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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Schmieriges Geschäft

Die Deutschen haben den Indern geholfen, Geschäfte mit Iran zu machen. Ein kleines Lehrstück über die Wirklichkeit von Milliarden und Moral jenseits der Uno-Resolutionen.

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weltoffener_realist 07.04.2011, 15:21
1. Schwarze Listen

Zitat von sysop
Die Deutschen haben den Indern geholfen, Geschäfte mit Iran zu machen. Ein kleines Lehrstück über die Wirklichkeit von Milliarden und Moral jenseits der Uno-Resolutionen.
Prima. Schwarze Listen der USA ersetzen neuerdings also völkerrechtlich verbindliche Sanktionen. Mein Stand aufgrund der Berichterstattung im Spiegel war bisher, dass die EIB nicht von den Sanktionen erfasst ist. Es wäre also an der Zeit, dieses a) entweder zu ändern, oder b) weitere Zahlungsabwicklungen über dieses Institut als rechtlich zulässig hinzunehmen.

Die Zeiten, in denen die USA die Welt mit schwarzen Listen dirigieren, sollten nach der Ära Bush allmählich vorübergehen. Falls wir ab morgen nur noch moralisch einwandfreie Geschäfte setzen wollen, sollten wir uns übrigens schon auf die unvermeidlichen autofreien Wochenenden oder gar Wochen einstellen.

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albert schulz 07.04.2011, 16:03
2. erstaunlich

Vor längerem hatte ich bereits gelesen, daß der Iran ganz gewaltige Problem mit der Einfuhr ziviler Güter (größter Importuer ist Deutschlands) hat. So kann er seine Raffinerien nicht ausbauen oder reparieren, sondern muß Benzin in erheblichem Maße importieren.
In der Wikipedia fand sich früher ein detailierter Artihel über das Embargo, und der ist wie von Zauberhand verschwunden, wie so manches andere auch. Der Rest ist ein Satz:

"Aufgrund unzureichender Raffineriekapazitäten muss das Land ca. 170.000 Barrel Benzin pro Tag (zu Weltmarktpreisen) importieren, was den Staat im Jahre 2006 mehr als 4 Milliarden US-Dollar gekostet hat."
Das Bruttosozialprodukt ist übrigens verdammt niedrig, weil keine Maschinen importiert werden können, das Land ist verarmt, und zwar nicht unabsichtlich.

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mc6206 07.04.2011, 16:54
3. Ausnahmsweise ein

Zitat von sysop
Die Deutschen haben den Indern geholfen, Geschäfte mit Iran zu machen. Ein kleines Lehrstück über die Wirklichkeit von Milliarden und Moral jenseits der Uno-Resolutionen.
guter Artikel. Aber dieser Vorfall paßt sich gut ein in die neue Beliebigkeit deutscher Politik.

Schlimm.

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hikari36 07.04.2011, 17:24
4. Ganz ehrlich?

Die Aussage, "Man darf nicht so tun, als ob man sich mit dem Amnesty-Jahresbericht unterm Arm die Gesprächspartner aussuchen könnte.", ist schon okay. Mittlerweile bin ich auch eher an einem günstigen Ölpreis als am Weltfrieden interessiert.

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dr.épernay-boiler 07.04.2011, 17:32
5.

...ist dem moralisch-ethisch orientierten Überlegen. Seine Triebe zum Handeln sind stärker, pochen und reißen die meisten Menschen mehr mit.

Ob diese Lehre neu ist... - natürlich nicht. Bereits die Altgriechen meißelten dies in Stein. Aber ein hübsches Beispiel über die nichtöffentlichen Wege und Betätigungen heutzutage - die bekannten und berichteten Ereignisse dürften nur ein kleine Spitze des Eisberges, ..äh.., des Vulkanes darstellen.

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matthias_b. 07.04.2011, 17:42
6. Moment mal...

...waren es nicht die "im Zweifel Linken", die damals Ende der 70er die Iranische Revolution so bejubelt haben? (Und die danach als erste am Baukran hingen?)
Und jetzt auf einmal ist Iran nix mehr gut?
Mein Weltbild ist zerstört.

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dr.épernay-boiler 07.04.2011, 18:14
7. Der gierige Mensch...

...ist dem moralisch-ethisch orientierten Überlegen. Seine Triebe zum Handeln sind stärker, pochen und reißen die meisten Menschen mehr mit.

Ob diese Lehre neu ist... - natürlich nicht. Bereits die Altgriechen meißelten dies in Stein. Aber ein hübsches Beispiel über die nichtöffentlichen Wege und Betätigungen heutzutage - die bekannten und berichteten Ereignisse dürften nur ein kleine Spitze des Eisberges, ..äh.., des Vulkanes darstellen.

