich auch nicht. Das Argument mit dem exponentiellen Wachstum ist zwar richtig, aber leider nicht zielführend.
Das klingt ja beinahe wie Wirtschaftslogik:
Ein Problem, dass sich nicht renditesteigernd lösen lässt wird einfach ignoriert. (Na ja, könnte auch politische Logik sein.)

Zitat von kzeu (#1791)
Und solange es keine Alternativen gibt, werden wir damit leben müssen und unsere Systeme darauf einstellen bzw. anpassen müssen.
Stimmt, allerdings ist es schwierig Alternativen zu finden, solange Kritik am derzeitigen Wirtschaftssystem beinahe als Blasphemie betrachtet wird.

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Wolfgang Rolf 21.12.2005, 00:49
1925.

Zitat von kzeu (#1865)
Und wie bekommen Sie B E I D E Mentalitäten wieder aus dem System? Sowohl 20% Rendite bei Investoren als auch "Geiz-ist-geil" bei den Konsumenten?
Gar nicht! Letztlich handelt es sich „nur“ am Ausgleichseffekte die den Abbau der nationalen Grenzen bei weitest gehendem Verzicht durch geordnete politische Kontrolle widerspiegeln. (So kommt es dann zu jenen seltsamen Regelungen, wie die, dass jemand der gepanschten Wein in der EU vermarkten will, den in den USA panschen muss.) Wenn die Politik sich nach der Devise richtet, dass der Markt schon alles von alleine regelt, dann sollte sie sich nicht wundern, wenn sie die Kontrolle an den Markt verliert.

Interessant ist für mich allerdings schon die Mythenbildung, mit der dieser Prozess von Politik und Medien begleitet wird. Wenn ein Unternehmen (ich glaube Medion) die Werbebotschaft „Geiz ist geil“ propagiert, weil es genau weis, dass der geplagte Ottodurchschnittskonsument versucht, sein sinkendes frei verfügbares Einkommen an seine Zulieferer (Kaufhäuser, etc.) weiterzugeben, dann wird daraus eine „Geiz ist geil“-Mentalität bei den Konsumenten konstruiert. Wenn aber Aktionäre zu dem Schluss kommen, dass Rendite grundsätzlich immer zu gering ist, warum spricht dann keiner von der „Gier ist geil“-Mentalität der Aktionäre? Ob das vielleicht an Aktionärsmehrheiten liegt?

MfG

W.Rolf

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1ne2wo3hree 21.12.2005, 06:06
1926.

Zitat von Volkhard Ehlert
Hallo Matt_us, kzeu, ender und alle, die sich für wirksame Konzepte interessieren: Ein Versuch aus der mehr emotionalen Bewertung herauszukommen: An welchen Kriterien sollten sich konkurrierende Konzepte gegen die Arbeitslosigkeit messen lassen? Was haltet Ihr von der bei aufgestellten Bewertungstabelle?? Was könnte verbessert werden? Oder haltet Ihr das ganze für absoluten Quatsch? Eure Antwort steht noch aus.
Als erstes sei Ihnen angeraten, die Kosten für einen Experten nicht zu scheuen und die Seite vernünftig zu strukturieren, damit man nicht von der "Buchstabenflut" erschlagen wird.
Weiterhin empfehle ich, die Grafiken mit Quellenhinweis zu versehen.

Zum MOPOT-Konzept selbst behalte ich mir, obwohl nicht gläubig, eine Bewertung vor, um nicht dem Vorwurf der Blasphemie anheim zu fallen. ;)

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kzeu 21.12.2005, 08:45
1927. @ Stephan Jansen

Zitat von Stephan Jansen
Irgendwas läuft jetzt falsch...ich kann Ihnen partout nicht folgen. Vielleicht haben Sie mit Ihrer Paranoiaunterstellung doch Recht gehabt, denn ich fürchte einer von uns beiden muss 'nen leichten Schaden haben... Beste Grüsse SJ
Nicht ärgern, nur wundern.
mfg kzeu

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kzeu 21.12.2005, 08:57
1928. @ Münchner

Zitat von Münchner
Wie soll das gehen "Umgekehrt proportionale Knüpfung der LNK an die Lohnstückkosten". Lohnstückosten können sie doch nur im verarbeitenden Gewerbe ermitteln und nur bei absolut identischen Produkten vergleichen. In einem Auto von Mercedes stecken vielleicht 5000 Euro Lohnstückkosten, in einer Waschmaschine von Miele 400 Euro, in einer Waschmaschine von Bosch 200 Euro. Soll Bosch jetzt doppelt so hohe LNK zahlen wie Miele und 25 mal so viel wie Mercedes? Versteh ich nicht.
Frau Heimann, auch ich bitte um Aufklärung.
mfg kzeu

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Bernhard Fischer 21.12.2005, 09:18
1929. Arbeitsmarktstrategien

Zitat von MarkH
............ Ich bin der komplette Volltrottel ... unterm Strich habe ich abzüglich Miete sicherlich sehr viel weniger als Hartz4 .. aber soll ich erst Alles über Ebay abverkaufen,bevor ich in den Genuss dieser komfortablen Fürsorge komme ? Das meine Herrschaften ist die Realitaet
Volltrottel sind Sie ganz sicher nicht, eher die Gesetzesgestalter...Und es ergeht vielen derzeit so wie Ihnen, verschwiegen und zugeredet mit BIPBAPGedudel.

Widerstand gegen Verlängerung der 58er-Regel im Bundesrat
„…Zudem kollidiere die 58er-Maßnahme mit der Neuregelung des Arbeitslosengeldes, das ab Februar 2006 höchstens noch 18 Monate lang gezahlt werde. Außerdem werde ab Januar das Renteneintrittsalter von Monat zu Monat angehoben. "Durch diese beiden Maßnahmen entsteht für Menschen, die sich auf dieses falsche Gleis locken lassen, eine zunehmend größere Lücke", kritisierte Laumann. Viele Arbeitnehmer würden deshalb schließlich zu ALG-II-Empfängern werden. Laumann: "Das ist aus politischen, fachlichen und menschlichen Gründen nicht akzeptabel." Statt dessen erwarte er von der Bundesregierung einen Paradigmenwechsel, "um die Beschäftigungschancen gerade auch für ältere Arbeitnehmer zu erhöhen". ….

Humanitätsblüten in der Weihnachtszeit. Das hohe „C“ im sentimentalen Mitmenschenrausch. Aber nach dem Böllerkrachen fängt die Normalität wieder an!
http://www.welt.de/data/2005/12/19/820036.html

„…..Pannensoftware der BA verursacht Riesen-Schaden. Die fehlerhafte Software der Bundesagentur für Arbeit (BA) für das Arbeitslosengeld II hat nach Angaben der Behörde bisher einen Schaden von 28 Mill. Euro verursacht. …..“
http://www.handelsblatt.com/pshb/fn/...t/0/index.html

„Die Bundesagentur für Arbeit (BA) will auch bei den Hilfen für behinderte Menschen sparen. Nach dem vom Kabinett genehmigten Haushaltsplan sollen die Ausgaben "zur Förderung der Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben" insgesamt um 177 Mio. Euro auf 2,523 Mrd. Euro sinken… So sinken die Ausgaben bei der beruflichen Weiterbildung um 400 Mio. Euro, weil mit rund 30.000 Teilnehmern weniger gerechnet wird. …“
http://www.ftd.de/pw/de/35661.html

Darf ich noch auf unsere Homepage hinweisen, auf der unsere bahnbrechenden Erneuerungen des Arbeitsmarktes einer breiten Bevölkerung zur Diskussion vorgestellt werden. Sachliche Kritik und Zuarbeit ist immer erwünscht:
http://www.grundeinkommen.info/
http://www.attac.de/index.php

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