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spon-tan100 07.04.2011, 18:17
8. Nichts Neues

Selbst die abenteuerlichsten, spannendsten und nahezu undenkbarsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben eigentlich keine neuen Erkenntnisse über den homo sapiens erbracht: "Erst kommt das Fressen..". Allenfalls varirieren die Erklärungen für die individuelle und kollektive Anfälligkeit des Menschen. Die "normative Kraft des Faktischen" ist dabei der "Realpolitik" gewichen; - letztere findet forisch ihren Ausdruck in der sich häufig findenden Frage: "Ja, wo leben Sie denn"?
Real ist m.E. allenfalls das Geschehen als solches. Es "schmierig" nennen zu können und öffentlich zu machen, ist das Mindeste, was wir gegen unsere monetär determinierte Vorrohung tun können. Es gibt Vieles, was an den Pranger gehörte, aber Kachelmann und andere Aufreger sind ja wichtiger; - insbesondere im Land der Gaffer und Raffer.
Seitdem die Finanzwirtschaft in zahlreichen Volkswirtschaften dominiert, gilt das römische "non olet" als Entschuldigung für die Verdrängung des Anstands durch die Gier. Dabei wird der Umstand, dass Geld virtuell Geld verdient als Leistngsträgerschaft bezeichnet. Angesichts dessen müsste jeder Mittelständler vor Wut platzen, denn er betreibt keine Bank mit einem Betrieb hinten dran.
Ich fürchte, wir müssen das obige Zitat erweitern: Erst kommt das Fressen, dann die Gier, dann will ich alles und dann -vielleicht- helfe ich Dir, aber eher wohl nicht. Das könnte nach Schwäche riechen, und dagegen hilft mein Deodorant nicht.

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ironomy 07.04.2011, 19:02
9. Was ist uns freier Journalismus wert?

War den miesen neoliberalen Schwarz-Gelben der Vorwand gerade Recht, um die Geschäfte mit dem Iran aufrecht erhalten zu können? Sind die Journalisten selber Schuld, wenn sie sich in Gefahr – ohne Journalistenvisum in den Iran zum Recherchieren – begeben? Diese Logik ist extrem zynisch und heuchlerisch. Zwar setzen Lösegeldzahlungen (bzw Gefälligkeiten) für die Zukunft schlechte Anreize sowohl für potentiell zukünftig zu Befreiende (man reist gedankenloser in gefährliche Länder) als auch die potentiellen künftigen Empfänger (man nimmt Westler gerne mal fest oder entführt sie…). Und ja, wer sich trotz Reisewarnung des auswärtigen Dienstes fahrlässig in die Gefahr begibt, kann vll. auf Solidarität hoffen, aber hat keinesfalls einen automatischen Hilfsanspruch aus Gerechtigkeitserwägungen heraus. Für solche Fälle könnte man meines Erachtens durchaus überlegen, dass die deutsche Regierung sich verbindlich festlegt, keine Lösegelder/Gefälligkeiten zur Freilassung zur Verfügung zu stellen… dies hätte die wünschenswerten Anreizwirkungen und würde den Beruf des „professionellen Lösegelderpressers“ im arabischen Raum wieder unattraktiver machen!

Aber in diesem speziellen Fall geht es nicht um Reiselustige. Es geht um Journalisten, die aus einem Land berichten, über dessen Innenleben es nur wenig unabhängige und zuverlässige Information gibt. Genau wie der Staat dort zurecht Geheimagenten hinschickt, um Informationen zu erlangen, sollte die Öffentlichkeit sehr dankbar sein, wenn Medienkonzerne das Risiko (und die finanzielle Last – für die BAMS dürfte sich investigativer Journalismus im Iran schwerlich betriebswirtschaftlich rechnen) auf sich nehmen in diesen Ländern zu recherchieren – auch ohne Journalistenvisum. Denn mit Journalistenvisum wäre schwerlich mehr recherchierbar gewesen, als es die iranische Administration gerade noch für förderlich bzgl. der Außendarstellung hält (man betrachte das Beispiel Nordkoreas, wo einreisende Journalisten 24 Stunden pro Tag von einem Vertreter des Propagandaministeriums geführt überwacht werden, damit sie ja nicht hinter die potemkinschen Flecken Pjöngjangs hinaus blicken können).

Daher brauchen wir auch investigativen Undercover-Journalismus. Schließlich sagen wir auch nicht einem Journalisten, der bspw. einen politischen Spendenskandal aufgedeckt hat und der deswegen bedroht wird, er könne keine Hilfe der Gemeinschaft verlangen, denn er sei das Risiko ja freiwillig eingegangen, hätte ja vorher bei den betroffenen Personen um die Erlaubnis zur Publikmachung bitten können…

So wie Jakob Augstein kann nur ein Journalist argumentieren, der selber stets gemütlich aus dem geheizten Büro meint Weltverschwörungen zu entdecken. Wer sich als Journalist im Interesse aller freien oder nach Freiheit strebenden Völker in Gefahr bringt, der hat im GAU-Fall auch unser aller Solidarität verdient. Die Sanktionierung des Iran ist wichtig, aber sie darf nicht auf Kosten der freien Presseberichterstattung gehen!



( leicht gekürzter Auszug von ironomy.wordpress.com )


Viele Grüße

ironomy

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